Dekarbonisierung der Wirtschaft

  • Search11.02.2022

Von der Energiewende zur Industriewende

Mehr Ökostrom, mehr grüner Wasserstoff und mehr Tempo bei den Genehmigungen – das ist es, was die Industrie von der Ampelregierung fordert. Was der Weg in die CO2-freie Welt für Schlüsselbranchen bedeutet, zeigt ein Blick in die Zement- und die Aluminiumproduktion.

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    Trimet ist der größte deutsche Aluminiumhersteller und einer der größten Stromverbraucher Europas: Was der Abschied von fossilen Energien für den Konzern bedeutet.

    Werksgelände von Trimet in Hamburg: Der Aluminiumhersteller verbraucht gut ein Prozent des gesamten deutschen Stroms.

     

    Von Volker Kühn

    Der Wirtschaftsminister nennt die Aufgabe „gigantisch“, der Kanzler spricht von der „größten Transformation seit mindestens 100 Jahren“, der Finanzminister von der „Mission, Deutschland zukunftsfest zu machen“: Wenn es um den Weg in die Klimaneutralität geht, wählt die Ampelregierung große Worte. Stets fallen sie in optimistischem Ton: Wir schaffen das, ist die Botschaft.

    Auch die Industrie hat sich Klimaneutralität längst auf die Fahnen geschrieben, auch sie findet große Worte, doch an ihr „Wir schaffen das“ schließt sich meist noch ein Halbsatz an: Wir schaffen das, wenn du, lieber Gesetzgeber, den Rahmen richtig setzt, lautet die Botschaft der Industrie.

    Tatsächlich ist die Dekarbonisierung, also der Abschied von fossilen Rohstoffen, für Branchen wie die Chemie-, Stahl- oder Zementherstellung eine existenzielle Frage. Einen Einblick in die Seelenlage eines hochrangigen Industriemanagers gab jetzt Heribert Hauck, Leiter des Bereichs Energiewirtschaft beim Aluminiumproduzenten Trimet. Der Konzern betreibt drei der vier Aluminiumhütten in Deutschland und ist europaweit einer der größten Hersteller. Trimet allein verbraucht schätzungsweise ein Prozent des deutschen Stroms. Die Verfügbarkeit ausreichender Mengen grüner Energie zu wettbewerbsfähigen Preisen ist aus Sicht von Hauck deshalb entscheidend für die Zukunft. „Das ist der Enabler, wenn es funktioniert, und der Show Stopper, wenn es nicht funktioniert“, sagte Hauck auf einer Diskussionsveranstaltung, zu der der Bund der Industrie (BDI) Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Unternehmen eingeladen hatte.

    Die Industrie setzt auf Ökostrom – und grünen Wasserstoff in Gaskraftwerken

    „Wir sind im internationalen Wettbewerb mit unserem Produktpreis. Der erlaubt uns nur einen bestimmten Kostenanteil für Strom. Wenn wir den nicht einhalten und wenn wir den CO2-Footprint des Stroms nicht schnellstmöglich runterbekommen, haben wir ein existenzielles Wettbewerbsproblem“, erklärte Hauck. Deshalb müsse der Ökostromausbau mit Nachdruck vorangetrieben werden. Außerdem brauche die Industrie zusätzliche Gaskraftwerke, um Lücken in der Erzeugung erneuerbarer Energien auszugleichen. Diese Kraftwerke müssten „H2-ready“ sein, also mit grünem Wasserstoff betrieben werden, sobald davon genügend vorhanden sei.

    Mehr Ökostrom, mehr Wasserstoff und mehr Tempo beim Ausbau – das ist es, was Industrievertreter in Deutschland in diesen Tagen bei jeder sich bietenden Gelegenheit fordern. Ein wesentliches Hindernis dabei sind die stockenden Genehmigungsverfahren, sei es für Windräder oder Stromtrassen. Zwar hat die Ampel im Koalitionsvertrag beschlossen, die Verfahrensdauer mindestens zu halbieren. Doch aus Sicht des BDI ist das noch zu wenig. Man müsse die Dauer um mindestens 75 Prozent reduzieren, um notwendige Investitionen sicherzustellen, heißt es in einem Sieben-Punkte-Plan, aus dem das ARD-Hauptstadtstudio zitiert.

    Heidelbergcement verzichtet auf Zuschüsse: Es würde zu lang dauern

    Es ist allerdings nicht nur der Ausbau der Erneuerbaren, der sich verzögert. Auch in anderen Bereichen bremsen aus Sicht der Industrie umständliche Verfahrenswege die Dekarbonisierung aus. Ein Beispiel dafür lieferte Christian Knell, Sprecher der Geschäftsführung von HeidelbergCement, in der Diskussionsveranstaltung des BDI. Wie Trimet arbeitet auch sein Konzern am Aufbau einer CO2-freien Produktion und testet dazu verschiedene Verfahrensweisen, für die zum Teil staatliche Zuschüsse beantragt werden könnten. Nach EU-Richtlinien könnten die Arbeiten an entsprechenden Projekten beginnen, sobald der Förderantrag eingereicht sei, sagte Knell. In Deutschland dagegen müsse man warten, bis der Förderbescheid durch alle nationalen und internationalen Gremien gegangen sei. „Das ist ein bisschen Taler, Taler, du musst wandern, von der einen Referatsabteilung zur anderen“, sagte Knell. Das müsse sich ändern. „Perfection is the enemy of the good“, das habe man in der Pandemie gelernt. In einem Projekt in Baden-Württemberg werde man vermutlich auf Fördersummen in mittlerer zweistelliger Millionenhöhe verzichten, um rechtzeitig loslegen zu können.

    860 Milliarden Euro

    betragen laut der Studie „Klimapfade 2.0“ die Mehrinvestitionen, die bis 2030 über alle Sektoren hinweg nötig sind, um die Klimaziele zu erreichen

    Anlass der Diskussionsveranstaltung des BDI war die im Oktober erschienene Studie „Klimapfade 2.0“, die das Beratungsunternehmen Boston Consulting Group für den BDI erstellt hatte. Darin werden für alle Sektoren detailliert Wege beschrieben, auf denen sich die Klimaziele erreichen lassen. Insgesamt veranschlagt die Studie die dazu nötigen Mehrinvestitionen auf 860 Milliarden Euro bis 2030, etwa 100 Milliarden Euro pro Jahr. Der Anteil des Industriesektors nimmt sich mit 50 Milliarden Euro bis 2030 zwar überraschend klein aus. Allerdings sind die Mehrkosten etwa in Form steigender CO2- oder Energiepreise hier mit Abstand die höchsten. Die Investitionen beispielsweise in neue Anlagentechnologie fallen vergleichsweise niedriger aus.

    So oder so, die Summe ist gewaltig. Allerdings betrachten die Studienautoren sie weniger als Belastung, denn „als riesige Chance, durch die Modernisierung der Volkswirtschaft, die Reduzierung der Energieimportabhängigkeit sowie die Erschließung neuer Märkte die Grundlage für unseren zukünftigen Wohlstand zu schaffen“. BDI-Präsident Siegfried Russwurm erklärte, die Klimaziele seien zwar überaus ehrgeizig, aber im Prinzip machbar. Die Industrie sperre sich nicht dagegen. „Wir haben die politische Vorgabe akzeptiert“, sagte Russwurm.

    Der Weg zur Dekarbonisierung: Förderung, Ordnungsrecht, Marktwirtschaft

    Neben der Studie von BDI und Boston Consulting ist im vergangenen Jahr eine Reihe weiterer erschienen, die sich ebenfalls mit dem Weg in die Klimaneutralität beschäftigen, etwa von der Dena, Agora Energiewende und dem Ariadne-Projekt. Im Grundsatz kommen sie zu sehr ähnlichen Ergebnissen. Um das Ziel zu erreichen, sei ein Mix aus ordnungsrechtlichen Vorgaben, staatlicher Förderung und marktwirtschaftlichen Anreizen nötig. Die Grundlage sehen alle im schnellen Ausbau grüner Energie. Unterschiede zwischen den Studien bestehen etwa in der Einschätzung, wie viel dieser Energie auf Ökostrom (grüne Elektronen) und Wasserstoff (grüne Moleküle) entfallen sollte. Die Klimawissenschaftlerin Brigitte Knopf vom Mercator Research Institute (MCC), selbst am Ariadne-Projekt beteiligt, betonte in der Veranstaltung zudem die Bedeutung negativer Emissionen in Form einer CO2-Entnahme wie Carbon Capture and Storage (CCS). Auch wenn es dabei nur um Restemissionen gehe, die sich nicht vermeiden lassen, müssten die Voraussetzungen dafür jetzt schon geschaffen werden.

    Auf die Industrie und die neue Bundesregierung komme ein enormer Kraftakt zu, betonte Henri Humpert, Projektleiter Klima & Energie bei Boston Consulting. Allerdings habe Deutschland in der Vergangenheit schon ähnliches geschafft. Der nach dem Zweiten Weltkrieg aufgelegte Marshall-Plan und das Programm „Aufschwung Ost“ nach der Wiedervereinigung seien deutlich größer gewesen.

    Am Ende der Diskussionsveranstaltung war es dann ein Politiker, der noch einmal große Worte fand. Man sehe, dass die Industrie sich längst auf den Weg in die CO2-freie Welt gemacht hat, sagte Bernd Westphal, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion. „Ich bin fest davon überzeugt, dass wir international ein Beispiel für ein Industrieland sind, dass aus den fossilen Energien aussteigt und in das Zeitalter der Klimaneutralität einsteigt.“ Die neue Bundesregierung werde diesen Weg gehen, versprach Westphal. Eine Botschaft, an der ihn die Industrie messen wird.

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