Norwegen will CO2-Endlager werden

Deponie für Treibhausgase

In Deutschland schwelt eine Debatte um die unterirdische Verklappung von CO2. Norwegen setzt die Technologie schon ein – und will künftig auch CO2 aus anderen Ländern endlagern. Ein Schritt zur Klimarettung oder ein Irrweg? Auf Spurensuche im hohen Norden.

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    Carbon Caputure and Storage (CCS): Auf der Insel Melkoya vor Hammerfest in Norwegen werden jedes Jahr 700.000 Tonnen CO2 in den Meeresgrund gepresst.

    Gasterminal auf der Insel Melkøya: An der Nordspitze Norwegens werden 700.000 Tonnen CO2 pro Jahr in den Meeresboden gepresst.

    Von Volker Kühn

    Norwegens Antwort auf die Klimakrise befindet sich in einem Container im Innenhof einer Osloer Müllverbrennungsanlage. Den Schlüssel dazu hält Jannicke Gerner Bjerkås in der Hand. Sie steckt ihn ins Schloss, öffnet die Tür und bittet hinein. Drinnen verströmen brummende Maschinen im Wandschrankformat die Wärme eines überheizten Wohnzimmers, dazwischen verläuft ein Gewirr aus Rohren. „Willkommen in unserem CO2-Staubsauger“, sagt sie.

    Bjerkås ist die Chefin eines ebenso ambitionierten wie umstrittenen Projekts im Kampf gegen die Erderhitzung. Die Maschinen im Container sind eine Pilotanlage, mit der ihr Arbeitgeber, der finnische Energiekonzern Fortum, die Abtrennung von CO2 aus Abgasen erprobt. Carbon Capture and Storage nennt sich das Verfahren, kurz CCS. Manche Klimaforscher sehen darin den einzigen Weg, um den globalen Temperaturanstieg noch auf die 1,5 Grad zu begrenzen, auf die sich die Welt 2015 in Paris verständigt hat. Andere halten die Technologie für einen gefährlichen Irrweg, der Milliarden verschlingt und der guten Sache mehr schadet als nützt.

    Abfall ist für drei Prozent der Treibhausgase verantwortlich. CCS soll das ändern

    Dass die Technologie funktioniert, hat die Pilotanlage im Müllkraftwerk zumindest schon mal bewiesen. 400.000 Tonnen Abfall werden hier jedes Jahr verfeuert. Ein wesentlicher Teil davon besteht aus Kunststoff, letztlich also aus fossilen Rohstoffen. Bei der Verbrennung werden Strom und Wärme zur Versorgung von Oslo erzeugt. Gleichzeitig werden allerdings mehr als 500.000 Tonnen CO2 frei.

    Davon jedoch lassen sich 90 Prozent mit Hilfe von CCS auffangen, sagt Bjerkås.

    Jannicke Gerner Bjerkas, Chefin des CCS-Projekts im Müllheizkraftwerk Oslo Varme in Klemetsrud, erklärt, wie die Pilotanlage von Fortum funktioniert.

    „CO2-negativ“ dank CCS: Jannicke Gerner Bjerkås in der Pilotanlage.

    Würde die Technologie weltweit in der Müllverbrennung eingesetzt, könnte sie ein gewaltiger Hebel im Kampf gegen die Klimakrise sein. Immerhin stammen in Europa fast drei Prozent der Treibhausgasemissionen aus der Abfallwirtschaft. In anderen Regionen liegt der Anteil noch höher.

    Dank CCS kann das Müllkraftwerk seine Klimabilanz aber sogar um mehr als jene 90 Prozent der aufgefangenen Emissionen verbessern – es kann „CO2-negativ“ werden, wie die Managerin es nennt. Denn rund 58 Prozent des Abfalls ist organischen Ursprungs. Er besteht aus Lebensmitteln, Textilien oder Holz. Das darin gespeicherte CO2 ist Teil des natürlichen Kreislaufs; Pflanzen haben es zuvor bei der Fotosynthese aus der Luft aufgenommen. Wie ein Staubsauger.

    „Wir vermeiden mit der Anlage also nicht nur einen Großteil des bei der Verbrennung entstehenden CO2, sondern entziehen der Atmosphäre sogar noch zusätzliches CO2“, sagt Bjerkås.

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    Wie das Müllheizkraftwerk Oslo Varme in Klemetsrud zum CO2-Staubsauger wird: Das Video erklärt die CCS-Technologie.

    Wie Oslos Müllkraftwerk zum CO2-Staubsauger wird: Erklärfilm des Betreibers Fortum. (Über das Menü im Video können englischsprachige Untertitel ein- und ausgeschaltet werden.)

    Die Betreiber planen, die Pilotanlage im Container nun durch eine Anlage im industriellen Großmaßstab zu ersetzen. Sie könnte die Emissionen des gesamten Müllkraftwerks filtern.

    Die Zementindustrie hat ein Klimaproblem: Ihr CO2-Ausstoß ist unvermeidbar

    Es ist nicht das einzige Projekt dieser Art in Norwegen. Zwei Autostunden südlich von Oslo steht in einer Bucht des Langesundfjords die größte Zementfabrik des Landes. Hochhausgroße Silos erheben sich auf dem Gelände, es gibt sogar einen eigenen Hafen. Betrieben wird das Werk von Norcem, einer Tochter des deutschen Konzerns HeidelbergCement.

    Der CO2-Ausstoß der Fabrik ist gewaltig. Verursacht wird er zum einen durch die enorme Menge Energie, die nötig ist, um Kalksteinmehl auf weit mehr als 1000 Grad zu erhitzen, damit daraus Zement hergestellt werden kann. Zum anderen setzt das Material bei diesem Prozess selbst CO2 frei. Es sind Emissionen, die sich selbst dann nicht vermeiden lassen, wenn das Zementwerk ausschließlich mit sauberer Energie betrieben würde.

    Für jede Tonne Zement strömt so rund eine Tonne Treibhausgas in die Atmosphäre. Und das in Tausenden Zementwerken überall auf der Welt. Allein China hat im vergangenen Jahr mehr als zwei Milliarden Tonnen Zement produziert. Schätzungen zufolge ist die globale Zementindustrie für fünf bis acht Prozent des CO2-Ausstoßes verantwortlich.

    Norcem: Norwegens größtes Zementwerk gehört zum Konzern HeidelbergCement. Hier soll CO2 in der Produktion abgetrennt, verflüssigt und abtransportiert werden (CCS).

    Norwegens größtes Zementwerk: Am Langesundfjord baut HeidelbergCement die weltweit erste CCS-Anlage im industriellen Maßstab.

    CCS könnte dieses Problem zwar nicht komplett lösen, zumindest aber entschärfen. Das hat eine kleine Pilotanlage gezeigt, die ein Jahr lang in dem Werk erprobt wurde. Die Ergebnisse waren so ermutigend, dass die Betreiber im September angekündigt haben, eine CCS-Großanlage zu bauen. Sie kann jedes Jahr 400.000 Tonnen CO2 aus der Produktion abscheiden. Das ist etwa die Hälfte der gesamten Emissionen der Fabrik.

    CO2-Import statt Ölexport? Norwegen braucht ein neues Geschäftsmodell

    Norwegens Pläne gehen allerdings noch weit darüber hinaus. Das Land will mit CCS nicht nur sein Klimaproblem in den Griff bekommen, es will zugleich auch seinen Wohlstand in die Zukunft retten. Bislang verdankt es seinen Reichtum den gewaltigen Öl- und Gasfeldern in der Nordsee. Doch die Vorräte gehen zur Neige. Die Ölförderung hat sich seit ihrem Höhepunkt 2001 bereits halbiert. Deshalb treibt Norwegen die Suche nach neuen Erlösquellen voran. Und dazu haben wechselnde Regierungen seit Jahren die Speicherung von Treibhausgasen im Blick. Norwegen soll zu einem CO2-Endlager für Europa werden.

    Die Pläne klingen einerseits gewagt, andererseits geradezu logisch. Denn die Infrastruktur ist zumindest zum Teil bereits vorhanden. Durch die Pipelines, durch die heute norwegisches Erdgas nach Deutschland und in andere europäische Länder fließt, könnte in einigen Jahren CO2 aus Zement- und Stahlwerken, aus Müllkraftwerken und anderen Industrieanlagen zurück nach Norwegen fließen.

    Gasförderplattform Troll A: Blick ins Innere eines der Standbeine der norwegischen Plattform.

    Blick ins Innere einer Gasplattform: Norwegens Rohstoffvorräte in der Nordsee gehen zur Neige.

    Das CO2 würde dann dort entsorgt, wo es auch gefördert wird: in den Gasfeldern unter der Nordsee. „Wir haben genügend Speicherkapazitäten, um Europas Treibhausgase für einen sehr, sehr langen Zeitraum aufzunehmen“, erklärt Trude Sundset, Chefin des Staatsunternehmens Gassnova, das hinter den Plänen steht. „Und wir haben bewiesen, dass die Technologie sicher ist “, sagt sie bei einem Treffen mit EnergieWinde.

    Tatsächlich ist das Verfahren bereits seit Jahren im Einsatz. In der CCS-Anlage auf der Insel Melkøya vor Hammerfest werden pro Jahr 700.000 Tonnen CO2 aus dem Snøhvit-Gasfeld abgeschieden und 2600 Meter tief unter dem Meeresgrund in einer Sandsteinformation gespeichert. Im Sleipner-Feld sind nach Betreiberangaben seit 1996 schon mehr als 20 Millionen Tonnen CO2 in den Untergrund gepresst worden.

    Auch die Treibhausgase aus dem Müllkraftwerk in Oslo und dem Zementwerk sollen so gespeichert werden. Sie würden zunächst verflüssigt, dann per Tankschiff zu einer CCS-Anlage transportiert und anschließend in den Meeresboden gepumpt.

    In Deutschland ist CCS weitgehend verboten. Doch das muss nicht so bleiben

    Ähnliche Absichten gab es vor rund zehn Jahren auch in Deutschland. Damals sollte in Versuchsanlagen herausgefunden werden, ob sich der Untergrund hierzulande für CO2-Endlager eignet. Immerhin wird auch Erdgas unterirdisch gespeichert, etwa in großen Salzkavernen im Nordwesten Niedersachsens.

    Doch der Widerstand war groß. Er kam aus zwei Richtungen: Anwohner fürchteten, dass das Gas aus den Lagern entweichen und so zur tödlichen Gefahr werden könnte. CO2 ist zwar ungiftig, doch es könnte den Sauerstoff aus der Luft verdrängen und so zum Ersticken führen. Und viele Klimaschützer sahen in CCS eine verkappte Laufzeitverlängerung für fossile Kraftwerke. Würde etwa das CO2 aus der Kohleverstromung abgetrennt, hätten die Konzerne ein Argument für den Weiterbetrieb ihrer Kraftwerke und könnten so die Energiewende unnötig torpedieren.

    CCS: Protest gegen die Speicherung von CO2 im Untergrund in Schleswig-Holstein.

    „Kein CO2-Endlager“: Pläne zum Einsatz von CCS stießen 2011 in Schleswig-Holstein auf Protest.

    Die schwarz-gelbe Bundesregierung reagierte auf den Protest. Sie erlaubte den Bundesländern 2012 per Gesetz, CCS auf ihrem Gebiet zu verbieten, was Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern dann auch taten. Der Landtag in Brandenburg sprach sich ebenfalls gegen CCS aus, solang es keine bundesweite Regelung gibt. Gerade in diesen Ländern liegen die Gebiete mit dem größten Potenzial für die CO2-Speicherung.

    Inzwischen jedoch gibt es Anzeichen, dass sich der Wind dreht. Da ist allen voran der Weltklimarat IPCC, der seit Jahren darauf hinweist, das der Atmosphäre spätestens ab Mitte des Jahrhunderts Treibhausgas in signifikantem Ausmaß entnommen werden müsse. Ähnlich sehen es die Stiftung Wissenschaft und Politik in ihrer Studie Unkonventioneller Klimaschutz vom Mai dieses Jahres sowie die Studie „Integrierte Energiewende der Deutschen Energie-Agentur (Dena) und die BDI-Studie Klimapfade für Deutschland. Sie alle kommen zu dem Schluss: Ganz ohne CCS geht es nicht.

    Dena-Chef Andreas Kuhlmann widersprach auf Twitter ausdrücklich dem Umweltbundesamt, das den Einsatz von CCS ablehnt: Die dabei zugrundegelegten Annahmen zum Ausbau erneuerbarer Energien „werden nicht jedem gefallen“. Denn ohne CO2-Speicherung sei ungleich mehr Ökostrom nötig, um die Klimaziele zu erreichen.

    Die EU fördert CCS mit hohen Millionensummen. Norwegen investiert Milliarden

    Berlin und Brüssel scheinen sich dieser Sicht anzuschließen. In ihrem Klimaschutzprogramm 2030 hat die Bundesregierung einen „Dialogprozess“ über CCS angekündigt. Und die EU-Kommission hat kürzlich beschlossen, CCS-Projekte unter anderem in der niederländischen Nordsee mit dreistelligen Millionenbeträgen zu fördern.

    Den größten Schritt aber wagt Norwegen. Dort legt die Regierung dem Parlament noch im Oktober ein Papier zur Abstimmung vor, das Investitionen in Höhe von umgerechnet 2,3 Milliarden Euro für den Ausbau der CO2-Infrastruktur vorsieht. Rund 1,5 Milliarden davon steuert der Staat bei, der Rest kommt von den beteiligten Industriekonzernen.

    Das Projekt trägt den Namen „Langskip“, benannt nach dem „Kvalsundskipet“, einem Wikingerschiff, das mehr als 1000 Jahre verschüttet lag, bevor es 1920 ausgegraben wurde.

    Das CO2 müsste sehr viel länger im Untergrund bleiben, um dem Klima zu helfen.

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