Till Raethers Kriminalroman „Fallwind“

Gefangen auf hoher See

In „Fallwind“ schickt Till Raether Kommissar Adam Danowski in einen Offshore-Windpark. Ein Gespräch über Realismus in der Krimiliteratur, die norddeutsche Provinz und die Schönheit von Windrädern.

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    „Fallwind” heißt das neueste Buch des Journalisten und Autors Till Raether. Es ist der dritte Teil einer erfolgreichen Krimireihe um den hochsensiblen Hamburger Kommissar Adam Danowski. Der Ermittler wird diesmal in die norddeutsche Provinz geschickt – in eine Stadt namens Friederikenburg, die an Nordenham bei Bremerhaven erinnert und geprägt ist vom fiktiven Windkraftkonzern Silventia. Danowski soll die örtliche Polizei bei der Lösung eines mysteriösen Mordfalls unterstützen. Nachdem eine weitere Leiche auftaucht, findet sich der Kommissar ziemlich ramponiert in der Gondel einer Offshore-Windkraftanlage wieder. Dort, so teilt ihm sein Entführer mit, werde er die Antworten auf alle offenen Fragen finden ...

    Sie muten Ihrem Kommissar ganz schön viel zu: Im ersten Fall saß er auf einem verseuchten Kreuzfahrtschiff fest, in der Fortsetzung blieb er in einem Tunnel in der Hamburger Unterwelt stecken und im neuesten Fall wird er in die Gondel einer Offshore-Windkraftanlage gesperrt. Wie sind Sie denn darauf gekommen?
    Raether: Ich bin schon oft an Windrädern vorbeigefahren und habe mir vorgestellt, wie unangenehm es sein muss, von dort oben nicht mehr weg zu können. So kam ich auf die Idee mit der Gondel. Für Geschichten ist es immer interessant, wenn die Hauptfigur an einem Ort buchstäblich oder im übertragenen Sinne festsitzt.

    Außerdem müssen Krimis in einer Welt spielen, die für den Leser mit Bildern aufgeladen ist. Das ist bei Kreuzfahrtschiffen der Fall, aber auch beim Thema Windkraft. Die lässt niemanden kalt. Einerseits sind da positive Assoziationen wie die Idee der Nachhaltigkeit, andererseits denkt man an die Proteste von Naturschützern oder hohe Subventionen. Beim Schreiben ist es reizvoll, diese Bilder zu nutzen und die damit verbundenen Erwartungen zu erfüllen oder zu enttäuschen.

    Till Raethers Kriminalroman „Fallwind“ spielt in der Offshore-Windkraft: Ein Interview mit dem Autor

    „Krimis müssen in einer Welt spielen, die mit Bildern aufgeladen ist. Das ist beim Thema Windkraft der Fall“: Till Raether, Jahrgang 1969, ist in Berlin aufgewachsen und lebt in Hamburg. Er arbeitet als Journalist unter anderem für „Brigitte“ und das „SZ-Magazin“.

    Wenn man liest, wie der Kommissar auf hoher See langsam in Panik gerät, wird einem selbst ganz anders. Wie haben Sie es geschafft, das so gut zu beschreiben?
    Raether: Ich wollte zur Recherche eigentlich auf eine Offshore-Windkraftanlage, habe aber schnell erfahren, dass das nicht so einfach geht. Dafür muss man diverse Sicherheitstrainings absolvieren und Zertifikate sammeln. Stattdessen habe ich mir mit einem Industriekletterer die Fahranlage eines Windrads an Land angeschaut. So wusste ich ungefähr, wie die Architektur beschaffen ist. Außerdem war ich in Büdesldorf in der Nähe von Flensburg in einem Schulungszentrum der Firma Senvion. Dort konnte ich mir ganz bequem auf ebener Erde eine Gondel angucken und mir alles erklären lassen. Ich musste also nicht auf ein 120 Meter hohes Windrad in der Nordsee klettern.

    Aber getraut hätten Sie es sich?
    Raether: Ja, ich hätte es sofort gemacht. Auch wenn es bestimmt unheimlich gewesen wäre. Im Nachhinein betrachtet war das Schulungszentrum aber ideal. Man darf als Autor auch nicht zu viel wissen, sonst wird der Text zu technisch und detailreich. Außerdem gibt es Dinge, die für den Verlauf einer Geschichte wichtig sind, von einem Fachmann aber als völlig unrealistisch abgetan würden. Ich möchte so viel recherchieren, dass ich genug weiß, um mir den Rest ausdenken zu können.

    In „Fallwind” gibt es zum Beispiel Szenen, die außen auf der Gondel spielen, auf hoher See. Um sich dort oben überhaupt bewegen zu können, müsste schon eine super Flaute herrschen. Das thematisiere ich im Buch aber nicht – weil es für die Geschichte keine Rolle spielt.

    Es geht in Ihrem Buch auch darum, wie sich eine Region durch die Windkraftindustrie verändert. Wie haben Sie das bei Ihrer Recherche in Nordenham erlebt?
    Raether: Das ist eine der falschen Erwartungen, mit denen ich von Anfang an spiele. Es wird immer wieder angedeutet, wie wichtig die Industrie für die Region ist. Also geht der Leser davon aus, dass sich ein Sumpf der Korruption auftun wird. Aber ich wollte auf keinen Fall einen Polit-Thriller über Subventionen und die Energiewende schreiben, das wäre mir zu erwartbar.

    Mich hat Nordenham eher positiv beeindruckt. Das ist eine dieser norddeutschen Region, die traditionell durch die Werftindustrie geprägt waren. Aber die Ära des Schiffbaus ist vorbei und diese wirtschaftliche Lücke wird durch die Windkraftindustrie geschlossen. Ich hatte den Eindruck, dass sich die Menschen damit identifizieren und es gut finden, an einer Zukunftstechnologie mitzuwirken.

    Aber richtig gut kommt der Konzern in Ihrem Buch nicht weg. Da wird gemauschelt, Geld unterschlagen, der Manager hat eine Affäre.
    Raether: Naja, das ist auch eine Frage der Atmosphäre. Man kann in einem Kriminalroman nicht über eine Firma schreiben, in der alles eitel Sonnenschein ist. Trotzdem haben die meisten Figuren in dem Buch – wenn sie keine Kriminalpolizisten, pensionierte Lehrer oder Vogelforscher sind – ein Auskommen, weil sie für diesen Windkraftkonzern arbeiten. Und am Ende ist es ja das, was zählt.

    Gode Wind: In einem Offshore-Windpark wie diesem spielt Till Raethers Krimi „Fallwind“. Ein Interview mit dem Autor

    „Ich habe Nachmittage lang Videos von Offshore-Windparks angeschaut. Mich fasziniert das“: Die Ästhetik von Windrädern erinnert Raether an die Gemälde von Caspar David Friedrich.

    An einer Stelle beschreiben Sie den Moment, wenn der Kommissar mit einem Helikopter zum ersten Mal zu einem Offshore-Windpark fliegt: „Die gefühllose Gleichmäßigkeit der industriellen Anlage war atemberaubend, eine seltsam unheimliche Kraft zur unübertrefflichen Aufgewühltheit des Meeres. Alles an den aufgereihten Windkraftanlagen, deren Rotoren gerade wieder anfingen, sich langsam in die gleiche Richtung zu drehen, war einsam, menschenfeindlich, aber nicht hässlich ...” Da schwingt auch eine gewisse Faszination für die Windkraft mit, oder?
    Raether: Eine Faszination für die Ästhetik, ja. Ich gehöre wahrscheinlich zu den ganz wenigen Menschen in Deutschland, die Windräder nicht hässlich finden. Ich mag solche großen, erhabenen Strukturen. Für mich haben sie eine ähnliche Ausstrahlung wie früher die romantischen Gemälde aus den Alpen oder die Bilder von Caspar David Friedrich.

    Ich muss auch gestehen, dass ich mir Nachmittage lang Überflugvideos von Offshore-Anlagen angeschaut habe, davon gibt es irrsinnig viele auf Youtube. Mich fasziniert das. Ich finde es schon toll, wenn ich auf der Autobahn an einem Flügel auf einem Schwerlasttransporter vorbeifahre. Ein Bauteil, das mehr als 100 Meter lang ist und so eine perfekte ästhetische Form hat – großartig!

    Die Fragen stellte Julia Müller.

    „Man darf als Autor nicht zu viel wissen, sonst wird der Text zu technisch und detailreich“, sagt Raether. Im Zweifelsfall gibt er der Dramaturgie den Vorzug vor Faktentreue.

    „Fallwind” ist im Juli 2016 im Rowohlt-Verlag erschienen (480 Seiten, 14,99 Euro). Infos zu Verlag und Autor gibt es hier.

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