Verteidigungspolitik

  • Search20.02.2026

Windräder als Wachtposten

Polen überwacht mithilfe von Windparks sein Seegebiet. Auch andere Nato-Partner entdecken die Turbinen als Sicherheitsfaktor. Die Branche zeigt sich kompromissbereit – doch die Kostenfrage ist noch offen.

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    Polens Regierungschef Donald Tusk (Zweiter von links) im Offshore-Windpark Baltic Power. Die Turbinen sind mit Radar- und Sensortechnik ausgestattet.

    Polens Regierungschef Donald Tusk (Zweiter von links) im Offshore-Windpark Baltic Power. Die Turbinen sind mit Radar- und Sensortechnik ausgestattet.

     

    Von Kathinka Burkhardt

    Dass Offshore-Wind ein Element der Landesverteidigung sein kann, ist in vielen Ländern ein neuer Gedanke. In Polen ist das anders. Wenn dort in der zweiten Jahreshälfte Baltic Power den Betrieb aufnimmt, ein Joint Venture des heimischen Energieversorgers Orlen mit Northland Power aus Kanada, dann ist das nicht nur ein Meilenstein der polnischen Energiewende – immerhin soll der 1,2-Gigawatt-Park bis zu 1,5 Millionen Haushalte versorgen.

    Es ist darüber hinaus aber auch ein Schritt, um die Souveränität des Landes zu stärken. Denn die 76 Turbinen werden nicht nur Strom liefern, sondern auch Erkenntnisse für die Sicherheitskräfte. Mit Radar und Sensoren ausgestattet, werden sie nach Vorgaben des Verteidigungsministeriums das umliegende Seegebiet überwachen. Und das nur 200 Kilometer von der russischen Exklave Kaliningrad entfernt.

    Offshore-Wind ist für Polen mehr als eine Stromquelle. Es geht um Sicherheit

    Finnland, Schweden, Polen und die baltischen Republiken haben historisch ein größeres Sicherheitsbedürfnis gegenüber Russland. Während Deutschland die Beziehungen auch nach der Krim-Annexion 2014 noch ausbaute und erst nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine 2022 eine Zeitenwende ausrief, blieben diese Länder wachsam.

    Den Einstieg in die Offshore-Windenergie betrachtet die polnische Regierung entsprechend von Beginn an unter Sicherheitsaspekten. Schon in der Vorbereitung war das Verteidigungsministerium eingebunden. Die Chance, in exponierter Lage auf See Daten zu sammeln und militärische Bewegungen zu beobachten, war fest eingeplant.

    Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche empfängt beim Nordsee-Gipfel in Hamburg Jean-Charles Ellermann-Kingombe, den stellvertretenden Nato-Generalsekretär für Cyber- und Digitale Transformation.

    Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche empfängt beim Nordsee-Gipfel in Hamburg Jean-Charles Ellermann-Kingombe, den stellvertretenden Nato-Generalsekretär für Cyber- und Digitale Transformation.

    Inzwischen sind auch andere Nato-Staaten aufgewacht. Beim Nordsee-Gipfel Ende Januar in Hamburg nahm das Thema breiten Raum ein. Auch die Nato nahm erstmals an dem Treffen teil, auf dem die Staatschefs und Energieminister der Nordsee-Anrainer den Offshore-Wind-Ausbau koordinieren.

    Alarmiert sind die Staaten nicht zuletzt durch Ereignisse wie die Sprengung der Nord-Stream-Pipeline im September 2022, die Beschädigung von Seekabeln durch die russische Schattenflotte und das Auftauchen eines russischen Zerstörers vor Fehmarn im vergangenen Dezember.

    „Den europäischen Staaten ist durch diese Ereignisse bewusst geworden, wie unvollständig das Lagebild in den gemeinsamen Seegebieten ist“, sagt Julian Pawlak von der Bundeswehruniversität Hamburg im Gespräch mit EnergieWinde. Er beschäftigt sich unter anderem mit möglichen Kriegsszenarien in deutschen Gewässern. Die Sammlung und Auswertung von Daten aus den Offshore-Windparks könne helfen, Gefahren rechtzeitig zu erkennen und zu reagieren, so Pawlak.

    Schon heute überwachen Windparks das Meer – etwa, um Vögel zu orten

    Ganz neu ist das Terrain auch für Windparkbetreiber nicht. Seit Langem dienen Kamerasysteme und Sensoren etwa der Ortung von Seevögeln. Technisch wären ein Ausbau oder eine Optimierung von Überwachungstechnologien für militärische Zwecke also möglich. Und ohnehin muss sich die Branche damit befassen. Denn Ende Januar hat der Bundestag nach langer Verzögerung mit dem sogenannten Kritis-Dachgesetz eine EU-Richtlinie umgesetzt, die zu einem besseren Schutz kritischer Infrastrukturen verpflichtet.

    Was genau auf die Betreiber zukommt, ist allerdings noch unklar. Für den Bundesverband Windenergie Offshore (BWO) stellt sich dabei die naheliegende Frage, wie weit der Staat Betreiber von Offshore-Windenergie-Anlagen für deren Schutz in die Verantwortung nehmen möchte. „Wir betrachten den Schutz vor Angriffen als staatliche Hoheitsaufgabe, die nicht an Betreiber von Offshore-Windparks delegiert werden sollte“, heißt es in einer Stellungnahme des BWO.

    Grundsätzlich zeigen sich die Unternehmen kompromissbereit, was die Zusammenarbeit mit Marine, Bundespolizei oder Zoll betrifft. Doch wer welche Kosten trägt, ist offen und damit auch für kommende und bestehende Projekte schwer zu kalkulieren.

    Dabei sollten Radar- und Sensortechnologien wie im polnischen Baltic Power schon aus finanziellen Gründen bereits in der Planungsphase mitgedacht werden. „Eine nachträgliche Einplanung gewisser Maßnahmen oder von technischem Gerät ist immer teurer und komplizierter“, sagt Wissenschaftler Pawlak. Zwar müssen wohl nicht sämtliche Windparks oder gar Turbinen entsprechend ausgestattet werden. Doch um das deutsche Seegebiet lückenlos überwachsen zu können, ist eine gewisse Dichte der Technologie nötig.

    Die dänische Marine patrouilliert in einem Nordsee-Windpark: Das Bewusstsein für potenzielle Bedrohungen ist gewachsen.

    Die dänische Marine patrouilliert in einem Nordsee-Windpark: Das Bewusstsein für potenzielle Bedrohungen ist gewachsen.

    Dass dies innerhalb kalkulierbarer wirtschaftlicher Rahmenbedingungen geschehen muss, steht aus Sicht der Branche fest. Investitionssicherheit sowie Beschäftigungs- und Versorgungssicherheit müssten berücksichtigt werden.

    Zusätzliche Anforderungen müssten deshalb stets dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit folgen: „Sie müssen rechtssicher, planbar und wirtschaftlich umsetzbar sein", heißt es in einem Statement des BWO gegenüber EnergieWinde. „Derzeit fehlt jedoch ein regulatorischer Rahmen, der es den Betreibern ermöglichen würde, mögliche Nutzungen zu Sicherheitszwecken betriebswirtschaftlich zu bewerten und in ihre Planung einzubeziehen.“

    Fließen Nato-Gelder für den Ausbau? Das fordert ein britischer Thinktank

    Eine Idee zur Finanzierung der sicherheitsrelevanten Komponenten von Offshore-Windrädern kommt unterdessen aus Großbritannien: Die Klima-Denkfabrik E3G forderte in einem zum Nordsee-Gipfel veröffentlichten Bericht, Nato-Gelder dafür einzusetzen. Auf dem Nato-Gipfel im vergangenen Jahr hatten die Mitglieder beschlossen, dass bis zu 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für ein breiteres Spektrum sicherheitsrelevanter Ausgaben genutzt werden dürfen, als Teil eines übergeordneten Verteidigungsausgabenziels von fünf Prozent. Für die Mitglieder an der Nordsee entspricht das nahezu 200 Milliarden Euro pro Jahr. E3G schlägt vor, einen Teil davon für Offshore-Wind einzusetzen.

    Wenn Sicherheitsaspekte schon in der Planung der Anlagen mitgedacht werden, profitiere die gesamte Nordsee-Region, so E3G. „Security by Design“ nennt sich dieser Ansatz. Damit sei eine Nato-Beteiligung an den Mehrkosten für eine entsprechende Ausstattung von Offshore-Windparks gerechtfertigt. Konkret heißt das: schnellere Genehmigungen, europäische statt globale Zulieferer und einheitliche technische Standards, die sowohl Sabotage-Abwehr als auch Klimaresilienz berücksichtigen.

    Breiter aufgestellte Lieferketten mit einem Schwerpunkt auf Europa sollen dabei die Resilienz stärken, indem sie Abhängigkeiten reduzieren. Zudem sollten die Nordseestaaten technische Planungs- und Ausschreibungsstandards gemeinsam weiterentwickeln.

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