Energiewende

  • Search11.08.2026

Klimaschutz war gestern: Warum Lagarde, Wadephul und Greenpeace lieber von Sicherheit reden

Hitze, Dürre, Brände, aber niemand spricht vom Klima. Wer die Energiewende voranbringen will, argumentiert mit Sicherheit, Bezahlbarkeit und Unabhängigkeit. Warum sich der Ton geändert hat – und was die neuen Narrative taugen.

InhaltsverzeichnisToggle-Icons

    Hitzewelle in Deutschland: In Kölln soll das Versprühen von Wassernebel für Abkühlung sorgen. Deutschland leidet immer stärker unter Hitzewellen.

    Köln während der jüngsten Hitzewelle: Nebel aus einem Wasserschlauch soll bei 37 Grad für Abkühlung sorgen. Klimaschutz ist dagegen kein Thema in der Öffentlichkeit.

     

    Von Julia Graven

    Innenstädte flimmern, Wald brennt, Tausende Menschen sterben an Hitze. Der Sommer hat früh begonnen und weite Teile des Landes im Griff. Vor zehn Jahren hätte das Extremwetter eine hitzige Klimadebatte ausgelöst. 2026 bleibt es bei Meldungen über ausverkaufte Klimaanlagen und Tipps zum richtigen Lüften. Klimaschutz, einst Hauptargument für die Energiewende, ist zur Randnotiz geworden.

    Umfragen bestätigen, dass der Klimaschutz an Bedeutung verloren hat. Nannten 2021 in einer Umfrage von YouGov noch 34 Prozent Klimaschutz als eines der drei wichtigsten Themen, waren es 2026 nur noch 16 Prozent. Auch die Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse AWA 2025 zeigt: Wirtschaft, Inflation, Zuwanderung und Rente erscheinen heute dringlicher als Umwelt- und Klimaschutz. YouGov versucht das mit einer Art kollektiver Erschöpfung zu erklären, einer „Klimaaversion“: Das abstrakte Dauerthema Klimawandel werde zunehmend verdrängt. Hinzu kämen ein Gefühl der Ohnmacht sowie Zweifel, ob sich die Folgen der Krise überhaupt noch abwenden lassen.

    Zu den letzten verbliebenen Klimaschutzaktivisten gehört die Europäische Zentralbank (EZB). Im Mai diskutierten Forscher und Entscheidungsträger auf einer Konferenz in Frankfurt, welche Risiken der Klimawandel für die Geldpolitik birgt. EZB-Präsidentin Christine Lagarde sprach sich in ihrer Eröffnungsrede für einen stärkeren Ausbau der erneuerbaren Energien aus. Er sei die beste Lösung für eine sichere, nachhaltige und bezahlbare Energiepolitik der Zukunft.

    Es geht um Unabhängigkeit und Versorgungssicherheit. Klimaschutz? Ist out

    Wer wie Lagarde die Energiewende vorantreiben will, braucht aktuell andere Argumente als den Klimaschutz. Gefragt ist ein anderes „Framing“. Begriffe aus dem Vokabular der Militärs haben sich in die Debatte um den Ausstieg aus der fossilen Welt eingeschlichen: Versorgungssicherheit, Unabhängigkeit, Schutz vor Erpressbarkeit. In einem Radiointerview sagt die Neurowissenschaftlerin Maren Urner, Professorin für Nachhaltige Transformation an der FH Münster, es sei „vielleicht sogar der bessere Weg“, nicht von Klimaschutz zu sprechen, sondern davon, „langfristig für Sicherheit“ zu sorgen. Sie sieht in dieser neuen Erzählung „eine Riesenchance“.

    Worauf setzen also Politiker, Aktivisten und Vertreter der Wirtschaft, die die Energiewende mit neuen Narrativen am Laufen halten wollen?

    Das Ziel bleibt dasselbe. Aber Umweltschützer argumentieren heute anders

    Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine gelten Erneuerbare weniger als Klimaretter denn als Versicherung gegen Erpressbarkeit. Kurz nach dem Beginn des Ukrainekriegs 2022 brachte es der damalige Finanzminister Christian Lindner (FDP) auf den Punkt, als er die Erneuerbaren als „Freiheitsenergien“ bezeichnete. Heute drängt Außenminister Johann Wadephul (CDU) angesichts des Irankriegs darauf, „dass wir uns noch konsequenter von fossilen Energieträgern lösen und unabhängiger machen“. Der Klimawandel liefere gute Argumente, so der CDU-Politiker zum Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Aber hinzu kommt die sicherheits- und wirtschaftspolitische Facette, die uns diese Notwendigkeit nochmals verdeutlicht.“

    Einen ähnlichen Wandel haben Umweltschutzorganisationen vollzogen. Eine Analyse der Pressemitteilungen von Greenpeace zum Thema zeigt: Als die Organisation 2021 von „sicherer Energiepolitik“ sprach, meinte sie damit den Ausstieg aus der „unsicheren“ Atomkraft. Im März 2022, wenige Tage nach Kriegsbeginn, führte Greenpeace die Energiewende als „sichere Alternative“ ins Spiel – und meinte damit die sicherheitspolitische Unabhängigkeit von russischem Öl und Gas. Diese Verschiebung in der Kommunikation der NGO ist bis heute erkennbar.

    Die Abhängigkeit von fossilen Energien macht erpressbar. Staatschefs wie US-Präsident Donald Trump oder Russlands Präsident Wladimier Putin nutzen dies aus, warnen Klimaschützer.

    Greenpeace-Aktivisten warnen während der Münchner Sicherheitskonferenz 2026 vor der Abhängigkeit von Rohstoffimporten aus Ländern wie den USA und Russland.

    Greenpeace-Expertin Lena Donat sagt gegenüber EnergieWinde, die Umweltschutzorganisation sehe, dass im Alltag der Menschen andere Sorgen als der Klimawandel in den Vordergrund rücken. „Steigende Lebenshaltungs- und Energiekosten sind nicht wegzudiskutieren und machen vielen Menschen das Leben schwerer. Kriege und Krisen machen ihnen Angst. Die Unsicherheit, die viele derzeit spüren, hat auch etwas mit unserer Abhängigkeit von fossilen Energien zu tun.“

    Erneuerbare als Unabhängigkeitserklärung: „Break free from tyrants“

    Am Rande der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz im Februar demonstrierten Greenpeace-Aktivisten mit aufblasbaren Figuren von Trump und Putin für den Gasausstieg. Über dem Konferenzhotel entrollten sie ein Banner an einem Kran: „Break free from tyrants“. Erneuerbare sind „ein Schritt hin zu energiepolitischer Souveränität“, so die Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), ein „Schutzschirm gegen fossile Energie, Kriege und Krisen“.

    Selbst bei Fridays for Future klingt der Ton anders. In Demo-Aufrufen ist heute die Rede von einer Energiezukunft, die „sauber, sicher und bezahlbar“ ist. Auch die junge Protestgeneration redet davon, dass Öl und Gas abhängig und erpressbar machen. Klimaschutz taucht nur noch am Rande auf.

    Bezahlbarkeit und Wirtschaftlichkeit

    Auf der Frankfurter EZB-Konferenz nutzte Europas oberste Währungshüterin Lagarde neben der Sicherheit auch wirtschaftliche Narrative, um für die Energiewende zu werben. Sie verwies auf eine EZB-Studie, wonach Länder mit hohem Erneuerbaren-Anteil wie Spanien vom Energiepreisschock weniger betroffen seien als etwa Italien mit seinem niedrigeren Ökostromanteil.

    Je höher der Anteil der Erneuerbaren am Strommix, desto besser sind Länder gegen Energiekrisen wie den Irankrieg geschützt. Das zeigen EZB-Daten aus Deutschland, Italien und Spanien. Infografik: Benedikt Grotjahn

    Deutschland gibt laut KfW rund 81 Milliarden Euro im Jahr für fossile Importe aus. Eine enorme Summe. Würde sie in Energie aus heimischen Wind- und Solarparks fließen, wäre das eine große Entlastung für die deutsche Volkswirtschaft. Die Ökonomin Maja Göpel hält deshalb den vermeintlichen Gegensatz zwischen Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit für einen Denkfehler: Der russische Angriffskrieg habe gezeigt, wie verwundbar Länder mit hoher Importabhängigkeit sind.

    Die Stiftung KlimaWirtschaft, eine Initiative deutscher CEOs für mehr Klimaschutz, hat Bundeskanzler Friedrich Merz bei einem Treffen im März darauf hingewiesen: In der aktuellen geopolitischen Lage ist Klimapolitik ein wichtiger Treiber für „Wettbewerbsfähigkeit, Innovation und wirtschaftliche Resilienz“.

    Der Thinktank Agora Energiewende verpackt diese Narrative inzwischen in eine einzige Formel: Die Energiewende „sichert günstigen Strom, macht Deutschland unabhängiger von fossilen Energieimporten, stärkt die heimische Industrie und sorgt für konsequenten Klimaschutz.“ In dieser Reihenfolge.

    Sind die neuen Narrative ein Etikettenschwindel – oder schlicht pragmatisch?

    Wenn also weder Politiker noch Wirtschaftsbosse und nicht einmal die FFF-Aktivisten den Klimawandel ins Feld führen, bleibt am Ende nur noch die Frage, ob diese Verschiebung des Diskurses eigentlich gut oder schlecht ist. Man könnte in den neuen Narrativen einen riesigen Etikettenschwindel sehen. Man könnte diejenigen als Populisten beschimpfen, die Windräder als „Waffen gegen Putin“ bezeichnen. Oder Klimaschützer zynisch nennen, die den Klimawandel aus ihren Manuskripten streichen, obwohl er so bedrohlich ist wie nie zuvor.

    Folgt man der bestimmt nicht für ihren Zynismus bekannten Maja Göpel, sind die neuen Narrative dennoch nötig und hilfreich. In einem Gespräch mit dem „Netzwerk Klimajournalismus“ beschreibt sie, wie sie selbst mittlerweile ihre Taktik geändert hat, um Menschen zu überzeugen: Sie sei zu einem grenzenlosen Pragmatismus übergegangen und knüpfe an das jeweils wichtigste Thema der Menschen an, um daraus die Verbindung zu Umwelt und Klima zu ziehen.

    Und wenn das wichtigste Thema nun mal gerade die Sicherheit ist, dann nutze sie eben das als Anknüpfungspunkt.

    Go Top