Windenergie in Ostdeutschland

  • Search14.03.2026

Zwischen Höhenrausch und Flaute

Im brandenburgischen Schipkau entsteht das höchste Windrad der Welt. Auch sonst hat das Bundesland in der Windenergie große Fortschritte gemacht. Doch das ist nicht überall im Osten der Fall.

InhaltsverzeichnisToggle-Icons

    Windpark-Baustelle in Brandenburg: Das Land hat die Windenergie zuletzt stark ausgebaut.

    Brandenburg hat 2025 die mit Abstand meisten Windräder in Ostdeutschland errichtet.

     

    Von Volker Kühn

    Als sich 1887 der Eiffelturm in den Himmel über Paris zu schrauben begann, ging ein Aufschrei durch die Stadt. Der Bau werde die Metropole verschandeln, hieß es, von einer „Monstrosität aus Eisen und Stahl“ war die Rede. Doch als der Turm bei der Weltausstellung 1889 zwei Millionen Besucher in den Bann schlug, verebbte die Kritik. Heute gilt das vom Fuß bis zur Antennenspitze 330 Meter hohe Bauwerk als Inbegriff der Ingenieurskunst, als Symbol des technischen Fortschritts.

    In der Lausitz schraubt sich in diesen Tagen ein Stahlgerüst in den Himmel über den Kiefernwäldern, das den Eiffelturm bald überragen wird. 365 Meter soll das „Höhenwindrad Schipkau“ vom Fuß bis zur Rotorblattspitze messen. Wenn es im Sommer in Betrieb geht, wird es das mit Abstand höchste Windrad der Welt sein, und Deutschlands zweithöchstes Bauwerk nach dem Berliner Fernsehturm.

    In großer Höhe bläst der Wind stark und beständig – ähnlich wie auf See

    Geht es nach den Vorstellungen der Bauherren, der Dresdner Firma Gicon, könnte das Projekt einen ähnlichen Meilenstein für die Windenergie darstellen wie seinerzeit der Eiffelturm für den Stahlbau weltweit. Denn das Windrad erschließt Höhen, in denen der Wind sehr viel stärker und beständiger bläst als in tieferen Luftschichten. Damit kann es mehr Strom liefern und ist weniger abhängig von Schwankungen. Bei Gicon schwärmt man von ähnlichen Bedingungen wie in der Offshore-Windenergie. Die Höhenwindkraft sei praktisch „grundlastfähig“: Sie liefert auch dann meist noch Strom, wenn am Boden eine Dunkelflaute herrscht, wie ein Wasser- oder Kohlekraftwerk.

    Windkraftausbau in Ostdeutschland 2025: Die installierte Leistung ist in Brandenburg und Sachsen-Anhalt am höchsten. Infografik: Benedikt Grotjahn

    Dass dieses Bauwerk ausgerechnet im früheren Kohlebergbaurevier Lausitz entsteht, ist ein Sinnbild für die Fortschritte beim Abschied von fossilen Rohstoffen in Brandenburg und für die starke Stellung, die  das Land für die Windenergie in Deutschland einnimmt. Bundesweit haben nur Niedersachsen und Schleswig-Holstein eine höhere Leistung in der Windkraft aufgebaut.
    Für Brandenburg zahlt sich das aus, in Form von Jobs und Steuereinnahmen, von günstiger Energie und wachsender Unabhängigkeit von Energie-Importen. Bei der Ansiedlung von Tesla in Brandenburg etwa spielte die hohe Verfügbarkeit erneuerbarer Energien eine wichtige Rolle.

    Brandenburg ist der Vorreiter – Thüringen und Sachsen sind abgeschlagen

    Doch unter den neuen Bundesländern nimmt Brandenburg damit eine Sonderstellung ein. Lediglich das etwa um ein Drittel kleinere Sachsen-Anhalt hat einen vergleichbaren Ausbau der Windenergie geschafft. Mecklenburg-Vorpommern und insbesondere Thüringen und Sachsen fallen deutlich dahinter zurück. Das liegt zum Teil an den schlechteren Windbedingungen in den südlicheren Ländern. In den flachen weiten Brandenburgs bläst der Wind eben stärker als in den Mittelgebirgen. Es hat aber auch mit dem politischen Weichenstellungen der jeweiligen Landesregierung zu tun.

    Auch die dichtere Besiedlung und die geringere Verfügbarkeit von Flächen für Windparks wird häufig als Grund für den schleppenden Ausbau etwa in Sachsen genannt. Doch das erscheint wenige stichhaltig, wenn man sich die großen Fortschritte anschaut, die das dicht besiedelte Nordrhein-Westfalen in den vergangenen Jahren erreicht hat. Das Bundesland hat sich durch eine stringente Politik der schwarz-grünen Landesregierung in die Spitzengruppe beim Ausbau geschoben.

    Gemessen an der Gesamtleistung der bereits gebauten Windparks wird Nordrhein-Westfalen den ostdeutschen Primus Brandenburg schon bald überholt haben. Denn in NRW wurden 2025 fast viermal so viele neue Windparks genehmigt wie in Brandenburg.

    Brandenburg erlässt ein Moratorium um „Wildwuchs“ zu verhindern

    Insgesamt erscheinen die Aussichten für die Windenergie in den neuen Bundesländern gemischt. Zwar haben alle Länder starke Ziele ausgegeben, die Flächenausweisung kommt voran und die Genehmigungsdauer hat sich seit den Reformen der Ampelregierung teils deutlich verkürzt. Doch die in Umfragen starke AfD macht keinen Hehl daraus, dass sie von Windkraft und Klimaschutz wenig hält und die Energiewende zurückdrehen will.

    Inwieweit sie diese Politik umsetzen könnte, sollte sie in einem Land nach den anstehenden Wahlen in Sachsen-Anhalt (6. September) und Mecklenburg-Vorpommern (20. September) die Regierung stellen, ist zwar noch offen. Doch auch die amtierenden Landesregierungen senden unterschiedliche Signale. So hat beispielsweise Brandenburg jüngst ein Moratorium beschlossen: Bis Ende Januar 2027 dürfen in drei Regionen des Landes neue Windparks nur in speziellen Windvorranggebieten gebaut werden. So solle der Ausbau besser gesteuert und ein „Wildwuchs“ verhindert werden. Und in Mecklenburg-Vorpommern bremsen die hier besonders schleppenden Genehmigungsverfahren den Ausbau.

    Immerhin: Im brandenburgischen Schipkau kommen die Bauarbeiten am höchsten Windrad der Welt voran. Weil es kaum Kräne gibt, die Rotorblätter und Maschinenhaus auf einen derart hohen Turm setzen könnten, kommt eine ungewöhnliche Technologie zum Einsatz. Das Windrad besteht aus einem Außen- und einem Innenturm, jeweils als Stahlgerüst konstruiert. Der Außenturm dient als stützendes Gerüst, während der Innenturm die Last der Turbine trägt. Zunächst werden das Maschinenhaus und die Rotorblätter auf dem noch eingefahrenen Innenturm am Boden montiert. Mithilfe leistungsstarker Hydraulik-Stelzen wird der Innenturm dann etappenweise in die Höhe geschoben. Sobald ein Abschnitt hochgefahren ist, wird das äußere Stahlgittersegment darunter fest verschraubt, um die neue Höhe zu sichern.

    Dieser Vorgang wiederholt sich so lange, bis die Konstruktion ihre volle Höhe erreicht hat. So spart man sich den Einsatz gigantischer Spezialkräne, die bei einer Nabenhöhe von 300 Metern kaum noch praktikabel oder verfügbar wären. Es ist eine Methode, die neue Maßstäbe für die Windenergie setzt.

    Wenn sich das Konzept bewährt, könne es zu einem „Gamechanger“ in der Windenergie an Land werden, sagen die Konstrukteure. Es würde Windräder auch in Regionen möglich machen, in denen die Winde bislang als zu schwach gelten. In Sachsen oder Thüringen zum Beispiel.

    Go Top