Digitale Stromzähler

  • Search13.07.2023

Wie Smart Meter Netze und Verbraucher entlasten

Variable Tarife statt fester Monatsabschläge: Mit diesem Angebot drängen neue Stromversorger in den Markt. Die Verbreitung von Smart Metern könnte ihnen einen Schub geben – und der Energiewende gleich mit.

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    Smart-Meter-Rollout: Fragen und Antworten rund um digitale Stromzähler und dynamische Stromtarife.

    Einbau eines digitalen Zählers: Vor allem Haushalte mit hohem Verbrauch könnten mit dynamischen Stromtarifen Geld sparen.

     

    Von Volker Kühn und Daniel Hautmann

    Der 2. Juli war ein außergewöhnlicher Tag. An der Strombörse fiel der Preis an diesem sonnigen und windigen Sonntag auf minus 500 Euro pro Megawattstunde. Das ist der niedrigste Wert, den die Börsenbetreiber überhaupt zulassen, damit die Verluste von Stromerzeugern nicht ausufern. Kunden hätten in dieser Zeit theoretisch 50 Cent mit jeder Kilowattstunde verdienen können, die sie mit Waschmaschine, Herd oder Elektroauto verbrauchten.

    Tatsächlich allerdings haben bislang nur wenige Verbraucher die Chance, von Zeiten niedriger oder gar negativer Börsenstrompreise direkt zu profitieren. Denn dazu sind zwei Voraussetzungen nötig:

    • Sie müssen einen dynamischen Stromtarif besitzen, bei dem ihr Versorger nicht feste monatliche Abschläge kassiert, sondern das pausenlose Auf und Ab der Börse an sie durchreicht.
    • Und sie brauchen ein Smart Meter, einen digitalen Stromzähler, der ihren Verbrauch mithilfe eines sogenannten Gateways nahezu in Echtzeit an den Versorger meldet.

    Doch beides dürfte bald auf sehr viel mehr Verbraucher zutreffen. Denn ab 2025 sind die Stromversorger in Deutschland verpflichtet, dynamische Tarife ins Programm zu nehmen; erste Anbieter finden sich bereits in den einschlägigen Vergleichsportalen. Und bis 2032 sollen flächendeckend alle alten Stromzähler durch Smart Meter ersetzt werden. Verpflichtend ist der Einbau bereits ab 2025 für Kunden mit einem Stromverbrauch ab 6000 Kilowattstunden pro Jahr oder einer PV-Anlage ab sieben Kilowatt Nennleistung.

    Das Ziel: Stromverbrauch und Stromerzeugung sollen angeglichen werden

    Die Idee dahinter: Im Stromsystem der Zukunft ersetzen zunehmend wetterabhängige erneuerbare Energien wie Windkraft und PV die alten konstant durchlaufenden konventionellen Kraftwerke. Das Stromangebot schwankt deshalb immer stärker. Um die Netze stabil zu halten, soll daher die Nachfrage besser darauf abgestimmt werden. Das Instrument dazu ist der Preis: Kunden sollen einen Anreiz haben, Strom möglichst dann zu verbrauchen, wenn er im Überschuss vorhanden und deshalb günstig ist.

    Techniker arbeiten an einem Strommast: Der flächendeckende Ausbau von Smart Metern soll das Stromnetz entlasten und Verbrauchern Sparmöglichkeiten verschaffen.

    Techniker an einem Strommast: Digitale Zähler helfen, die Leitungen stabil zu halten.

    Damit die Verbraucher nicht rund um die Uhr die Börsenpreise im Blick behalten müssen, sollen die digitalen Zähler dabei helfen, das Stromnetz „smart“ zu machen. Sie treffen dabei gewissermaßen Absprachen mit allen Beteiligten. So entscheiden sie etwa, ob der Strom von der PV-Anlage auf dem Dach besser ins allgemeine Stromnetz oder den Heimspeicher im Keller fließen soll. Oder ob das Elektroauto zur Mittagszeit oder über Nacht geladen wird. Und wenn die Waschmaschine irgendwann ebenfalls smart ist, kann das System sie zur passenden Zeit einschalten.

    Die Betriebskosten sind gedeckelt. Normalverbraucher zahlen 20 Euro im Jahr

    Gesprochen wird über den sogenannten Smart-Meter-Rollout bereits seit Jahren. Doch während viele andere Länder vorpreschten, passierte in Deutschland wenig. Nun aber soll es auch hierzulande losgehen. Passenderweise trägt das im Mai dazu verabschiedete Gesetz den Titel „Neustart der Digitalisierung der Energiewende.

    Den Einbau der Geräte übernimmt in der Regel der jeweilige Messstellenbetreiber, der meist auch der örtliche Netzbetreiber ist. Kunden können aber auch einen anderen Messstellenbetreiber beauftragen.

    Viele Besitzer alter Zähler haben in den vergangenen Wochen bereits Post bekommen, in denen ihnen der Austausch angekündigt wurde. Grundsätzlich ist es möglich, auch selbst aktiv zu werden und den Einbau zu beantragen. Die Kosten für den Betrieb der Anlagen hat der Gesetzgeber auf 20 Euro im Jahr gedeckelt, bei Besitzern sogenannter steuerbarer Geräte wie Wärmepumpen sind es 50 Euro. Bislang zahlten Verbraucher noch 100 Euro oder mehr für ihr Smart Meter. Allerdings können einmalige Kosten hinzukommen, falls für den Austausch der Zählerkasten umgebaut werden muss.

    Große Haushalte profitieren eher: Mit dem Verbrauch steigt das Sparpotenzial

    Wer in einer kleinen Wohnung lebt und wenig Strom verbraucht, wird durch dynamische Tarife kaum sparen können. Anders sieht es für große Haushalte aus, insbesondere wenn ein Elektroauto oder eine Wärmepumpe dazugehört. Wer nicht ständig aufs Auto angewiesen ist, sondern in günstigen Zeiten laden kann, dürfte von den neuen Angeboten profitieren. „Wenn es nicht gelingt, für solche Kunden attraktive Tarife zu schaffen, läuft etwas grundsätzlich falsch“, sagt Thomas Engelke, Energieexperte vom Bundesverband der Verbraucherzentrale.

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    Über den Daumen gepeilt, sparen Kunden bei uns 20 Prozent ihrer Stromkosten

    Marion Nöldgen, Deutschland-Chefin von Tibber

    Andreas Feicht, bis 2021 Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium und für die Implementierung der Smart Meter maßgeblich verantwortlich, schätzt, dass man zwischen 20 und 30 Prozent des Verbrauchs einsparen kann. Ähnlich äußert sich Marion Nöldgen, Deutschland-Chefin des norwegischen Start-ups Tibber, das bereits dynamische Tarife in Deutschland anbietet. „Über den Daumen gepeilt, sparen Kunden bei uns 20 Prozent ihrer Stromkosten“, sagt Nöldgen.

    Dazu tragen auch Zeiten negativer Strompreise bei. Beim Rekordtiefpreis am 2. Juli etwa erhielten Tibber-Kunden in Berlin 43 Cent je Kilowattstunde, worin die Steuern bereits enthalten waren. Der Betrag werde in der Monatsrechnung eingepreist, hieß es.

    Nöldgen hat auch Kunden im Blick, die noch keinen digitalen Zähler haben. Sie zahlen bei Tibber den monatlichen Durchschnittspreis der Börse, plus Steuern und Umlagen, sowie eine Grundgebühr von knapp vier Euro. „Aktuell ist das deutlich günstiger als die in Deutschland üblichen Tarife mit Fixpreisen“, sagt Nöldgen. Steigen die Preise in Höhen wie im vergangenen Jahr nach dem russischen Überfall auf die Ukraine, zahlen die Kunden natürlich mehr. Solche Ausschläge seien allerdings auch in den Fixpreisen klassischer Anbieter eingepreist, so die Managerin.

    Neben Tibber haben bereits weitere Versorger dynamische Stromtarife im Angebot, etwa Lichtblick, Rabot Charge und Voltego. Diese Tarife haben keinen starren Preis, sondern setzen sich aus einer Grundgebühr, Netzentgelten, Steuern und dem aktuellen Börsenstrompreis zusammen. Nutzer profitieren, indem sie Strom dann beziehen, wenn die Preise niedrig sind. „Das schafft auch den Anreiz, seinen individuellen Verbrauch zu optimieren“, sagt René Zerwes, Senior-Produktmanager bei Lichtblick.

    Typische Kunden von dynamischen Tarifen seien technikaffine Digitalfans und Selbstoptimierer, oftmals im Eigenheim, meist mit PV-Anlage, Elektroauto oder Wärmepumpe, sagt Tibber-Sprecherin Laura Schlensak. Der Versorger hat nach eigenen Angaben weltweit rund 500.000 Kunden.

    Auch die Volkswirtschaft profitiert: durch niedrigere Kosten für den Netzausbau

    Smart Meter sollen allerdings nicht nur Endkunden helfen, ihren Verbrauch zu optimieren, sondern auch den Netzausbau effizienter machen. Die Geräte identifizieren Engpässe im Netz und helfen somit, es gezielt dort zu verstärken, wo es nötig ist. So werden Überdimensionierungen und Kosten vermieden. Letztlich wird das vorhandene Netz effizienter genutzt, indem Strom dann verbraucht wird, wenn das Angebot hoch ist. Und davon profitiert die gesamte Volkswirtschaft. „Ich kann anhand der Daten viel besser beurteilen, wie stark welche Leitung belastet ist und erhalte viele Antworten vom Smart Meter Gateway“, sagt Benedikt Pulvermüller, Teamleiter Digitale Technologien bei der Deutschen Energie Agentur (dena).

    Man stelle sich ein Dorf vor, mit reichlich Fotovoltaik auf den Dächern. Zur Mittagszeit gibt es hier so viel Strom, dass die Stromleitungen mit dem Abtransportieren gar nicht hinterherkommen. Eine neue Leitung mit höherer Kapazität zu bauen, würde sich kaum lohnen, da es sich nur um eine kurze Zeitspanne handelt, wie die Daten zeigen. Also kommen die Versorger und Netzbetreiber zu dem Schluss, dass ein Speicher hier die wirtschaftlichste Lösung sein könnte.

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