Attacken gegen Klimawissenschaftler

Forscher im Visier

Mit bizarren Thesen machen Leugner der Erderhitzung Front gegen seriöse Forscher. Sie verbreiten Lügen und schrecken auch vor persönlichen Angriffen nicht zurück. Vier bekannte Wissenschaftler aus Deutschland und den USA schildern, wie sie damit umgehen.

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    Auf dem „March for Science“ protestieren Forscher in aller Welt 2017 gegen die Verbreitung „alternativer Fakten“. Auslöser waren wissenschaftsfeindliche Äußerungen Donald Trumps. Er hatte die Erderhitzung als „Erfindung der Chinesen" bezeichnet.

    Mit einem „March for Science“ protestieren Forscher in aller Welt 2017 gegen die Verbreitung „alternativer Fakten“. Auslöser waren Äußerungen von Donald Trump, der unter anderem die Erderhitzung als „Erfindung der Chinesen“ bezeichnet hatte. Das Bild zeigt einen Protestzug vor der US-Umweltbehörde in Washington.

    Von Tim Schröder

    Wenn Wissenschaftler ihre Erkenntnisse über den Klimawandel verbreiten, werden sie immer wieder hart angegangen. Das gilt vor allem in den USA, wo die Trump-Regierung Zweifel an der Erderwärmung schürt und einflussreiche Stellen wie den Chefposten der Umweltbehörde mit Klimaskeptikern besetzt. Die Folge ist eine zunehmend wissenschaftsfeindliche Atmosphäre – zusätzlich angeheizt durch gekaufte Studien, die die Folgen des Klimawandels herunterspielen.

    Aber auch in Deutschland sind Klimaforscher Angriffen ausgesetzt. Vor allem aus der Anonymität des Internets heraus werden sie mit den immergleichen Falschbehauptungen konfrontiert und ihre Forschungsergebnisse herabgewürdigt.

    Wie angespannt die Atmosphäre ist, zeigt die Tatsache, dass viele von EnergieWinde um Stellungnahmen gebetene Forscher abgewunken haben: Zu groß war ihre Befürchtung, sich zur Zielscheibe neuerlicher Attacken zu machen.

    Vier bekannte Wissenschaftler sprachen dennoch mit uns: Antje Boetius, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts, und Volker Quaschning, Mitbegründer von „Scientists for Future“, werden immer wieder im Internet scharf angegriffen. Stanford-Professor Mark Z. Jacobson schildert seine Erlebnisse in den USA. Und das Beispiel des Geologen Klaus Wallmann zeigt, dass die Attacken nicht nur aus dem Lager der Klimaskeptiker, sondern manchmal sogar von Umweltverbänden kommen.

    Volker Quaschning: „Die
    Kommunikationskultur verroht“

    Volker Quaschning ist Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Er ist einer der Initiatoren von „Scientists for Future“ und kritisiert die Bundesregierung für mangelnden Ehrgeiz im Kampf fürs Klima.

    Volker Quaschning ist Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Er ist einer der Initiatoren von „Scientists for Future“ und kritisiert die Bundesregierung wortmächtig für ihren mangelnden Ehrgeiz im Kampf gegen den Klimawandel.

    „In der Diskussion um den Klimawandel oder die erneuerbaren Energien fällt mir auf, dass der Ton und die Kommunikationskultur deutlich verrohen. Ich kann es akzeptieren, wenn Menschen eine andere Position haben und versuchen, diese zu begründen. Nur dann ist ein Dialog möglich. Viele Klimaleugner aber treten mit ihren Kommentaren sehr aggressiv auf. Einer der härtesten Kommentare, die ich im Internet über mich gelesen habe, war: „Manche sehen die Kugel erst, wie sie im Kopf einschlägt.“

    Hier geht es nicht mehr um Argumente. Menschen, die sich für Klimaschutz engagieren, werden polemisierend als ,Gretel-Anhänger‘ dargestellt – als Anhänger der schwedischen Aktivistin Greta Thunberg. Statt sachlicher Argumente werden sehr oft Behauptungen in den Raum gestellt – etwa auf Youtube – auch als Antwort auf Videos, die ich selbst veröffentlicht habe. Die Behauptungen einzelner Klimaleugner werden dann von vielen anderen wiederholt.

    Einmal wurde ich gleich mehrfach mit dem Argument konfrontiert, dass Kohlendioxid schwerer als Luft sei, deshalb zu Boden sinke und sich in der Atmosphäre gar nicht anreichern könne. Bei anderer Gelegenheit wurde ich x-mal darauf hingewiesen, dass es im Mittelalter ja auch schon warme Perioden gegeben habe und dass vor allem die schwankende Aktivität der Sonne zur aktuellen Klimaerwärmung führe. Aspekte, die von Forschern längst wiederlegt wurden oder zumindest als ausgesprochen unwahrscheinlich gelten.

    Vielfach werden wir Wissenschaftler als gekauft und von der Industrie bezahlt dargestellt. In einer Podiumsdiskussion mit Windkraftgegnern rief mir jemand entgegen, dass ich doch mal meine finanziellen Abhängigkeiten offenlegen sollte.

    Es ist schon so, dass man sich ein dickes Fell zulegt. Auf einen Schlagabtausch mit einzelnen Kritikern lasse ich mich nicht mehr ein. Vor allem auch, weil das Zeit kostet. Zielführender ist es, wenn ich auf häufige Kritik zu einem bestimmten Thema mit einem neuen Video reagiere, das ich auf meiner Website veröffentliche. Das gibt mir die Möglichkeit, das Thema in aller Breite zu erklären und Stellung zu beziehen. Und meist nimmt die Kritik anschließend tatsächlich ab. Es wird leiser. Und das ist sehr erfreulich.

    Für mich besteht die Lösung darin, dass man zu einer Diskussionskultur zurückkehrt, in der die andere Position gehört wird. ,Ich denke etwas, weil...‘. So muss es laufen. Doch derzeit gehen sogar die etablierten Volksparteien mit schlechtem Beispiel voran – etwa die CSU mit ihrer Antwort auf das Video des Youtubers Rezo. Es enthält keine Argumente, sondern liefert stattdessen Behauptungen.“

    Aufgezeichnet von Tim Schröder.

    Mark Z. Jacobson: „Sie veröffentlichen
    irreführende Aussagen und Verleumdungen“

    Mark Z. Jacobson ist Professor für Bau- und Umweltingenieurwesen in Stanford sowie Direktor des Atmosphere and Energy Program der Universität.

    Mark Z. Jacobson ist Professor für Bau- und Umweltingenieurwesen in Stanford sowie Direktor des Atmosphere and Energy Program der Universität.

    „Ich wurde von Klimaskeptikern angegriffen, als ich noch direkt an Klimamodellen gearbeitet habe. Mithilfe von Computermodellen haben wir die Luftverschmutzung, das Wetter und das Klima auf lokaler und globaler Ebene simuliert. Persönliche Zusammenstöße gab es nur, wenn bei meinen Vorträgen jemand aus dem Publikum während der anschließenden Frage-Antwort-Phase aufstand, um Kritik zu äußern oder eine Suggestivfrage zu stellen. Bei einem Vortrag in Houston, der erneuerbare Energien und Probleme mit nuklearer Energie zum Thema hatte, stand ein Störer auf und rief, dass die globale Erwärmung nicht existiere. Ich habe einfach weitergeredet und meine Ergebnisse präsentiert.

    In den vergangenen zehn Jahren sind solche Angriffe weniger geworden. Klimaskeptiker scheinen heute ruhiger zu sein als früher. Ich konzentriere mich seit gut zehn Jahren auf den Umbau der Energieversorgung hin zu hundertprozentig sauberer Energie und auf die dazugehörigen Speichermöglichkeiten. Seitdem habe ich mehr mit Gegnern grüner Energie zu tun. Die meisten von ihnen sind Vertreter aus den Sektoren der nuklearen Energie, fossiler Brennstoffe, Biomasse, Geotechnik und Erdgas – denn keine dieser Energien wird in unseren Aktionsplänen berücksichtigt.

    In der Regel haben sie entweder ein finanzielles oder ein ideologisches Interesse an den oben genannten Energieträgern. Sie ertragen es nicht, dass saubere, erneuerbare Energie plötzlich so populär ist und per Gesetz in vielen Ländern, US-Bundesstaaten, Städten und sogar von Unternehmen eingeführt wurde.

    Manche von ihnen gingen sehr weit mit ihren Angriffen: Sie schrieben Blogposts oder Artikel gespickt mit verfälschten Daten aus unserer Arbeit. Oder sie veröffentlichen Videos mit irreführenden Aussagen, verbreiteten falsche Informationen und Verleumdungen. Sie haben eine Menge Schaden angerichtet, aber glücklicherweise waren die meisten Menschen in der Lage, ihre Spielchen zu durchschauen. Der Zuspruch für saubere, erneuerbare Energie ist stärker als je zuvor. Vielerorts hat der Übergang begonnen – während die Technologien, die von diesen Skeptikern zu gepusht werden, sich nicht weiterentwickeln. Ich selbst bin mittlerweile so gewöhnt an solche Angriffe, dass ich mich bemühe, mir meine innere Ruhe davon nicht nehmen zu lassen.“

    Aufgezeichnet von Jasmin Lörchner.

    Antje Boetius: „Eine Mischung aus
    Abstreiten und Frauenbeschimpfung“

    Antje Boetius ist Meeresbiologin, Tiefseeforscherin und seit Ende 2017 Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven.

    Antje Boetius ist Meeresbiologin, Tiefseeforscherin und seit Ende 2017 Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven. Als Wissenschaftlerin bezieht sie zu verschiedenen gesellschaftlichen und umweltpolitischen Themen Stellung, was ihr viel Lob einbringt, aber auch Beschimpfungen.

    „Die Kritik an meinen Positionen hat deutlich zugenommen, seit ich als Wissenschaftlerin stärker in der Öffentlichkeit stehe, gerade weil ich jenseits meines Fachgebiets auch zu gesellschaftlichen Fragen Stellung beziehe. Das überrascht mich nicht, aber zum Glück ist es nicht so krass, wie es viele Politikerinnen, Journalistinnen oder Moderatorinnen erleben. So war ich beispielsweise zu Gast in der Talkshow von Maybrit Illner – zu der Frage, wie dringend Investitionen in den Klimaschutz sind und ob der CO2-Preis kommen muss. Zunächst musste ich mir überhaupt Redezeit erkämpfen, dann gab es Ärger in den sozialen Medien, weil ich die Zukunftsfähigkeit der aktuellen Klimapolitik in Frage gestellt hatte.

    Auch in einigen Printmedien sind meine Stellungnahmen erschienen. Seitdem bekomme ich fast täglich E-Mails von Männern, die den Klimawandel leugnen. Des Öfteren auch handgeschriebene Briefe von älteren Herren, die mir mitteilen, dass Frauen nichts von Physik verstünden und in der Öffentlichkeit schweigen sollten. Der Großteil der Schreiben hat denselben Inhalt: eine Mischung aus allgemeinem Abstreiten von Klimawandelfakten und Frauenbeschimpfung.

    Die Argumente wiederholen sich, etwa: So wenig Kohlendioxid kann nicht schädlich sein. Oder Deutschland muss nichts gegen den Klimawandel tun, China ist schuld. Oder auch die Verunglimpfung der Klimaforschung, zum Beispiel der aktuellen MOSAIC-Expedition mit dem Forschungseisbrecher ‚Polarstern‘, die als ,Luxuskreuzfahrt für Klimaaktivisten‘ bezeichnet wurde. Mein neuer Lieblingsvorwurf: Ich solle Zöpfe tragen, weil ich wie Greta spräche. Da ich aber nicht in den sozialen Medien unterwegs bin, bekomme ich vermutlich einen Großteil der Kritik gar nicht mit.

    Früher waren meine Schwerpunkte der Meeresschutz, die Vielfalt des Lebens im Meer, die unbekannte Tiefsee – da sind solche Beschimpfungen nicht passiert. Doch wenn man den Ozean und die Erde als Ganzes liebt, verstehen und schützen will, kommt man am Klimawandel nicht vorbei und damit auch nicht an Fragen zu menschlichem Handeln, Umweltpolitik, Ökonomie, Ethik.

    Immerhin: Bei aller unerfreulichen Kritik überwiegen doch die freundlichen, ermutigenden Schreiben. Dazu gehören auch Anfragen von Menschen, die mehr darüber wissen möchten, wie es sich mit dem Klimawandel verhält. Schreiben wie: Ich streite mich mit meinem Nachbarn über das Klima, und hätte gern gewusst, was wir in Deutschland machen müssen. Oder: In meinem Sportverein sagen alle, die Aktivisten übertreiben – wie argumentiere ich für Klimaschutz? Das sind ganz häufige Fragen. Ich versuche manchmal, solche Schreiben zu beantworten. Aber so eine E-Mail-Antwort kostet Zeit. In vielen Fällen verweise ich deshalb gern auf gute Websites, die Antworten geben; zum Beispiel Klimafakten.de.

    Aufgezeichnet von Tim Schröder.

    Klaus Wallmann: „Wir konnten
    mit unserer Stimme nicht durchdringen“

    Picture-Alliance/dpa/dpaweb  Klaus Wallmann arbeitet als Chemiker und Geologe am Geomar in Kiel. Er ist Experte für CCS-Technik, die Speicherung von aus der Atmosphäre gefiltertem Kohlendioxid.

    Klaus Wallmann arbeitet als Chemiker und Geologe am Geomar in Kiel. Er ist Experte für CCS-Technik, die Speicherung von aus der Atmosphäre gefiltertem Kohlendioxid. CCS wird seit längerer Zeit als Ausweg aus der Klimakrise diskutiert. Daran gab es immer wieder massive Kritik, auch von Umweltverbänden.

    „Als Geologe habe ich mich zusammen mit anderen Experten in den vergangenen Jahren intensiv mit der Erforschung der Chancen und Risiken der CCS-Technologie befasst. Dazu wurden etliche wissenschaftliche Studien durchgeführt – in Europa, den USA oder China. Schon seit Längerem herrscht in der Fachwelt Konsens: Die Verpressung von Kohlendioxid in unterirdische Speicher funktioniert. Das Kohlendioxid lässt sich über lange Zeiträume sicher speichern – die Verluste durch Leckagen sind gering. CCS ist also ein wirksames Mittel, um dem Klimawandel zu begegnen.

    Ich war erschrocken, als dann vor einigen Jahren in der Öffentlichkeit plötzlich harsche Kritik losbrach. Zwar wurde ich nicht persönlich angegriffen, aber ich konnte einfach nicht glauben, dass Bürgerinitiativen, Naturschutzverbände und auch Politiker die fundierten wissenschaftlichen Erkenntnisse einfach beiseite wischten und eine Kampagne gegen CCS vom Zaun brachen.

    Umweltverbände gaben eigene Gutachten in Auftrag, die von Ein-Mann-Büros erstellt wurden. In der Öffentlichkeit wurden diese Arbeiten dann als gleichwertig dargestellt neben der Forschung von Hunderten von Wissenschaftlern. Hier sehe ich eine Analogie zum Leugnen des Klimawandels.

    Es war extrem frustrierend, dass nicht mehr zwischen Behauptungen und Fakten unterschieden wurde. In dem großen EU-Projekt ECO2 hatten wir Forscher zusammen mit Industrieunternehmen Speicherexperimente in der Nordsee durchgeführt. Das wurde uns dann vorgeworfen: Wir seien von der Industrie gekauft. Was keiner sagte: Das Projekt war komplett aus öffentlichen EU-Geldern finanziert worden. Wir hatten versucht, die Umweltverbände an ECO2 zu beteiligen, aber weil Industrieunternehmen mit dabei waren, lehnten diese pauschal ab.

    Schwierig war auch der Umgang mit der Presse. Man wollte von uns einfache Antworten hören: Ist CCS nun gut oder schlecht? Die gibt es aber, wie so oft, nicht. Wir hatten festgestellt, dass durch Risse aus unterirdischen Lagern geringe Mengen von Kohlendioxid austreten können – in 100 Jahren etwa ein Prozent. Das haben wir offen kommuniziert. Und das ist auch nicht weiter schlimm, weil Kohlendioxid ungiftig ist. Zudem ist das Speichern allemal besser, als 100 Prozent des Klimagases in der Atmosphäre zu belassen. In den Gutachten aber wurde CCS als ernste Gefahr dargestellt. Es hieß zum Beispiel, dass austretendes Kohlendioxid Wasser aus den unterirdischen Gesteinsformationen in die Nordsee drücken könnte und dass das Meer dadurch vergiftet würde. Das ist fachlicher Unsinn, fand in der Öffentlichkeit aber ein großes Echo.

    Zudem wurde damals argumentiert, dass CCS nur ein Trick der Kohleindustrie sei, um die Kraftwerke weiterlaufen lassen zu können. Indem man das Kohlendioxid aus dem Rauchgas abtrenne, könne man einfach weitermachen wie bisher. Als Forscher wurden wir auch in diese Ecke gestellt. Es war einfach so, dass wir Wissenschaftler mit unserer Stimme und unseren Fakten in der aufgeheizten öffentlichen Diskussion nicht mehr durchdringen konnten. Eigentlich wollte man gar nicht mehr hören, was wir mit unserer jahrelangen Forschung schon längst herausgefunden hatten. Dass CCS eine sinnvolle Strategie sein kann, um die ärgsten Folgen des Klimawandels abzuwenden.“

    Aufgezeichnet von Tim Schröder.

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