Offshore-Wind in Polen

  • Search15.07.2025

Aufholjagd an der Ostsee

Polen drängt mit großen Ambitionen und viel politischer Rückendeckung in die Windkraft auf See: Ein Besuch im „Offshore Wind Valley“ zwischen Stettin und Swinemünde.

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    DWindpark Baltic Power, ein Joint Venture von Orlen und dem kanadischen Energiekonzern Northland. Geht er nächstes Jahr in Betrieb, werden die 76 Vestas-Turbinen bis zu 1,2 Gigawatt Strom liefern, fast drei Prozent des polnischen Bedarfs

    Der Windpark Baltic Power ist ein Projekt der Extraklasse: Er soll rund drei Prozent des polnischen Strombedarfs decken.

     

    Von Volker Kühn

    Ende Januar am Ufer der Swine. In der Luft liegen das Salz der nahen Ostsee und eine Spur vom blauschwarzen Dunst aus den Schornsteinen der vielen kohlebeheizten Häuser in Polen. Janusz Bil rückt seinen Helm zurecht, blickt in die Gesichter seiner Besucher und führt sie dann mit entschlossenem Schritt auf das Gelände, das sich Hunderte Meter breit und lang vor ihnen erstreckt.

    Immer wieder bleibt der Chef von Orlen Neptun stehen und preist die Vorzüge des schotterbedeckten Areals: Hier kann der Boden Lasten von 30 Tonnen pro Quadratmeter aufnehmen, dort drüben sind es sogar 50 Tonnen. Mehr als 240 Meter misst jeder der beiden Liegeplätze vorn an der Kaikante, und zwölfeinhalb Meter tief ist das Wasser. Das reicht für die größten Offshore-Wind-Schiffe der Welt.

    Was Janusz Bil seiner Besucherdelegation aus der Wind- und Hafenindustrie von halb Europa damit sagen will, ist klar: Wir sind bereit. Orlen Neptun, die Offshore-Wind-Tochter des staatlichen Mineralölkonzerns Orlen, hat hier in Swinemünde (Świnoujście) einen Hafen der Spitzenklasse gebaut.

    In der Ostsee dreht sich die erste 15-Megawatt-Turbine. Und das ist nur der Anfang

    Es herrscht unverkennbar Aufbruchstimmung in Polens Offshore-Windenergie. Das Land ist spät gestartet, aber jetzt setzt es zur Aufholjagd an. Vor wenigen Tagen meldete Orlen den Abschluss der Installation der ersten 15-Megawatt-Turbine in polnischen Gewässern auf Höhe der Städte Choczewo und Łeba. Hier entsteht der Windpark Baltic Power, ein Joint Venture von Orlen und dem kanadischen Energiekonzern Northland. Geht er nächstes Jahr in Betrieb, werden die 76 Vestas-Turbinen bis zu 1,2 Gigawatt Strom liefern, fast drei Prozent des polnischen Bedarfs.

    Und das ist nur der Anfang. Polen hat 20 Offshore-Windflächen ausgewiesen, zwei im Küstenmeer und 18 in der dahinterliegenden Ausschließlichen Wirtschaftszone. In zwei Ausbauwellen sollen bis 2040 Parks mit zusammen 17,7 Gigawatt entstehen, so plant es die Regierung in ihrer Energiestrategie. Es sei „das größte Infrastrukturprogramm des Landes“, erklärt Dominika Taranko, Chefin des Lobbyverbands Wind Industry Hub.

    Neben dem Duo Orlen/Northland sind in der ersten Welle die polnischen Konzerne PGE und Polenenergia dabei, zudem RWE aus Deutschland, Equinor aus Norwegen und Ocean Winds, ein Joint-Venture von Engie (Frankreich) und EDP (Portugal). Auch Ørsted ist dabei, der Energiekonzern, der das journalistische Angebot von EnergieWinde finanziert. In den nächsten fünf Jahren wollen die Unternehmen Parks mit zusammen knapp sechs Gigawatt bauen.

    Polen plant ein „Offshore Wind Valley“ – mit neuen Fabriken und Kaianlagen

    Wie ernst es die Polen mit ihren Plänen meinen, zeigt sich bei einer Bootstour in Stettin (Szczecin), zu der Janusz Bil seine Gäste nach dem Besuch des Terminals im Januar einlädt. Gemeinsam mit dem 60 Kilometer entfernten Swinemünde soll Stettin ein „Offshore Wind Valley“ bilden, mit Fabriken und Schwerlastkais entlang von Oder, Stettiner Haff und Swine.

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    Alle Zeichen stehen auf Wachstum

    Rafał Zahorski, Hafenentwicklungsbehörde Stettin

    Die Bootsfahrt führt vorbei am nagelneuen Turbinenwerk von Vestas, dem im kommenden Jahr eine Rotorblattfertigung folgen soll. Parallel ziehen der österreichische Baukonzern Porr und Windar Renovables aus Spanien Fabriken für Türme, Masten und Fundamente hoch. Weitere Unternehmen im In- und Ausland planen ebenfalls Produktionsstätten in der Region. „Alle Zeichen stehen auf Wachstum“, jubelt Rafał Zahorski, von der Stettiner Hafenentwicklungsbehörde.

    Polen, das sich seit Jahren so dynamisch entwickelt wie kaum eine andere Region in der EU, plant den Sprung aufs Wasser mit einer Zielstrebigkeit, die Branchenvertreter in anderen Ländern oft vermissen. Das Offshore Wind Valley dicht an der deutschen Grenze, ist dabei nicht der einzige Standort. An Polens 500 Kilometer langer Ostseeküste entstehen weitere Servicehäfen, Werke und Terminals, mit einem Schwerpunkt in Danzig (Gdańsk).

    Die Häfen sind das Nadelöhr beim Ausbau – nicht zuletzt in Deutschland

    Zwar läuft auch in Cuxhaven, Deutschlands wichtigstem Offshore-Wind-Standort, der Bau von drei zusätzlichen Liegeplätzen für Spezialschiffe und Lagerflächen von 38 Hektar. Doch vorausgegangen war ein langes Gerangel zwischen dem Bund, dem Land Niedersachsen und der Privatwirtschaft um die Finanzierung. Und auch mit den neuen Kapazitäten bleibt Deutschland auf Häfen in den Nachbarländern angewiesen. Die Stiftung Offshore Windenergie warnte bereits 2023, dass für die deutschen Ausbauziele mittelfristig Flächen von bis zu 200 Hektar fehlten. Das entspreche 270 Fußballfeldern.

    Windräder an der Oder: Die Zielstrebigkeit beim Ausbau der polnischen Offshore-Windenergie würden sich Branchenvertreter auch in anderen Ländern wünschen.

    Windräder an der Oder: Die Zielstrebigkeit beim Ausbau der polnischen Offshore-Windenergie würden sich Branchenvertreter auch in anderen Ländern wünschen.

    Weil aber das dänische Esbjerg oder Eemshaven in den Niederlanden ebenfalls stark ausgelastet sind, richtet sich der Blick hoffnungsvoll auf Polen. Künftig könnten von hier aus auch deutsche Projekte bedient werden.

    Von Konkurrenzdenken zwischen den Häfen ist auf der Bootstour in Stettin denn auch keine Spur. Im Gegenteil. „Es ist genug Arbeit für alle da“, sagt Esbjergs Hafenchef Jesper Bank. „Wir müssen uns gegenseitig helfen, so gut wir können, wenn wir die europäischen Ausbauziele erreichen wollen.“

    Dass Polen auch im Fall wechselnder Mehrheiten an der Windkraft auf See festhalten wird, halten Beobachter dabei für sicher. Zwar hatte die national-konservative PiS-Partei den Bau von Windparks an Land fast zum Erliegen gebracht. Doch hinter der Offshore-Windkraft stünden alle politischen Lager, sagt Jędrzej Wójcik vom Thinktank Forum Energii. Spätestens seit Russlands Überfall auf die Ukraine sei es Konsens, dass sich Polen möglichst unabhängig von Lieferungen aus unsicheren Ländern machen müsse.

    Wozu Janusz Bil von Orlen Neptun offenkundig auch China zählt. Auf die Frage, ob er angesichts von Kostensteigerungen und Lieferschwierigkeiten in Europa auch chinesische Turbinen kaufen würde, antwortet er mit drei kurzen Worten: „Not at all!“

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