Kanadas Energie- und Umweltpolitik

Ein Land mit zwei Gesichtern

Unter Justin Trudeau gibt sich Kanada beim Ökostromausbau ambitioniert. Zugleich genehmigt seine Regierung den Bau einer umstrittenen Ölpipeline. Auch auf Ebene der Provinzen ist das Bild widersprüchlich – sie sind in der Klimapolitik entscheidend. Eine Reise durch Kanada in Bildern.

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    Postkartenpanoramen wie der Moraine Lake im Banff-Nationalpark machen Kanada zum Sehnsuchtsziel deutscher Touristen und Auswanderer. Im zweitgrößten Land der Erde ist alles eine Nummer imposanter, der Himmel weiter, die Natur scheinbar grenzenlos. Auf ihrer Ausbeutung beruht traditionell der Reichtum des Landes. Am Anfang ging es dabei vor allem um Pelze und ...

    … um Holz. Kanadas Holzfäller, unsterblich gemacht durch „Monty Pythons“ Lumberjack Song“, rücken den Urwäldern seit dem 17. Jahrhundert zu Leibe. Im 19. Jahrhundert gewann neben der Papierproduktion im Inland der Export nach England an Bedeutung. Als dieses Bild 1897 entstand, hatte sich die Forstwirtschaft längst von der Ostküste weit ins Landesinnere vorgearbeitet. Heute ...

    … hat man erkannt, dass auch in einem Land von der Größe Europas die Holzvorräte endlich sind. Zwar ist die Forstindustrie weiter ein wichtiger Wirtschaftszweig. Aber auf Druck von Umweltverbänden und der indigenen Bevölkerung rückt der Schutz der Wälder zunehmend in den Fokus. Kahl geschlagenen Flächen klaffen dennoch vielerorts wie offene Wunden in der Natur. Noch düsterer …

    … ist das Bild in der Ölindustrie in der Provinz Alberta. Sie hat Hunderte Quadratkilometer große Gebiete durch den Abbau von Ölsanden in Mondlandschaften voller Schwefelberge und giftiger Tümpel verwandelt. Kanada verfügt über die nach Saudi-Arabien größten Erdölreserven der Welt, allerdings ist der Abbau des Rohstoffs fast nirgendwo so schmutzig wie hier. Denn das Erdöl …

    … liegt nicht flüssig vor, sondern im Sand gebunden als sogenanntes Bitumen. Es wird meist im Tagebau aus Tiefen um 30 Meter abgebaut und mit gigantischen Lastwagen zur Weiterverarbeitung transportiert. Der Prozess, in dem das Öl herausgewaschen wird, ist kostspielig. Dazu nötig sind große Mengen Wasser, Chemikalien und Energie. Für die Konzerne und Albertas Staatskasse ...

    … ist der Abbau lukrativ, doch für Umwelt und Klima ist er eine Katastrophe. Die CO2-Emissionen pro Kopf sind in Kanada fast doppelt so hoch wie in Deutschland. Die Organisation Germanwatch führt Kanada in ihrem Klimaschutz-Index 2019 auf einem der letzten Plätze in der Gruppe der als „sehr schlecht“ eingestuften Länder. Dazu trägt auch eine Entscheidung von Premierminister ...

    … Justin Trudeau bei. Er hat zum Entsetzen von Umweltverbänden die Erweiterung einer Pipeline genehmigt, die Bitumenöl von Alberta an die Pazifikküste transportieren soll. Die Einnahmen daraus würden komplett in die Finanzierung der kanadischen Energiewende fließen, versicherte Trudeau. Viele seiner Wähler dürfte er dennoch verprellt haben. Besonders groß war der Protest ...

    … bei der indigenen Bevölkerung, die Demonstrationen wie hier in Toronto organisierte. Viele Gemeinden der in Kanada First Nations genannten Ureinwohner sind von dem Projekt betroffen. Sie befürchten schwere Umweltschäden durch Lecks an der Pipeline oder Unfälle bei der Verschiffung über den Pazifik. Trotz der Entscheidung für die Pipeline bekommt die Regierung Trudeau ...

    … von Germanwatch insgesamt gute Noten – unter anderem, weil sie sich in der „Powering Past Coal Alliance“ für einen weitgehenden Kohleausstieg bis 2030 engagiert. Aktuell liefern Kohlekraftwerke gut zehn Prozent des landesweit verbrauchten Stroms. Trudeaus Einfluss ist allerdings begrenzt, denn Energiepolitik ist in Kanada vor allem Sache der Provinzen – und die gehen ...

    ... sehr unterschiedliche Wege. Während die Provinzen Quebec, Manitoba und British Columbia dank großer Wasserkraftwerke ihren Strom fast komplett aus Erneuerbaren beziehen, ist in anderen Regionen Kohle der wichtigste Energieträger. Im Landesschnitt fließen 65 Prozent Ökostrom, 15 Prozent Atomstrom und je zehn Prozent Kohle- und Gasstrom durch die Netze. Der Anteil ...

    … der Windkraft am Strommix liegt bei gut vier Prozent. Landesweit waren Mitte 2019 laut Germany Trade & Invest 300 Windparks am Netz. Seit Jahren wächst die Kapazität im Schnitt um rund 20 Prozent, sodass Kanada heute der achtgrößte Windkraftstandort weltweit ist. Neben Onshore-Windrädern könnten sich in einigen Jahren auch auf See erste Rotoren drehen. Konkrete Pläne dazu ...

    … gibt es in der Hecate-Straße, die das pazifische Festland von den Haida-Gwaii-Inseln trennt. Hier will das Unternehmen Naikun aus Vancouver einen Offshore-Windpark bauen. Auch wenn die Realisierungschancen schwer einzuschätzen sind, hat die Mehrheit der Kanadier erkannt, dass am Ausbau der erneuerbaren Energien kein Weg vorbeiführt. Denn Klimaschutz ist die Grundlage ...

    … um den Reichtum des Landes zu bewahren. Der wichtige Tourismussektor etwa basiert nicht zuletzt auf einer intakten Natur. Deutlich wird das unter anderem am Athabasca-Gletscher in den Rocky Mountains. Er ist einer der meistbesuchten Gletscher Nordamerikas und kann im Sommer mit speziellen Bussen erreicht werden. In den vergangenen 25 Jahren hat der Gletscher allerdings rund ...

    … die Hälfte seines Volumens verloren, weil die Temperaturen auch hier deutlich gestiegen sind. Schilder im Geröll markieren die frühere Ausdehnung des Eisfelds. Auch wegen solcher Bilder haben nicht nur der Staat und viele Provinzen ehrgeizige Klimaprogramme aufgelegt, sondern auch zahlreiche Städte und Gemeinden. Ein Vorreiter dabei ist die Metropole Vancouver. Hier wurde ...

    … 1971 die Umweltschutzorganisation Greenpeace gegründet. Heute arbeitet Vancouver daran, die grünste Stadt der Welt zu werden. Einer der Ansatzpunkte dabei ist der Verkehr, der für einen großen Teil der CO2-Emissionen verantwortlich ist. Deshalb investiert Vancouver seit Jahren in den Radverkehr – und kommt dabei europäischen Vorbildern wie Kopenhagen durchaus nahe.

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