Green Finance und Coronakrise

Grüner Rettungsschirm

Wenn Europa CO2-neutral werden will, muss mehr Geld in den Klimaschutz fließen, von Staaten, aber auch von der Finanzindustrie und Privatanlagern. Der Schlüssel dazu ist Green Finance: Wie die Politik nachhaltige Finanzprodukte fördern will – und damit zugleich die Folgen der Coronakrise bekämpft.

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    Green Finance ist der Schlüssel zum wirtschaftlichen Wiederaufbau nach der Coronakrise und im Kampf gegen den Klimaschutz: Wie Deutschland und die EU grüne Finanzprodukte fördern wollen.

    Frankfurter Bankenviertel: Die Finanzwirtschaft könnte eine der mächtigsten Waffen im Kampf gegen den Klimawandel werden.

    Von Kathinka Burkhardt

    Am Willen mangelt es nicht: Der wirtschaftliche Wiederaufbau nach Corona muss „grün“ sein. Dafür wirbt Angela Merkel auf dem Petersberger Klimadialog, dafür spricht sich die EU-Kommission aus, dafür machen sich fast 70 große deutsche Unternehmen stark, die in einem gemeinsamen Appell ein Klima-Konjunkturprogramm fordern. Sie alle sind sich einig, dass die Milliarden, die Europa jetzt zur Bewältigung der Krise investiert, für einen nachhaltigen Umbau der Wirtschaft genutzt werden müssen.

    Die Pandemie könnte damit einem Thema zum Durchbruch verhelfen, das in Fachforen und auf Expertenebene seit Jahren diskutiert wird, bisher aber nie ganz oben auf der Agenda stand: Green Finance. Dahinter steht die Idee, all das Geld, das Investoren wie Banken, Fonds und Versicherungen auf der Jagd nach Renditen anlegen, so umzulenken, dass es Umwelt und Klima hilft. Die Finanzwirtschaft könnte damit zu einer der mächtigsten Waffen im Kampf für eine nachhaltige Zukunft werden.

    „Schon vor der Krise war klar, dass politische Investitionen nicht ausreichen werden, damit die Welt einen großen Schritt in Sachen Klimaschutz macht“, sagt Ralf Breuer, Referent und Experte für nachhaltige Finanzen, im Gespräch mit EnergieWinde. „Auch private und institutionelle Gelder müssen sich hin zu nachhaltigen Investments verschieben.“

    Nicht Idealismus, sondern Kalkül treibt die CEOs: Klimaschutz ist Anlageschutz

    Zwei Gründe sprechen dafür, dass die im Zuge der Coronakrise aufgeflammte Debatte um Green Finance mehr als ein Strohfeuer ist. Zum einen hat die EU bereits ein Konzept auf dem Tisch, mit dem größere private Kapitalströme in klimaschonende Unternehmen und Projekte gelenkt werden können. Zum anderen, und noch wichtiger: Die Finanzwelt hat begriffen, dass Investieren in Zeiten des Klimawandels immer gefährlicher wird.

    „Das Klimarisiko ist auch ein Anlagerisiko“, schrieb schon im Januar Larry Fink, Chef des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock, und rief die CEOs rund um den Globus dazu auf, ihre Konzerne auf Nachhaltigkeit zu trimmen. Das ist kein Zeichen von Idealismus, sondern nüchternes Kalkül: je weniger Risiken, desto sicherer die Geldanlage und desto größer der Gewinn. „Schon bald und – und früher als erwartet – wird es zu einer erheblichen Umverteilung von Kapital kommen“, glaubt Fink.

    „Grün“ und „nachhaltig“ sind keine Synonyme. Es gibt Unterschiede

    Die Frage ist, wie genau diese Umverteilung funktionieren soll. Das fängt schon bei den Begrifflichkeiten an. Green Finance meint die Finanzierung von Anlageprodukten, die zu einer Senkung der CO2-Emissionen und dem Schutz der Umwelt beitragen. Die Idee entstammt der Erkenntnis, dass der Kampf für eine klimaschonende Zukunft nicht ohne die Finanzindustrie zu gewinnen ist: Sie muss die globalen Geldströme von umweltschädigenden Unternehmungen weg und hin zu sauberen Produkten lenken.

    Zu einem nachhaltigen Finanzsystem gehört aber noch mehr als Klimaschutz. Das wird klar, wenn man sich die 17 Nachhaltigkeitsziele der UN anschaut, in denen es unter anderem um den Kampf gegen Armut, Hunger oder Diskriminierung geht. In der öffentlichen Diskussion werden Green Finance und Sustainable Finance oft synonym verwendet. Dabei ist Ersteres nur ein Teilaspekt von Letzterem. Aus Sicht von Ralf Breuer ist der ganzheitliche Ansatz der sinnvollere: „Die Coronapandemie hat gezeigt, wie verwundbar unsere Gesellschaft ist und dass nicht nur der Klimawandel, sondern auch andere nachhaltige Themen dringend in den Fokus rücken müssen, um ähnliche Krisen zu verhindern“, sagt der Betreiber des Blogs Investabel.com.

    Mit der „grünen Taxonomie“ sollen saubere Produkte leichter zu erkennen sein

    Breuer kritisiert seit Langem, dass es gerade in Deutschland bislang zu wenige Anlageprodukte gebe, die grünen oder nachhaltigen Kriterien entsprechen. Doch das könnte sich bald ändern. Anfang des Jahres haben sich das EU-Parlament und der Ministerrat auf die sogenannte grüne Taxonomie geeinigt. Dieses Klassifizierungssystem unterteilt Anlageprodukte, also Investments in Unternehmen, Staaten oder auch Projekte, in drei Kategorien:

    • Emissionsarmes oder -freies Wirtschaften erhält das Label „Zero-Carbon“. Dazu gehören etwa Aufforstungsprojekte oder Transportunternehmen, die ohne fossile Treibstoffe auskommen.
    • Wer im Vergleich zu seiner Branche besondere Maßnahmen vorantreibt, um weniger Emissionen freizusetzen, bekommt das Label „Transition“.
    • Und ein Unternehmen, das dazu beiträgt, dass andere weniger Emissionen freisetzen, wie etwa ein Hersteller von Windrädern, bekommt das Label „Enabeling“.

    Bereits seit vergangenem Jahr verpflichtet eine EU-Verordnung zudem Großinvestoren wie Banken und Fonds, die Kriterien darzulegen, nach denen sie Anlageprodukte als „nachhaltig“ bewerben. Zusammen mit der Taxonomie sollen grüne Produkte so leichter zu identifizieren sein und mehr Kapital anlocken.

    Trotzdem bleibe es gerade für Kleinanleger schwierig zu überprüfen, inwieweit ein Produkt wirklich grün oder nachhaltig ist – zumal die Banken bislang wenig Passendes im Angebot hätten, sagt Breuer. Zwar gibt es Indizes, die Aktien von Unternehmen aus den Branchen Alkohol, Tabak, Glücksspiel, Waffen und Atomkraft ausschließen. Doch darin finden sich Konzerne wie Nestlé, BMW oder McDonald's, deren Geschäftsmodell durchaus nicht unbedingt im Einklang mit Umweltschutz und Nachhaltigkeit stehen muss.

    Mit Ökostrom können auch klimaschädliche Projekte betrieben werden

    Daran zeigt sich ein Problem von Green Finance: Die Grenzen von Klimaschutz und Nachhaltigkeit sind schwer zu erkennen. Ein Beispiel: Ein Bauer in Kenia baut Rosen an und verwendet ausschließlich mit Ökostrom betriebene Maschinen. So weit so gut. Dann schließt er einen Vertrag mit einem deutschen Händler und kauft mit dem Geld Land hinzu. Wo zuvor Gemüse für die lokale Bevölkerung wuchs, stehen nun Rosen für deutsche Haushalte, die mit dem Flugzeug transportiert werden und beim Anbau große Mengen Wasser verbrauchen. „Nur weil der Bauer auf Diesel verzichtet hat und CO2-arm agiert, ist seine Unternehmung noch lange nicht gänzlich umweltschonend oder gar nachhaltig“, erklärt Breuer.

    Noch arbeiten die Mitgliedsstaaten mit nationalen Beratergremien wie dem deutschen Sustainable-Finance-Beirat an dem Problem der genauen Ausformulierung der Taxonomie. „Was die EU damit vorangetrieben hat, ist ordentlich“, sagt Breuer. „Es fehlt allerdings noch eine Art Schiedsgericht, das den Markt beobachtet und gegebenenfalls auch sanktioniert.“

    Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht hat zumindest vergangenes Jahr das Thema Nachhaltigkeitsrisiken in ihren Pflichtenkatalog aufgenommen: Sie erwartet von Banken und Finanzdienstleistern, dass sie ihre Anlagewerte auf Klimarisiken prüfen und entsprechend bewerten. Noch mehr Einfluss könnte die die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) nehmen: Christine Lagarde hat angekündigt, bei der anstehenden Überprüfung der EZB-Leitlinien Risiken des Klimawandels stärker zu berücksichtigen.

    Die Kriterien zur grünen Geldanlage beeinflussen die Rettungspakete

    Aber was bedeutet das alles für die anstehenden Konjunkturprogramme der europäischen Staaten? Zumindest steht fest, dass der Druck auf die Politik groß ist. Die grüne Taxonomie dürfte bereits in einigen Gesprächen eine Rolle spielen, da vor allem direkte wirtschaftliche Investitionen von Regierungen mindestens genauso transparent und verantwortbar sein müssen wie die anderer Anleger.

    Immerhin scheinen die ersten Regierungen zu ahnen, dass ihnen Ärger droht, sollten sie Industrien mit hohen CO2-Emissionen bedingungslos stützen. So hat Frankreich das Geld zur Rettung von Air France an Klimaschutzmaßnahmen geknüpft. Bis 2024 muss die Airline 50 Prozent der Emissionen auf Inlandflügen reduzieren, also zahlreiche Verbindungen streichen. Bis 2025 soll Air France zudem auf zwei Prozent der Flüge emissionsarmen Kraftstoff einsetzen.

    Deutschland will die heimische Fluggesellschaft Lufthansa ebenfalls mit Milliarden retten. Ob das an Klimaschutzbedingungen gebunden ist, steht noch nicht fest.

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