Zehn Jahre Offshore-Wind in Deutschland

Eine Branche wird erwachsen

Irina Lucke hat den Aufbau der Offshore-Windkraft von Beginn an mitgestaltet. Im Interview blickt die Vorstandschefin des Branchenverbands WAB zurück auf die rasante Entwicklung der Technologie – und richtet einen Appell an die Politik.

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    Offshore-Windpark Alpha Ventus: Das Bild zeigt den Bau der Umspannstation im Jahr 2008.

    Pionierarbeit in der Nordsee: Der Bau des Umspannwerks im Offshore-Windpark Alpha Ventus 2008.

    Irina Lucke ist eine exzellente Kennerin der Offshore-Windenergie. Sie war schon beim Aufbau des ersten deutschen Hochsee-Windparks Alpha Ventus dabei, der 2010 weit draußen vor der Küste Borkums in Betrieb ging. Heute ist sie Geschäftsführerin von EWE Offshore Service & Solution und Vorstandschefin der Windenergie-Agentur WAB. EnergieWinde sprach mit ihr über die Evolution der Branche.

    Frau Lucke, als Sie vor mehr als zehn Jahren Alpha Ventus mitaufbauten, gab es zahlreiche Probleme. Wo steht die Branche heute?
    Irina Lucke: Die Offshore-Windkraft hat sich zur totalen Erfolgsgeschichte entwickelt. Die Preise sinken ständig. Wir gehen ins immer tiefere Wasser. Wir werden immer globaler. Die Logistik wird stetig besser und immer geschickter. Die Anlagen werden zudem ständig größer. Kurzum: Die Branche wird erwachsen.

    Wie war es damals für Sie, beim Bau der weltweit ersten richtigen Offshore-Windfarm dabei zu sein? In Wassertiefen von bis zu 30 Metern hatte sich vorher noch niemand gewagt.
    Lucke: Das war extrem spannend: Von einem Stück weißen Papier mit einer Idee darauf, bis zum fertigen Offshore-Windpark. Viele sagten uns damals: „Das schafft ihr nie.“ Wir haben genau das Gegenteil bewiesen.

    Irina Lucke (Mitte) in Offshore-Montur: Lucke ist Geschäftsführerin von EWE Offshore Service & Solution und Vorstandsvorsitzende der Windenergie-Agentur WAB.

    „Wir waren alle Quereinsteiger“: Irina Lucke führt die Offshore-Wind-Aktivitäten des Oldenburger Energieversorgers EWE und ist Vorstandschefin des Branchenverbands WAB.

    Was unterscheidet den Bau moderner Windfarmen von damals?
    Lucke: So ziemlich alles. Damals war ja alles noch sehr handwerklich. Wir waren alle Quereinsteiger. Da haben wir beispielsweise versucht, einen Kran auf eine Barge zu setzen und damit zu arbeiten. Das ging wegen der Wellen natürlich voll in die Hose: Der Kran schwankte viel zu stark. Wir mussten dann Tage auf ein Spezialschiff warten. Heute gibt es etliche Spezialerrichterschiffe, die auf Stelzen über den Wellen schweben und weitgehend wetterunabhängig operieren, das öffnet das Zeitfenster erheblich. Die Szene ist viel globaler geworden. Komponenten kommen aus allen Teilen der Erde, rund um die Welt gibt es Häfen, die mit den großen Komponenten umgehen könne.  Die Logistikketten werden immer besser.

    Wie sieht es mit den Anlagen aus?
    Lucke: Wir sehen mehr und mehr serielle Fertigung – sowohl bei den Windkraftanlagen als auch bei den Fundamenten. Da gibt es Schweiß- und Lackierroboter, alles wird immer effizienter.

    So weit hinaus aufs Meer hat sich die Windenergie nie zuvor gewagt: Im Sommer 2009 läuft der Bau des Offshore-Windparks Alpha Ventus auf Hochtouren. Die zwölf Windräder ...

    ... stehen gut 65 Kilometer von der ostfriesischen Küste entfernt in der Nordsee in bis zu 30 Meter tiefem Wasser. Das Luftbild zeigt den Bau der Umspannstation. Sie sammelt den Strom ...

    ... der Fünf-Megawatt-Turbinen und schickt ihn ans Festland. Die Ausmaße der Anlagen sind gewaltig: Hier wird 2008 ein Gondelhaus in Bremerhaven zum Kai transportiert. Ganz in der Nähe, ...

    ... nämlich in Wilhelmshaven, warten im selben Jahr diese stählernen Tripod-Fundamente auf den Abtransport. Darauf stehen sechs der zwölf Windräder von Alpha Ventus. Die übrigen Anlagen ...

    Offshore-Windpark Alpha Ventus: Sechs der zwölf Windräder stehen auf Jacket-Fundamenten, die übrigen auf Monopiles.

    ... sind mit sogenannten Jackets im Meeresboden verankert wie das Windrad im Bildvordergrund. Heute kommen Jackets kaum noch zum Einsatz. Alpha Ventus war von Beginn an ...

    ... auch für die Politik ein Prestigeprojekt. Der damalige Umweltminister Sigmar Gabriel spricht 2009 im Bremerhavener Klimahaus über das Potenzial der Offshore-Windenergie. Zur Inbetriebnahme ...

    ... im April 2010 kamen Gabriels Amtsnachfolger Norbert Röttgen (rechts) und der frühere EWE-Chef Werner Brinker per Helikopter in den Windpark. Überwacht werden die Anlagen ...

    ... in der ostfriesischen Stadt Norden im Kreis Aurich. Hier haben Techniker alle Daten von Alpha Ventus im Blick. Der Windpark produzierte schon zu Anfang mehr Strom als erwartet. Zugleich ...

    ... liefert Alpha Ventus bis heute Erkenntnisse, die zur Weiterentwicklung der Technologie beitragen. Aber auch aus den Pannen des Windparks hat die Branche gelernt. Dieses Bild zeigt die Anlagen 2010 in der Abenddämmerung.

    Was halten Sie vom Größenwachstum der Windräder? Welche Anlagengröße sehen Sie noch kommen?
    Lucke: Wo das noch hingehen soll? Keine Ahnung. Vielleicht kommen ja wirklich 20-Megawatt-Windräder. Immer größer ist aber nicht immer der beste Weg, das muss man je nach Standort entscheiden. Schließlich gibt es auch auf See Standorte mit eher schwachem Wind. Zudem ergibt es wenig Sinn, 15-Megawatt-Maschine zu haben, wenn wir sie gar nicht installieren können.

    Was schlagen sie also vor?
    Lucke: Ich fände es besser, die heutige Anlagengeneration solider und qualitativ hochwertiger zu bauen. Ich orientiere mich da am VW Golf – einem wahnsinnig langweiligen Auto, das aber bombastisch gut fährt.

    Was tut sich bei den Fundamenten?
    Lucke: In Deutschland kommen fast nur noch Monopiles zum Einsatz. Bei Alpha Ventus hatten wir ja noch Tripods und Jackets. Inzwischen lassen sich aber die Monopiles günstiger produzieren, zumindest für den Einsatz in unseren Gewässern.

    Sie haben bei Alpha Ventus damals die Errichtung des Umspannwerks geleitet. Heute sind die Umspannwerke viel kleiner. Wie wirkt sich das aus?
    Lucke: Die Umspannstation von Alpha Ventus hat eine Verfügbarkeit von 99,8 Prozent. Die ist extrem solide, „heavy duty“ sozusagen. Heute sind die Anlagen bis zu 60 Prozent leichter – aber auch technisch viel anspruchsvoller. Das geht teils zu Lasten der Verfügbarkeit.

    Was spielen die Daten der Anlagen für eine Rolle?
    Lucke: Wir können die Maschinen immer besser lesen und verstehen immer präziser, was die Daten bedeuten. Das ist gut.

    Sie haben bei EWE inzwischen Anlagen mit zusammen 1,3 Gigawatt in der technischen Betreuung. Finden sie genügend qualifiziertes Personal?
    Lucke: Das ist schon schwierig. Wir suchen mit Headhuntern nach klassischem Service-Personal.

    Wenn Sie auf die vergangenen zehn Jahre zurückblicken: Was freut Sie besonders?
    Lucke: Die Weiterentwicklung der Sicherheit. Es gibt in der Branche sehr wenige Verletzungen und Unfälle.

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    Von der Bundesregierung wünsche ich mir einen verlässlichen Ausbaupfad. Nach den vielen Gesetzesanpassungen ist es für uns sehr schwer, zu planen

    Irina Lucke, Geschäftsführerin von EWE Offshore Service & Solution

    Und was stört sie?
    Lucke: Der enorme Preisdruck in der Branche. Die Ausschreibungen haben da echt Schwung reingebracht. Das hat den Erfahrungsaustausch der ehemals recht familiären Szene gestört. Heute gibt es viel mehr Geheimtuerei als damals. Zudem finde ich es schade, dass es nur noch Großkonzerne und Großinvestoren gibt, Mittelständler spielen praktisch keine Rolle mehr.

    Was wünschen Sie sich für die Offshore-Branche von der Politik?
    Lucke: Von der Bundesregierung wünsche ich mir einen verlässlichen Ausbaupfad. Da fehlt die Wertschätzung. Nach den vielen Gesetzesanpassungen ist es für uns sehr schwer, zu planen.

    Die Fragen stellte Daniel Hautmann am Rande der Offshore-Wind-Konferenz Anfang April in Hamburg.

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