Energiewende-Index von McKinsey

„Corona war nur eine Verschnaufpause“

Während der Pandemie sind die CO2-Emissionen gesunken. Doch der Effekt ist nicht von Dauer, warnt McKinsey-Energieexperte Ingmar Ritzenhofen. Hier erklärt er, was passieren muss, damit Deutschland seine Klimaziele erreicht.

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    Die Coronakrise hat die Luftfahrt hart getroffen: Viele Airlines ließen ihre Flugzeuge am Boden wie hier auf dem Flugzeugabstellplatz im spanischen Teruel.

    In der Coronakrise bleiben viele Flugzeuge am Boden. Dem Klima hilft das aber nur kurzfristig.

    Herr Ritzenhofen, die Coronapandemie hat zeitweise die Weltwirtschaft lahmgelegt: Wie sehr hat das dem Klima geholfen?
    Ingmar Ritzenhofen: Das war nur eine sehr kurze Verschnaufpause. Wir sehen, dass in den meisten Wirtschaftsbereichen beim CO2-Ausstoß das Ausgangsniveau sehr schnell wieder erreicht wird. Aktuell haben wir noch die Effekte zum Beispiel aus dem Luftfahrtsektor. Aber mittel- bis langfristig wird an vielen Stellen schnell wieder alles beim Alten sein. Die strukturellen Herausforderungen sind damit also keineswegs gelöst.

    Das Coronavirus hat die Klimakrise aus der öffentlichen Debatte verdrängt. Wie sehr trifft die Pandemie den Ausbau der Erneuerbaren?
    Ritzenhofen: Die Coronakrise ist beides: Bremsverstärker und Katalysator. Wir haben zu Beginn beobachtet, wie Projekte verzögert und politische Diskussionen überlagert wurden. Zudem sind Rohstoffpreise wie der Ölpreis massiv gesunken, was sich negativ auf die relative Profitabilität erneuerbarer Energien im Vergleich zur konventionellen Alternative ausgewirkt hat. Wir rechnen aber auch mit positiven Langzeiteffekten durch die grünen Stimuli in den Konjunkturpaketen. Die könnten perspektivisch einige Veränderungen beschleunigen.

    Ingmar Ritzenhofen, Co-Autor des Energiewende-Indexes von McKinsey, spricht im Interview über die Versäumnisse der Klimapolitik und die Folgen der Coronakrise.

    Ingmar Ritzenhofen ist Associate Partner bei McKinsey & Company und Co-Autor des Energiewende-Indexes.

    Die grünen Anreize in den Programmen sind also mehr als nur Effekthascherei?
    Ritzenhofen: Absolut. Wir sehen zum Beispiel, dass durch die höheren Zuschüsse die Nachfrage bei der Elektromobilität deutlich gestiegen ist. Ähnlich sieht es im Bereich Wasserstoff aus. Trotzdem sind diese Anreize nicht das Allheilmittel, mit dem man alle Probleme der Energiewende auf einen Schlag aus der Welt räumt. Aber sie sind zumindest eine Unterstützung.

    Ihrem Index zufolge sind diese Probleme nicht geringer geworden in den vergangenen Monaten …
    Ritzenhofen: Wir konstatieren leider schon seit Jahren: Die Energiewende ist und bleibt eine Mammutaufgabe. Und mit jedem Jahr, in dem man keinen substanziellen Fortschritt macht, wird diese Aufgabe immer größer. Es ist weiterhin denkbar, dass Deutschland einen großen Teil seiner selbst gesteckten Klimaziele erreicht – aber die Herausforderung wächst immer weiter.

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    Wir brauchen nach wie vor eine Beschleunigung beim Ausbau der erneuerbaren Energien, beim Ausbau der Netze, beim Ausbau der E-Mobilität und bei der Dekarbonisierung insgesamt

    Ingmar Ritzenhofen

    Was müsste sich ändern?
    Ritzenhofen: Wir brauchen nach wie vor eine Beschleunigung beim Ausbau der erneuerbaren Energien, beim Ausbau der Netze, beim Ausbau der E-Mobilität und bei der Dekarbonisierung insgesamt. Dabei geht es nicht nur um den Energiesektor, sondern auch um Transport, Gebäude und Wärme und Industrie. Es ist jetzt extrem wichtig, dass man weitere Fortschritte erzielt. Dafür müssen aber die Rahmenbedingungen für Investitionen verbessert werden. Wenn das gelingt, dann wird es auch eine Beschleunigung über privates Kapital geben. Und die wird noch einmal über das hinausgehen, was man mit staatlich gesteuerten Stimuli erreichen kann.

    Die Coronapandemie hat weltweit gezeigt, dass schnelle Entscheidungen in der Politik durchaus möglich sind. Können wir für den Umgang mit der Klimakrise daraus lernen?
    Ritzenhofen: Wir sollten es zumindest versuchen – auch wenn die Bedingungen nicht eins zu eins übertragbar sind. Jetzt gerade haben wir eine Bedrohung, die sehr akut und sehr greifbar ist. Durch diesen Druck wurden sehr schnell Entscheidungen herbeigeführt. Das ist in der Klimadebatte anders. Da ist der Druck zwar grundsätzlich auch da, weil man sofort handeln muss, um die Klimaziele noch zu erreichen und die Erderwärmung zu minimieren. Aber – und das ist der große Unterschied – diese Bedrohung ist noch viel schwerer greifbar als die aktuelle Coronapandemie. Dementsprechend fällt es oft schwerer, das Thema ganz nach oben auf die politische Agenda zu heben.

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    Es gibt noch reichlich Handlungsbedarf, um die von Deutschland selbst gesteckten Ziele für den Ausbau der erneuerbaren Energien erreichen zu können

    Ingmar Ritzenhofen

    Auch viele Unternehmen haben jetzt ganz andere Themen im Fokus. Rutscht der Klimaschutz auch in der Wirtschaft weiter nach hinten?
    Ritzenhofen: Das unterscheidet sich von Sektor zu Sektor. Wir sehen viele Unternehmen, bei denen der Klimaschutz noch immer ganz weit oben auf der Agenda steht. Auch Projekte mit erneuerbaren Energien, die sich anfangs verzögert haben, werden weiter umgesetzt. Nichtsdestotrotz sehen wir aber auch andere Branchen, die jetzt ganz andere Probleme haben – da geht es eher um die Neuerfindung des Geschäftsmodells.

    Trifft die Krise auch Unternehmen aus dem Erneuerbaren-Sektor?
    Ritzenhofen: Viele Unternehmen haben durch Corona eine Menge neuer Herausforderungen hinzubekommen. Wenn man sich zum Beispiel manche Turbinenhersteller anschaut, dann kommen da zusätzlich in Deutschland viele strukturelle und externe Themen zusammen, die angegangen werden müssen. Da muss es wieder Planungssicherheit und schnellere Genehmigungsverfahren geben. Das gilt auch beim Ausbau der Netze. Das wurde zum Teil schon angegangen. Es gibt aber noch reichlich Handlungsbedarf, um die von Deutschland selbst gesteckten Ziele für den Ausbau der erneuerbaren Energien erreichen zu können.

    Die Fragen stellte Robert Otto-Moog.

    Der Energiewende-Index von McKinsey misst seit 2012 alle sechs Monate den aktuellen Stand der Energiewende in Deutschland. Untersucht werden 15 Indikatoren aus den Bereichen Klima- und Umweltschutz, Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit. Der aktuelle Index beschäftigt sich vor allem mit den Auswirkungen der Coronapandemie. Das Ergebnis: Die Bekämpfung des Virus bremst die ohnehin ins Stocken geratene deutsche Energiewende weiter aus. Vor allem der Ausbau der Windenergie und der Stromnetze ist laut McKinsey ins Stocken geraten. Hinzu kommen die Auswirkungen auf die Energiemärkte: Die krisenbedingt niedrigen Preise machen konventionelle Energieträger attraktiv, heißt es im Index.

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