Metallindustrie

  • Search27.03.2024

Chinas langer Marsch zum grünen Stahl

In der Produktion von sauberem Stahl liegt Europa vorn. Doch Weltmarktführer China zieht nach, denn Brüssels Klimapolitik strahlt bis nach Peking. Drängen die Hersteller aus Fernost bald mit Grünstahl auf den europäischen Markt?

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    Kein Land der Welt produziert mehr Stahl als China – und fast nirgends sind die CO2-Emissionen dabei so hoch wie hier.

     

    Von Jörn Petring, Peking

    In der südchinesischen Metropole Zhanjiang ragt eine futuristische Industrieanlage in den Himmel: ein riesiges, leuchtend blaues Gerüst, das an einen Weltraumbahnhof erinnert. Umgeben ist es von einem komplexen Labyrinth aus Rohren, Treppen und Förderbändern. So sieht Chinas Vision einer grünen Stahlproduktion aus. Seit Ende Dezember produziert Baowu Steel, der größte Stahlkonzern der Welt, hier testweise grünen Stahl.

    Genauer gesagt handelt es sich um eine Direktreduktionsanlage. Statt Kohle wird darin ein Gemisch aus Erdgas, Gas aus der Koksherstellung und Wasserstoff verwendet, um aus Eisen Stahl zu machen. Die Anlage gilt derzeit als die weltweit größte, die Wasserstoff im Produktionsprozess einsetzt. Sie kann jährlich bis zu eine Million Tonnen emissionsarmen Stahls produzieren. Eine ähnliche Anlage des chinesischen Rivalen HBIS mit einer Kapazität von 600.000 Tonnen steht in der Provinz Hebei.

    Die beiden Werke demonstrieren zweierlei: zum einen, dass sich China wie in vielen anderen Technologiebereichen auch in der Stahlindustrie fit für die Zukunft macht. Zum anderen aber, wie weit der Weg bis zu einer klimafreundlichen Produktion made in China noch ist.

    China ist der mit Abstand größte Stahlhersteller – und der größte Verbraucher

    Denn im Vergleich zu den gigantischen Mengen Stahls, die die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt insgesamt produziert, sind die Anlagen verschwindend klein: Ihrer Jahreskapazität von 1,6 Millionen Tonnen stehen rund 1000 Millionen Tonnen gegenüber, die größtenteils herkömmlich produziert werden. Und das auf eine im internationalen Vergleich besonders klimaschädliche Art.

    Wie grüner Stahl hergestellt wird: Das Schaubild zeigt das Verfahren von der Wasserstoff-Erzeugung (Elektrolyse) über die Direktreduktion bis zur Rohstahlherstellung per Lichtbogenofen. Infografik: Benedikt Grotjahn

    Wie schwer der Klimarucksack von Chinastahl ist, zeigt ein heute veröffentlichter Bericht des Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA). Demnach werden bei der Produktion einer Tonne Stahls in China mehr als zwei Tonnen CO2 frei. In den USA sei es weniger als eine Tonne, der Weltdurchschnitt liege bei 1,9 Tonnen.

    Das macht die chinesische Stahlproduktion zu einem Problem für den globalen Klimaschutz. Denn China ist der mit Abstand größte Hersteller der Welt. Es produziert jährlich rund 30-mal so viel Stahl wie Deutschland. Der Großteil wird in China verbaut, denn das Land ist zugleich auch der größte Verbraucher.

    Deutsche Hersteller rüsten um – in China bleibt Grünstahl ein Nischenprodukt

    Besonders ernüchternd aus Sicht von Klimaschützern: Auch beim Bau neuer Stahlwerke setzt China laut CREA weiterhin vor allem auf traditionelle Hochöfen. Zuerst wird hier Eisenerz mit Koks im Hochofen erhitzt, um flüssiges Eisen zu gewinnen. Dabei entsteht viel CO2. Anschließend wird Sauerstoff eingeblasen, um Stahl zu erzeugen.

    „Trotz der Verpflichtung Chinas zur CO2-Neutralität und der vorherrschenden Überkapazitäten im Stahlsektor gibt es keine klaren Anzeichen für einen Investitionsstopp in kohlebasierte Eisen- und Stahlerzeugungskapazitäten“, sagt CREA-Forscherin Xinyi Shen im Gespräch mit EnergieWinde. „Der Großteil der auslaufenden Eisen- und Stahlerzeugungskapazitäten wird durch neue kohlebasierte Anlagen ersetzt“, so Shen.

    Ganz anders in Deutschland: Hier investieren Hersteller wie Salzgitter, Thyssenkrupp, ArcelorMittal und Dillinger Milliarden, um ihre alten Hochöfen durch neue Anlagen auf Basis von Wasserstoff zu ersetzen.

    Stahlproduktion in China in Millionen Tonnen pro Jahr: Der Anteil von Elektrostahl aus dem Lichtbogenofen (EAF) steigt nur langsam. Infografik: Benedikt Grotjahn

    Um Chinas Stahlsektor zu modernisieren, empfiehlt CREA eine beschleunigte Umstellung auf sogenannte Elektrolichtbogenöfen und die Stahlproduktion auf Wasserstoffbasis. Das Elektrolichtbogenofenverfahren (EAF) verwandelt altes Metall in neuen Stahl. Dabei wird Schrott in einen Ofen gefüllt und mit sehr starkem Strom erhitzt, bis er schmilzt. Das schont das Klima und die Umwelt. Es ist eine klassische Kreislaufwirtschaft, die ohne die energieintensive Reduktion von Eisenerz auskommt.

    In Deutschland verwenden zahlreiche Hersteller das EAF-Verfahren, etwa Georgsmarienhütte bei Osnabrück und die Salzgitter AG. Chinas Produzenten setzen es dagegen noch relativ selten ein.

    China ist im Rückstand. Doch die Konkurrenz kann sich nicht zurücklehnen

    Um die teure Transformation der europäischen Stahlindustrie zu fördern und sie zugleich vor klimaschädlicher Konkurrenz aus Übersee zu schützen, setzt die EU auf ein neues Gesetzeswerk: das sogenannte CO2-Grenzausgleichssystem (CBAM). Es soll schrittweise eingeführt werden und ab 2026 voll greifen. Spätestens dann müssen chinesische Unternehmen, die Stahl in die EU exportieren, wohl Gebühren für den CO2-Ausstoß ihrer Produktion zahlen. Auf diese Weise will die EU sicherstellen, dass Produkte, die außerhalb des Binnenmarkts unter weniger strengen Umweltauflagen hergestellt werden, bei der Einfuhr in die EU mit einer zusätzlichen Abgabe belegt werden.

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    Es wäre für China durchaus möglich, seinen niedrigen Anteil sauberen Stahls nach Europa zu exportieren

    Belinda Schäpe, Expertin für Chinas Klimapolitik

    Zwar machen Elektrolichtbogenöfen, die den CBAM-Vorschriften am ehesten entsprechen könnten, nur etwa zehn Prozent der chinesischen Stahlproduktion aus. Zudem gibt es große Unterschiede, was die Emissionsintensität von Lichtbogenöfen angeht, je nach Stromquelle und Qualität des Stahlschrotts. Allerdings bedeuten auch diese zehn Prozent bereits eine gewaltige Menge Stahl – der grundsätzlich in den Export gehen könnte.

    Stahlwerk in Zhanjiang: China hat im vergangenen Jahr rund eine Milliarde Tonnen produziert. In Deutschland waren es gut 35,4 Millionen Tonnen.

    „China exportiert insgesamt knapp fünf Prozent des national produzierten Stahls“, sagt Belinda Schäpe, unabhängige Expertin für chinesische Klimapolitik, im EnergieWinde-Gespräch. Dies entspräche bereits nahezu dem Doppelten der gesamten deutschen Stahlproduktion von 2023. „Daher wäre es für China durchaus möglich, seinen niedrigen Anteil des sauberen Stahls nach Europa zu exportieren“, glaubt Schäpe.

    Brüssels Klimapolitik strahlt bis nach Peking: Sie treibt die Transformation voran

    Da Klimaschutz für Präsident Xi Jinping Priorität habe, rechnet Schäpe mit Veränderungen im Stahlsektor. Chinas größte Stahlkonzerne hätten sich ambitionierte Ziele gesetzt, um ihre Emissionen bis 2030 zu reduzieren. Ausgerechnet der Mechanismus, mit dem Europa seine Stahlindustrie schützen will, könnte dabei die Modernisierung der chinesischen Industrie vorantreiben. Offiziell äußerte sich Peking zwar kritisch zu CBAM. „Dennoch lässt sich nicht bestreiten, dass CBAM einen deutlichen Einfluss auf die Stahl-Dekarbonisierung in China hat“, so Schäpe.

    So stehe die Ankündigung der Staatsführung, die Aufnahme von Stahl und anderen Schwerindustrien in das nationale Emissionshandelssystem zu beschleunigen, in direktem Zusammenhang damit. Regierung und Unternehmen arbeiteten zudem an der Einführung von Zertifizierungen, die mit CBAM kompatibel seien. „Sowohl nationale Faktoren als auch Ambitionen für internationale Wettbewerbsfähigkeit treiben Chinas Stahlstrategien“, sagt Schäpe.

    „CBAM wird den Aufbau von Kohlenstoffmanagementsystemen beschleunigen, indem es chinesische Stahlunternehmen dazu bringt, Kohlenstoffmonitoring, Berichterstattung und Verifizierung durchzuführen“, sagt auch Greenpeace-Expertin Liu Wenjie gegenüber EnergieWinde. „Es wird die Unternehmen auch motivieren, ihren Kohlenstoff-Fußabdruck durch verschiedene Technologien zur CO2-armen Stahlproduktion zu verringern.“

    China hat zwar noch einen langen Marsch vor sich, um seine Stahlindustrie auf Grün zu trimmen. Es zeichnet sich jedoch ab, dass Grünstahl aus China seinen Weg nach Europa finden wird.

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