Reaktion auf Konjunkturpaket

Das Verstummen der Kritiker

Entweder Wachstum oder Klimaschutz: Nach diesem Motto wird die Energiewende oft infrage gestellt. Doch in der Wirtschaft ist man längst weiter, für sie gehört beides zusammen. Das Konjunkturpaket trägt dem Rechnung – und kommt auch bei Umweltschützern überraschend gut an.

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    „Fridays for Future“-Aktivistin: In vielen Unternehmen und Verbänden rennen de Klimaschützer mit ihren Forderungen offene Türen ein.

    „Fridays for Future“-Aktivistin: Viele Unternehmen und Verbände teilen die Ziele der Klimaschützer.

    Von Tim Schröder

    Der Klimawandel ist in voller Fahrt. Das weltweit wärmste Jahr seit Beginn der Messungen war 2016. 2018 war das wärmste Jahr in Deutschland. Und den bisherigen deutschen Hitzerekord gab es 2019 im Emsland mit 42,6 Grad.

    Doch trotz dieser extremen Werte forderten manche Politiker in den Coronakrisenwochen, beim Klimaschutz einen Gang zurückzuschalten. Es gehe darum, den wirtschaftlichen Schaden des Shutdowns zu begrenzen. Joachim Pfeiffer, wirtschafts- und energiepolitischer Sprecher der CDU, erklärte, man müsse nach Corona „Kassensturz machen“ und sehen „welche Maßnahmen wir uns noch leisten können – auch bei Klima- und Umweltschutz“. Ähnlich drückte es der CDU-Abgeordnete Thomas Bareiß aus, der im Twitter-Stakkato die CO2-Einsparziele infrage stellte: „Die Wirtschaft liegt am Boden, und dann gleich noch mal eins obendrauf. Und noch mehr Unternehmen und Arbeitsplätze gefährden. Vielleicht sollten wir jetzt mal darüber reden, wie wir Unternehmen entlasten statt belasten.“

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    Die Unternehmen haben keine Lust auf eine Rolle rückwärts

    Manfred Fischedick, Wuppertal Institut

    Für die Salzgitter AG ist Klimaschutz teuer – aber alternativlos

    Es sind nicht allein Unternehmen, die ohnehin weitgehend sauber wirtschaften und entsprechend wenige Probleme haben, ihren CO2-Ausstoß weiter zu reduzieren. Auf den Klimazug sind auch Unternehmen aus Branchen aufgesprungen, die zu den größten Emittenten überhaupt gehören. Wie die Salzgitter AG.

    Bernhard Kleinermann, Sprecher des niedersächsischen Stahlkonzerns, ist weit davon entfernt, die wirtschaftlichen Herausforderungen herunterzuspielen – und Corona mache die Sache nicht eben einfacher. „Aktuell beschäftigen uns die konjunkturellen Folgen der Coronakrise sehr intensiv. In unserem integrierten Hüttenwerk in Salzgitter fahren wir die Stahlerzeugung nur noch auf 50 Prozent der Kapazität“, sagt Kleinermann. Die beschlossene Dekarbonisierung der Gesellschaft stelle den Konzern sogar vor noch größere, ja existenzielle Herausforderungen. Dennoch weiß er, dass sich das Unternehmen diesen Aufgaben stellen muss. „Ab 2050 wird es keine Zertifikate mehr geben, wir dürfen dann kein CO2 mehr emitieren.“

    Für die Salzgitter AG ist die Sache damit klar: Das Unternehmen muss jetzt in innovative Technologien für eine CO2-arme Stahlerzeugung investieren, wenn es die Vorgaben schaffen will. Erste Schritte dazu werden in Salzgitter bereits getan.

    Die beiden Politiker machten damit eine alte Rechnung auf: wirtschaftliche Prosperität versus Klimaschutz. Doch die ist überholt; die Industrie ist längst viel weiter. Für sie geht das eine inzwischen nicht mehr ohne das andere.

    „Die Unternehmen haben keine Lust auf eine Rolle rückwärts“, sagt der wissenschaftliche Geschäftsführer des Wuppertal Instituts Manfred Fischedick. „Ab 2050 soll die Industrie in Deutschland annähernd CO2-frei sein. Der Industrie ist klar, dass sie mitmachen muss.“ Die Unternehmen hätten sich für den Klimaschutz „committed“, sagt Fischedick. Ihre Pläne für CO2-Einsparungen seien längst fertig.

    Die Stahlindustrie wünscht sich klare politische Rahmenbedingungen

    Die Stahlerzeugung gehört heute zu den größten Kohlendioxidemittenten weltweit. Auf ihr Konto gehen rund ein Drittel aller industriellen Emissionen beziehungsweise sieben Prozent der Gesamtemissionen. Das meiste Kohlendioxid entsteht in den Hochöfen, in denen Eisenoxid in Erzen mit Kohlenstoff aus Koks zu reinem Eisen und CO2 reagiert. Eine technisch machbare Alternative wäre es, reines Eisen mit regenerativ erzeugtem Wasserstoff zu produzieren. Als Endprodukt entsteht dann neben Eisen nur noch Wasser. Und genau das erprobt die Salzgitter AG bereits mit einem technischen Konzept namens Salcos.

    Doch die Kosten für solche Projekte sind hoch. „Es ist aber absolut unrealistisch, die gesamte Produktion von heute auf morgen umstellen zu können. Denn man braucht dafür erstens sehr viel Geld, das wir nicht allein erwirtschaften können, sowie zweitens klare politische Rahmenbedingungen“, sagt Kleinermann.

    Für die im internationalen Wettbewerb stehenden deutschen Stahlerzeuger sei es unmöglich, die Mehrkosten einer wasserstoffbasierten Stahlproduktion auf die Kunden umzulegen. Denn CO2-armer Stahl werde deutlich teurer; die Kunden aber hätten zurzeit keinerlei Anreize, ihn zu kaufen. Würde man den Stahlbedarf wiederum aus konventionell erzeugten Stahlimporten decken, exportierte man das Klimaproblem quasi ins Ausland.

    „Mit ihrer Wasserstoffstrategie,“ fügt Kleinermann hinzu, „hat die Bundesregierung Anfang Juni endlich die ersten Schritte in die richtige Richtung eingeleitet, die allerdings auch zügig in konkrete Maßnahmen und Regeln umgesetzt werden müssen.“

    Mehr als 60 große Unternehmen machen sich für das Zwei-Grad-Ziel stark

    Die Salzgitter AG ist nicht der einzige Konzern, der sich zur Entwicklung klimafreundlicher Technologien bekennt. Sie unterstützt gemeinsam mit mehr als 60 großen deutschen Unternehmen die Stiftung Zwei Grad. Die Liste der Förderer liest sich wie das Who’s who der deutschen Wirtschaft, sie reicht von Aldi über die Deutsche Telekom bis zur Otto-Gruppe und Thyssenkrupp. Gemeinsam verfolgen sie das Ziel, der Öffentlichkeit und der Politik konkrete Lösungen für einen ambitionierten Klimaschutz aufzuzeigen, damit das vom Weltklimarat formulierte Zwei-Grad-Ziel noch erreicht wird. Auch diese Stiftung zeigt, dass viele Unternehmen in Deutschland deutlich weiter sind als so mancher Klimaschutzkritiker in der Politik.

    Zur allgemeinen Überraschung allerdings hat die Bundesregierung die Skeptiker in den eigenen Reihen mit ihrem Anfang Juni verabschiedeten Konjunktur- und Krisenbewältigungsprogramm weitgehend ignoriert. Dem Programm können nämlich auch Umweltschützer durchaus etwas abgewinnen. Immerhin rund ein Viertel der finanziellen Mittel soll in Klimaschutzmaßnahmen fließen. „Wenn man bedenkt, wie kurzfristig die Regierung das Paket verabschieden musste, lässt es sich durchaus sehen“, sagt Fischedick vom Wuppertal Institut. Es enthalte viele gute Impulse. Damit es umfassend nachhaltig wirke, müsse aber noch nachgebessert werden.

    Forscher sehen das Klimapaket als Schritt in die richtige Richtung

    Positiv wertet das Institut in seiner aktuellen Stellungnahme, dass der regionale Personennahverkehr finanziell unterstützt wird. Auch die Zusage, dass Kommunen für Klimaschutzmaßnahmen künftig einen geringeren Eigenanteil übernehmen müssen, sei eine richtige Entscheidung. Fischedick und seine Kollegen vermissen allerdings eine stärkere Förderung der energetischen Sanierung von Gebäuden – dabei sei dies hierzulande einer der größten Hebel, um den Energieverbrauch zu senken. Die angekündigte Senkung der Mehrwertsteuer fördere wiederum den Autoverkehr, weil der Spritpreis sinke. Sinnvoller sei der Ausbau von Infrastrukturen für Fußgänger und Radfahrer, damit mehr Bürger das Auto stehen lassen.

    „Insgesamt sind wir mit dem Paket dennoch auf einem guten Weg“, sagt Fischedick. „Es ist wichtig, in den kommenden Monaten nicht nachzulassen, damit die Impulse, die jetzt ausgelöst werden, langfristig eine Wirkung erzielen.“ Eines immerhin sei sicher: Die kritischen Stimmen in der Union und anderen Parteien verstummen langsam.

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