• Search20.06.2022

Klimaziele im Gebäudesektor

„Sanierung geht vor Neubau“

Der Gebäudesektor hat ein Klimaproblem, das auch mit noch so effizienten Neubauten nicht zu lösen ist. Der wirkliche Hebel liegt im Bestand, sagt Alexander Rudolphi, Experte für nachhaltiges Bauen.

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    Dachdecker inspizieren einen Altbau: Schon mit vergleichsweise geringem Aufwand lässt sich die Klimabilanz stark verbessern.

    Dachdecker inspizieren einen Altbau: Schon mit vergleichsweise geringem Aufwand lässt sich die Klimabilanz stark verbessern.

     

    Alexander Rudolphi ist Mitgründer, Präsidiumsmitglied und Ex-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). Er beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit ökologischen Bauverfahren und der Sanierung des Gebäudebestands. Anfangs habe man ihn deshalb einen „Ökospinner“ genannt. Seit dem Pariser Klimagipfel von 2015 werde das Thema in den Medien jedoch intensiver diskutiert. Die breite Masse habe es allerdings erst durch den russischen Überfall auf die Ukraine erreicht: Plötzlich interessiere sich jeder dafür, wie viel Energie seine Wohnung verbraucht – und wie sich der Verbrauch drosseln lässt.

    Herr Rudolphi, der Gebäudesektor war 2021 neben dem Verkehr der einzige, der die vorgegebenen Klimaziele verfehlt hat. Und das, obwohl Neubauten immer weniger CO2 verursachen. Woran liegt das?
    Alexander Rudolphi: Das hat eine ganze Reihe von Ursachen. Die vielleicht wichtigste: Auf Neubauten kommt es im Klimaschutz gar nicht so sehr an. Ein nach heutigen Standards gebautes Haus verbraucht vielleicht 50 oder 60 Kilowattstunden Energie pro Quadratmeter und Jahr. Der Unterschied zu einem Nullenergiehaus ist also nicht wirklich groß. Der eigentliche Hebel liegt im Gebäudebestand – in den ca. zehn Millionen Wohnungen in Vorkriegsbauten, aber vor allem auch in den etwa 17 Millionen schlecht oder gar nicht gedämmten Wohnungen der Fünfziger- bis Siebzigerjahre – also vor der ersten Wärmeschutzverordnung. Da müssen wir ran, wenn wir etwas für das Klima tun wollen. Ein weiterer Grund liegt im sogenannten Rebound-Effekt: Dämmtechnisch haben sich die Neubauten in den letzten 20 Jahren um ca. 18 Prozent bezogen auf den Quadratmeter verbessert. In der gleichen Zeit ist die durchschnittliche Wohnfläche pro Kopf um ca. 18 Prozent auf fast 50 Quadratmeter gestiegen. Aus diesem Grund sind Anforderungen der Suffizienz wie flächensparendes Bauen heute so wichtig.

    Alexander Rudolphi von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DNGB) zeichnet den Hauptsitz der Bremer Sparkasse mit einem Gütesiegel aus.

    80 Prozent der Gebäude sind in schlechtem oder sehr schlechtem Zustand, sagt Alexander Rudolphi (rechts). Das Bild zeigt ihn Mitte Juni bei der Verleihung eines Nachhaltigkeitssiegels für den Hauptsitz der Bremer Sparkasse.

    Die öffentliche Debatte dreht sich allerdings meist nur um die Effizienzstandards von Neubauten.
    Rudolphi: Es schadet ja auch nicht, wenn die Neubauten noch besser werden. Aber das Klima retten wir damit nicht. Pro Jahr werden ein bis anderthalb Prozent aller Gebäude erneuert. Wenn wir versuchen, den Gebäudesektor auf diesem Weg klimaneutral zu bekommen, dann dauert das mindestens 60 Jahre. So viel Zeit haben wir nicht, wenn wir die Erderwärmung halbwegs im Zaum halten wollen – das wissen wir dank der Berechnungen des Weltklimarats IPCC und des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung sehr genau.

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    Mit jedem dieser Häuser, das Sie sanieren, vermeiden Sie gut doppelt so viele Emissionen wie mit einem Neubau, der anstelle des derzeitigen Standards klimaneutral errichtet wird

    Alexander Rudolphi

    Was schlagen Sie vor?
    Rudolphi: Wir müssen in die Sanierung! 40 Prozent unserer Wohngebäude sind mit Blick auf das Klima in einem sehr schlechten Zustand, weitere 40 Prozent in einem schlechten. In Deutschland stehen Millionen Häuser herum, die 300 oder 350 Kilowattstunden pro Quadratmeter im Jahr verbrauchen. Wenn Sie anfangen, bei diesen Häusern nur die Basics zu machen – neue Fenster, eine neue Heizungsanlage, das Dach dämmen – dann sparen Sie pro Haus locker 150 Kilowattstunden ein, mitsamt den entsprechenden CO2-Emissionen. Mit jedem dieser Häuser, das Sie sanieren, vermeiden Sie gut doppelt so viele Emissionen wie mit einem Neubau, der anstelle des derzeitigen Standards klimaneutral errichtet wird. Sanierung geht vor Neubau!

    Für Energieberater dürfte es in den kommenden Jahren folglich viel zu tun geben.
    Rudolphi: Viel zu viel! Ein Kollege von mir hat neulich gesagt, wenn wir den gesamten Bestand entsprechend den Klimaschutzzielen durchsanieren wollten, müsste jeder Bauingenieur pro Jahr 40 Projekte durchziehen. Das ist natürlich überhaupt nicht zu schaffen.

    Sie haben wenig Hoffnung, dass der Gebäudesektor rechtzeitig klimaneutral wird?
    Rudolphi: Ich bin ausgesprochen skeptisch. Was natürlich nicht heißt, dass wir nicht alles daran setzen sollten. Jedes vermiedene Zehntelgrad Erderwärmung hilft. Aber es geht ja auch nicht nur um die wärmetechnische Gebäudesanierung. Einen wichtigen Beitrag wird auch die Bereitstellung regenerativer Energie aus der Fotovoltaik auf Hausdächern leisten – Dachflächen gibt es jedenfalls genug.

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    Warum nicht leerstehende Bürokomplexe zu Apartments umgestalten? Auch Aufstockungen könnten eine Lösung sein: einfach ein Geschoss in leichter Holzbauweise draufsetzen

    Alexander Rudolphi

    Die Ampelregierung setzt weniger auf Sanierungen als vielmehr auf ein massives Neubauprogramm mit 400.000 Wohnungen. So will sie die steigenden Mieten in den Griff bekommen. Was halten Sie davon?
    Rudolphi: Das Ziel ist verständlich, aber der Weg ist aus meiner Sicht falsch. Da kommt ein unglaublicher Ressourcenverbrauch auf uns zu. Es wäre besser gewesen, von vornherein auch den Gebäudebestand in diese 400.000 Wohnungen einzubeziehen. Das müssen doch nicht alles neue Häuser sein! Warum nicht leerstehende Bürokomplexe oder Kaufhäuser zu Apartments umgestalten? Auch Aufstockungen von Wohnblocks könnten eine Lösung sein: einfach ein zusätzliches Geschoss in leichter und nachhaltiger Holzbauweise draufsetzen.

    Warum passiert so etwas nicht?
    Rudolphi: Unter anderem, weil es so viele bürokratische Hindernisse gibt. Ein Haus mit einem zusätzlichen Stockwerk überschreitet schnell die Hochhausgrenze, und da gelten ganz andere Brandschutzanforderungen. Manchmal führen bauliche Veränderungen auch dazu, dass die Maßnahmen den baurechtlich vorgeschriebenen technischen Neubaustandards beim Brandschutz oder beim Schallschutz unterliegen. Die sind in dem jeweiligen Haus aber womöglich überhaupt nicht zu erfüllen. Das regulatorische System muss dringend entschlackt werden, genauso wie die Förderrichtlinien.

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    Wer nachweisen kann, dass er Treibhausgase vermeidet, sollte dafür belohnt werden – von der ersten Tonne an und unabhängig davon, auf welchem Weg er das erreicht hat

    Alexander Rudolphi

    Wo würden Sie ansetzen?
    Rudolphi: Ich würde mir ein Förderregime wünschen, das jede eingesparte Tonne CO2 belohnt. Wer über einen qualifizierten Energieberater nachweisen kann, dass er durch eine bauliche Maßnahme Treibhausgase vermeidet, sollte dafür belohnt werden – von der ersten Tonne an und unabhängig davon, auf welchem Weg er das erreicht hat. Richtig ist, was hilft, sagen Ärzte. Bislang schrecken viele Leute davor zurück, etwas an ihren Häusern zu verändern, weil sie den Aufwand einer Komplettsanierung scheuen. Gerade beim Bestand ist die Schwelle zur Förderfähigkeit sehr hoch. Aber wenn es sich vom ersten kleinen Schritt an auszahlt, dann werden sich ganz bestimmt mehr Menschen in Bewegung setzen.

    Die Fragen stellte Volker Kühn.

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