Bürgermeister in ostdeutscher Kleinstadt

  • Search09.03.2026

Herr Piwodda meistert die Wende

Einem der jüngsten Bürgermeister Deutschlands gelingt, was an vielen anderen Orten scheitert: Luca Piwodda treibt im brandenburgischen Gartz die Energiewende voran – und alle ziehen mit.

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    Luca Piwodda treibt als Bürgermeister von Gartz die Energiewende voran – weil die Gemeinde in Brandenburg ökonomisch und gesellschaftliche davon profitiert.

    „Ich kann Ideen einbringen, mit anpacken, den Ort positiv verändern“: Bürgermeister Luca Piwodda auf dem Feld, auf dem die Kleinstadt Gartz einen Windpark plant.

     

    Von Daniela Schröder

    Ein brach liegendes Feld bei Hohenreinkendorf in der Uckermark. Die Erde ist steinhart vom Winterfrost, eisiger Wind beißt ins Gesicht, in der Ferne drehen sich die Flügel von Windrädern. „Auf diesem Feld wollen wir unseren eigenen Park bauen“, sagt Luca Piwodda und tippt parallel eine Nachricht ins Telefon. Piwodda, 26, ist Bürgermeister der Kleinstadt Gartz an der Oder, Hohenreinkendorf ist Gartz‘ kleinster Ortsteil, und der Windpark ist eines von Piwoddas zentralen Projekten: Mit den Erneuerbaren will er die Stadt erneuern. Um Klimaziele geht es nur am Rande. Es geht um Einnahmen, um Unabhängigkeit und um die Zukunft einer Stadt, die lange vom Öl lebte.

    Sieben Windräder gehören zum Plan, Leistung je 7,2 Megawatt, Nabenhöhe 199 Meter. Anfangs waren einige Bürger dagegen, doch Bauausschuss und Ortsbeirat zeigten Daumen hoch. Piwodda versicherte, alles gründlich prüfen zu lassen, beauftragte ein Planungsbüro mit einem Konzept, es gab drei Bürgerbeteiligungen. Die Gartzer Stadtverordneten stimmten schließlich geschlossen für das Windprojekt – inklusive einem von zwei AfD-Vertretern, der andere war nicht anwesend.

    Die Gemeinde ist klamm. Der Windpark verschafft ihr Handlungsspielraum

    Betrieben werden soll der Park als Genossenschaft und mit Anteilen schon ab 50 Euro, damit jeder Bürger am künftigen Gewinn teilhaben kann. Auch ein eigener Ökostromtarif mit vergünstigten Genossenschaftssätzen gehört zum Konzept. Doch der eigentliche Mehrwert liegt in den Einnahmen für die Gemeinde: Mit gut einer halben Million Euro pro Jahr rechnen die Projektplaner, obendrauf die Gewerbesteuer.  

    Für Gartz wäre es ein Segen. „Im Grunde haben wir kein Geld für irgendwas“, sagt Piwodda. Er kommt aus einer Haushaltssitzung des Landkreises, als nächster Termin steht eine Sitzung des Gartzer Ortsbeirats an, auch dort steht der Haushalt auf der Tagesordnung. Die 2400-Einwohner-Stadt rechnet 2026 mit Einnahmen von rund fünf Millionen Euro, knapp zwei Millionen gehen als Umlagen direkt weiter an Amt und Landkreis. Bleiben drei Millionen, dazu kommen für Gartz 1,12 Millionen aus dem Sondervermögen des Bundes für kommunale Infrastruktur – allerdings verteilt auf die Jahre bis 2035. Unterm Strich, sagt Piwodda, bleibt Gartz für das laufende Jahr ein Minus von 430.000 Euro.

    Schulsanierung, Straßenbeleuchtung: Geld fehlt an allen Ecken

    Die Ausgaben fressen die Einnahmen auf. Mal wieder. Im Ortsbeirat stellt Piwodda die Haushaltsposten vor: Budget für das Heimatmuseum, neue Elektrik im Vereinsheim, Solar-Ladestation am Radweg, neue Fenster in einem Dorfgemeinschaftshaus, Schulsanierung hier, neue Straßenbeleuchtung da, Straßenreparaturen überall, Anteil am Landstraßenausbau, die Liste ist lang. „Alles notwendige Investitionen“, sagt er, „aus den vergangenen Jahren haben wir weiter so einen Reformstau, ohne Haushaltsminus geht es nicht.“

    Marina Gartz (Oder): Die Kleinstadt in Brandenburg verschafft sich mit der Energiewende Handlungsspielraum.
    Marina Gartz (Oder): Die Kleinstadt in Brandenburg verschafft sich mit der Energiewende Handlungsspielraum.

    Gartz an der Oder, vier Ortsteile, seit 1249 Stadtrechte, liegt im Osten Brandenburgs im Nationalpark Unteres Odertal, ein Arm des Flusses bildet die Grenze zu Polen. Gartz, das sind Kirche, Stadttor und Stadtmauer-Rest in Backsteingotik, Kopfsteinpflaster-Gassen und niedrige Fachwerkhäuser im Ortskern, bröckelnder Jugendstil am Marktplatz, Platte am Ortsrand. Dazwischen Brachen, Baulücken, Leerstand. Gut 80 Prozent der Stadt wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Am Oderufer gibt es kleine Marina, aus dem Fluss ragen seit April 1945 die Stümpfe einer Brücke nach Polen, auf dem Marktplatz stehen Bäcker und Metzger mit Verkaufsmobil, es gibt eine Handvoll Gastro- und Hotelbetriebe, zwei Discounter, Apotheke, Bank, Friseur, für den Rest fahren die Gartzer nach Schwedt und Stettin. Gut jeder zweite Einwohner ist über 65, seit 20 Jahren gibt es keine Oberschule mehr. Jeder Zehnte in der Uckermark ist arbeitslos.

    Schon sein Großvater war hier Bürgermeister. Aber in einer anderen Partei

    In dieser Stadt wurde Piwodda 1999 geboren, nach dem Studium der Politik, Geschichte und Philosophie in Greifswald zog er sofort zurück. „Für mich war immer klar, dass ich wieder nach Gartz will. Warum nach Berlin gehen, wenn ich hier etwas Sinnvolles machen kann?“

    Wo der Sinn liegt, scheint vorbestimmt. Piwoddas Vater und Großvater sind in der SPD, der Vater arbeitete als Büroleiter des Landrats, der Großvater war drei Jahre Gartzer Bürgermeister. Über ihn lernte der Enkel die Partei kennen, der Opa nahm ihn zu Kreisparteitagen mit, nach dem Abi machte Piwodda ein Praktikum im Bundestag beim lokalen SPD-Abgeordneten.

    Er erkannte schnell: Ich will zwar in die Politik. Aber nicht in diese Strukturen. „Endlose Sitzungen, viel Bürokratie, viele Reden, wenig Konkretes, das empfand ich alles als alt, träge und langweilig.“

    Zusammen mit Freunden in Greifswald gründete er 2018 die Freiparlamentarische Allianz (FPA), knapp ein Jahr später gewann ihre Kandidatin die Bürgermeisterwahl in Gartz – gegen Piwoddas Großvater. Der Enkel ließ sich bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern aufstellen und scheiterte als Neuling ohne Netzwerk krachend. Anfang 2024 fusionierte Piwoddas Kleinpartei mit einer anderen, der Partei des Fortschritts (PdF). Beide definieren sich als basisdemokratisch und post-ideologisch, Wissenschaftler bewerten das Programm der PdF als (links-)liberal.

    Er ist einer der jüngsten Rathauschefs im Land – und sieht sich als Teamplayer

    Fünf Monate nach dem Zusammenschluss gewann Piwodda in Gartz die Wahl zum Bürgermeister, in Deutschland ist er einer der jüngsten. Sein Großvater, 75, sitzt heute als SPD-Vertreter in der Stadtverordnetenversammlung, der Enkel als Bürgermeister ist ihr Vorsitzender. Der eine vom Schlag „Entscheide ich am Ende selbst“, der andere begreift sich als Teamplayer. „Da entstehen manchmal Dynamiken“, sagt Piwodda und grinst.

    Anführungszeichen

    Im Ort gab es viel Stillstand. Die beste Antwort darauf ist Selbstwirksamkeit

    Luca Piwodda, Bürgermeister von Gartz

    Eine „Dorfpartei“ sein, so nennt er seine politische Mission. Der ländliche Raum werde als Dienstleister gesehen, sagt Piwodda, als Standort für Windräder, als Lebensmittelproduzent, als Erholungsgebiet. „Aber wer gab dem Land bisher eine Stimme? Gerade in ländlichen Regionen müssen Parteien aktiv sein, die Sorgen der Menschen ernst nehmen und sich kümmern.“

    Bei der Bundestagswahl 2025 erreichte die AfD in Gartz 52,4 Prozent der Erst- und knapp 55 Prozent der Zweitstimmen – ein Plus von jeweils mehr als 20 Prozent. Piwodda sagt, in der Stadt habe lange das Gefühl dominiert: Wir sind abgehängt, man hat uns vergessen, hier funktioniert nichts mehr. „Im Ort gab es viel Stillstand. Die beste Antwort darauf ist Selbstwirksamkeit. Die Menschen müssen erkennen: Meine Meinung ist gefragt, ich kann Ideen einbringen, mit anpacken, den Ort positiv verändern.“

    Die Gemeinde hält zusammen. Viel läuft über Spenden und Ehrenamt

    Was das bedeuten kann, zeigte Piwodda, bevor er ins Amt kam: Er ist Mitgründer eines Kulturvereins, der in Gartz Konzerte, Theater und Filmvorführungen organisiert, zuletzt entstand aus einem alten Gaswerk ein Nachbarschaftstreff, für das Konzept gewannen sie einen Landespreis. Mehr Leben in der Stadt, das kam bei den Gartzern an, das mobilisierte. Das historische Rathaus wurde saniert, ein Jugendtreff zieht ein, ein Wirtschaftsförderer, es gibt einen Billardraum und eine neue Küche. Eine BMX-Strecke wurde angelegt, der Fußballplatz bekam Kunstrasen, der Brunnen auf dem Marktplatz wurde repariert. Vieles lief über private Spenden, alles lief ehrenamtlich, überall packten Bürger mit an.

    „Viele Gartzer interpretieren das, was ich mache, als eine neue Form von Zusammengehörigkeit, wie sie sie aus DDR-Zeiten kennen“, sagt Piwodda. Um die wenigen Jungen abzuholen, setzt er auf Transparenz und Kommunikation, berichtet über Rathaus-Neuigkeiten auf Social Media, für die Alten schreibt er im Gemeindeblatt.

    „Gartz ist heute sehr aktiv, andere Gemeinden sind das nicht“, sagt Ratsmitglied Eva Kolbe. „Man braucht aber einen, der motiviert und Ideen hat.“

    „Mal organisiert die Schule was für die ganze Stadt, dann bekommen wir wieder was zurück“, sagt Birgit Venzke, Leiterin der Gartzer Grundschule.

    „Manchmal hat Luca so viele neue Ideen, dass wir nicht mehr mitkommen“, sagt ein Mitarbeiter des Heimatmuseums.

    Rathaus, Parteivorstand, Kulturverein: Überall ist Piwodda dabei

    Piwodda sagt: „Ich bin nicht der Karrierist, der die guten Aktionen in Gartz macht, um sich damit für die Landesebene zu empfehlen.“ Den Bürgermeisterjob macht er ehrenamtlich, es gibt 900 Euro im Monat für Fahrtkosten und Büroausgaben, die Arbeitszeit beziffert er auf 30 bis 35 Stunden pro Woche. Außerdem sitzt er im Kreistag, im Bundesvorstand seiner Partei, ist Vorsitzender des Kulturvereins, des Rathausfördervereins und einer Innovationsinitiative.

    Ein Mentor riet ihm, das Zeitmanagement zu überdenken und sich einen Job außerhalb der Politik zu suchen. Vergangenen Herbst gründete Piwodda eine Beratungsagentur – für Kommunikation in der Lokalpolitik. „Das ist die direkteste Ebene von Politik“, sagt er. „Wenn man die Demokratie wirklich retten will, muss man der Kommunalpolitik mehr Kompetenzen geben, das Geld direkt geben.“

    Die Wärmepumpe als Sparprogramm – Klimaschutz ist ein Nebeneffekt

    In Gartz will er den Anspruch legitimieren. Die städtische Grundschule bekam eine Wärmepumpe, die Heizkosten sanken von 40.400 auf 29.700 Euro im Jahr. Neben der Schule stehen zwei Ladesäulen für Elektroautos. Die Straßenbeleuchtung der Stadt wird sukzessive auf LED umgerüstet. Das Vereinsheim des Fußballclubs hat eine Solaranlage, mehr Solar soll folgen: Dächer von Rathaus, Museum, Vereinsheim, das Gelände hinter der Grundschule, die Strecke zum Nachbarort.

    Im Ortsbeirat rechnet Piwodda vor: Zwei Megawatt wären pro Jahr 40.000 bis 50.000 Euro Fördergeld und gesetzliche Einspeisevergütung. „Wir sollten uns als Stadt für mehr PV öffnen“, wirbt er.  „Und wir starten jetzt mit der kommunalen Wärmeplanung, das müssen wir mit den Erneuerbaren verbinden.“

    Piwodda hat drei Jahre für einen Erneuerbaren-Projektierer gearbeitet, das brachte ihm Kritik ein. Er mache im Unternehmensauftrag für grüne Energie mobil, hieß es; Piwodda enthielt sich in Abstimmungen zu Energiethemen.

    Große Unternehmen sind hier rar. Die Raffinerie ist eines davon

    In der Uckermark sind Windräder und Solarparks längst etabliert, zugleich spielt fossile Energie eine zentrale Rolle: Die Ölraffinerie PCK in Schwedt, seit 1964 Verarbeiter russischen Erdöls, ist eines der wenigen großen Unternehmen in der Region: 1200 Arbeitsplätze, dazu Jobs bei Zulieferern, auch für Gartz hängt viel an der PCK. Dem russischen Staatskonzern Rosneft gehören über deutsche Tochtergesellschaften 54 Prozent der Raffinerie, seit dem Ölembargo wegen des Angriffskriegs auf die Ukraine stehen die russischen Anteile unter Treuhandverwaltung des Bundes, nach wie vor ist die Zukunft der PCK ungewiss.

    „Wir müssen weg von der fossilen Energie“, sagt ein älterer Mann am Bäckermobil auf dem Gartzer Marktplatz. „Ein Windpark ist ein guter Schritt.“ Doch Wandel dauert, auch im Kleinen. Schon 2010 beantragte die Stadt das Ausweisen einer Windfläche in Hohenreinkendorf, heute wartet Piwodda auf grünes Licht der Behörden in Sachen Zugvogelschutz, im Herbst rasten in Gartz Tausende Kraniche vor dem Weiterflug in den Süden. „Projekt Windpark“, sagt er und lacht, „das wird in meiner Amtszeit wohl nichts mehr.“

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