Debatte um EEG-Novelle

Laufzeitverlängerung für Windkraft

Die Zahl der Windräder in Deutschland könnte in den nächsten Jahren massiv zurückgehen. Die Industrie fordert deshalb Änderungen an der geplanten EEG-Novelle und setzt ihre Hoffnung auf ein Gespräch mit Wirtschaftsminister Peter Altmaier am 14. Oktober.

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    Windräder in Ostfriesland: Allein in Niedersachsen verlieren rund 3500 Windräder bis 2025 den Anspruch auf eine finanzielle Förderung durch das EEG.

    Windpark in Ostfriesland: Allein in Niedersachsen verlieren bis 2025 Anlagen mit einer Kapazität von drei Atomkraftwerken den Anspruch auf eine finanzielle Förderung durch das EEG.

    Von Volker Kühn

    „Die Errichtung von Anlagen zur Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Energien liegt im öffentlichen Interesse.“ So steht es in Paragraf eins der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), die das Bundeskabinett am 23. September beschlossen hat. Wenn Bundestag und Bundesrat zustimmen, tritt sie im Januar in Kraft. Tatsächlich jedoch könnte die Zahl der Windräder infolge des Gesetzes massiv zurückgehen. Das zumindest befürchtet nicht nur die Windindustrie, sondern auch Politiker von Opposition und Teilen der Regierungsparteien. Denn ein wichtiger Passus fehlt aus ihrer Sicht in der EEG-Novelle: eine Regelung für die Zukunft von Windrädern der ersten Generation.

    Die niedrigen Strompreise an der Börse machen den Weiterbetrieb unrentabel

    Diese Anlagen, die in den Nullerjahren gebaut wurden, verlieren nach 20 Jahren Betriebszeit demnächst den Anspruch auf eine finanzielle Förderung über die EEG-Umlage. Technisch gesehen könnten die meisten Windräder zwar noch jahrelang laufen. Doch die Betreiber müssten den erzeugten Ökostrom dann zum Marktpreis an der Börse verkaufen. Der ist allerdings so niedrig, dass sich der Weiterbetrieb oft nicht lohnt. Schließlich entstehen auch bei längst abgeschriebenen Anlagen Kosten. Der Wartungsaufwand nimmt nach dem Ende der geplanten Betriebsdauer sogar noch zu.

    „Die Gefahr ist, dass die Betreiber die Windräder nach dem ersten Schaden abstellen“, sagt Wolfram Axthelm, Geschäftsführer des Bundesverbands Windenergie (BWE). „Spätestens nach einem Jahr müssen sie dann abgebaut werden.“

    Ende der EEG-Förderung: Die Infografik zeigt die Kapazität der von 2020 bis 2025 aus dem EEG-fallenden Windräder in Megawatt pro Jahr.

    Damit droht der Energiewende ein gewaltiger Rückschritt. Denn die Windkraft ist mit einem Anteil von rund 30 Prozent der mit Abstand wichtigste Stromlieferant in Deutschland. Eigentlich müsste ihre Bedeutung sogar noch stark wachsen, wenn Ende 2022 das letzte Atomkraftwerk und spätestens 2038 auch der letzte Kohlemeiler abgeschaltet werden. Industrie, Wirtschaft, Umweltverbände und Energiewissenschaftler warnen deshalb vor einer gewaltigen Ökostromlücke.

    Wie groß das Problem ist, zeigt eine Analyse des niedersächsischen Energieministeriums und des Beratungsunternehmens Windguard. In Niedersachsen stehen mit knapp 6400 die meisten der bundesweit rund 30.000 Onshore-Windräder. 3500 davon erreichen der Analyse zufolge bis 2025 das Ende der gesetzlichen Förderung. Zusammen kommen sie auf eine Leistung von 4,3 Gigawatt. Das ist dreimal so viel wie etwa das Atomkraftwerk Emsland erzeugen kann. Diese Leistung droht wegzufallen. „Wir steuern auf eine Katastrophe zu“, sagte Niedersachsens Energieminister Olaf Lies (SPD) dem „Handelsblatt“. Deutschlandweit droht laut dem BWE mittelfristig sogar ein Rückbau von Windrädern mit zusammen 14,3 Gigawatt.

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    Damit drohen massive Abschaltungen von wertvollen Ökostromanlagen in den nächsten Jahren

    Julia Verlinden, Energieexpertin der Grünen im Bundestag

    Doch selbst wenn sich die Betreiber entscheiden, die Altanlagen weiterlaufen zu lassen, ist offen, ob sie ihren Strom noch an der Börse anbieten könnten. Denn manche Netzbetreiber wollen ihn nicht mehr über ihre Leitungen abtransportieren. Ihnen ist der Aufwand zu hoch, den sie betreiben müssen, um die Netze trotz der wetterbedingt schwankenden Strommengen aus den Windparks stabil zu halten. Nach dem Ende der EEG-Förderung, so ihr Argument, seien sie nicht länger verpflichtet, den Ökostrom einzuspeisen.

    Ein Unding, findet Julia Verlinden, energiepolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag: „Damit drohen massive Abschaltungen von wertvollen Ökostromanlagen in den nächsten Jahren“, erklärte sie gegenüber EnergieWinde. Sie forderte die Bundesregierung auf, dringend eine praktikable Lösung für den Weiterbetrieb der Anlagen vorzulegen.

    Werden die Windräder abgebaut, sind die Flächen für neue Anlagen oft verloren

    Der Windenergieverband BWE sieht noch ein weiteres Problem: Knapp 70 Prozent der alten Windräder stehen seinen Angaben zufolge auf Flächen, die inzwischen nicht mehr vorrangig für die Windkraft ausgewiesen sind. Werden die Anlagen abgebaut, können dort nicht ohne Weiteres neue aufgestellt werden. Dabei ist dieses sogenannte Repowering eine große Chance, um die Leistung zu steigern. Denn die Technologie hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten Sprünge gemacht: Heute werden auch an Land schon Turbinen mit mehr als fünf Megawatt eingesetzt. Ein einzelnes Windrad erzeugt damit so viel Strom wie vor 20 Jahren vier, fünf oder sogar noch mehr Anlagen.

    Zudem sind gerade die Flächen, auf denen die ersten Windräder gebaut wurden, für die Branche besonders wertvoll. Zum einen sind sie von der Bevölkerung weitgehend akzeptiert, sodass weniger Proteste beim Neubau zu erwarten sind. Zum anderen handelt es sich häufig um Flächen mit besonders guten Windbedingungen, die höhere Erträge versprechen.

    Am 14. Oktober spricht Altmaier mit der Branche über die Zukunft der Altanlagen

    Der BWE fordert deshalb eine Übergangslösung von drei Jahren für Altanlagen. Das gebe den Bundesländern genügend Zeit, ihre Flächennutzungspläne anzupassen und das Repowering zu ermöglichen.

    Seine Einwände will der Verband bei einem Round Table am 14. Oktober vortragen, zu dem Wirtschaftsminister Peter Altmaier kurzfristig eingeladen hat. Zwei Stunden soll die Videokonferenz dauern, in der es um die Zukunft der sogenannten Post-EEG-Anlagen geht. Voraussichtlich am 29. Oktober steht dann die erste Lesung des Gesetzes im Bundestag an. Am 18. November wird es eine Anhörung geben und Ende November, spätestens aber am 18. Dezember, die zweite und dritte Gesetzeslesung sowie die Abstimmung im Bundesrat.

    Der Druck auf die Bundesregierung, den Ausbau der Erneuerbaren kräftig zu beschleunigen, ist unterdessen weiter gestiegen: Erst diese Woche hat das EU-Parlament beschlossen, die Klimaziele zu verschärfen. Bis 2050 soll der CO2-Ausstoß um 60 Prozent gegenüber 1990 sinken. Damit ist auch Deutschland gefordert, einen höheren Beitrag zu leisten.

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