Green-Finance-Expertin Regine Richter

„Schienbeintreten und Handreichen“

Regine Richter kämpft bei der Umweltorganisation Urgewald und als Beraterin der Bundesregierung dafür, dass Großinvestoren ihr Geld nachhaltig anlegen. Ein Gespräch über träge Kohlekonzerne, ihr Ringen mit dem norwegischen Pensionsfonds und ihren Traum von verschneiten Wintern.

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    Regine Richter kämpft bei der Umweltorganisation Urgewald für das Klima. Im Interview spricht die Finanzexpertin über Sustainable Finance.

    Regine Richter engagiert sich seit 20 Jahren bei der Umweltorganisation Urgewald und hat sich dort dem Kampf gegen die Finanzierung der Kohlebranche verschrieben. Um Banken und Versicherer davon abzuhalten, in Kohleprojekte zu investieren, organisiert die 50-Jährige öffentlichkeitswirksame Kampagnen gegen Großinvestoren wie den norwegischen Pensionsfonds, stellt in Hauptversammlungen aktiennotierter Konzerne unangenehme Fragen und berät die Bundesregierung im Sustainable-Finance-Beirat bei ihrer Nachhaltigkeitsstrategie für den Finanzplatz Deutschland.

    Frau Richter, der Sustainable-Finance-Beirat empfiehlt in seinem Abschlussbericht, alle Unternehmen ab 250 Mitarbeitern zu verpflichten, Nachhaltigkeitsberichte vorzulegen. Was kann das bewirken?
    Regine Richter: Der Begriff Nachhaltigkeit wird an vielen Stellen noch sehr unterschiedlich benutzt, deshalb brauchen wir erst mal einheitliche Begrifflichkeiten und Kriterien, nach denen Aktivitäten von Unternehmen bezüglich Umweltschutz und Nachhaltigkeit bewertet werden können. Zum anderen habe ich immer wieder beobachtet, dass Unternehmen, die sich ernsthaft mit diesen Themen auseinandersetzen – oder sich damit beschäftigen müssen –, einen großen Aha-Effekt erleben, weil ihnen gar nicht bewusst war, wie viel Strom und Müll sie zum Beispiel tatsächlich einsparen können oder wo Probleme in der Lieferkette liegen. Deshalb würde eine einheitliche Berichtspflicht für deutsche Unternehmen aus meiner Sicht einen guten Effekt in Sachen Klimaschutz haben.

    Aber der Klimawandel findet global statt, was kann da ein nachhaltiger Finanzplatz Deutschland bewirken?
    Richter: Das Argument, dass einzelne Bemühungen keinen Sinn ergeben, war noch nie ein Ansatz, den wir als NGO unterstützt haben. Deutschland ist außerdem in Sachen nachhaltiger Finanzplatz alles andere als ein Vorreiter. Da tut man sich keinen Gefallen, diese Transformation einfach auszusitzen und von anderen gestalten zu lassen. Alle eigenen Anstrengungen sind sinnvoll.

    Sie meinen, weil auch die EU mit ihrer Taxonomie derzeit ein Verfahren zur Bewertung der Nachhaltigkeit von Unternehmen entwirft, muss auch die Bundesregierung den deutschen Finanzplatz ebenfalls darauf vorbereiten?
    Richter: Ja, auf jeden Fall. Und gerade bei der EU-Taxonomie lässt sich sehr deutlich beobachten, wie hart alle Interessenverbände – etwa Atom oder Gas – derzeit darum kämpfen, eine positive Bewertung zu bekommen. Das zeigt deutlich, wie fest die Betroffenen damit rechnen, dass diese Regulierung von Investoren sehr ernst genommen und international genau beobachtet wird. Und damit kann eine solche Taxonomie große Strahlkraft auf alle anderen internationalen Finanzplätze und damit auf den globalen Klimaschutz haben.

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    Viele unternehmerische Umweltmaßnahmen werden nur groß angekündigt, ohne dass sie Wirklichkeit werden. Deshalb ist es wichtig, dass wir regulatorische Mechanismen haben

    Viele Unternehmen sagen aber auch: Bitte nicht weiter regulieren, wir machen doch ohnehin schon ganz viel, Nachhaltigkeit steht oben auf unserer To-do-Liste! Ist die Wirtschaft weiter als die Politik?
    Richter: Sicherlich haben sich einige bewegt, aber viele unternehmerische Umweltmaßnahmen werden nur groß angekündigt, ohne dass sie Wirklichkeit werden. Deshalb ist es wichtig, dass wir regulatorische Mechanismen haben, die dafür sorgen, dass Klimaschutz auch tatsächlich umgesetzt wird. Aber dafür muss man nicht allein den Finanzplatz regulieren.

    Sondern?
    Richter: Die CO2-Bepreisung ist ein Instrument, das sehr viel bewirken kann – wenn der Preis hoch genug ist. Dass dies eine sehr einfache, effektive Regulierung wäre, hören wir aus der Wirtschaft immer wieder. Viele Unternehmen würden ihre Investitionen noch stärker dahingehend prüfen und teure, umweltschädliche Projekte stoppen. Aber man sieht ja leider jetzt schon, wie Klagen gegen den Kohlenstoffpreis vorbereitet werden – obwohl dieser derzeit ja noch sehr moderat geplant ist.

    Sie und das Team von Urgewald haben den norwegischen Pensionsfonds und den Versicherungskonzern Allianz dazu bewegt, ihre Investmentstrategie zu verändern. Wie schafft man es, dass solche Finanzriesen nachhaltiger denken?
    Richter: Ganz grob gesagt: mit einer Mischung aus Schienbeintreten und Handreichen. Unternehmen sind keine monolithischen Blöcke, es gibt immer Abteilungen, die ein Interesse an Nachhaltigkeit und Umweltschutz haben und daran, dass sich etwas im Unternehmen verändert. Das sind nicht notwendigerweise die mächtigen Abteilungen. Aber eine wirklich schlaue Nachhaltigkeitsabteilung erkennt schnell, dass ihr der Druck von außen durchaus nützt, um die eigenen Ideen – die ja total viele haben – auch umzusetzen. Und da nützt es, wenn wir reden und Ideen austauschen, aber auch, wenn wir mit Studien und Zahlen Aktivitäten eines Unternehmens öffentlich anprangern.

    Braunkohleabbau in NRW: Die Umweltaktivistin Regine Richter von Urgewald kämpft gegen die Finanzierung klimaschädlicher Aktivitäten. Sie ist Mitglied im Sustainable-Finance-Beirat der Bundesregierung.

    Braunkohleabbau in NRW: „Die Entwicklung ist recht schleppend, aber wir sehen ganz klar, dass der Druck auf Konzerne wie RWE wächst“, sagt Regine Richter.

    Das Beispiel des norwegischen Pensionsfonds zeigt, wie komplex nachhaltiges Investieren ist: Die Norweger hatten einen Kohleausstieg angekündigt, aber damit zunächst nur Kohlebergbauunternehmen gemeint. Was war die Strategie von Urgewald bei den Norwegern?
    Richter: Das war eine glückliche Kombination aus drei Faktoren: Der Pensionsfonds wird vom Parlament kontrolliert, das sich wiederum gegenüber den Wählern rechtfertigen muss, um wiedergewählt zu werden – ein guter Hebel, um öffentlichen Druck aufzubauen. Hinzu kommt, dass Norwegen keine eigene Kohleindustrie hat und sich somit auch leichter von entsprechenden Aktivitäten verabschieden konnte als etwa Deutschland, das sich mit seiner langen Kohletradition und entsprechenden wirtschaftlichen Verzweigungen sehr schwer damit tut. Und zuletzt – und das ist eben sehr selten – muss der Pensionsfonds einmal im Jahr alle seine Investitionen veröffentlichen. Die haben wir uns angesehen und in einer sehr akribischen Recherche gezeigt, dass der Fonds sein Geld von Kohlebergbauunternehmen abgezogen hatte, es dann aber zum Teil in Stromerzeuger steckte, die Kohle verbrennen. In einem zweiten Schritt haben sie sich dann auch von diesen Unternehmen getrennt. Solche Details nicht nur einmal aufzudecken, sondern immer wieder zu überprüfen, Ankündigungen und ihre Umsetzungen nachzuverfolgen, im Dialog zu bleiben, aber auch den Druck durch öffentliche Kritik aufrechtzuerhalten – das hat den Erfolg ausgemacht.

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    Kohleproduzenten sind oft sehr behäbige Konzerne, die sich noch lange nicht von ihrem Geschäftsmodell verabschiedet haben. Aber sie merken, dass es immer enger für sie wird

    Die Aktivitäten von Urgewald richten sich vor allem gegen die Kohleindustrie und deren Geldgeber. Geraten die deutschen Kohlekonzerne langsam ins Wanken?
    Richter: Die Entwicklung ist recht schleppend, aber wir sehen ganz klar, dass der Druck auf Konzerne wie RWE wächst. Die hören von immer mehr Investoren: Euer Geschäftsmodell geht gar nicht! Aber Kohleproduzenten sind oft sehr behäbige Konzerne, die sich noch lange nicht von ihrem Geschäftsmodell verabschiedet haben. Aber sie merken, dass es immer enger für sie wird und auch sie umdenken müssen.

    Welche Investoren sind diesbezüglich am einflussreichsten?
    Richter: Natürlich die großen Banken und Versicherer, die das Geld ihrer Anleger gewinnbringend investieren wollen. Aber auch Versorgungswerke und Kommunen können großen Einfluss nehmen, wenn sie die Gelder, die sie verwalten, bewusst aus der Kohlebranche oder anderen CO2-intensiven Industrien abziehen und in umweltfreundliche Technologien investieren.

    Divestment ist das Schlagwort, das Sie und andere Sustainable-Finance-Experten in diesem Zusammenhang benutzen.
    Richter: Ja, uns von Urgewald geht es vor allem darum, dass Gelder aus klimaschädlichen Projekten abgezogen und in andere Felder investiert werden. Denn gerade dort, wo Kohlewerke oder Gaspipelines finanziert werden, legen sich die Menschen für Jahrzehnte auf höchst schädliche fossile Infrastrukturen fest und das bringt uns in weite Ferne der Klimaziele 2050. Deshalb ist es wichtig zu gucken, wie entsprechende Investitionen verhindert werden können und dass Geldgeber den Geldhahn zudrehen – beziehungsweise ihr Kapital in bessere Projekte deinvestieren.

    Sie sind jetzt seit 20 Jahren bei Urgewald und haben viel bewegt. Wann hätten Sie als Umweltaktivistin das Gefühl, etwas für den Klimaschutz erreicht zu haben?
    Richter: Ich glaube, wir werden noch lange viel zu tun haben. Das liegt daran, dass ich an der Umsetzung der vielen Ankündigungen zum Erreichen der Klimaneutralität 2050 zweifle. Es fehlt oft an konkreten Strategien und Zwischenzielen für 2025 oder 2030, die zur Reduktion der Emissionen notwendig wären, denn die kommenden Jahre sind entscheidend, wenn wir die Klimaziele erreichen wollen. Aber ein Punkt der Zufriedenheit wäre für mich eventuell erreicht, wenn wir fünf Jahre hintereinander einen richtigen Winter mit dicken Eisschichten zum Schlittschuhlaufen und Schnee erleben würden – das wäre für mich ein Zeichen, dass wir in Sachen Klimaschutz etwas erreicht hätten. Ich bin mir nur nicht so sicher, ob ich das erleben werde.

    Die Fragen stellte Kathinka Burkhardt.

    Die 1992 gegründete NGO Urgewald mit Sitz im nordrhein-westfälischen Sassenberg und Dependance in Berlin hat sich dem Kampf für Menschenrechte und Umweltschutz verschrieben. Gemäß dem strategischen Ansatz „Follow the Money“ macht die Umweltorganisation die Finanzierung von Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzung sichtbar und benennt die Verantwortlichen. Mit gut 40 festen Mitarbeitern und vielen freien Aktivisten kritisiert Urgewald nicht nur Konzerne, sondern auch Entwicklungsbanken wie die KfW oder die Weltbank für milliardenschwere Projekte, die Menschenrechte gefährdeten und Wälder andere Lebensräume zerstörten. Als größte Erfolge der Organisation gelten ihr Beitrag zur Divestment-Entscheidung des norwegischen Staatsfonds und zum Ausstieg großer Versicherungsunternehmen wie Axa und Allianz aus der Versicherung von Kohlegeschäften.

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