Science Based Targets Initiative (SBTi)

  • Search11.04.2023

Ihre Klimapapiere, bitte!

Fakten statt Greenwashing: Die Science Based Targets Initiative (SBTi) kontrolliert, wie ernsthaft ein Unternehmen an seinem CO2-Fußabdruck arbeitet. Wie SBTi dabei vorgeht und wer dahintersteht.

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    Earth Hour des WWF: Die Naturschutzorganisation setzt alljährlich ein Zeichen für mehr Nachhaltigkeit. Sie ist auch eine der Gründerinnen der SBTi.

    Licht aus am Brandenburger Tor: Mit der „Earth Hour“ setzt der WWF alljährlich ein Zeichen für den Naturschutz. Die Organisation ist daneben auch eine der Gründerinnen der Science Based Targets Initiative.

     

    Von Heimo Fischer

    Konzerne in aller Welt geben ehrgeizige Klimaziele aus. Sie versprechen ihren Kunden und Investoren, dass sie ihren Treibhausgasausstoß senken und so für eine nachhaltige Zukunft sorgen. Aber wer sagt, dass sie auch tun, was sie behaupten? Auf welchem Weg lässt sich kontrollieren, ob sie ihr Anliegen ernst meinen?

    Ein Instrument dazu liefert seit 2015 die Science Based Targets Initiative (SBTi) mit dem von ihr verliehenen Gütesiegel. Es ist der weltweit erste unabhängige Prüfstandard für die Klimaschutzbemühungen von börsennotierten Unternehmen und soll helfen, die im Pariser Abkommen ausgehandelten Ziele umzusetzen. Gegründet wurde die Initiative von vier internationalen Organisationen: dem Carbon Disclosure Project (CDP), dem Unternehmerpakt der Vereinten Nationen (UNGC), dem World Resources Institute (WRI) und der Naturschutzorganisation WWF.

    Wissenschaftliche Fakten statt Greenwashing: Das ist die Idee hinter der SBTi

    Mittlerweile begleitet die SBTi Tausende Unternehmen, die ihren Treibhausgasausstoß senken wollen. Dabei geht sie nach strengen Kriterien vor. Die Ziele müssen im Einklang mit dem aktuellen Stand der Klimawissenschaft und dem Pariser Abkommen stehen. Seriosität anstelle bloßer Behauptungen oder Greenwashing – so lässt sich der Gründungsgedanke zusammenfassen.

    Die Organisation hinter der Science Based Targets Initiative

    Carbon Disclosure Project (CDP)

    Das im Jahr 2000 gegründete Carbon Disclosure Project (CDP) ist eine Non-Profit-Organisation mit dem Ziel, Unternehmen zur Veröffentlichung ihrer Umweltdaten etwa zum Ausstoß von Treibhausgasen zu bringen. Daraus ist die inzwischen größte Datenbank ihrer Art hervorgegangen. Einmal im Jahr verschickt das CDP dazu standardisierte Fragebögen.

    Globaler Pakt der Vereinten Nationen

    Ebenfalls seit 2000 existiert der meist englisch als United Nations Global Compact bekannte Unternehmerpakt der Vereinten Nationen. Die teilnehmenden Unternehmen bekennen sich dabei gegenüber der UNO zur Einhaltung von Mindeststandards etwa in Bezug auf Menschenrechte, Umweltschutz und Korruptionsvermeidung. Ziel ist es, die Globalisierung sozialer und ökologischer zu gestalten.

    World Resources Institute (WRI)

    Das World Resources Institute (WRI) ist eine 1982 gegründete Non-Profit-Organisation mit Sitz in Washington. Sie verfolgt das Ziel, die Umwelt zu schützen und eine nachhaltige Entwicklung zu fördern. Sie ist zudem Mitherausgeberin des Greenhouse Gas Protocols, der international wohl am weitesten verbreiteten Methode zur Erfassung der Treibhausgasbilanz.

    World Wide Fund For Nature (WWF)

    Der WWF ist eine der größten und bekanntesten Naturschutzorganisationen der Welt. Mehr als fünf Millionen Menschen in mehr als 80 Ländern unterstützen die Organisation. Das Logo, der Große Panda, kennzeichnet unzählige Projekte und Produkte, die in Zusammenhang mit den Zielen des WWF stehen, insbesondere mit dem Schutz der natürlichen Vielfalt von Tieren und Pflanzen.

    Die SBTi stellt strenge Forderungen an die Konzerne. „Ziel ist es, Unternehmen in der ganzen Welt zu bewegen, ihre Emissionen vor 2030 zu halbieren und vor 2050 eine Netto-Null-Emission zu erreichen“, sagt ein Sprecher der Initiative. Der Netto-Null-Standard der SBTi sieht vor, die Treibhausgasemissionen um mindestens 90 Prozent zu senken und die dann noch verbleibenden zehn Prozent dauerhaft zu neutralisieren. Damit unterscheidet sich das Verfahren stark von denen anderer Anbieter, die oft eine viel umfassendere Kompensation zulassen – zum Beispiel durch den Kauf von CO2-Zertifikaten oder die Finanzierung von Regenwaldprojekten.

    Die Initiative arbeitet mit einem etablierten Tool: dem Greenhouse Gas Protocol

    Wer bei der SBTi mitmachen will, muss einen mehrstufigen Aufnahmeprozess durchlaufen, der auf der Website der Initiative beginnt. Dort können die Unternehmen Ziele zur Verminderung ihrer Emissionen festlegen. Sie dürfen dabei zwischen mehreren Ansätzen wählen. Denn jede Branche arbeitet anders. Versicherungen, Stahlhersteller oder Lebensmittelkonzerne betreiben völlig unterschiedliche Geschäftsmodelle. Eine Verminderung ihrer Emissionen muss auf unterschiedlichen Wegen erfolgen.

    Die Grundlagen für die Berechnungsmethoden der SBTi ergeben sich aus zahlreichen Standards, zum Beispiel dem Greenhouse Gas Protocol, einer Berechnungsmethode, die private Organisationen in den Neunzigerjahren entwickelt haben. Das Dokument gilt als die am weitesten verbreitete Norm zum Erstellen von Treibhausgasbilanzen. Die SBTi entwickelt ihre Methodik ständig weiter und passt sie den neuesten Erkenntnissen des Weltklimarats (IPCC) an.

    Sobald sich ein Unternehmen zur Teilnahme eingeschrieben hat, tickt die Uhr. Spätestens zwei Jahre später müssen die Ziele exakt ausgearbeitet und mit Informationen unterfüttert sein. Fachleute des SBTi werten die Angaben aus und bestätigen sie. Rund 100 Personen arbeiten derzeit um die Welt verteilt für die Initiative.

    Vor-Ort-Kontrollen gibt es nicht. Die SBTi verlangt stattdessen regelmäßig Daten

    In den Folgejahren prüfen sie, ob die angegebenen Meilensteine erreicht wurden. Allerdings nur vom Schreibtisch aus. Vor-Ort-Kontrollen finden nicht statt. Unternehmen, die ihre Ziele nicht erreichen, können das Siegel verlieren. Neben den reinen Reduktionszielen müssen sie eine effektive Managementkultur (Governance) auf Vorstandsebene sicherstellen und die Vergütung der Führungskräfte an die festgelegten Meilensteine koppeln.

    Greenwashing soll auf diese Weise möglichst ausgeschlossen werden. So haben die von der SBTi validierten Unternehmen immer wieder große Mengen an Daten vorzulegen. „Das geht weit über das hinaus, was sie sonst in ihren Berichten veröffentlichen“, sagt der Sprecher.

    Die SBTi räumt allerdings auch ein, dass eine perfekte Berechnung der Emissionen problematisch ist. Das liegt vor allem daran, dass sich die sogenannten Scope-3-Emissionen eines Unternehmens selten genau erfassen lassen. Darunter fallen Emissionen, die in der vorgelagerten Lieferkette entstehen sowie bei Kunden, die Produkte des Unternehmens nutzen. Sie machen oft den größten Teil des Treibhausgasausstoßes aus. Die SBTi sei deshalb dabei, ihre Richtlinien in Bezug auf diese Art von Emissionen kontinuierlich zu ergänzen, sagt der Sprecher. „Die Welt wird den Klimawandel nicht unter Kontrolle bekommen, wenn sie das Problem der Scope-3-Emissionen nicht angeht.“

    Treibhausgas-Bilanzierung nach dem Scope-System: Das Schaubild erklärt, wie Unternehmen ihren CO2-Ausstoß erfassen. Infografik: Benedikt Grotjahn

    Bis April 2023 haben sich rund 5000 Unternehmen bei der SBTi eingeschrieben. Knapp die Hälfte von ihnen ist schon so lange dabei, dass ihre Klimaziele bewertet und offiziell zugelassen wurden. Nach Angaben der Initiative bringt das Gütesiegel den Unternehmen nicht nur Vorteile in der Außenwirkung. Sie verkleinern auch ihren Fußabdruck besonders schnell. Im Durchschnitt sinke ihr Treibhausgasausstoß um durchschnittlich zwölf Prozent pro Jahr. Um das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Abkommens zu erreichen, wären hochgerechnet nur 7,6 Prozent notwendig.

    Unternehmen, die sich von der SBTi validieren lassen, müssen dafür bezahlen. Den Löwenanteil der Finanzierung stemmen große Konzerne, teils über ihre Stiftungen. Dazu gehören IKEA, Amazon und der Logistikkonzern UPS. Strenge Compliance-Auflagen sollen Interessenkonflikte vermeiden. Auch das Energieunternehmen Ørsted, das hinter dem Portal EnergieWinde steht, ist Teil der Science Based Targets Initiative.

    CO2-Reduktion ist keine Pflicht für Konzerne – aber es zahlt sich aus

    Obwohl Regierungen weltweit ambitionierte Klimaziele aufgestellt haben, sind Unternehmen bislang nicht verpflichtet, ihren Treibhausgasausstoß zu senken. Dennoch haben die meisten Chefetagen Schritte eingeleitet, um ihre Emissionen zu mindern. Allein schon aus wirtschaftlicher Vernunft. Denn Kunden und Banken legen zunehmend Wert darauf, dass Lieferanten und Kreditnehmer ein nachhaltiges Geschäftsmodell vorweisen können. Unternehmen, die von fossilen Energien abhängen, gelten nur noch selten als zukunftsfähig.

    SBTi bietet nicht den einzigen Standard, nach dem Unternehmen ihren Weg in die Klimaneutralität bewerten lassen können. „Es gibt sehr viele unterschiedliche Verfahren“, sagt Florian Himmelreich. Der Experte arbeitet bei dem renommierten Berliner Umweltgutachter GUTcert und prüft die Klimabilanzen von Unternehmen. Immer wieder sieht er bei seiner Arbeit, wie aufwendig es für Firmen ist, ein geeignetes Verfahren zu finden, die Daten aufzubereiten und die nötigen Schritte einzuleiten. Gerade bei kleineren Unternehmen sie das ohne Beratung gar nicht möglich. Rechtlich verbindlich sei bislang kein Verfahren. Die SBTi habe es als Vorreiter jedoch geschafft, den ersten weltweit anerkannten Standard zu schaffen.

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