Meeresbiologe Thilo Maack

„Wir errichten echte Schutzgebiete“

Greenpeace-Aktivisten haben Findlinge als Barriere gegen Schleppnetze in der Ostsee versenkt. Thilo Maack erklärt, warum das nötig war, wie die Meere unter Vermüllung, Überfischung und Klimakrise leiden und welche Perspektive er für die Offshore-Windenergie sieht.

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    Das Greenpeace-Schiff „Beluga II“ versenkt einen Stein im Schutzgebiet Adlergrund in der Ostsee.

    Herr Maack, Sie und Ihre Kollegen haben im Sommer das Schutzgebiet Adlergrund in der Ostsee abgetaucht. Was haben Sie dabei entdeckt?
    Thilo Maack: Wir haben eindeutige Indizien dafür gefunden, dass in diesem Gebiet mit Schleppnetzen gefischt worden ist. Es gibt dort Steine auf dem Meeresgrund, von denen der natürliche Bewuchs mit Algen und Muscheln regelrecht abrasiert wurde. Das ist eine Katastrophe, die Ökosysteme werden umgepflügt und zerstört. Darunter leiden die ohnehin schon gefährdeten Bestände von Schweinswalen, Fischen und Seevögeln.

    Verboten ist diese Art der Fischerei aber nicht.
    Maack: Das ist ja der Skandal! Deutschland hat fast die Hälfte seiner Nord- und Ostsee unter Schutz gestellt. Aber der Schutz existiert nur auf dem Papier. Es ist nach wie vor erlaubt, in diesen Zonen mit Schlepp- oder Stellnetzen zu fischen, Sand- und Kies abzubauen oder Öl und Gas zu fördern. Was, bitte schön, hat das mit Schutz zu tun?

    Immerhin hat das Bundesumweltministerium angekündigt, die Schleppnetzfischerei im Adlergrund zu verbieten.
    Maack: Ja, aber das war schon Anfang 2019, und passiert ist seither nichts. Es gibt offenbar keinen politischen Willen, die Pläne in die Tat umzusetzen. Deswegen haben wir die Sache jetzt in die eigene Hand genommen und 80 Natursteine im Adlergrund versenkt. Wir errichten damit echte Schutzgebiete in der Ostsee.

    Wie genau schützen die Steine die Tier- und Pflanzenwelt?
    Maack: Die Brocken sind bis zu einer Tonne schwer. Wer mit seinem Fischfangerät darüber fährt, riskiert, dass es zerstört wird. Wir haben die genaue Position der Steine gemeldet, damit potenzielle Schleppnetzfischer wissen, welche Zonen sie künftig meiden müssen.

    Verändern Sie durch die Steine nicht auch das natürliche Ökosystem?
    Maack: Wir haben nur Granitblöcke versenkt, die ohnehin in diesem Gebiet vorkommen. Damit haben wir die natürlichen Steinriffe, die es dort unten gibt, gewissermaßen vergrößert. Die Naturverträglichkeit haben wir vorher von einer unabhängigen Stelle untersuchen lassen. Im Übrigen haben wir vor einigen Jahren im Schutzgebiet Sylter Außenriff in der Nordsee schon einmal Steine versenkt. Die Gebiete sind inzwischen in den Seekarten verzeichnet; es wird davor gewarnt, dort mit Schleppnetzen zu fischen. Ich bin später selbst dort getaucht und muss sagen, dass sich die Meereswelt dank der Steine erstaunlich gut erholt.

    Mit ihrer Aktion haben Sie sich viel Ärger eingehandelt. Die Behörden drohen mit Bußgeldern; die Fischer sagen, sie würden zu Unrecht an den Pranger gestellt.
    Maack: Die Fischer behaupten, dass sie ohnehin keine Grundschleppnetze im Adlergrund einsetzen. Wenn das stimmt, kann ihnen die Aktion ja egal sein. Aber davon mal abgesehen: Greenpeace ist keine Anti-Fischfang-Organisation. Wir haben nur etwas gegen Überfischung. Die Fischer müssen verstehen, dass die Grundlage eines florierenden Betriebs nicht möglichst hohe Fangquoten sind, sondern möglichst gesunde, große Fischbestände.

    Fotostrecke: Greenpeace
    versenkt Steine in der Ostsee

    „Echter Schutz für unsere Meere“: Von Bord des Zweimasters „Beluga II“ haben Greenpeace-Aktivisten ihre Forderung bei Nacht auf den berühmten Kreidefelsen auf Rügen projiziert. Die Besatzung ...

    ... war im Juli und August in der Ostsee unterwegs, um sich ein Bild von der Situation im Meeresschutzgebiet Adlergrund zu machen. Auf dem Meeresgrund fanden die Taucher nach eigenen Angaben …

    ... klare Indizien für den Einsatz von Schleppnetzen. Der natürliche Bewuchs durch Miesmuscheln und Algen sei von den Felsen auf dem Grund regelrecht abrasiert worden. Außerdem stießen die Taucher ...

    ... auf sogenannte Geisternetze – verlorengegangene oder entsorgte Fischernetze, die tausendfach durch die Weltmeere treiben. Darin verfangen sich immer wieder Fische wie diese Flunder. Eine Gefahr ...

    ... sind Geisternetze aber auch für andere Meerestiere wie Robben, Wale, Schildkröten oder Tauchvögel. Dieses Netz fanden die Taucher in einem Schutzgebiet im Fehmarnbelt. Ein Verbot ...

    ... der Schleppnetzfischerei in Schutzgebieten wird zwar seit Längerem diskutiert, umgesetzt wurde es bislang aber nicht. Die Umweltaktivisten haben deshalb große Steine an Bord ...

    ... der „Beluga II“ geladen, um sie in den Schutzgebieten zu versenken. Sie sollen Fischer davon abhalten, ihre Schleppnetze dort auszuwerfen. Die Aktion stieß bei Fischern und Behörden ...

    ... auf scharfen Protest. Die Aktion sei illegal kritisierte der Fischereiverband Mecklenburg-Vorpommern. „Das ist Selbstjustiz“, sagte Verbandschef Michael Schütt im NDR. Mehrfach stattete die Polizei

    ... den Aktivisten Besuche ab, sowohl an Land als auch auf See. Doch trotz der Androhung von Bußgeldern hielt die Umweltschutzorganisation an ihrem Vorhaben fest. Insgesamt ...

    ... versenkten die Aktivisten 80 Granitblöcke, die teilweise bis zu einer Tonne schwer waren. Es habe sich ausschließlich um Gesteinstypen gehandelt, die ohnehin in dieser Region vorkommen, erklärten ...

    ... die Umweltschützer. Die Steine würden das natürliche Riff im Adlergrund vergrößern und zum Lebensraum für zahlreiche Arten werden, hieß es. Letztlich profitierten auch die Fischer ...

    ... von der Aktion, erklärte der Greenpeace-Meeresbiologe Thilo Maack. Schließlich seien die Grundlage florierender Fischfangbetriebe nicht möglichst hohe Fangquoten, sondern große und gesunde Fischbestände.

    Die Quoten sind heute doch längst nicht mehr so hoch wie etwa in den Neunzigern …
    Maack: … aber vielfach immer noch höher, als es die Wissenschaft empfiehlt! Im Oktober werden die neuen Fangquoten verhandelt. Der Internationale Rat für Meeresforschung empfiehlt zum Beispiel für den Hering in der deutschen Ostsee eine Nullquote. Ich bin gespannt, ob die Minister den Rat beherzigen. Fast 90 Prozent der kommerziell genutzten Bestände weltweit sind überfischt oder stehen kurz davor. Die Meere befinden sich in einer historischen Krise. Schuld daran haben die Vermüllung durch Plastik und anderen Dreck, der Klimawandel und die Überfischung. Gegen alle drei Ursachen müssen wir vorgehen.

    Anführungszeichen

    Die Erhöhung der Ausbauziele ist grundsätzlich richtig. Aber auch für Windräder gilt: In Schutzgebieten haben sie nichts zu suchen!

    Thilo Maack

    Stichwort Klimawandel: Mit der Offshore-Windenergie gibt es seit einigen Jahren einen weiteren Akteur, der die Meere nutzt. Wie stehen Sie dazu?
    Maack: Wir brauchen Offshore-Wind definitiv, um die Klimaziele zu erreichen. Die Erhöhung der Ausbauziele ist daher grundsätzlich richtig. Aber auch für Windräder gilt: In Schutzgebieten haben sie nichts zu suchen! Der Ausbau muss naturverträglich bleiben.

    Könnten die Windparks den Fischbeständen sogar zugutekommen? Immerhin ist die Fischerei in den Parks verboten.
    Maack: Ostseefischer berichten, dass sie entlang der Grenzen der Windparks deutlich mehr und größere Fische fangen – das spricht sehr für diese These. Allerdings braucht man wissenschaftliche Untersuchungen und ein langfristiges Monitoring, um die Auswirkungen von Windparks nicht nur auf die Fischbestände, sondern auf das gesamte Meeresökosystem zu zeigen.

    Thilo Maack, Meeresbiologe von Greenpeace, nennt es einen Skandal, dass in Meeresschutzgebieten Sand und Kies abgebaut wird und Fischer den Grund mit Schleppnetzen umpflügen.

    Thilo Maack kämpft für intakte Meere. Dass in Schutzgebieten Rohstoffe gefördert und Schleppnetze eingesetzt werden dürfen, ist aus Sicht des Biologen ein Skandal.

    Essen Sie selbst eigentlich noch Fisch?
    Maack (lacht): Nein, dazu weiß ich zu viel über die Fischerei. Aber ich überlasse meinen Anteil gern jemand anderem.

    Also gibt es noch eine gewisse Menge Fisch, die jeder von uns essen darf?
    Maack: Ja. Greenpeace hat einen Einkaufsratgeber entwickelt, in dem steht, welche Speisefische man mit guten Gewissen essen kann. Der Karpfen zum Beispiel gehört dazu oder auch Kabeljau aus bestimmten Fanggebieten. Aber Fisch sollte eine Delikatesse sein. Und Delikatessen isst man nicht jeden Tag.

    Die Fragen stellte Volker Kühn.

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