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Köln während der jüngsten Hitzewelle: Nebel aus einem Wasserschlauch soll bei 37 Grad für Abkühlung sorgen. Klimaschutz ist dagegen kein Thema in der Öffentlichkeit.
Von Julia Graven
Innenstädte flimmern, Wald brennt, Tausende Menschen sterben an Hitze. Der Sommer hat früh begonnen und weite Teile des Landes im Griff. Vor zehn Jahren hätte das Extremwetter eine hitzige Klimadebatte ausgelöst. 2026 bleibt es bei Meldungen über ausverkaufte Klimaanlagen und Tipps zum richtigen Lüften. Klimaschutz, einst Hauptargument für die Energiewende, ist zur Randnotiz geworden.
Umfragen bestätigen, dass der Klimaschutz an Bedeutung verloren hat. Nannten 2021 in einer Umfrage von YouGov noch 34 Prozent Klimaschutz als eines der drei wichtigsten Themen, waren es 2026 nur noch 16 Prozent. Auch die Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse AWA 2025 zeigt: Wirtschaft, Inflation, Zuwanderung und Rente erscheinen heute dringlicher als Umwelt- und Klimaschutz. YouGov versucht das mit einer Art kollektiver Erschöpfung zu erklären, einer „Klimaaversion“: Das abstrakte Dauerthema Klimawandel werde zunehmend verdrängt. Hinzu kämen ein Gefühl der Ohnmacht sowie Zweifel, ob sich die Folgen der Krise überhaupt noch abwenden lassen.
Zu den letzten verbliebenen Klimaschutzaktivisten gehört die Europäische Zentralbank (EZB). Im Mai diskutierten Forscher und Entscheidungsträger auf einer Konferenz in Frankfurt, welche Risiken der Klimawandel für die Geldpolitik birgt. EZB-Präsidentin Christine Lagarde sprach sich in ihrer Eröffnungsrede für einen stärkeren Ausbau der erneuerbaren Energien aus. Er sei die beste Lösung für eine sichere, nachhaltige und bezahlbare Energiepolitik der Zukunft.
Es geht um Unabhängigkeit und Versorgungssicherheit. Klimaschutz? Ist out
Wer wie Lagarde die Energiewende vorantreiben will, braucht aktuell andere Argumente als den Klimaschutz. Gefragt ist ein anderes „Framing“. Begriffe aus dem Vokabular der Militärs haben sich in die Debatte um den Ausstieg aus der fossilen Welt eingeschlichen: Versorgungssicherheit, Unabhängigkeit, Schutz vor Erpressbarkeit. In einem Radiointerview sagt die Neurowissenschaftlerin Maren Urner, Professorin für Nachhaltige Transformation an der FH Münster, es sei „vielleicht sogar der bessere Weg“, nicht von Klimaschutz zu sprechen, sondern davon, „langfristig für Sicherheit“ zu sorgen. Sie sieht in dieser neuen Erzählung „eine Riesenchance“.
Worauf setzen also Politiker, Aktivisten und Vertreter der Wirtschaft, die die Energiewende mit neuen Narrativen am Laufen halten wollen?
Das Ziel bleibt dasselbe. Aber Umweltschützer argumentieren heute anders
Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine gelten Erneuerbare weniger als Klimaretter denn als Versicherung gegen Erpressbarkeit. Kurz nach dem Beginn des Ukrainekriegs 2022 brachte es der damalige Finanzminister Christian Lindner (FDP) auf den Punkt, als er die Erneuerbaren als „Freiheitsenergien“ bezeichnete. Heute drängt Außenminister Johann Wadephul (CDU) angesichts des Irankriegs darauf, „dass wir uns noch konsequenter von fossilen Energieträgern lösen und unabhängiger machen“. Der Klimawandel liefere gute Argumente, so der CDU-Politiker zum Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Aber hinzu kommt die sicherheits- und wirtschaftspolitische Facette, die uns diese Notwendigkeit nochmals verdeutlicht.“
Einen ähnlichen Wandel haben Umweltschutzorganisationen vollzogen. Eine Analyse der Pressemitteilungen von Greenpeace zum Thema zeigt: Als die Organisation 2021 von „sicherer Energiepolitik“ sprach, meinte sie damit den Ausstieg aus der „unsicheren“ Atomkraft. Im März 2022, wenige Tage nach Kriegsbeginn, führte Greenpeace die Energiewende als „sichere Alternative“ ins Spiel – und meinte damit die sicherheitspolitische Unabhängigkeit von russischem Öl und Gas. Diese Verschiebung in der Kommunikation der NGO ist bis heute erkennbar.