• Search23.04.2022

Verhaltensökonom Armin Falk

„Auch Klimaskeptiker sind erreichbar“

Selbst eingefleischte Gegner lassen sich für den Klimaschutz gewinnen, sagt der Forscher Armin Falk. Voraussetzung: Sie haben das Gefühl, dass die gesellschaftliche Mehrheit dahintersteht. Ein Gespräch über die Macht sozialer Normen.

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    Armin Falk, Verhaltensökonom aus Bonn, hat erforscht, wie Klimaskeptiker für den Klimaschutz zu erreichen sind. Foto: briq

     

    Armin Falk ist Professor für Verhaltensökonomie an der Uni Bonn und leitet das Institute on Behavior and Inequality (briq). Im Mai erscheint im Siedler-Verlag sein Buch „Warum es so schwer ist, ein guter Mensch zu sein“.

    Herr Falk, ein ökonomischer Leitsatz besagt, dass es im Wesen des Menschen liege, egoistisch zu handeln. Trifft das auch auf klimagerechtes Verhalten zu?
    Armin Falk: Nein. In einer aktuellen Studie haben wir festgestellt, dass sich zahlreiche Menschen Klimaschutz sehr wohl etwas kosten lassen wollen. Diese Neigung hängt aber stark vom Verhalten anderer Menschen ab. Wer also glaubt, dass sich sein Umfeld klimafreundlich verhält, ist auch selbst eher dazu bereit.

    Welchen Grund sehen Sie dafür?
    Falk: Wir wollen nicht der Dumme sein. So wie derjenige, der in der WG immer das Bad putzen muss, weil die anderen es einfach nicht tun. Oder wenn wir ehrlich unsere Steuern zahlen und andere hohe Beträge hinterziehen. Wir sind in der Regel nur bereit, gemeinnützig zu handeln, wenn es andere auch tun. In der Fachsprache heißt dieser Zusammenhang „bedingte Kooperation.“

    Schätzen Menschen die Kooperationsbereitschaft der anderen richtig ein?
    Falk: Hier haben wir eine hohe Abweichung festgestellt. Rund 70 Prozent schätzten in unserer Studie die Bereitschaft ihrer Mitmenschen zu klimafreundlichem Handeln zu niedrig ein. Als wir den falschen Eindruck korrigiert haben, zeigten sich die Teilnehmenden kooperativer. Das ist eine Abkehr von der früher in der Ökonomik weit verbreiteten Behauptung, der Mensch würde nur an sich selbst denken. Aber Solidarität hat ihren Preis, das ist den Leuten schon bewusst.

    Lassen sich auch eingefleischte Klimaskeptiker zur bedingten Kooperation bewegen?
    Falk: Ja, die Gruppe ist durchaus zu erreichen. Für diese Personengruppe waren die Effekte sogar besonders stark. Als wir in dem Versuch klimaskeptisch eingestellte Personen darüber aufgeklärt haben, wie hoch die Bereitschaft zu kooperativem Handeln in der übrigen Gesellschaft tatsächlich ist, haben sie sich im Vergleich viel offener und solidarischer gezeigt als nicht aufgeklärte Klimaskeptiker.

    Geht es hier tatsächlich um Solidarität – oder um Gruppenzwang?
    Falk: Der Zusammenhang ist vielschichtig. Wenn Menschen sozialen Normen folgen, wollen sie oft Schuld und Schamgefühle vermeiden. Eine weitere Rolle spielt die Durchsetzung der Norm durch andere. Beispiel: Wer seine Notdurft im Vorgarten des Nachbarn verrichtet, wird dafür eine Quittung bekommen. Diese Angst, einen Verstoß zu begehen und dafür sanktioniert zu werden, führt dazu, dass Menschen Normen beachten.

    Könnte der Staat solche gesellschaftlichen Normen steuern, um klimafreundliches Verhalten durchzusetzen?
    Falk: Ich glaube nicht, dass staatliches Handeln per se Normen etablieren kann. Aber es kann helfen, sie zu verstärken. Nehmen Sie Themen wie Tempolimit oder autofreier Sonntag. Maßnahmen wie diese hätten nicht nur eine bindende Wirkung, sondern auch einen hohen symbolischen Wert. Anders formuliert: Gesetze entfalten immer auch eine expressive Wirkung.

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    Ich habe Hunderte Hinweise gefunden, dass Frauen im Schnitt selbstloser handeln als Männer

    Armin Falk

    Sie haben auch herausgefunden, dass sich Frauen Klimaschutz mehr kosten lassen als Männer.
    Falk: In meinen Forschungen der vergangenen 25 Jahre habe ich Hunderte Hinweise gefunden, dass Frauen im Schnitt selbstloser handeln als Männer. Eine dieser Studien erstreckte sich sogar auf repräsentative Stichproben in 76 Ländern. Die Befunde unserer aktuellen Arbeit sind daher konsistent. Wobei man nicht verschweigen darf, dass sich sowohl bei Männern als auch Frauen das gesamte Spektrum von Egoismus bis Altruismus findet.

    Welchen Einfluss hat die politische Einstellung?
    Falk: Wir haben die Stichprobe in den USA erhoben. Die Anhänger der Demokraten waren bereit, mehr Geld in den Klimaschutz zu investieren als die Republikaner und sind auch davon ausgegangen, dass ihre Mitmenschen kooperationsbereiter sind. Das Ergebnis verwundert nicht, es bestätigt, was wir bereits in vorangegangenen Studien festgestellt haben.

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    Ich bin überzeugt, dass die Politik hierzulande der Meinung von Minderheiten zu viel Gewicht einräumt

    Armin Falk

    Lassen sich die Erkenntnisse dieser US-Studie auch auf andere Länder und Themen übertragen?
    Falk: Davon gehe ich aus, besonders, was die negative Erwartungshaltung angeht. Ich bin zum Beispiel überzeugt, dass die Politik hierzulande der Meinung von Minderheiten zu viel Gewicht einräumt. Wir haben in der Debatte um die Pandemie immer wieder Hinweise gefunden, dass ein großer Teil der Bevölkerung sehr wohl bereit ist, auch strenge Maßnahmen mitzutragen. Regierungen sollten sich also viel mehr bewusst machen, was die Mehrheit tatsächlich für richtig hält, und das auch kommunizieren.

    Gilt das auch für die Akzeptanz von Sanktionen im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine?
    Falk: Mein Institut hat zu diesem Thema eine repräsentative Umfrage in Deutschland gemacht. Eine große Mehrheit ist bereit, höhere Treibstoffpreise und andere Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen, um dadurch Sanktionen gegen Russland zu ermöglichen.

    Trifft das auf alle Parteien zu?
    Falk: Etwas mehr als 50 Prozent der FDP-Anhänger würden sogar ein Tempolimit auf der Autobahn akzeptieren. Bei den Anhängern der Grünen wiederum spricht sich die Hälfte für die Verlängerung der AKW-Laufzeiten aus, um den Druck auf die russische Regierung zu erhöhen. Das macht deutlich, dass wir uns zu wenig zutrauen und durch vorgefasste Ansichten oft selbst im Wege stehen.

    Fragen stellte Heimo Fischer.

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