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Erneuerbare Energien in Russland

Flüchtiges Versprechen

Staatskonzerne investieren in Windparks, die Medien berichten offen über Naturkatastrophen, Wladimir Putin verkündet, den CO2-Ausstoß senken zu wollen: Russland gibt sich in jüngster Zeit auffallend grün. Doch das Bild vom Klimapräsidenten trügt.

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    Aufbau eines Windparks in Russland: Die staatliche Atomenergiebehörde Rosatom investiert inzwischen auch in Windräder.

    Montage eines Windparks der Energiebehörde Rosatom: Russland unternimmt zaghafte Schritte zum Aufbau einer Windindustrie.

     

    Von Artur Lebedew

    Es ist ein Ritual, das sich jährlich wiederholt: Während die Russen auf ihren Datschas den Sommer genießen, brennen im Hinterland die Wälder. An einem einzigen Tag im August zählte die Forstschutzbehörde landesweit 252 Brände auf einer Gesamtfläche so groß wie die Schweiz. Anderswo im Land fluten Wassermassen ganze Küstengebiete.

    Viele haben sich an die Schreckensbilder im Fernsehen gewöhnt. Doch sind sie irritiert von den Kommentaren, die der Kreml neuerdings aussendet. „Die Zerstörungen zeigen, wie wichtig es für uns ist, sich intensiv und systematisch mit Klima- und Umweltfragen auseinanderzusetzen“, sagte Russlands Präsident Wladimir Putin in einer TV-Sendung. Immer öfter thematisiert seine Regierung die Dringlichkeit, den CO2-Ausstoß zu senken und Schutzmaßnahmen anzupacken.

    Putin, der Klimapräsident? Kaum ein Land auf der Welt ist derart abhängig von Öl- und Gas wie Russland. Fast die Hälfte der Staatseinnahmen ist an konventionelle Energieträger gekoppelt. Will sich Russland ernsthaft dem Klimaschutz verschreiben, kommt es nicht umhin, über Öl und Gas nachzudenken. Wie ernst meint es Moskau wirklich?

    Infografik: Anteil der Energieträger am Primärenergieverbrauch in Russland 2020 in Prozent; Erdgas, Erdöl und Kohle liefern mehr als drei Viertel der Energie Russlands. Infografik: Benedikt Grotjahn

    Noch 2017 scherzte der Präsident, dass sich die Russen dank höherer Temperaturen weniger Pelzmäntel zulegen müssten. Angesichts aktueller Meldungen könnte man aber tatsächlich den Eindruck eines Sinneswandels gewinnen: Bis 2025 will die Regierung die ölreichen Sachalin-Inseln nördlich von Japan CO2-neutral versorgen. Die europäische Enklave in Kaliningrad und Teile von Sibirien sollen folgen, berichtete eine Regierungssprecherin.

    Im Energiesektor scheint sich langsam etwas zu verschieben. Das Covidjahr 2020 war so etwas wie der Startschuss der Windenergie in Russland. Etwa 700 Megawatt Leistung liefern die Windturbinen, die in jüngster Zeit an das Stromnetz angeschlossen wurden. Das sind 70 Prozent der gesamten bisher installierten Windkapazitäten. Mehr als fünf Milliarden Dollar will die Regierung in den kommenden Jahren in neue Ökostromprojekte investieren. Hinzu kommt, dass sich neuerdings auch die Ölgiganten für Erneuerbare interessieren. Der Staatskonzern Zarubezhneft etwa plant bis in fünf Jahren die Errichtung eines 600 Megawatt großen Windparks, wenn auch in Vietnam.

    Hat Russland den Klimapfad eingeschlagen? Experten sind skeptisch

    Tatiana Lanshina von der NGO Goal Number Seven in Moskau beobachtet den vermeintlichen Klimaeifer im Land argwöhnisch. Die Ökonomin kommt zu dem Schluss, dass die Regierung trotz mündlicher Zusagen im Moment kein wirkliches Interesse daran habe, die Erneuerbaren auszubauen. „Eher will die Politik den Status quo beibehalten“, sagt sie.

    Ihren Eindruck gewinnt Lanshina vor allem aus den Strategiepapieren der verschiedenen Ministerien und dem, was bisher erreicht wurde. Demnach würden auch über das Jahr 2035 hinaus die fossilen Energieträger die Basis der Versorgung ausmachen. Für Wind- und Solaranlagen bleibe nur die Rolle des Lückenbüßers, um ferne Regionen wie die Insel Sachalin mit Strom zu beliefern.

    Anführungszeichen

    Der Markt für erneuerbare Energien in Russland ist sehr klein. Aber er wächst, weil sie wettbewerbsfähiger werden

    Tatiana Lanshina, Ökonomin

    Wenn es doch Rückenwind für die Energiewende in Russland gibt, dann weniger aus der Politik als vielmehr aus dem Privatsektor. Lanshina erzählt von Unternehmen fern der Metropolregionen, die Solarpanele installieren. Vor allem für kleinere und mittlere Unternehmen sei das lukrativ, weil sie damit Geld sparen könnten. „Der Markt für erneuerbare Energien in Russland ist sehr klein. Aber er wächst, weil sie wettbewerbsfähiger werden“, sagt sie.

    An gutem Wind mangelt es nicht. Wohl aber an Rechtssicherheit für Investoren

    Doch um dem System zum Durchbruch zu verhelfen, wäre mehr staatliche Unterstützung nötig. Experten monieren unter anderem mangelnde Rechtssicherheit für Investoren und das Fehlen eines verlässlichen Verteilnetzes. Dabei könnten sich Investitionen etwa in die Windenergie durchaus rentieren, wie ein Blick auf die hervorragenden meteorologischen Bedingungen zeigt. Fast auf der gesamten Fläche des Riesenreichs herrschen geeignete Windverhältnisse, sagen Forscher der Moskauer Universität. Das gelte insbesondere für den südlichen europäischen Teil, die wenig besiedelten Küsten am Pazifik und Teile Sibiriens.

    Abhängig vom Erdgas

    Export

    Russland ist der mit Abstand größte Exporteur von Erdgas weltweit. 2019 lieferte das Land rund 260 Milliarden Kubikmeter Gas ins Ausland. Das war fast das Doppelte der Exporte von Katar, der globalen Nummer zwei. Die USA, Norwegen und Australien zählen zu den weiteren großen Erdgaslieferanten.

    Klimabilanz

    Erdgas gilt als vergleichsweise sauberer fossiler Energieträger. Die Bilanz berücksichtigt in der Regel allerdings nur das CO2, das unmittelbar bei der Verbrennung ausgestoßen wird. Das bei der Förderung und dem Transport des Gases freigesetzte Methan bleibt häufig außer Acht. Dabei belastet es die Atmosphäre erheblich. Die Klimabilanz von Erdgas kann damit sogar noch schlechter ausfallen als die von Kohle.

    Aus Windkraft gewonnener grüner Wasserstoff könnte zudem ein Weg sein, die russische Erdgasinfrastruktur weiter zu nutzen. Mario Mehren, Russlandchef des deutschen Energieunternehmens Wintershall Dea, sagte in einem Interview, man arbeite an einer Kooperation mit Gazprom und wolle die Möglichkeit prüfen, über die Erdgasleitungen grünen Wasserstoff zu exportieren.

    In diese Richtung zielt auch ein Gemeinschaftsprojekt des italienischen Energieunternehmens Enel und der staatlichen Technologieholding Rosnano. Anfang des nächsten Jahres soll ein Windpark mit 20 Megawatt in der russischen Region Murmansk nahe Norwegen ans Netz gehen. Die Betreiber hoffen, jährlich 12.000 Tonnen Wasserstoff in die EU zu liefern. Wann das der Fall sein könnte, ist unklar.

    Historische Holzwindmühle in Russland: Das Land investiert inzwischen in eigene Windparks. Beginnt auch in Russland die Energiewende?

    Historische Holzwindmühle: In vielen Teilen des Landes weht der Wind gut.

    Trotz der Abhängigkeit des Landes von fossilen Energien und der nur zaghaften Investitionen in Erneuerbare glaubt Expertin Lanshina, dass die Transformation nur eine Frage der Zeit sei. „Der CO2-Ausstoss der Unternehmen spielte lange keine Rolle. Viele wussten nicht einmal, was es damit auf sich hat“, sagt sie. Das ändere sich nun sehr langsam. Vor allem für Unternehmen, die ins Ausland exportieren, werde die CO2-Bilanz wichtiger.

    Europa liebäugelt mit einem CO2-Zoll. Er würde russische Konzerne hart treffen

    Investitionen staatlicher Konzerne in grüne Projekte erklären Analysten mit internationalem Druck. Sollten die Industrienationen den Zertifikatehandel oder ähnliche Mechanismen verschärfen, könnte das die russischen Unternehmen schwer treffen. Das gilt vor allem für den in Brüssel diskutierten CO2-Grenzausgleich, der europäische Produkte vor Importen aus Ländern mit niedrigeren Klimaschutzstandards schützen soll. Die dadurch drohenden Verluste für Russlands Exporteure würden sich nach Schätzung der Boston Consulting Group auf mehrere Milliarden Euro pro Jahr belaufen.

    Russlands jüngste Klimabekenntnisse wirken auf den ersten Blick wie eine direkte Reaktion darauf: Bis 2030 sollen die Treibhausgase um ein Drittel sinken. Bei genauem Hinschauen verliert die Ankündigung allerdings an Glanz. Denn der Vergleichswert stammt von 1990, dem Jahr des Untergangs der Sowjetunion. Damals gehörte die Schwerindustrie noch zur dreckigsten der Welt. Sein 2030-Ziel hat Russland praktisch heute schon erreicht.

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