Offshore-Wind in den USA

„Es geht endlich los“

Auch wenn die Trump-Regierung mauert: Vor der US-Ostküste sollen sich schon bald Hunderte Offshore-Windräder drehen. Siemens-Gamesa-Manager Steve Dayney erklärt, warum der späte Start in die Technologie vielleicht sogar ein Vorteil für das Land ist.

InhaltsverzeichnisToggle-Icons

    Offshore-Wind in den USA: Steve Dayney von Siemens Gamesa ist zuversichtlich, dass der Markt ab 2022 signifikant in Schwung kommt.

    Der bisher einzige Offshore-Windpark der USA: Seit 2016 erzeugt Block Island vor der Küste von Rhode Island Strom.

    Weltweit laufen mehr als 3400 Offshore-Windräder mit der Technologie von Siemens Gamesa. Zusammen kommen sie auf eine Kapazität über 15 Gigawatt. In den USA hat der Konzern allerdings noch kein Offshore-Windrad in Betrieb genommen. Trotz der endlosen Küstenlinien gibt es in Amerika bislang überhaupt nur einen einzigen Windpark, und der ist mit 30 Megawatt noch dazu ziemlich klein. Beobachter in Europa schieben das auf den Widerstand der Trump-Regierung, die Kohlestrom den Vorzug vor Ökostrom gebe. Doch der Markt für Offshore-Wind wird bald schon auch in den USA in Schwung kommen, glaubt Steve Dayney. Er leitet den Bereich Offshore-Wind von Siemens Gamesa in Nordamerika. Im Gespräch mit EnergieWinde erklärt er, warum nicht Washington, sondern die Bundesstaaten den Takt beim Ausbau vorgeben, welche Regionen die besten Voraussetzungen bieten und wie die Coronakrise die Entwicklung beeinflussen könnte.

    Mr. Dayney, die USA sind beim Offshore-Wind spät dran. Auch Siemens Gamesa war bisher überwiegend in Europa unterwegs. Was versprechen Sie sich vom US-Markt?
    Steve Dayney: Es geht endlich los, der Markt für Offshore-Wind in den USA wird jetzt Realität. Wir erwarten eine signifikante Entwicklung für den Bau von Anlagen ab 2022 und wollen unsere Expertise nutzen, um daran teilzuhaben. Wir haben bereits Verträge und Zulieferervereinbarungen für Projekte entlang der Ostküste im Umfang von 4,3 Gigawatt. Das erste Projekt wird noch in diesem Sommer ans Netz gehen.

    Welche Projekte sind das?
    Dayney: Das Coastal-Virginia-Projekt, das diesen Sommer live geht, nutzt unsere Windturbinen vom Typ SWT-6.5-254. Im vergangenen Juli wurden Siemens Gamesa 1,7 Gigawatt von Ørsted und Eversource für drei Offshore-Windenergieprojekte im Nordwesten zugesprochen: das Sunrise-Projekt mit 880 Megawatt, das Revolution-Projekt mit 704 Megawatt und das 130-Megawatt-Projekt South Fork. Bei diesen drei Parks werden unsere SG-8.0-167-DD-Windturbinen eingesetzt. Für unseren 2,6-Gigawatt-Vertrag mit Dominion Energy, der Anfang dieses Jahres verkündet wurde, ist noch kein Turbinentyp ausgewählt worden.

    Über wie viele Jobs bei Siemens Gamesa und Zulieferern reden wir hier?
    Dayney: Die Projekte sind in der Frühphase, deshalb können wir noch keine konkreten Zahlen nennen. Wir bauen derzeit unser Offshore-Team in Boston auf. Wir haben den Vorteil, dass wir die Unterstützung durch die 200 Mitarbeiter nutzen können, die sich in unserem Hauptquartier in Orlando, Florida, um das Geschäft mit Onshore-Windanlagen kümmern. Und wir schließen uns mit den erfahrenen Kollegen in Europa kurz.

    Steve Dayney leitet das Geschäft mit Offshore-Windrädern von SIemens Gamesa in Nordamerika. Er erwartet, dass der Markt in den USA ab 2022 in Schwung kommen wird.

    „Die Erfahrung mit Offshore-Wind in Europa kombiniert mit der hiesigen Erfahrung für Windenergie an Land ist ein sehr guter Ausgangspunkt“, sagt Siemens-Gamesa-Manager Steve Dayney.

    Das Coronavirus sorgt gerade für enorme Verwerfungen in der Weltwirtschaft, davon bleibt auch die Windindustrie nicht verschont. Wie geht Siemens Gamesa mit der Herausforderung um?
    Dayney: Unsere höchste Priorität ist derzeit, die Gesundheit und Sicherheit unserer Mitarbeiter, Familien und Gemeinden in dieser Krise zu schützen. Gleichzeitig bemühen wir uns, unseren Kunden weiterhin unsere Produkte und Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen. Deshalb haben wir strikte Prozesse eingeführt, die es uns erlauben, unsere Aktivitäten aufrechtzuerhalten – sowohl in der Herstellung als auch bei Installations- und Wartungsarbeiten – ohne die Gesundheit unserer Angestellten zu gefährden. Wir beobachten die Situation genau und passen unser Vorgehen den Entwicklungen an.

    Haben Sie Sorge um den Zeitplan bereits zugesagter Projekte?
    Dayney: Dazu können wir derzeit nicht mehr sagen, als dass wir die Situation sehr genau beobachten.

    Aus deutscher Sicht ist die Trump-Regierung kein Freund von erneuerbaren Energien. Hat die Branche genügend Unterstützung aus dem Weißen Haus? Oder haben die einzelnen Bundesstaaten am Ende das Sagen?
    Dayney: Die Regierung bemüht sich, die Entwicklung von Großprojekten voranzutreiben und zu vereinfachen. Die jüngste Verlautbarung des BOEM (Bureau of Ocean Energy Management, die Red.) zu ihrem Zeitrahmen für kurzfristige Offshore-Windprojekte gibt der Industrie in einer wichtigen Phase mehr Planungssicherheit. Die Bundesstaaten haben einen enormen Einfluss darauf, die wirtschaftliche Aktivität voranzutreiben. Sie lernen voneinander und passen aufgrund dieser Erfahrungen ihre Prozesse an, zum Beispiel in puncto Regulierung. Es gibt Zusagen für Offshore-Anlagen in New York, New Jersey und Virginia. Diese Entscheidungen haben eine große Bedeutung für die Zulieferketten vor Ort. Und man darf auch nicht Massachusetts vergessen: Der niedrige Preis, den die Regierung für das Vineyard-Wind-Projekt 2017 festgesetzt hat, war eine große Überraschung.

    Anführungszeichen

    Offshore-Wind in Kalifornien ist aus ökonomischer und politischer Perspektive ein Selbstläufer

    Steve Dayney

    Bleiben wir bei den Bundestaaten: Wo sehen Sie besonderes Potenzial für die Windindustrie?
    Dayney: Die Staaten an der Ostküste von Maine bis North und South Carolinas haben alle gute Voraussetzungen – nicht nur vom geografischen Standpunkt aus, sondern auch basierend auf dem individuellen Engagement für erneuerbare Energien auf staatlicher Ebene. Auch an der Westküste kommt Schwung in die Angelegenheit. Offshore-Wind in Kalifornien ist aus ökonomischer und politischer Perspektive ein Selbstläufer. Aber es gibt noch kommerzielle, regulatorische und nutzungsrechtliche Hindernisse, die aus dem Weg geräumt werden müssen, bevor die Industrie sich wirklich erfolgreich entwickeln kann. Kalifornien hat eine sehr hohe Nachfrage nach erneuerbaren Energien, die vorzugsweise lokal generiert werden sollen. Einige Grundlastkraftwerke nahe den eng besiedelten Küstenregionen sollen abgeschaltet werden. Das schafft Raum für Offshore-Wind. Außerdem frischt der Wind auf See meist genau dann auf, wenn der Output von Solaranlagen nachlässt – dieses Profil der Energiegewinnung wäre für Kalifornien also enorm wertvoll. Es gibt noch Herausforderungen wie Leasing-Vereinbarungen; auch regulatorisch gibt es noch einiges zu tun. Aber die Industrie organisiert sich mittlerweile besser, um diese Hindernisse zu thematisieren.

    Ist der späte Start vielleicht sogar ein Vorteil für die USA, weil die Industrie hier aus Fehlern in Europa lernen kann?
    Dayney: Die Erfahrung mit Offshore-Wind in Europa kombiniert mit der hiesigen Erfahrung für Windenergie an Land ist jedenfalls ein sehr guter Ausgangspunkt. Eine wichtige Erkenntnis ist zum Beispiel, dass sich öffentliche oder öffentlich-private Investments in Hafeninfrastruktur mit Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung durchaus bezahlt machen und Jobs schaffen. Bundesstaatliche Behörden beginnen darüber nachzudenken, wie man ein solch langfristiges Projekt wie Hafeninfrastruktur amortisieren kann. Wir glauben, dass diese Staaten wirtschaftlich davon profitieren werden, dass sie Offshore-Wind in den USA den Weg bereiten.

    Offshore-Wind in Übersee

    Offshore-Wind in China: Installation einer Windkraftanlage vor der Küste der Provinz Jiangsu.

    Seit China 2007 in der Liaodong-Bucht sein erstes Testwindrad ins Meer gestellt hat, ist die Branche rasant gewachsen – dank ambitionierter Zielvorgaben aus Peking und Schützenhilfe aus Europa. Schon 2021 könnte China Großbritannien von Rang eins der größten Offshore-Wind-Nationen verdrängen. Allein 2020 sollen Windparks mit zusammen fast drei Gigawatt ans Netz gehen. Dagegen nimmt sich ...

    Offshore-Wind in Taiwan: Der Windpark Formosa liegt dicht für der Küste der Insel.

    … der Ausbau vor den Küsten Taiwans geradezu bescheiden aus: Hier sollen bis 2025 Windparks mit zusammen 5,5 Gigawatt stehen. Allerdings ist die Insel natürlich auch viel kleiner als China. Bislang sind nur die ersten beiden Ausbaustufen des Windparks Formosa mit zusammen 128 Megawatt in Betrieb. Mehr als ein Dutzend weiterer Parks sind aber in Planung, der größte mit 920 Megawatt. Zurückhaltender …

    Offshore-Wind in Südkorea: Die Anlagen des Windparks Tamra vor dem Ort Sinchang auf Jeju Island stehen im flachen Küstenwasser.

    … sind die Pläne in Südkorea. Zwar arbeiten auch hier dicht vor der Küste der Insel Jeju bereits zwei kleinere Offshore-Windparks, die zusammen rund 35 Megawatt erzeugen können. Darüber hinaus befindet sich derzeit aber nur ein weiterer Park in Bau, der aus 20 Windrädern mit Drei-Megawatt-Turbinen des südkoreanischen Mischkonzerns Doosan bestehen wird. In unmittelbarer Küstennähe befindet sich auch der erste …

    Vietnams erster Offshore-Windpark Bac Lieu steht im Mekong-Delta und liefert bei voller Auslastung knapp 100 Megawatt Strom.

    … Windpark in den Gewässern von Vietnam: das mit 62 GE-Turbinen bestückte Projekt Bac Lieu im Delta des Mekong. Es hat eine Kapazität von knapp 100 Megawatt. Ganz im Süden des Landes läuft derzeit der Bau eines zweiten Windparks, der auf dieselbe Leistung kommen soll. Weitere Projekte in einem erst zu nehmenden Planungsstadium sind aktuell nicht bekannt. Ganz anders sieht die Situation …

    Floating Wind in Japan: Schwimmendes Zwei-Megawatt-Windrad 2013 im Hafen von Onahama in der Fukushima-Provinz.

    … in Japan aus. Dort stehen bereits vier kleinere Offshore-Windparks im Meer, mindestens drei weitere sind in Planung. Außerdem gibt es vor der Insel eine Handvoll schwimmender Windparks, etwa in der Provinz Fukushima. Diese sogenannte Floating-Wind-Technologie ist für Japan interessant, weil das Meer dort oft zu tief für Windräder auf im Boden verankerten Fundamenten ist. Über Floating Wind denkt man auch …

    Offshore-Wind in den USA: Der Windpark Block Island vor der Küste von Rhode Island im Atlantik ist seit Ende 2016 in Betrieb.

    … in Kalifornien nach. Konkrete Pläne gibt es aber noch nicht. Der bislang einzige Offshore-Windpark der USA steht auf der anderen Seite des Kontinents im Atlantik vor der Küste von Rhode Island. Die fünf Windräder von Block Island sind bereits seit 2016 in Betrieb. In den kommenden Jahren dürfte mehr als ein Dutzend weiterer Parks folgen: Viele Staaten an der Ostküste haben große Pläne für die Offshore-Windkraft.

    Die aktuelle Regierung scheint vor allem an Öl und anderen fossilen Energiequellen interessiert. Wie steht die amerikanische Öffentlichkeit zu Offshore-Wind?
    Dayney: Wir gehen davon aus, dass die Zustimmung der Öffentlichkeit für Offshore-Wind weiter steigen wird, wenn die Industrie Küstengemeinden revitalisiert und die regionale Wirtschaft befördert. Wir von Siemens Gamesa und unsere Partner engagieren sich dafür, den positiven Einfluss unserer Industrie zu maximieren.

    Kennen Sie das Not-in-My-Backyard-Problem? Gerade in Deutschland stoßen Projekte zuweilen auf Widerstand, weil Anwohner keine Turbinen in ihrer unmittelbaren Umgebung wollen. Wie geht die US-Industrie dieses Thema an?
    Dayney: Als Turbinenhersteller ist Siemens Gamesa nicht in die Planung der Projekte involviert. Wir ermuntern unsere Kunden jedoch, Projekte mit Best Practices zu entwickeln und die lokalen Teilnehmer bei jedem Schritt der Projektentwicklung mit einzubinden.

    Die Fragen stellte Jasmin Lörchner.

    Go Top