Offshore-Wind-Ausbau

  • Search03.05.2023

In Deutschland zählt der Preis

Wer in deutschen Gewässern Windräder bauen will, muss dafür zahlen. In den Niederlanden erhält derjenige den Zuschlag, der am nachhaltigsten baut. Das hat Folgen für den Strompreis. Ein Vergleich.

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    Robert Habeck in deutschem Offshore-Windpark: Hierzulande entscheidet vor allem die Zahlungsbereitschaft der Bieter darüber, wer in einer Offshore-Wind-Auktion zum Zuge kommt.

    Wirtschaftsminister Robert Habeck treibt den Ausbau der Offshore-Windenergie voran. Doch die Kosten dafür sind in Deutschland hoch, kritisiert die Branche.

     

    Von Volker Kühn

    Von Irland bis Griechenland, von Portugal bis ins Baltikum: Offshore-Wind spielt eine zentrale Rolle in der Energiepolitik von Europas Küstenstaaten. Wer all die Windräder bauen darf, entscheidet sich dabei in Ausschreibungen: Die Betreiber in spe liefern sich ein Wettbieten um den Zuschlag. Doch wie die Ausschreibungen aussehen, variiert von Land zu Land. Während in Deutschland in der Regel derjenige zum Zug kommt, der am meisten zahlt, berücksichtigen andere Länder stärker auch Kriterien jenseits des Preises, etwa den Beitrag eines Windparks zur Artenvielfalt im Meer.

    Die Kosten für die Ausschreibungen, den Bau und den Betrieb ihrer Parks müssen die Betreiber über den Strompreis wieder einspielen. Entsprechend können sie ihn in manchen Ländern zu günstigeren Preisen anbieten. Das deutsche Verfahren hingegen drohe, den Strom zu verteuern, heißt es aus der Branche. „Die Zeche dafür zahlt am Ende immer der Verbraucher“, erklärte Stefan Thimm, Geschäftsführer des Bundesverbands der Windparkbetreiber Offshore (BWO).

    Die deutschen Auktionen: Zahlungskräftige Bieter sind im Vorteil

    Nach den jüngsten Novellen des Wind-auf-See-Gesetzes (WindSeeG) gilt in Deutschland derzeit ein zweiteiliges Bieterverfahren:

    • In Meeresgebieten, die noch nicht auf ihre Tauglichkeit für den Bau von Windparks untersucht wurden, nennen die Bieter zunächst einen Mindestpreis, zu dem sie ihren Strom verkaufen würden. Verzichten mehrere Bieter auf einen solchen Mindestpreis („Null-Cent-Gebote“), folgt ein „dynamisches Gebotsverfahren“: In festgelegten Preisstufen legen die Teilnehmer Geldsummen auf den Tisch, bis schließlich nur noch einer übrig ist. Der Bieter mit der größten Zahlungsbereitschaft erhält den Zuschlag.
    • Auch auf bereits vom Staat voruntersuchten Flächen geht es in erster Linie ums Geld: Die Bieter müssen eine Summe aufrufen, die sie für den Bau ihres Windparks zu zahlen bereit sind, oft ist von einem „Eintrittsgeld“ die Rede. Das Höchstgebot wird mit 60 Punkten bewertet. Weitere 35 Punkte entfallen daneben auf vier weitere Kriterien, in denen es um die Kapazität eines Parks geht, um umweltverträgliche Bauverfahren, den CO2-Fußabdruck der Anlagen und den Ausbildungsquotient der Betreiber.
    Seit 2010 wurden in Deutschland 29 Offshore-Windparks gebaut. Die Infografik zeigt alle Windparks mit Name, Baudatum und Leistung. Infografik: Benedikt Grotjahn

    Das deutsche Auktionsdesign berücksichtigt Kriterien jenseits des Preises also nur zu einem geringen Anteil. Es könnte dem Staat hohe Einnahmen bescheren, allerdings auch zu höheren Strompreisen führen. In jedem Fall sind finanzstarke Konzerne, etwa aus der Öl- und Gasbranche, dabei prinzipiell im Vorteil.

    Kritisiert werden aus der Branche insbesondere zwei Punkte:

    • Die Gebotssumme ist nicht gedeckelt. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass dies zu sehr hohen Geboten führen kann. In Großbritannien etwa boten Unternehmen 2021 in einer nicht gedeckelten Auktion 1,2 Millionen Euro pro Megawatt, das ausgeschrieben wurde. Bei einer beschränkten Auktion im selben Jahr in Dänemark dagegen lag der Höchstwert bei knapp 0,4 Millionen Euro.
    • Die Zuschlagsmenge ist nicht begrenzt. Theoretisch wäre es möglich, dass ein einzelner Bieter den Zuschlag für sämtliche ausgeschriebenen Flächen einer Auktion erhält. Darin sehen Beobachter ein Klumpenrisiko: Sollte das Unternehmen aus irgendeinem Grund ausfallen, würde der Ausbau weiter zurückgeworfen, als wenn es nur um eine einzelne Fläche ginge.
    Offshore-Windparks Kaskasi in der Nordsee: Wer in Deutschland Windräder auf See bauen will, muss in der Regel viel Geld mitbringen.

    Windpark in der Nordsee: Das deutsche Ausschreibungsverfahren steht im internationalen Wettbewerb.

    Sollte sich das von der Bundesregierung gewählte Verfahren als zu kostspielig herausstellen, könnte es zudem dazu führen, dass die Windparkbetreiber auf andere Märkte ausweichen, schließlich verfolgen zahlreiche Länder ehrgeizige Ausbaupläne für die Offshore-Windenergie. „Das deutsche Verfahren muss sich im internationalen Wettbewerb bewähren“, sagt ein Branchenbeobachter.

    Andere europäische Länder legen in ihren Ausschreibungen den Schwerpunkt teils auf sogenannte qualitative Kriterien.

    Das niederländische System: Naturschutz und Innovationen

    Auf große Resonanz stößt dabei vor allem das Verfahren in den Niederlanden. Dort gab es zuletzt zwei Ausschreibungen, die zwar auch eine kleine finanzielle Komponente umfassten, in denen aber vor allem innovative Verfahren beim Bau und Design der Windparks sowie der Mehrwert für den Natur- und Umweltschutz den Ausschlag gaben.

    Positiv wurde in den Geboten unter anderem bewertet, dass die Windräder in Teilen eines geplanten Parks in größerem Abstand zueinander aufgestellt werden sollen, sodass Vögel möglichst ungefährdet hindurchfliegen können. Zudem kommen beim Bau möglichst leise Verfahren zum Einsatz, und in den Fundamenten werden künstliche Riffe angelegt, um die Artenvielfalt zu fördern.

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    Immer mehr Länder nutzen nicht-preisliche Kriterien. Das ist großartig

    Pierre Tardieu, Politikreferent bei WindEurope

    Auch Norwegen, Belgien, Frankreich und Dänemark haben Auktionen mit starken qualitativen Kriterien eingeführt oder zumindest angekündigt. „Immer mehr Länder nutzen nicht-preisliche Kriterien. Das ist großartig“, erklärte Pierre Tardieu, Politikreferent beim Branchenverband WindEurope, in einer Stellungnahme. Es belohne Unternehmen, die einen größeren gesellschaftlichen Nutzen schaffen und fördere die biologische Vielfalt.

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