
Baltic Power
Der Windpark Baltic Power ist ein Projekt der Extraklasse: Er soll rund drei Prozent des polnischen Strombedarfs decken.
Von Volker Kühn
Ende Januar am Ufer der Swine. In der Luft liegen das Salz der nahen Ostsee und eine Spur vom blauschwarzen Dunst aus den Schornsteinen der vielen kohlebeheizten Häuser in Polen. Janusz Bil rückt seinen Helm zurecht, blickt in die Gesichter seiner Besucher und führt sie dann mit entschlossenem Schritt auf das Gelände, das sich Hunderte Meter breit und lang vor ihnen erstreckt.
Immer wieder bleibt der Chef von Orlen Neptun stehen und preist die Vorzüge des schotterbedeckten Areals: Hier kann der Boden Lasten von 30 Tonnen pro Quadratmeter aufnehmen, dort drüben sind es sogar 50 Tonnen. Mehr als 240 Meter misst jeder der beiden Liegeplätze vorn an der Kaikante, und zwölfeinhalb Meter tief ist das Wasser. Das reicht für die größten Offshore-Wind-Schiffe der Welt.
Was Janusz Bil seiner Besucherdelegation aus der Wind- und Hafenindustrie von halb Europa damit sagen will, ist klar: Wir sind bereit. Orlen Neptun, die Offshore-Wind-Tochter des staatlichen Mineralölkonzerns Orlen, hat hier in Swinemünde (Świnoujście) einen Hafen der Spitzenklasse gebaut.
In der Ostsee dreht sich die erste 15-Megawatt-Turbine. Und das ist nur der Anfang
Es herrscht unverkennbar Aufbruchstimmung in Polens Offshore-Windenergie. Das Land ist spät gestartet, aber jetzt setzt es zur Aufholjagd an. Vor wenigen Tagen meldete Orlen den Abschluss der Installation der ersten 15-Megawatt-Turbine in polnischen Gewässern auf Höhe der Städte Choczewo und Łeba. Hier entsteht der Windpark Baltic Power, ein Joint Venture von Orlen und dem kanadischen Energiekonzern Northland. Geht er nächstes Jahr in Betrieb, werden die 76 Vestas-Turbinen bis zu 1,2 Gigawatt Strom liefern, fast drei Prozent des polnischen Bedarfs.
Und das ist nur der Anfang. Polen hat 20 Offshore-Windflächen ausgewiesen, zwei im Küstenmeer und 18 in der dahinterliegenden Ausschließlichen Wirtschaftszone. In zwei Ausbauwellen sollen bis 2040 Parks mit zusammen 17,7 Gigawatt entstehen, so plant es die Regierung in ihrer Energiestrategie. Es sei „das größte Infrastrukturprogramm des Landes“, erklärt Dominika Taranko, Chefin des Lobbyverbands Wind Industry Hub.
Neben dem Duo Orlen/Northland sind in der ersten Welle die polnischen Konzerne PGE und Polenenergia dabei, zudem RWE aus Deutschland, Equinor aus Norwegen und Ocean Winds, ein Joint-Venture von Engie (Frankreich) und EDP (Portugal). Auch Ørsted ist dabei, der Energiekonzern, der das journalistische Angebot von EnergieWinde finanziert. In den nächsten fünf Jahren wollen die Unternehmen Parks mit zusammen knapp sechs Gigawatt bauen.
Polen plant ein „Offshore Wind Valley“ – mit neuen Fabriken und Kaianlagen
Wie ernst es die Polen mit ihren Plänen meinen, zeigt sich bei einer Bootstour in Stettin (Szczecin), zu der Janusz Bil seine Gäste nach dem Besuch des Terminals im Januar einlädt. Gemeinsam mit dem 60 Kilometer entfernten Swinemünde soll Stettin ein „Offshore Wind Valley“ bilden, mit Fabriken und Schwerlastkais entlang von Oder, Stettiner Haff und Swine.