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Methan-Experte Robert Howarth

„LNG führt uns in die falsche Richtung“

Mit LNG-Terminals macht sich Deutschland von einem Rohstoff abhängig, der noch schädlicher ist als Kohle, sagt Methan-Forscher Robert Howarth. Es gebe bessere Alternativen – selbst wenn ihm eine davon Bauchschmerzen bereitet.

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    Robert Howarth kennt sich so gut mit Methan und seiner Klimabilanz aus wie kaum ein anderer Forscher. Selbst Kohle ist weniger schädlich als LNG, so der Professor der Cornell University.

    Robert Howarth erforscht die Klimabilanz von LNG. Das darin enthaltene Methan belastet die Atmosphäre um ein Vielfaches stärker als CO2.

     

    Russlands Einmarsch in die Ukraine stellt die Energiepolitik auf den Kopf. Die Bundesregierung sucht mit Hochdruck Alternativen zu russischem Erdgas. Einen großen Teil davon soll Flüssigerdgas (LNG) aus Übersee ersetzen. Im Rekordtempo baut Deutschland Terminals in Wilhelmshaven, Stade, Brunsbüttel und Lubmin, an denen so schnell wie möglich LNG-Tanker anlegen sollen. Doch LNG ist Gift für das Klima, denn bei der Gasförderung, der Verflüssigung und dem Transport entweichen große Mengen Methan.

    Kaum ein Forscher kennt sich so gut mit Methan aus wie Robert Howarth, Professor an der Cornell University im US-Bundesstaat New York. Im Interview warnt er vor der Gefahr, sich mit einer milliardenschweren LNG-Infrastruktur in eine jahrzehntelange Abhängigkeit von dem nächsten fossilen Rohstoff zu begeben. Es gebe bessere Wege, dafür zu sorgen, dass im Winter niemand frieren muss.

    Professor Howarth, wie klimafreundlich ist LNG im Vergleich zu anderen fossilen Brennstoffen?
    Robert Howarth: Lassen Sie uns kurz über Erdgas oder Schiefergas sprechen, bevor es in LNG umgewandelt wird. Erdgas ist schon kein besonders klimafreundlicher Brennstoff. Seine Kohlendioxidemissionen sind zwar wesentlich geringer als die von Kohle oder Diesel und anderen Erdölprodukten. Aber Erdgas besteht hauptsächlich aus Methan. Es ist unmöglich, es zu fördern und zu nutzen, ohne dass ein Teil dieses Methans unverbrannt in die Atmosphäre gelangt. Wir wissen, dass Methan in der Zeit, in der es sich in der Atmosphäre befindet, als Treibhausgas mehr als 100-mal stärker wirkt als Kohlendioxid. Der Bericht des Weltklimarats IPCC vom letzten Sommer besagt, dass Methan einen großen Anteil an der globalen Erwärmung hat, die wir jetzt schon erleben.

    Methan macht Erdgas zum Klimakiller: Vor allem beim Fracking wird viel Methan frei. Deshalb ist die Klimabilanz von LNG und Gas schlechter als die von Kohle und Diesel.

    Wie beeinflusst die Umwandlung in LNG die Klimabilanz des Gases?
    Howarth: Bei der Herstellung von LNG wird das Gas extrem stark gekühlt, um es in eine flüssige Form zu bringen, und dann transportiert. Es gibt also zwei Dinge zu bedenken: Die Kühlung des Gases erfordert eine Menge Energie, die aus der Verbrennung von Erdgas stammt. Um eine Einheit LNG zu produzieren, die an den Markt geliefert wird, benötigt man zu Beginn zwischen 1,1 und 1,2 Einheiten Erdgas, von denen 0,1 bis 0,2 im Verflüssigungsprozess verbrannt werden. Es gibt also bereits zusätzliche Kohlendioxidemissionen, die mit der Verbrennung dieses Brennstoffs verbunden sind. Hinzukommen aber auch zehn bis 20 Prozent mehr Methanemissionen. Um das Erdgas beim Transport oder bei der Lagerung in flüssiger Form zu halten, ist eine Verdunstungskühlung nötig, bei der ein Teil des Methans entweicht. Bei einer typischen transatlantischen Reise mit LNG aus den Vereinigten Staaten verdampfen etwa sieben Prozent des Kraftstoffs aus den Tanks.

    Die „ Höegh Esperanza“ soll zum Jahreswechsel in Wilhelmshaven festmachen. Das sogenannte FSRU kann Flüssigerdgas (LNG) in den gasförmigen Zustand umwandeln und ins Netz einspeisen.

    Die „Höegh Esperanza“ wird Ende des Jahres in Wilhelmshaven erwartet. Sie kann LNG in den gasförmigen Zustand umwandeln und ins Netz einspeisen. Der Bund hat das Spezialschiff für 200.000 Euro pro Tag gechartert.

    Wie viel davon gelangt in die Atmosphäre?
    Howarth: Das wissen wir nicht, denn das hat noch niemand gemessen. Die Industrie sagt, dass sie diese sogenannten Boil-off-Emissionen auffängt. Ich bin da skeptisch. Sie können nicht alles auffangen, nichts funktioniert mit hundertprozentiger Effizienz. Es gibt stets noch einige Emissionen, vielleicht variieren sie je nach Schiff. Wir haben wirklich keine objektiven Informationen darüber, soweit ich weiß. Aber ein Teil davon gelangt in die Atmosphäre. Unterm Strich sind sowohl die Kohlendioxid- als auch die Methanemissionen von LNG wesentlich höher als die von herkömmlichem Erdgas. Und wenn auch nur annähernd sieben Prozent der Emissionen in die Atmosphäre gelangen, wäre die Treibhausgasbilanz von LNG weitaus schlechter als die von Kohle.

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    Warum nicht für diese paar Jahre das Undenkbare tun und statt LNG mehr Kohle verbrennen? Und sich dann so schnell wie möglich von der Kohle entwöhnen

    Robert Howarth

    Wäre es am Ende also sinnvoller, Kohle noch länger zu nutzen?
    Howarth: So sehr es mich schmerzt, das Verbrennen von Kohle zu befürworten, aber ich denke schon. Europa und Deutschland befinden sich in einer sehr ungewöhnlichen Situation. Man kann sich fragen, ob es so klug war, sich von fossilen Brennstofflieferungen aus Russland abhängig zu machen. Ich habe mich jedenfalls in den letzten zehn Jahren sehr darüber gewundert. Aber nichtsdestotrotz sind Sie in Europa momentan von diesen Lieferungen abhängig. In Anbetracht dessen sollte man alles tun, was man kann, um so wenig Energie wie möglich zu verbrauchen. Es handelt sich nun einmal um eine Notsituation. Der Ausbau einer LNG-Infrastruktur funktioniert zudem nicht über Nacht – und die Investitionen, die dahinterstehen, will die Industrie dann sicherlich über die nächsten 20 oder 30 Jahre refinanzieren. Man bindet sich also erneut langfristig an einen fossilen Brennstoff. Die Infrastruktur für Kohle ist immerhin vorhanden. Warum also nicht für diese paar Jahre das Undenkbare tun und statt LNG mehr Kohle verbrennen? Und sich dann so schnell wie möglich von der Kohle entwöhnen.

    Deutschland hat eine Energiepartnerschaft mit Katar für die Lieferung von LNG vereinbart. Macht es einen Unterschied, ob Deutschland LNG aus Katar, Australien, Afrika oder den USA importiert?
    Howarth: Je weniger Zeit es auf See ist und je kürzer man das LNG lagert, desto besser. Denn das Herunterkühlen und die anschließende Kühlhaltung verbrauchen zusätzliche Energie. Wir sollten wirklich anfangen zu messen, welche Emissionen mit der Superkühlung und dem Transport verbunden sind. Was den Ursprung des LNG anbelangt: Das hängt von den Emissionen des Ausgangsmaterials ab. Auch hier haben wir nur wenig Daten. Die besten Informationen haben wir über die Methanemissionen aus der Erdgasförderung in den USA, weil wir seit zehn bis zwölf Jahren sehr intensiv daran arbeiten. Wir haben schon 2011 vor den Methanemissionen beim Fracking gewarnt. Die besten Daten zeigen, dass die Methanemissionen aus Gas in den USA im Durchschnitt etwa dem weltweiten Durchschnitt entsprechen. Und dass einige Länder zweifellos schlechter und andere wahrscheinlich besser sind – dazu gehört Katar. Aber im Detail wissen wir es mit Blick auf die weltweite Förderung noch nicht.

    Wie könnte man die Emissionen am besten überwachen? Direkt an der Förderstelle mit einer Kamera? Oder doch besser mit Satellitenbildern?
    Howarth: Satelliten sind die beste Lösung. Die Technologie hat sich enorm verbessert. Es gibt jetzt eine ganze Reihe von Satelliten, die die Methankonzentration in einem ziemlich kleinen räumlichen Maßstab mit hoher Präzision messen können. Das war selbst vor fünf oder sechs Jahren noch nicht der Fall. Aber wir sollten nicht nur die Förderstellen überwachen. Im Fall der LNG-Tanker sollten wir die Schiffe beobachten, während sie den Atlantik überqueren oder aus Australien oder woher auch immer kommen. Auch dafür könnten Satelliten genutzt werden. Soweit ich weiß, wird das aber noch nicht getan.

    Wir setzen also auf eine Technologie, über die wir noch nicht genug wissen.
    Howarth: Wir wissen, dass LNG sehr große Mengen an Kohlendioxid und Methan emittiert wegen der Energie, die für die Superkühlung benötigt wird, und wegen der Notwendigkeit, es beim Transport kühl zu halten. Und wir wissen auch, dass wir die Methanemissionen in den kommenden zehn Jahren um 40 Prozent reduzieren müssen, sonst erreichen wir ziemlich schnell eine Erderwärmung von zwei Grad. Wir sehen schon jetzt eine Menge Schaden durch nur 1,1 Grad Erwärmung. LNG führt uns einfach in die falsche Richtung. Ich sehe nicht, wie man mit LNG überbrücken will, ohne zumindest einen Teil davon für ein paar Jahrzehnte festzuschreiben. So wie die Politik und Industrie funktionieren: Wenn man diese Infrastruktur aufbaut, wird man sie nicht in drei Jahren wieder abreißen.

    Die Karte zeigt, wie Europa sich über Pipelines und LNG-Terminals mit Erdgas versorgt und wo neue Flüssiggas-Terminals geplant sind. Infografik: Benedikt Grotjahn

    Der Krieg Russlands gegen die Ukraine macht deutlich, wie wichtig die Abkehr von fossilen Energieträgern wäre. Haben Sie das Gefühl, dass die Erneuerbaren aktuell einen Aufschwung erleben? Oder geben vermeintliche Brückentechnologien wie LNG vielmehr der Gas- und Ölindustrie einen Schub?
    Howarth: Leider veranlassen der Krieg gegen die Ukraine und die daraus resultierende Energiekrise viele Regierungen dazu, eine stärkere Nutzung der fossilen Brennstoffe von außerhalb Russlands zu fordern. Ich halte das für kontraproduktiv. Die fossile Industrie nutzt das als Vorwand, um ihre Agenda voranzutreiben. Ich hoffe trotzdem, dass die Ereignisse den Übergang in eine Welt ohne fossile Brennstoffe beschleunigen werden. Aus wirtschaftlicher Sicht ist es bereits jetzt sinnvoll, diesen Weg einzuschlagen. Und jetzt kommen noch die Fragen der Energiesicherheit hinzu. Ich muss sagen, dass ich von den Staatsführungen der Welt enttäuscht bin. Joe Biden ist so besorgt darüber, wie sich die amerikanischen Verbraucher angesichts der Benzin- und Erdgaspreise fühlen, dass er sogar nach Saudi-Arabien reist.

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    Aktuell muss man erst einmal alles tun, was möglich ist, um Energie zu sparen

    Robert Howarth

    Was wäre Ihrer Meinung nach klug für Deutschland, um an einem zügigen Abschied von fossilen Brennstoffen festzuhalten?
    Howarth: Aktuell muss man erst einmal alles tun, was möglich ist, um Energie zu sparen. Es wird schmerzhaft werden. Wenn man sich an frühere Energiekrisen oder Kriege erinnert, haben die Bevölkerungen getan, was getan werden musste. Jetzt ist es an der Zeit, das wieder zu tun und gleichzeitig aggressiv auf erneuerbare Energien und die sinnvolle Nutzung von Strom im Verkehr und beim Heizen zu setzen. Um die kurzfristige Nachfrage zu befriedigen, halte ich es, so ungern ich das auch sage, für sinnvoll, etwas Kohle zu verbrennen.

    Die Fragen stellte Jasmin Lörchner.

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