• Search29.12.2021

Abschaltung von Kraftwerken

Kohle raus, Wind rein

Windparks werden oft gedrosselt, weil der Strom von Kohle- und Atomkraftwerken die Netze verstopft. Doch jetzt gehen drei Reaktoren vom Netz und der Kohleausstieg wird vorgezogen. Ist damit endlich mehr Platz für Erneuerbare frei? Ein Blick in die Zukunft der Leitungen.

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    Vergangenheit trifft Zukunft: Am Rande des Tagebaus Garzweiler stehen Windräder. Durch den vorgezogenen Kohleausstieg wird Platz für Ökostrom im Stromnetz frei.

    Vergangenheit trifft Zukunft: Am Rande des Kohletagebaus Garzweiler stehen Windräder.

     

    Von Daniel Hautmann

    Brokdorf, Gundremmingen 2, Grohnde: Zum Jahreswechsel gehen drei Atomkraftwerke mit einer Kapazität von zusammen 4,2 Gigawatt vom Netz. Auch für elf Kohlekraftwerke mit insgesamt 4,8 Gigawatt markiert 2021 das Aus. In Summe schrumpft die Kapazität der konventionellen Kraftwerke in Deutschland also um fast neun Gigawatt.

    Für die erneuerbaren Energien ist das eine gute Nachricht. Denn sie sollen den wegfallenden konventionellen Strom nach und nach ersetzen. Schon in der Vergangenheit hätten Wind- und Solarparks oft mehr Strom liefern können, als sie tatsächlich ins Netz einspeisten, doch die großen Kohle- und Atomkraftwerke standen ihnen im Weg. Denn im Stromnetz müssen sich Erzeugung und Verbrauch stets die Waage halten, ansonsten drohen Blackouts. Weil aber Kohle- und Atommeiler zu behäbig sind, um ihre Leistung bei Stromüberschüssen kurzfristig zu drosseln, regelten die Netzbetreiber meist Wind- und Solarparks ab.

    Ein Beispiel ist das Kernkraftwerk Brokdorf. Es steht im Norden der Republik in einer Region mit zahlreichen Windparks an Land und auf See. Hier werden regelmäßig Windturbinen abgeregelt, wenn die Netze zu überlasten drohen. 2020 wurden nach Angaben von Professor Bruno Burger vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE rund sechs Terawattstunden Ökostrom abgeregelt. Durch die Abschaltung von Brokdorf „werden Netzkapazitäten für die Windenergie frei und es kann mehr erneuerbarer Strom eingespeist werden“, schrieb Burger auf Twitter.

    Der Ausstieg ist besiegelt: In Zukunft gehört das Netz den Erneuerbaren

    2022 gehen auch die letzten verbliebenen Atomkraftwerke vom Netz: der Meiler Emsland in Niedersachsen, Neckarwestheim 2 in Baden-Württemberg und Isar 2 in Bayern. Hinzukommen mindestens drei Steinkohlekraftwerke in NRW. Da die Ampelkoalition den ursprünglich für spätestens 2038 geplanten Kohleausstieg „idealerweise“ auf 2030 vorziehen will, dürften schon bald weitere Meiler hinzukommen.

    Atom- und Kohlekraftwerke in Deutschland: Die Karte zeigt die Standorte der großen Braunkohle- und Steinkohlekraftwerke sowie der verbliebenen AKW. Infografik: Benedikt Grotjahn

    In den kommenden Jahren wird im Netz also viel Platz für Erneuerbare frei, den bislang konventioneller Strom blockiert. Was aber bedeutet der vorgezogene Kohleausstieg für den Netzausbau, eines der zentralen Hemmnisse der Energiewende? Müssen am Ende weniger neue Leitungen gebaut werden, weil der Ökostrom aus dem windreichen Norden seinen Weg in die Verbrauchszentren im Süden über die Trassen stillgelegter Kohlemeiler findet?

    Viele kleine Energiequellen ersetzen wenige große: Das Stromnetz wird komplexer

    So einfach ist es leider nicht. Tatsächlich wachsen die Anforderungen an die Netzbetreiber durch den Umstieg auf sauberen Strom sogar. Denn anstelle einer überschaubaren Zahl gleichmäßig laufender Großkraftwerke müssen sie mehr und mehr dezentrale Wind- und Solarparks managen, deren Stromproduktion mit dem Wetter schwankt. An einem beschleunigten Ausbau der Netze führe deshalb kein Weg vorbei, heißt es beim Netzbetreiber Tennet.

    Zwar sinke die Erzeugungskapazität, wenn Kohle- und Atomkraftwerke abgeschaltet werden. Das bringe aber keine automatische Entlastung für die Leitungskapazitäten mit sich, schließlich müssten andere Kraftwerke oder Stromimporte die fehlende Leistung kompensieren. „Das bedeutet für uns, dass wir noch häufiger in den Netzbetrieb eingreifen müssen“, sagt Tennet-Sprecher Mathias Fischer gegenüber EnergieWinde. Ähnlich äußerte sich der Netzbetreiber Amprion in einer Mitteilung. Immerhin, so Tennet, zeige der Ausbau erste Erfolge im hohen Norden, wo inzwischen weniger Netzeingriffe nötig seien als in den Vorjahren.

    Auch der Energieexperte Christoph Podewils sieht durch die Stilllegungen keine Entlastung für den Trassenbau. „Bei der Netzplanung wurden die Abschaltungen ja bereits berücksichtigt. Somit werden keine Kapazitäten frei, sondern eher umgeleitet“, sagt Podewils im Gespräch mit EnergieWinde.

    Triste Kulisse: Das Kohlekraftwerk Niederaußem in Nordrhein-Westfalen. Nach dem Kohleausstieg wird mehr Ökostrom durch das deutsche Stromnetz fließen.

    Kohlekraftwerke (hier Niederaußem in NRW) haben im ersten Halbjahr gut ein Viertel des deutschen Stroms geliefert. Die Kernkraft steuerte zwölf Prozent bei.

    Während der Ausstieg aus Kohle- und Atomkraft für den Netzausbau also keine Entspannung bedeutet, geben Experten an anderer Stelle Entwarnung: Die Versorgungssicherheit sei auch nach der Stilllegung der konventionellen Kraftwerke gewährleistet. Es stünden weiterhin genügend Kapazitäten zur Verfügung, erklärt die Bundesnetzagentur. „Der Ausstieg passiert ja nicht ungeplant. Die Stilllegung muss angemeldet werden und dabei wird natürlich auch auf die Versorgungssicherheit geachtet“, sagt Behördensprecher Fiete Wulff auf Anfrage. Und Volker Quaschning, Spezialist für erneuerbare Energien an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin, verweist gegenüber EnergieWinde darauf, dass auch zwischen 2016 und 2020 Kraftwerke mit einer Kapazität von elf Gigawatt vom Netz genommen wurden. „Da gab es ja auch keine Blackouts“, sagt er.

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