Wirtschaftfaktor Windkraft

  • Search12.04.2017

Helgolands Offshore-Taxifahrer

Früher war er Fischer, heute hat er einen Fährdienst: Die Windkraft hat Jannes Piepgras zum Firmengründer gemacht. Im Interview verrät er, warum er neue Mitarbeiter am liebsten auf der Insel anheuert.

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    Jannes Piepgras (rechts), hier mit Grünen-Chef Robert Habec kbringt mit Techniker von der Insel zu den Windrädern und zurück.

    Windkraft und Tourismus vertragen sich auf Helgoland gut, meint Jannes Piepgras (rechts). Viele Urlauber seien sehr an der neuen Industrie interessiert. Seine Firma bringt Techniker in die Windparks – und manchmal auch Politiker wie Grünen-Chef Robert Habeck.

    Mehr als 100 Jobs sind auf Helgoland rund um die Offshore-Windkraft entstanden. Seit die Parks von der Insel aus gewartet werden, wächst die Bevölkerungszahl – und mit ihr der Bedarf an Bäckern, Köchen, Ingenieuren und Ärzten. Im April beginnt die Hauptwartungszeit, dann liegen zwei Dutzend Schiffe im Hafen. Techniker strömen auf die Insel und füllen Hotels, Restaurants und Fitnessstudios. Aktuell sind 26 Stellen ausgeschrieben, davon sieben in der Hotelbranche. Die Gemeinde Helgoland sucht zum Beispiel einen Hafenaufseher, einen Leiter der Volkshochschule und einen Bauingenieur. Mit dem Slogan „Arbeiten, wo andere Urlaub machen!“ wirbt die Paracelsus-Klinik um Assistenzärzte, Rettungsassistenten und Medizinische Fachangestellte.

    Die Offshore-Windkraft bedeutete für manchen Helgoländer die Chance, noch einmal neu anzufangen. So wurde aus dem Fischer Jannes Piepgras ein Shuttle-Unternehmer. Sein junges Unternehmen North Frisian Offshore hat 27 Angestellten, die er bevorzugt aus der Region rekrutiert. Im Interview schildert der gebürtige Husumer, warum er sich inzwischen auch Drohnen und Unterseeroboter zugelegt hat.

    Herr Kapitän Piepgras, Sie haben 2014 als gelernter Fischer sechs Millionen Euro in die Gründung eines Shuttle-Services investiert. Woher hatten Sie das viele Geld?
    Jannes Piepgras: Von den Banken. Wir haben einen guten Businessplan vorgelegt und zusätzlich unsere Ersparnisse eingebracht. In der Fischerei konnte man damals ganz gut verdienen. Das ist der Grundstein für unser erstes Schiff „Seewind 1“ gewesen. Ein Jahr später habe ich mit meinem Partner Dennis Ronnebeck in Norwegen die zweite Fjord-Fähre „Seewind 2“ gekauft und zu einem Crew-Transfer-Schiff umgebaut. Unser Vorteil ist es, dass wir mit unseren Schiffen jeweils mehr als 60 Techniker in die Windparks transportieren können. Eines der Transportschiffe liegt dauerhaft vor Helgoland, das andere ist auf dem Spotmarkt aktiv, das heißt, es ist nicht länger als sechs, sieben Monate verchartert. Wir sind heute sehr erfolgreich und beschäftigen 27 Leute. Unser Hauptpartner WindMW, der vor Helgoland die Windparks Meerwind Süd und Meerwind Ost betreibt, hat die Verträge gerade bis 2019 verlängert.

    Die Schiffe von North Frisian Offshore können bis zu 60 Techniker an ihre Arbeitsplätze fahren.

    Die Schiffe von North Frisian Offshore können bis zu 60 Techniker an ihre Arbeitsplätze fahren. Hauptkunde der jungen Firma ist Windparkbetreiber WindMW. Mit der Wartung der Anlagen hat Piepgras sich ein zweites Standbein neben dem Taxidienst geschaffen.

    Die Konkurrenz ist gewachsen. Ist die Charter gesunken?
    Piepgras: Ja, 2014 und 2015 waren unsere Blütejahre. Seither sinken die Preise. Gegenüber den englischen, niederländischen und dänischen Konkurrenten vor Helgoland haben wir deutschen Reeder damit zu kämpfen, dass unsere Lohnkosen wesentlich höher sind. Andere Nationen können günstiger anbieten, weil sie die Lohnsteuer für ihre Seeleute einbehalten dürfen, wenn sie in Deutschland fahren. Das ist uns in der deutschen Außenwirtschaftszone nicht erlaubt – ein riesiger Wettbewerbsnachteil. In den Wartungsmonaten von Mai bis September liegen im Hafen von Helgoland nur drei Shuttle-Schiffe unter deutscher Flagge.

    Wer arbeitet bei Ihnen an Bord?
    Piepgras: Viele Kapitäne und Erste Offiziere kommen hier von der Küste. Sie kennen sich mit kleinen Schiffen und mit der Region aus. Das ist immer gut. Einige sind so wie ich vorher in der Fischerei gewesen.

    Sie leben in Husum. Sind Sie früher viel nach Helgoland gefahren?
    Piepgras: Ich bin mit dem Fischkutter und mit dem Segelboot häufig in Helgoland angelandet. Ich kenne die Insel schon lange. Als Unternehmen sind wir seit 2014 hier fest stationiert. Wir beschäftigen Helgoländer und haben auf der Insel Arbeitsplätze geschaffen. Junge Leute von hier fahren bei uns als Steuerleute. Wenn sie den Seefahrtberuf gewählt haben, bestehen für sie gute Chancen, bei uns anzufangen. Wir ziehen die jungen Helgoländer vor.

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    Das Leben auf der Insel ist nicht stehen geblieben. Der Tourismus ist durch die Windparks nicht eingebrochen, eher sind die Übernachtungszahlen gestiegen

    Kapitän Jannes Piepgras

    Wie hat die Windkraft Helgoland verändert?
    Piepgras: Helgoland hat es geschafft, den Tourismus und die Industrie parallel laufen zu lassen. Für viele Urlauber ist es interessant zu sehen, dass auf Helgoland neue Projekte entstanden sind. Das Leben auf der Insel ist nicht stehen geblieben. Der Tourismus ist durch die Windparks nicht eingebrochen, eher sind die Übernachtungszahlen gestiegen.

    Ihr Unternehmen führt inzwischen auch Wartungen durch.
    Piepgras: Wir haben eine weitere Firma gegründet, die Windparkinspektionen anbietet. Mit Drohnen zum Beispiel. Die sind für uns weniger Filmkameras als Werkzeuge. Sie ersetzen die Kletterer. Unsere Inspektoren können direkt an Bord anhand der Videobilder auswerten, ob es Schäden an den Anlagen gibt. Das bedeutet eine große Zeitersparnis für den Kunden. Schickt man einen Kletterer hoch, muss die Anlage fast einen ganzen Tag abgeschaltet werden, nutzt man eine Drohne, fällt die Turbine nur zwei Stunden aus. Wir haben auch einen Minitauchroboter im Einsatz, den wir in die Monopiles lenken können. Da schwimmen keine Taucher rein. Auf Helgoland waren wir das erste Unternehmen, das auf hoher See die komplette Prüfung eines Windparks durchgeführt hat. Aber auch hier gibt es inzwischen viel Konkurrenz.

    Die Fragen stellte Helmut Monkenbusch.

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