• Search23.04.2021

Zukunft der Ölindustrie

Big Oil in der Existenzkrise

Shell, BP, Exxon Mobil: Die Giganten des Ölzeitalters stehen vor einem epochalen Umbruch. Um in der CO2-neutralen Welt zu bestehen, müssen sie sich neu erfinden. Doch vor allem die US-Konzerne klammern sich an ihr fossiles Geschäftsmodell, als gäbe es keine Klimakrise.

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    Verblassende Kolosse: Für Ölmultis ist in der klimaneutralen Welt kein Platz vorgesehen.

    Von Volker Kühn

    Seit Jahrzehnten spukt ein Gespenst durch die Ölindustrie. Zum ersten Mal gesehen hat es 1956 der Texaner Marion King Hubbert. Er gab ihm seinen Namen: Peak Oil. Hubbert war ein Geologe in Diensten des britisch-niederländischen Ölkonzerns Shell, der sich mit der Frage befasste, wie lang die weltweiten Erdölvorräte reichen würden. Den Gipfel der Ölförderung – Peak Oil – datierte er auf den Zeitraum zwischen 1974 und 1995. Von da an würden die Fördermengen sinken, weil die Quellen erschöpft seien.

    Für Nordamerika erwartete Hubbert das Fördermaximum spätestens Anfang der Siebziger. Als sich diese Prognose zu bestätigen schien, versetzte Peak Oil die Ölindustrie in Aufruhr. Irgendwann aber verlor das Gespenst seinen Schrecken. Denn mit immer neuen, immer waghalsigeren Methoden hielten die Ölmultis es in Schach. Sie drangen in die Tiefsee vor und pressten mit Hilfe der umstrittenen Fracking-Technologie selbst aus längst aufgegebenen Lagerstätten neues Öl.

    Ölfördermenge in den USA in Mio. Barrel: Bis Anfang der Siebziger wuchs die Förderung, dann schien Peak Oil erreicht zu sein. Doch dank neuer Technologien wurde der vermeintliche Gipfel später überschritten. Infografik: Benedikt Grotjahn.

    Doch jetzt ist Peak Oil zurück. Nicht weil die Ölvorräte zur Neige gingen, sondern weil die Nachfrage danach ihren Gipfel bald erreichen dürfte. Falls sie ihn durch den Wirtschaftseinbruch in der Coronakrise nicht sogar schon überschritten hat. Seit sich Industrienationen weltweit dazu bekannt haben, bis zur Jahrhundertmitte klimaneutral zu werden, ist klar, dass es für den fossilen Rohstoff Erdöl auf Dauer keinen Platz gibt. Ihren Energiedurst wird die Welt zunehmend anders stillen. Mit jedem Elektroauto, das einen Verbrenner ersetzt, mit jeder Bahnstrecke, die elektrifiziert wird, mit jedem Cent, um den der CO2-Preis steigt, rückt der Ölausstieg näher.

    Chevron, BP, Eni oder Total, all die Giganten des Ölzeitalters, stehen damit vor einem existenziellen Umbruch. Der Klimawandel, den sie über Jahrzehnte selbst befeuert haben, stellt ihr Kerngeschäft infrage. Die Konzerne bereiten sich darauf allerdings ganz unterschiedlich vor – einige gar nicht.

    „Shell investiert in Ladesäulen, Exxon in Kampagnen gegen Klimaschutz“

    „Die Ölgiganten von heute wird es zukünftig nicht mehr geben“, stellt die Energiewissenschaftlerin Claudia Kemfert nüchtern fest. In den Chefetagen einiger europäischer Ölmultis scheine das Thema inzwischen angekommen zu sein. Shell etwa investiere verstärkt in die deutsche Energiewende, von der Solarenergie über Autoladesäulen bis zu Wasserstoff-Produktionsanlagen für die Industrie, so die Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Andere wie der US-Konzern Exxon Mobil steuerten dagegen in keinster Weise um, nicht einmal rhetorisch. Stattdessen finanziere man dort lieber Kampagnen gegen Klimaschutz, erklärt Kemfert gegenüber EnergieWinde. Der Konzern werde damit ein Kandidat für das Motto „Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“.

    BP vor Eni und Repsol, Schlusslicht Exxon Mobil: Der Thinktank Carbon Tracker hat untersucht, wie europäische und US-Ölkonzerne auf die Energiewende vorbereitet sind. Infografik: Benedikt Grotjahn.

    Das britische Analysehaus Carbon Tracker hat untersucht, wie der Weg in die Klimaneutralität auf das Geschäftsmodell der größten privatwirtschaftlichen Ölmultis in Europa und den USA durchschlägt. Fast alle haben inzwischen angekündigt, ihren CO2-Ausstoß zu verringern; Shell etwa will 2050 klimaneutral sein. Die Konzerne geben damit nicht zuletzt dem Druck von Investoren nach, die ihr Geld zunehmend in Unternehmen stecken, die sich aktiv transformieren. Wer sich dem Wandel verweigert, riskiert seinen Zugang zum Kapitalmarkt. Die Investoren drängen die Ölkonzerne zum Handeln, weil sie ihrerseits unter Druck stehen: Anteile an Konzernen zu halten, deren Geschäftsmodell in Zukunft nicht mehr funktioniert, gefährdet das eigene Portfolio.

    Carbon Tracker sieht vor allem zwei Gefahren für die Ölkonzerne. Die eine besteht darin, dass sie einen erheblichen Teil ihrer Ölvorräte im Boden belassen müssen, weil deren Förderung das CO2-Budget sprengen würde, das der Welt im Rahmen der Pariser Klimaziele noch zur Verfügung steht. In diesen Reserven steckt allerdings ein Großteil des Werts der Konzerne.

    Sinkt die Nachfrage, fällt der Preis. Damit wird die Förderung unwirtschaftlich

    Die zweite Gefahr besteht laut Carbon Tracker in einem Preisverfall als Folge einer sinkenden Ölnachfrage. Damit könnte die teure Ausbeutung schwer zugänglicher Reserven etwa in der Tiefsee unwirtschaftlich werden; sie rentiert sich nur, wenn der Ölpreis ein Mindestniveau hält. Die Preisprognosen der Konzerne sind sehr unterschiedlich. Während BP, Shell und Eni bis 2025 mit einem Preis von 60 Dollar je Barrel kalkulieren, also etwa auf aktuellem Niveau, geht Equinor aus Norwegen von 82 Dollar aus. Fällt der Preis unter die Prognosen, sind die Unternehmen gezwungen, Abschreibungen vorzunehmen. Je höher sie den Preis ansetzen, desto größer ist folglich die erwartete Ölnachfrage – und desto größer auch das eigene Vertrauen in die Zukunft der Branche.

    Carbon Tracker zufolge sind die europäischen Konzerne insgesamt besser auf Wertverluste infolge der globalen Energiewende vorbereitet als die US-Konkurrenten. Insbesondere Anleger von Exxon Mobil müssten sich auf Abschreibungen gefasst machen. Laut der Studie sind etwa beim italienischen Eni-Konzern und bei Repsol aus Spanien 40 bis 50 Prozent der Projekte nicht mit einer Begrenzung des Klimawandels auf 1,6 Grad vereinbar. Bei Exxon Mobil sind es 80 bis 90 Prozent.

    Ausweg Ökostrom: Ölkonzerne steigen in die Offshore-Windkraft ein

    Für die europäischen Konzerne spricht zudem, dass sie stärker in erneuerbare Energien investieren. Vor allem die Offshore-Windenergie haben sie dabei im Visier, wie eine Reihe von Meldungen aus den vergangenen zwei Jahren zeigt. Zum Beispiel Eni, in Deutschland bekannt durch die Agip-Tankstellen mit dem Logo eines sechsfüßigen Hundes: Der Konzern gab im Dezember bekannt, für 405 Millionen britische Pfund in geplante Offshore-Windparks auf der Doggerbank in der Nordsee einzusteigen. Auch Equinor ist an dem Projekt beteiligt. Die Norweger betreiben zudem vor Schottland den ersten kommerziellen Floating-Windpark der Welt und sind in Deutschland am Park Arkona in der Ostsee beteiligt.

    Total aus Frankreich stieg im März 2020 über ein Joint Venture zur Entwicklung eines schwimmenden Windparks vor Wales in die Offshore-Windenergie ein und hat seither weitere Projekte in Frankreich, Großbritannien und Südkorea angekündigt. Shell hat sich ebenfalls in mehreren Ländern in die Windkraft auf See eingekauft. BP gab den Markteintritt im September bekannt: Der Konzern erwirbt für 1,1 Milliarden Dollar von seinem Rivalen Equinor Anteile an geplanten Projekten vor der US-Atlantikküste. Und Repsol ist an einem schwimmenden Park vor Portugal beteiligt.

    Demgegenüber verhalten sich die US-Ölmultis abwartend. Lediglich von Chevron wurden kürzlich Pläne zur Beteiligung an einem Floating-Wind-Unternehmen aus den USA bekannt, worin Beobachter aber keinen grundsätzlichen Strategieschwenk erkennen.

    Biden stellt den Abschied vom Öl in Aussicht. Die US-Konzerne lässt das kalt

    Zum Problem für die US-Konzerne könnte auch die Klimapolitik von Joe Biden werden. Mit Donald Trump hatten sie einen zuverlässigen Freund im Weißen Haus, der im Zweifel für Pipeline-Projekte und gegen Umweltschutzbedenken entschieden hat. Biden dagegen hat schon wenige Tage nach seiner Amtseinführung das Aus für neue Öl- und Gasbohrungen auf staatlichem Territorium verkündet. Schon im Wahlkampf hatte er erklärt, die USA müssten saubere Energie fördern und sich „von der Nutzung von Öl entfernen“.

    Trotzdem bezweifelt Robert Schuwerk, Executive Director von Carbon Tracker in Nordamerika, dass die US-Konzerne unter dem Druck der neuen Regierung in ihren Klimaanstrengungen zu den Europäern aufschließen. Bislang bemühten sie sich lediglich, in der Öffentlichkeit ein Stück umweltfreundlicher wahrgenommen zu werden. So habe sich API, der wichtigste Lobbyverband der US-Ölindustrie, Ende März zu einer CO2-Steuer bekannt, erklärte Schuwerk auf Anfrage von EnergieWinde. Eine grundlegend neue Haltung sei das aber nicht.

    Es scheint, als müsse das Gespenst von Peak Oil noch eine Weile spuken, bevor es von allen in der Branche ernst genommen wird.

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