Globaler Preisverfall bei Ökostrom

Grün ist günstiger

Strom aus Wind und Sonne gilt oft als teuer. Doch längst kostet die Erzeugung an vielen Standorten weniger als die von konventionellem Strom. Die Gründe: technische Effizienzsprünge, scharfer Wettbewerb – und die Kräfte des Markts.

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    Das Kohlezeitalter geht zu Ende. Das hat weniger politische als wirtschaftliche Ursachen: Strom aus Wind- und Solarparks (wie hier in der chinesischen Provinz Gansu) kann zu immer niedrigeren Preisen erzeugt werden.

    Von Denis Dilba

    Manchmal hilft es, einen Schritt zurückzutreten und das Große und Ganze ins Auge zu fassen. Denn wer nur das Hickhack um den Kohleausstieg, das wenig ambitionierte Klimapaket oder den Kollaps beim Ausbau der Windkraft in Deutschland sieht, könnte leicht denken, es stünde schlecht um die Energiewende.

    Dabei ist das globale Bild ein ganz anderes: Ökostrom ist weltweit auf dem Vormarsch. Noch nie haben so viele Windräder, Solarparks, Wasserkraftanlagen und Biomassekraftwerke ihren Strom in die Netze eingespeist wie 2019. Zugleich kündigen mehr und mehr Länder ihren Ausstieg aus der Kohleverstromung an oder beginnen bereits, alte Kraftwerke stillzulegen.

    Besonders spannend an der Entwicklung ist: Das Wachstum der Erneuerbaren kommt weitgehend ohne politischen Druck oder staatliche Subventionen zustande. Grüner Strom aus Wind und Sonne ist in vielen Ländern ganz einfach zur günstigsten Energiequelle geworden.

    „Die Gestehungskosten für Strom aus erneuerbaren Energien sinken kontinuierlich und sind kein Hindernis für eine CO2-freie Stromerzeugung mehr“, sagt Christoph Kost vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE. „Neu errichtete Fotovoltaik- und Onshore-Windenergieanlagen an günstigen Standorten sind bereits heute günstiger als fossile Kraftwerke, und dieser Trend wird sich bis 2035 deutlich verstärken.“

    Der Wissenschaftler und seine Kollegen analysieren die Kosten für die Erzeugung von Ökostrom bereits seit 2010. In der aktuellen vierten Studienauflage von 2018 liegen Sonnen- und Onshore-Windstrom mit Gestehungskosten (quasi die Gesamtkosten für die Stromerzeugung) bei 3,71 bis 11,54 Cent pro Kilowattstunde beziehungsweise 3,99 bis 8,23 Cent – und damit vor Strom aus Kohlekraftwerken mit Kosten zwischen 4,59 und 7,98 Cent.

    Der steigende CO2-Preis macht fossil befeuerte Kraftwerke zunehmend unwirtschaftlich

    Atomkraftwerke sind noch einmal deutlich teurer. Für die im Bau befindliche Anlage Hinkley Point C in Großbritannien werden die Stromgestehungskosten laut Prognosen bei über zehn Cent pro Kilowattstunde liegen. Und das dürfte sogar noch zu konservativ geschätzt sein: Kürzlich wurde gemeldet, dass die Anlage noch einmal drei Milliarden Euro teurer als geplant wird – schwierige Bodenverhältnisse erschweren die Erdarbeiten.

    Klar ist auch schon: Strom aus fossilen Rohstoffen wird künftig nicht billiger werden. Der absehbare Preisanstieg für CO2-Zertifikate und der zunehmende Aufwand bei der Förderung von Kohle, Gas und Öl drücken immer stärker auf die Renditen von mit fossilen Rohstoffen befeuerten Kraftwerken. Seit Mitte 2017 ist der Zertifikatepreis von rund fünf auf gut 25 Euro geklettert. In der Folge verändert sich die Branche: Inzwischen können viele Kohlekraftwerke nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden und laufen zumindest phasenweise auf Sparflamme. Davon profitieren unter anderem Gaskraftwerke, die weniger CO2 emittieren.

    Die Zeit spielt also für die Erneuerbaren. Ein eindrucksvoller Beleg dafür kam Mitte Januar aus Katar: Dort erhielt ein Konsortium aus dem französischen Ölgiganten Total und dem japanischen Konglomerat Marubeni den Zuschlag zum Bau eines Solarparks mit einer Kapazität von 800 Megawatt. Die Vergütung für den Sonnenstrom liegt bei 1,42 Cent je Kilowattstunde. „Nur kostenlos ist billiger“, jubelte der Energiewissenschaftler Volker Quaschning auf Twitter. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Börsenstrompreis in Deutschland liegt bei vier Cent je Kilowattstunde.

    Offshore Windpark Riffgat: Ein Katamaran mit Technikern fährt unter dramatischem Himmel durch die Windräder.

    Offshore-Windräder in der Nordsee: Mehrere Betreiber haben angekündigt, neue Parks ohne garantierten Mindestpreis für den von ihnen erzeugten Strom zu bauen.

    Nicht nur in der Fotovoltaik fallen die Preise: Der baden-württembergische Energieversorger EnBW geht davon aus, dass er seinen 900-Megawatt-Offshore Windpark He Dreiht in der Nordsee nahezu subventionslos umsetzen und betreiben kann. In der entsprechenden Auktion setze sich das Projekt mit einem Null-Cent-Gebot durch. Gleiches gilt für zwei ebenfalls in der Nordsee geplante Windparks des dänischen Energiekonzerns Ørsted, der auch das Portal EnergieWinde finanziert. Die Parks sollen zwischen 2023 und 2025 in Betrieb genommen werden und wären die ersten ihrer Art.

    „Ein starkes Signal – auch wenn sich noch zeigen muss, ob das Geschäft aufgeht“, sagt Professor Kai Hufendiek, Leiter des Instituts für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung (IER) der Universität Stuttgart. Er sei aber zuversichtlich: „Das sind große namhafte Unternehmen, die wissen sollten, was sie da tun.“

    Technologieentwicklung und Wettbewerb lassen die Preise purzeln

    Wie die Erneuerbaren in die Position gekommen sind, so günstig Strom erzeugen zu können, dass solche Null-Cent-Gebote möglich wurden, hat der Berliner Thinktank Agora Energiewende analysiert. „Hauptursachen für den kontinuierlichen Sinkflug der Kosten der Erneuerbaren liegen im starken Wettbewerb und der kontinuierlichen Technologieentwicklung“, fasst Christoph Podewils, Leiter der Agora-Kommunikation, die Ergebnisse gegenüber EnergieWinde zusammen. In der Windkraft würden heute beispielsweise häufig günstige Beton- anstatt teurer Stahltürme eingesetzt. Die Anlagen sind zudem größer geworden, die Rotorblätter länger – so werden nicht nur windreichere höhere Luftschichten erreicht, auch die spezifischen Arbeitskosten sinken im Vergleich mit kleinen Anlagen.

    In der Fotovoltaik wird der Technologiesprung allein durch den Wirkungsgrad der Module deutlich: „Als ich 2007 bei Agora angefangen habe, lag das Durchschnittsmodul bei 15 Prozent, gute bei 20 Prozent – heute sind 20 Prozent der Standard, und in der Spitze werden 23 Prozent erreicht“, so Podewils.

    Dazu kommen unter anderem effizientere Produktionsanlagen und eine etablierte Regulatorik, die Planungssicherheit für die Betreiber der Projekte ermöglicht. Ein weiterer Punkt ist die seit der Finanzkrise anhaltende Niedrigzinsphase. Bei Wind- und Solarparks fallen im Gegensatz zu fossilen Kraftwerken nahezu die gesamten Kosten im Vorfeld bei der Produktion und dem Aufbau der Anlagen an. Dafür sind Kredite nötig, die über die Jahre der Betriebszeit refinanziert werden. Und diese Kredite sind im aktuellen Marktumfeld besonders günstig.

    „Trotzdem werden wir die Energiewende in Deutschland oder anderswo auf der Welt nicht ohne noch mal deutlich höhere CO2-Preise schaffen“, sagt Hufendiek. Der teure Bau eines Kraftwerks lohnt sich nur, wenn die Betreiber über viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte mit guten Erträgen rechnen können. „Müssen die Investoren aber fürchten, dass ein Kraftwerk wegen steigender CO2-Preise bereits nach fünf Jahren unwirtschaftlich wird, bauen sie wahrscheinlich Erneuerbare“, sagt der Experte. „Die sind im Betrieb CO2-frei.“

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