Arbeit in der Offshore-Windenergie

  • Search27.08.2025

WG in der Nordsee

Die Bedingungen draußen in einem Offshore-Windpark können rau sein. Doch moderne Schiffe erleichtern die Arbeit – und bieten den Teams zudem einiges an Komfort.

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    Das Spezialschiff „Wind of Change“ hat an einer Umspannstation in einem Offshore-Windpark angedockt. Nicht immer sind die Bedingungen draußen auf See so ruhig.

     

    Von Daniel Hautmann

    Die Offshore-Windkraft hat sich zu einer verlässlichen Energiequelle entwickelt. Rund sechs Prozent des in Deutschland 2024 produzierten Stroms lieferten die 31 Windparks in Nord- und Ostsee. Insgesamt 1639 Windkraftwerke waren am Netz.

    Damit die Windfänger kontinuierlich arbeiten, müssen sie gewartet und repariert werden. Doch wie geht das? Wie kommen die Monteure und Monteurinnen zu den Anlagen, die teils mehr als 100 Kilometer vom Festland entfernt sind? Wo essen und schlafen sie auf hoher See? Wie lange dauern die Arbeitseinsätze? Und worin unterscheiden sich die Arbeitsbedingungen in Nord- und Ostsee?

    Zwei Wochen im Einsatz, zwei Wochen frei: Der Arbeitsrhythmus in der Nordsee

    Stefan Thimm, Geschäftsführer des Bundesverbands Windenergie Offshore (BWO), weiß Antworten: „In der Nordsee sind die Wetterbedingungen rauer, die Distanzen größer und die Infrastruktur komplexer. Wer dort arbeitet, verbringt meist zwei Wochen am Stück auf einem Spezialschiff, mit Einsätzen in kleinen Teams auf den Offshore-Windenergieanlagen.“ Im Anschluss haben die Mitarbeitenden zumeist zwei Wochen frei. „In der Ostsee hingegen ist vieles näher an Land – Einsätze können häufiger in Tagestouren organisiert werden“, sagt Thimm. Das sei ein anderer Rhythmus für die Beschäftigen und ihr privates Umfeld.

    Sprichwörtlich JWD – „janz weit draußen“ liegen die beiden Windparks Hohe See und Albatros, die der Energieversorger EnBW betreibt. Sie liegen rund 100 Kilometer vor Helgoland und Borkum und sind damit die derzeit am weitesten von der Küste entfernten Windparks. Für die Wartung chartert der Energieversorger extra das Service Operation Vessel (SOV) „Bibby Wavemaster Horizon“. Das 90-Meter-Schiff hat Platz für bis zu 60 Personen, die im Wechsel zwei Wochen lang auf See sind.

    Das Schiff wurde speziell für die Windkraft gebaut. Präzise an Ort und Stelle hält es ein „dynamisches Positionierungssystem“. Ein Highlight ist die „Motion-kompensierte Gangway“, die es dem Personal ermöglicht, auch bei bis zu 2,5 Meter Wellenhöhe sicher und ruhig von Bord auf die Windkraftanlagen überzusetzen. Dazu werden die Bewegungen der See ausgeglichen.

    Die „Bibby Wavemaster Horizon“ ist ein Spezialschiff für die Offshore-Windenergie: Sie ist bestens ausgestattet für die Arbeit an den Turbinen in Windparks auf See – und bietet daneben auch einiges an Komfort.

    Die „Bibby Wavemaster Horizon“ im Hamburger Hafen: Das Service Operation Vessel (SOV) ist seit 2019 im Einsatz.

    Abends kommen die Monteure und Monteurinnen zurück auf das Schiff. Dort warten 60 komfortable Einzelzimmer, alle mit Fenster, eigenem Bad, Schreibtisch, TV, WLAN und Telefon. Ferner gibt es Aufenthaltsräume, ein zweistöckiges Fitnessstudio und eine Sauna.

    Nicht nur die Technik wird besser. Auch in Sachen Komfort tut sich viel

    „Die Offshore-Wind-Branche hat bei den Arbeitsbedingungen auf See spürbare Fortschritte gemacht – und das auf mehreren Ebenen“, sagt Thimm. „Zum einen beim Komfort: Die Unterbringung auf Serviceschiffen ist heute mit viel mehr Annehmlichkeiten verbunden als zum Start der Offshore-Windenergie in Deutschland im Jahr 2010. Zum anderen aber auch technisch: Die Schiffe selbst haben sich stark weiterentwickelt. All das trägt dazu bei, dass Offshore-Arbeit nicht nur sicherer, sondern auch attraktiver geworden ist.“

    Wie genau das Arbeits- und Privatleben an Bord so eines SOV aussieht, beleuchtet die NDR-Doku „Zwischen Windrad und Wellen“. Die TV-Crew begleitet unter anderem Betriebsleiter Johann Weinstock auf der „Wind of Change“ in die beiden Ørsted-Offshore-Windparks Borkum Riffgrund 1 und 2. (Transparenzhinweis: Ørsted finanziert das journalistische Angebot von EnergieWinde.)

    Rund sieben Stunden brauchen sie in den Windpark. Um 5.30 Uhr am nächsten Morgen beginnt die eigentliche Arbeit. Zunächst checken sie das Wetter und entscheiden, ob sie arbeiten können. Gewitter sind angesagt, aber nicht direkt im Umfeld. „Das Kritische bei unseren Einsätzen ist zu bewerten, ob wir die Leute überhaupt rausschicken wollen. Im schlimmsten Fall können wir jemanden von der Windkraftanlage nicht herunterholen, wenn der verletzt ist“, sagt Weinstock.

    Die 78 Windräder werden von sechs Teams gewartet, die aus je zwei Technikern bestehen. Sicherheit geht vor: Die Betriebsleiter instruieren ihre Leute und weisen auf die Gefahren hin. „Geht den ersten Tag ruhig an, entspannt euch, startet langsam und dann sehen wir weiter. Behaltet das Wetter im Auge, schaut nach Blitzen.“ Blitze sind ein ernstes Thema. Denn bei Blitzschlag können die Monteure teils nicht von den Anlagen geholt werden und müssen im Ernstfall sogar dort übernachten. Und das will keiner.

    Alles geht gut. Nach ihrem Einsatz werden die Crews vom 88 Meter langen Wartungsschiff wieder eingesammelt. 17.30 Uhr: Feierabend für die Techniker. Jetzt gibt es endlich was zu essen. In der Kantine warten Steaks, Fisch und Beilagen satt. Thibaud Busse erklärt das Zusammenleben an Bord: „Das ist der höchste Grad an Beziehung den man mit Arbeitskollegen haben kann. Einfach aufgrund der Situation gemeinsam an Bord. Man sieht sich Tag und Nacht.“

    Morgens raus, abends zurück: Dafür bieten sich Crew Transfer Vessels an

    Ähnlich läuft es beim Energiekonzern RWE. Der hat aktuell 19 Offshore-Windparks in fünf Ländern mit insgesamt 6,2 Gigawatt in Betrieb. Verantwortlich für den Betrieb der Parks in Kontinentaleuropa ist Dominik Schwegmann: „Für die Wartung unserer Windparks setzen wir vor allem Crew Transfer Vessels (CTV) ein – kleinere Schiffe, die Techniker morgens zu den Windturbinen auf See bringen und abends wieder zurück an Land. Insbesondere für größere Wartungskampagnen setzen wir auch Service Operation Vessels (SOV) ein. Die Techniker arbeiten in Schichten und verbringen bis zu 14 Tage an Board. Ein großer Vorteil dieser Schiffe ist, dass lange Anfahrtswege von der Küste entfallen und die Arbeiten weniger wetterabhängig sind. Dank der integrierten Gangway-Systeme wird der Zugang zu den Windturbinen auch bei rauer See erheblich erleichtert, während die Sicherheit gleichzeitig deutlich erhöht wird. Besonders für küstenferne Windparks sind diese Spezialschiffe daher eine ideale Lösung.“

    Versorgungsschiff im Offshore-Windpark Baltic Eagle: In der Ostsee sind die Distanzen kürzer.

    Versorgungsschiff im Offshore-Windpark Baltic Eagle: In der Ostsee sind die Distanzen kürzer.

    Einfacher ist das Arbeiten in der Ostsee. Etwa im EnBW-Windpark Baltic 1, 16 Kilometer nördlich der Halbinsel Darß/Zingst. Acht Servicetechniker arbeiten für den Windpark. Sie fahren täglich mit einem Mannschaftsboot zu den 21 Windrädern, zum Abendessen sind sie meist wieder pünktlich zu Hause.

    Männer sind auf den Schiffen in der Mehrzahl. Doch der Frauenanteil soll steigen

    Wie sieht es eigentlich mit Frauen in der Offshore-Windenergie aus? „Frauen sind in der gesamten Offshore-Wind-Branche deutlich unterrepräsentiert – auf See, in anderen technischen Berufen und in Führungsrollen“, sagt Thimm. Aber man sehe Bewegung. Immer mehr Unternehmen setzten gezielt auf gemischte Teams, verbessern die Ausstattung – etwa durch separate Kabinen und sanitäre Bereiche. Die Branche habe verstanden: Wer Vielfalt will, muss dafür auch strukturell etwas tun.

    Fraglos ist, wie nahezu alle Branchen, auch die Offshore-Windenergie vom Fachkräftemangel betroffen. Aktuell arbeiten rund 30.000 Menschen in der Windkraft auf See. Doch mit Blick auf den gesetzlich festgelegten Ausbaupfad – mindestens 70 Gigawatt bis 2045 – müssen noch viel mehr Männer und Frauen angeworben werden.

    Um mehr Personal anzulocken, hat Thimm drei Ideen parat: „Erstens brauchen wir eine europäische Harmonisierung der Offshore-Qualifikationen – das würde den Arbeitsmarkt dynamisieren und den Einstieg erleichtern. Zweitens müssen die Ausbildungs- und Studienangebote erweitert werden. Und drittens: Wir sollten die Menschen Offshore stärker sichtbar machen. Wer dort arbeitet, leistet Pionierarbeit für die Energiewende. Das verdient mehr öffentliche Anerkennung – auch politisch.“

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