• Search17.10.2021

Meeresenergie in Frankreich

Bretonische Fluten

Die Stromerzeugung auf dem Meer spielt in Frankreich eine Nebenrolle. Doch das soll sich ändern. Neben den bekannten Offshore-Windparks setzt das Land dabei auf zwei neue Technologien: schwimmende Windräder und Strömungsturbinen. Experten trauen ihnen Großes zu.

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    Frankreich setzt auf Meeresenergie: Hier wird eine Strömungsturbine in der Bretagne zu Wasser gelassen. Sie kann bis zu 1,1 Megawatt Strom erzeugen. Foto: Sabella Balao

    Vor der bretonischen Küste wird eine Strömungsturbine zu Wasser gelassen. Kapazität: 1,1 Megawatt.

     

    Von Angelika Nikionok-Ehrlich

    Der Bau von Offshore-Windparks in Frankreich hat gerade erst begonnen, doch angesichts der riesigen Potenziale der Meeresenergie vor dem küstenreichen Land richten sich die Blicke bereits auf andere Offshore-Technologien. Wegen der großen Wassertiefen stehen vor allem schwimmende Windräder im Fokus. Aber auch die Energie von Meeresströmungen und Wellen soll genutzt werden. Und so ist eine ganze Reihe von Pilotprojekten in Planung oder in ersten Teststadien. Pionier dabei ist die Bretagne im Westen Frankreichs.

    Bei schwimmenden Windrädern – in Frankreich éoliennes flottantes genannt, während die Branche meist von Floating-Wind spricht – strebt das Land sogar eine Führungsrolle an. Hier steht die Entwicklung noch am Anfang: Neben einigen Testanlagen sind erst zwei kleinere Parks in Europa installiert: Hywind in Schottland seit 2017 mit 30 Megawatt und WindFloat Atlantic in Portugal mit 25 Megawatt.

    Das Potenzial ist riesig: 33 Gigawatt könnte Floating-Wind in Frankreich liefern

    80 Prozent der europäischen Windressourcen liegen in Meeresgebieten mit Wassertiefen von mehr als 60 Metern. Das sei „eine Grenze, über die hinaus eine wirtschaftliche Nutzung fest installierter Windräder nicht vorstellbar ist“, heißt es in einem Bericht der französischen Institution zur Regulierung der Energie (CRE) vom Juni. Hier kommen folglich nur schwimmende Anlagen infrage. Das weltweite Potenzial für Floating-Wind liege bei 3500 Gigawatt. Für Frankreich, das über die zweitgrößte Meereszone nach den USA verfügt, geht man von 33 Gigawatt aus.

    Mit dem schwimmenden Windrad Floatgen im Atlantik hat auch in Frankreich das Zeitalter der Offshore-WIndkraft begonnen.

    Pilotanlage vor der Bretagne: Seit 2018 liefert das schwimmende Zwei-Megawatt-Windrad des französischen Betreibers Ideol Strom.

    Allerdings liegen die Kosten für schwimmende Anlagen derzeit noch weitaus höher als für die fest im Meeresgrund installierten Windräder. Die im April 2020 veröffentlichte mehrjährige Programmplanung für Energie(PPE) der französischen Regierung gibt für die ersten kommerziellen Projekte einen Preis von 110 respektive 120 Euro pro Megawattstunde an. Zum Vergleich: Ein geplanter Offshore-Windpark vor Dünkirchen erhielt den Bauzuschlag für eine Vergütung von 44 Euro pro Megawattstunde. Mittelfristig solle es aber eine Angleichung der Tarife für die beiden Technologien geben.

    Der Test wird ausgedehnt: mit drei schwimmenden 9,5-Megawatt-Turbinen

    Ein erstes schwimmendes Windrad mit zwei Megawatt Leistung wird seit 2018 bei Le Croisic vor der bretonischen Küste getestet. In größerem Maßstab erprobt werden soll die Technologie in einer Pilotanlage nahe der Insel Belle-Ile ab 2024. Geplant sind drei Vestas-Maschinen mit je 9,5 Megawatt. Für das Projekt haben sich Shell Eolfi, CGN Europe Energy und eine auf regionale Investitionen spezialisierte Bank zusammengeschlossen.

    Die atlantischen Bedingungen sind kompliziert“, sagt Shell-Manager Christophe Chabert. Er nennt die bis zu zwölf Meter hohen, langen Wellen und die weite Entfernung von der Küste, die sehr lange Kabel erforderlich mache. Auch habe es Einsprüche gegen das Projekt gegeben. Laut der PPE sollte in diesem Jahr ein Park mit schwimmenden Anlagen und einer installierten Leistung von 250 Megawatt vor der Südküste der Bretagne bezuschlagt werden. Für 2022 ist die Ausschreibung für zwei Parks mit je 250 Megawatt im Mittelmeer vorgesehen.

    Floating-Wind: Die Infografik zeigt die Prognose der jährlichen Neuinstallation von schwimmenden Windrädern bis 2030 laut dem GWEC. In Europa und Asien sind die meisten Projekte geplant. Infografik: Benedikt Grotjahn

    Um das Projekt in der Bretagne konkurrieren mehrere Konsortien. Dazu gehört der französische Ableger des deutschen Unternehmens WPD, das dabei mit Vattenfall und dem Floating-Wind-Pionier BlueFloat Energy kooperiert. Carlos Martin, CEO von BlueFloat, hebt die positiven Erfahrungen mit schwimmenden Anlagen in Schottland hervor: Sie seien zu fast 100 Prozent verfügbar. Umso erfreulicher sei, dass Frankreich als erstes Land in Europa Ausschreibungen für schwimmende Windparks starte.

    Wichtig sei bei den Projekten die Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren. Es ist das erklärte Ziel der Franzosen, kleine und mittlere Unternehmen beim Bau der Offshore-Technologien einzubeziehen. Denn die Wertschöpfung soll weitgehend im Land erfolgen – ein Aspekt, der entsprechenden Bewerbern Vorteile in den Ausschreibungen verschafft.

    Auch mit Meeresströmungen lässt sich Energie erzeugen. Sehr verlässlich sogar

    Der Wind ist allerdings nicht die einzige Energiequelle auf dem Meer, die in Frankreich angezapft wird. Technologien, die die kinetische Energie der Meeresströmung bei Ebbe und Flut nutzen, gelten ebenfalls als vielversprechend. Ihr Vorteil: Die Maschinen mit ihren sich drehenden Rotoren werden unter Wasser eingesetzt, sind also nicht sichtbar, was zu größerer Akzeptanz führt. Hinzukommt die Vorhersagbarkeit der Stromproduktion, denn die Tiden sind im Voraus bekannt. Beim Erneuerbaren-Verband SER schätzt man das Potenzial der sogenannten Hydrolienne-Technologie für Frankreich auf 3000 bis 5000 Megawatt.

    Eine Strömungsturbine am Hafen in der Bretagne: Frankreich setzt zunehmend auf Strom vom Meer. Foto: Sabella Balao

    Strömungsturbine des Herstellers Sabella: Im Norden der Bretagne gibt es die stärksten Meeresströmungen Europas.

    Zudem wird erwartet, dass Strömungsturbinen schnell wettbewerbsfähig werden, da sie auf vorhandenen Bestandteilen und Infrastrukturen aufbauen, etwa dem getriebelosen Antrieb. In Frankreich sind die Hauptakteure die Firmen Hydroquest und Sabella. Die Zusammenarbeit von Hydroquest mit CMN (Constructions mécaniques de Normandie) ist ein gutes Beispiel dafür, wie vorhandene Kompetenzen und Strukturen in den Küstenregionen genutzt werden können: So verfügt CMN in der Hafenstadt Cherbourg über Produktionskapazitäten für die Turbinen und Werftkapazitäten für die Installationsschiffe.

    Mehrere Projekte stehen vor dem Start. Der Durchbruch für Strömungsturbinen?

    In der Kanal-Passage Raz Blanchard (zwischen dem Cap de la Hague und der normannisch-britischen Insel Aurigny), wo es eine der stärksten Meeresströmungen Europas gibt, wollen HydroQuest und Quair Marine nun eine Pilotfarm bauen. Im Projekt FloWatt werden sieben Strömungsturbinen mit je 2,5 Megawatt gebaut, die Inbetriebnahme ist 2025 geplant. Sabella, in der Bretagne Pionier der Hydrolienne-Technologie, hatte 2008 mit Tests einer Maschine in der Mündung des Flusses Odet begonnen. Im Januar 2021 kam mit der Übernahme der Hydrolienne-Aktivitäten von GE weiteres Know-how hinzu. Nun will Sabella zwei Parks in der Bretagne installieren, einen bei der Insel Ouessant (Projekt Phares) und einen im Golfe du Morbihan (Projekt Tiger). Für die Produktion der Turbinen wird eine Fabrik bei Brest gebaut.

    Gezeitenkraftwerk an der Rance in in der Bretagne (Frankreich): Die 1966 ans Netz gegangene Anlage nutzt den Tidenhub des Atlantiks, um Strom zu erzeugen.

    Gezeitenkraftwerk an der Rance in der Bretagne: Die Anlage nutzt bereits seit 1966 den Tidenhub des Atlantiks, um Strom zu erzeugen.

    Die weit vor der Nordwestküste der Bretagne gelegene Insel Ouessant will in der Zukunft energieautark werden. Dafür ist eine Kombination verschiedener Erneuerbaren-Technologien geplant, wobei die Nutzung der Strömungsenergie zur Stromproduktion eine tragende Rolle spielt. Auch für diese Technologie ist die Kostensenkung elementar. Die Akteure peilen für die ersten 1000 installierten Megawatt 50 bis 100 Euro pro Megawattstunde an, das wäre ein Viertel oder die Hälfte der aktuellen Kosten.

    „Ouessant ist ein Leuchtturm-Projekt“, sagt Sabella-Aufsichtsratschef Benoît Bazire. Er ist ein erfahrener Energiemanager, früher war er unter anderem Chef von Areva TA. Bei der EU sieht man es ähnlich, weshalb das Projekt aus Brüssel gefördert wird.

    Es tut sich also viel auf dem Meer vor den französischen Küsten. Und Wind und Wellen sorgen dafür, dass auch auf dem Land viel in Bewegung gerät.

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