Bürgerenergie

  • Search13.01.2026

Rückgrat der Energiewende

Überall im Land treiben engagierte Bürger die Energiewende voran. Sie erzeugen und verbrauchen ihren Strom gemeinschaftlich – und stärken fast nebenbei die Demokratie.

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    Gemeinsam von der Energiewende profitieren, das ist die Idee der Bürgerenergie wie hier im Bürgerwindpark Denkendorf.

    Gemeinsam von der Energiewende profitieren, das ist die Idee der Bürgerenergie wie hier im Bürgerwindpark Denkendorf.

     

    Von Daniela Schröder

    Wir müssen die Bürger mitnehmen, sagen Politiker gern, wenn es um gesellschaftliche Veränderung geht. Bei der Energiewende ist es oft andersherum: Den Umstieg auf Erneuerbare treiben in Deutschland an vielen Orten nicht Politiker voran, sondern die Bürger – als Erzeuger und Verbraucher, als Planer und Entwickler, als Verkäufer und Investoren. Und das seit Jahrzehnten.

    Das Modell dahinter nennt sich Bürgerenergie. Experten bescheinigen ihr das Potenzial, ein Energiesystem zu schaffen, das sowohl nachhaltig ist als auch sozial gerecht. Doch einen echten Durchbruch bedeutet sie bisher nicht. Denn die Hürden und Herausforderungen sind nach wie vor hoch.

    Bürgerenergie: Lokale Gemeinschaften treiben die Energiewende vor Ort voran

    Nicht alles, was nach Bürgerenergie aussieht, ist es auch. Bürgerenergie bedeutet nicht die PV-Anlage auf dem Einfamilienhaus – auch wenn Privathaushalte einen großen Teil des Solarstroms erzeugen. Bürgerenergie meint vielmehr gemeinschaftlich organisierte Energieprojekte in Bürgerhand: Menschen schließen sich zu lokalen Genossenschaften, Vereinen oder Gesellschaften zusammen und planen und bauen Wind- und Solarparks vor Ort. Sie investieren eigenes Kapital, teilen Erträge, Risiken und Verantwortung. Manchmal sind auch Kommunen an Bord, die Stadtwerke oder ein regionaler Versorger. Konzerne dagegen findet man in der Bürgerenergie nicht.

    PV-Strom ist das wichtigste Geschäftsfeld von Energiegenossenschaften. Die Grafik zeigt alles Sparten im Überblick. Infografik: Benedikt Grotjahn

    Bürgerenergie-Projekte gibt es bundesweit, vom stürmischen Nordfriesland bis in den sonnigen Schwarzwald. 2500 bis 3000 Energiegemeinschaften sind es aktuell, gut ein Drittel davon lokale Genossenschaften mit zurzeit 220.000 Mitgliedern. Rund 3,6 Milliarden Euro investierten Genossenschaftler bisher in die Energiewende vor Ort.

    Zentrales Merkmal der Bürgerenergie ist das Prinzip der aktiven Teilhabe: Wer mitmacht, ist mehr als nur ein Mix aus Produzent und Konsument. Er ist Gestalter, der zusammen mit Gleichgesinnten über dezentrale Strukturen zentrale Infrastruktur schafft.

    Wandel von unten: Mit der Energiewende entstand auch die Bürgerenergie

    Wandel von unten, gemeinsam eine bessere Zukunft gestalten – aus diesem Anspruch ist die Bürgerenergie einst entstanden. Als aus der Anti-Atomkraft-Bewegung der Siebziger die Basis der Energiewende wuchs, setzten sich bereits erste Bürger ein Mini-Windrad auf ihr Grundstück. In den Neunzigern kämpften Solarpioniere für eine kostendeckende Vergütung ihres PV-Stroms. Mehr als 200 Kommunen übernahmen die Idee – und legten damit das Fundament für das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) im Jahr 2000. Mit festen Einspeisevergütungen und Marktprämien ermöglichte es auch kleinen Akteuren den Markteinstieg; zig Bürgerwindparks und -solarprojekte gründeten sich.

    Deutschlands erster Bürgerwindpark ging 1987 in Kaiser-Wilhelm-Koog (Dithmarschen/Schleswig-Holstein) in Betrieb.

    Deutschlands erster Windpark ging 1987 in Kaiser-Wilhelm-Koog (Schleswig-Holstein) in Betrieb.

    Doch schon nach dem ersten Erfolgsjahrzehnt der Bürgerenergie traten Politiker auf die Bremse. Die Regierungen unter Angela Merkel verschärften die Bedingungen für Erneuerbare, im Wettbewerb mit kommerziellen Anbietern konnten Bürgerprojekte nicht mithalten. Die Ampel-Koalition schlug zwar einen anderen Kurs ein – weniger Bürokratie, mehr Zuschüsse, Fokus auf Bürgerwindparks. Für ein Revival der Bürgerenergie reichte es jedoch nicht. Auch die aktuelle Bundesregierung versicherte im Koalitionsvertrag, das Modell zu stärken. Noch ist das Versprechen nicht erfüllt.

    2011 lag mehr als die Hälfte der installierten Erneuerbaren-Leistung in der Hand von Privatleuten und Landwirten. Heute stammen nur noch 12,5 Prozent der installierten Windenergieleistung aus Bürgerenergiegemeinschaften. In der Fotovoltaik sind es gar nur 1,4 Prozent.

    Die EU fördert die Bürgerenergie – unter dem Namen Energy Sharing

    Dabei ist Bürgerenergie längst Teil der EU-Energiepolitik. Eines ihrer Elemente heißt Energy Sharing: Bürger, kleine und mittlere Unternehmen und Kommunen können sich zu einer regionalen Gemeinschaft zusammenschließen, die Strom aus Erneuerbaren vor Ort nicht nur erzeugt, sondern über das öffentliche Netz auch teilt und verbraucht. Ohne den klassischen Versorger dazwischen.  

    Das Teil-Modell gilt als nächster und entscheidender Schritt für die Bürgerenergie. Bislang fehlte ein rechtssicherer Weg, um den Strom aus den eigenen Anlagen vor Ort und zu selbst bestimmten Preisen zu nutzen. Was Bürgerprojekte erzeugten, speisten sie in das öffentliche Netz ein – und kauften ihren Strom zu den üblichen Tarifen beim Versorger.

    2019 schuf die EU die Rechtsgrundlage für Energy Sharing, bis 2021 sollten die Mitgliedsstaaten sie umsetzen. Als Vorreiter gilt Österreich: Mehr als 4000 Energiegemeinschaften produzieren und teilen hier Strom, Wärme oder Biogas. Deutschland hat die Umsetzung lange verschleppt. Jetzt soll das Modell im Juni starten.

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    Prozent der deutschen Haushalte könnten ihren Strombedarf bilanziell durch Energy Sharing decken

    Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW)

    Das Potenzial des Energy Sharing ist beachtlich: Laut des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) könnten 94 Prozent der deutschen Haushalte ihren gesamten Strombedarf bilanziell durch Energy Sharing decken. Die Vorteile: weniger Abhängigkeit von internationalen Energiemärkten, günstigere Preise. Eigenverbrauch ist günstiger als Einspeisung und Rückkauf. In einer Gemeinschaft lässt sich dieser Vorteil teilen. Wer seinen Solarstrom an Nachbarn verkauft, erzielt meist mehr als mit der Einspeisevergütung. Und wer ihn kauft, zahlt weniger als für Netzstrom.

    Vorteil der Bürgerenergie: Akzeptanz, lokale Wertschöpfung, Unabhängigkeit

    Dazu kommt: Lokal erzeugten Strom lokal zu verbrauchen, stärkt die Resilienz des Energiesystems – und spart Kosten für den Bau neuer Netze. Durch flexibles Vor-Ort-Nutzen lassen sich bis zu 30 Prozent mehr erneuerbare Energie in die Verteilnetze integrieren. In der Kombination mit Wärmepumpen, Heimspeichern und E-Autos plus dynamische Stromtarife kann das Teilmodell die Stromnetze sogar entlasten  – und bis 2035 jährlich 4,8 Milliarden Euro beim Netzausbau einsparen.

    Ein Pilotprojekt der Deutschen Energieagentur (dena) im fränkischen Wunsiedel hat bereits bewiesen: Energy Sharing klappt. Auch die niedersächsische Gemeinde Bakum hat den Ansatz erfolgreich getestet, virtuell jedenfalls. Doch ob sich das Vor-Ort-Teil-Modell im ganzen Land durchsetzen kann, steht in den Sternen. Denn die Hürden sind hoch.

    Die größte Hürde: Noch gibt es zu wenige Smart Meter in Deutschland

    Energiegemeinschaften müssen nicht nur die Verträge zwischen allen Beteiligten regeln, sie müssen auch alle Strommengen exakt erfassen und transparent abrechnen. Doch so weit ist Deutschland nicht. Fast 97 Prozent aller Stromkunden lesen ihren Verbrauch am Zähler ab, beim Umstieg auf intelligente Messsysteme (Smart Meter) geht es kaum voran, viele Netzbetreiber arbeiten ohne digitale Standards. Dazu kommt die Frage: Rechnet sich das Ganze überhaupt? Beim Energy Sharing wird der Strom vor Ort verbraucht – trotzdem sollen die Teilnehmer weiterhin Netzentgelte, Steuern und Abgaben zahlen, die Stromnebenkosten bleiben hoch.

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    Die Angst vor einem dezentralen Energiesystem ist in Teilen der Politik groß

    Katharina Habersbrunner, Bündnis Bürgerenergie

    Verhindern die deutschen Regelungen Energy Sharing eher, als das Modell zu fördern? Formal werden die EU-Vorgaben erfüllt, doch in der Praxis gibt es mehr Hürden als Hilfen. „Es geht um das Verteidigen alter und fossiler Geschäftsmodelle“, sagt Katharina Habersbrunner, geschäftsführende Vorständin beim Bündnis Bürgerenergie. „Die Angst vor einem dezentralen Energiesystem ist in Teilen der Politik groß, die Bürgerenergie wird in ihrer Entwicklung behindert und marginalisiert.“

    Dabei bietet sie zwei Mehrwerte, die kein großer Projektplaner oder Energiekonzern bieten kann: Akzeptanz und lokale Wertschöpfung.

    Studien des IÖW ergaben: Bürgerenergie steigert regionale Kaufkraft, sichert Arbeitsplätze und erhöht durch Gewinne, Steuereinnahmen und Beteiligung der Bevölkerung die Akzeptanz der Energiewende. Bei Bürgerprojekten bleiben bis zu 50 Prozent der Investitionen als lokale Wertschöpfung in der Region, bei ortsfremden Investoren sind es oft weniger als zehn, heißt es beim Bündnis Bürgerenergie.

    Wenn Windräder in Bürgerhand sind, hat das auch eine politische Dimension, sagen Wissenschaftler. Es stärke die Demokratie.

    Wenn Windräder in Bürgerhand sind, hat das auch eine politische Dimension, sagen Wissenschaftler. Es stärke die Demokratie.

    Wie Bürgerenergie als regionale Wirtschaftskraft wirkt, zeigt sich in Erbach in Südhessen, Sitz der Energiegenossenschaft Odenwald. Ihre Aufträge für Fotovoltaikanlagen, Wasserkraft- und Windenergieprojekte gehen an heimische Handwerksbetriebe und Energieberater. Allein zwischen 2009 und 2013 war das ein Auftragsvolumen von 6,5 Millionen Euro. Insgesamt investierte die Genossenschaft in dem Zeitraum 25 Millionen Euro in die Region. Auch die Kapitalgeber sind ein Faktor: Das Fremdkapital für Bürgerenergieprojekte kommt oft von regionalen Banken, so bleiben die Zinserträge ebenfalls vor Ort.

    Bürger tragen Verantwortung für ihre Energie – und stärken so die Demokratie

    Wertschöpfung schafft Identifikation. Identifikation schafft Akzeptanz – damit hat die Bürgerenergie auch ein demokratisches Element, eine politische Dimension. Das sehen auch Wissenschaftler so. „Das Besondere an der Bürgerenergie ist das Übernehmen von Verantwortung für einen zentralen Punkt wie der Energieversorgung“, sagt Humangeografin Stefanie Baasch von der Universität Bremen.

    Petitionen unterschreiben oder Kampagnen unterstützen sei das eine. „Doch hier geht es darum, Anlagen zu bauen, Strom zu erzeugen, relevante Infrastruktur zu schaffen.“ Und dabei auch etwas zu schaffen, das für eine Gesellschaft elementar ist, aber immer seltener wird: „Diskussionsräume über unterschiedliche Perspektiven. Auf Energie und Energieplanung, zur Zukunft eines Ortes und einer Region.“

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