Mark Z. Jacobson über Gates' Atompläne

  • Search19.02.2021

„Beim Klima setzt er auf den falschen Weg“

In seinem Buch „Wie wir die Klimakatastrophe verhindern“ macht sich Bill Gates für Atomkraftwerke stark. Der Energieexperte Mark Z. Jacobson hält das für falsch. Im Interview erklärt der Stanford-Professor, warum der Fokus auf Erneuerbaren und Speichern liegen sollte.

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    Mark Z. Jacobson zählt zu den renommiertesten Energie- und Klimaexperten in den USA. Der Direktor des Atmosphere and Energy Program der Universität Stanford ist überzeugt, dass sich die Welt zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien versorgen kann. Neue Atomkraftwerke, wie sie der Microsoft-Gründer und Philanthrop Bill Gates in seinem jüngst erschienenen Buch „Wie wir die Klimakatastrophe verhindern“ fordert, seien dafür nicht nötig. So viel Gutes Gates im Kampf gegen Krankheiten und Hunger auch bewirkt habe – in der Klimakrise wähle er den falschen Weg, sagt Jacobson. Im Interview mit EnergieWinde nennt er die Gründe.

    Mr. Jacobson, Bill Gates schreibt in seinem Buch, dass Klimaneutralität bis 2050 ohne neue Atomkraftwerke nicht zu erreichen sei. Was kritisieren Sie daran?
    Mark Z. Jacobson: Ich frage mich, woher er seine Informationen hat. Wenn wir die Energietransformation rechtzeitig schaffen wollen, müssen wir die Dinge sofort angehen. Mit Atomkraft dauert das viel zu lang. Von der Planung bis zur Inbetriebnahme eines Atomkraftwerks vergehen im Schnitt 15 Jahre. Solar- und Windkraftanlagen sind dagegen im Schnitt in zwei bis fünf Jahren am Netz.

    Immerhin produzieren Atomkraftwerke große Mengen Strom, ohne CO2 auszustoßen wie Kohlekraftwerke.
    Jacobson: Der Ausstoß ist sicherlich niedriger als bei Kohle oder Gas. Aber es stimmt nicht, dass Atomkraftwerke emissionsfrei sind. Sie setzen durchaus CO2 frei, weil für den Betrieb Uran abgebaut und angereichert werden muss. Das ist ein energieintensiver Prozess. Mit der Kernenergie sind 19- bis 24-mal so große Emissionen verbunden wie mit der Windkraft.

    Klimaforscher Mark Z. Jacobson (Stanford) äußert sich kritisch zu der von Bill Gates favorisierten Renaissance der Atomenergie.

    Mark Z. Jacobson ist Professor für Bau- und Umwelt-Ingenieurwesen in Stanford und leitet das Atmosphere and Energy Program der Universität.

    Aber gerade an Windrädern zweifeln derzeit manche: Beim Wintereinbruch in Texas sind sie eingefroren. Millionen Texaner harren seit Tagen bei Minustemperaturen ohne Strom, Heizung und Wasser aus.
    Jacobson: Daran sind aber nicht wirklich die Windräder schuld! Vor allem die Pipelines sind eingefroren, auch Atomkraftwerke fielen aus. Das große Problem in Texas sind die Gaspipelines. Von den 30 Gigawatt, die Windkraftanlagen in Texas generieren, fielen zwölf aus, weil die Turbinen eingefroren waren. Das Problem war, dass es kein Enteisungsmittel vor Ort gab. Die Lösung dafür ist simpel und nicht einmal teuer: In Kanada hält man in der Anlage einfach Enteisungsmittel vor. Im Übrigen haben die nicht eingefrorenen Windräder während des Wintersturms mehr Strom als gewöhnlich erzeugt.

    Können wetterabhängige erneuerbare Energien wie Solar- und Windkraft wirklich die Lücke füllen, die durch den Ausstieg aus Öl, Kohle und Gas entsteht?
    Jacobson: Die Idee ist, Wind, Sonne, Geothermie und Wasserkraft zu nutzen und sie mit guten Speichern zu kombinieren. Es gibt mittlerweile zum Beispiel unterirdische Wärme- und Kältespeicher; in Kanada und Dänemark werden sie schon genutzt. Um die Lücke zu füllen, brauchen wir eine Kombination aus mehreren Energien und verschiedenen Speicherformen. Und dann müssen Anreize geschaffen werden, um den Verbrauch von Energie besser zu lenken und zu verteilen. Zum Beispiel, indem man Strom zu bestimmten Tageszeiten billiger macht.

    Noch mal zu Gates‘ Atomplänen: Er sagt, mit neuen Reaktortypen liege die Gefahr eines GAUs praktisch bei null. Sollte man es nicht doch damit versuchen?
    Jacobson: Das ist doch ein Trugschluss. Man braucht immer noch radioaktives Uran für die Reaktoren, und das ist nun einmal gefährlich. Ganz abgesehen davon, dass die Atommüllfrage nicht geklärt ist. Das ist ein typisches Beispiel dafür, wie sich Leute für eine Technologie einsetzen, von der sie uns versprechen, dass sie in Zukunft besser sein wird. Wir brauchen aber jetzt eine Lösung, nicht irgendwann in der Zukunft. Ganz zu schweigen davon, dass die Atomenergie auch gefährliche politische Folgen haben kann. Wenn wir weltweit stärker darauf setzen und plötzlich Reaktoren in Ländern aufbauen, die das Uran am Ende für Nuklearwaffen verwenden – wo bleibt da die Sicherheit?

    Seit 2009 sind die Preise für Atomstrom um 26 Prozent gestiegen, während Solarenergie um 89 Prozent günstiger wurde.

    In Kurzform: Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Argumente gegen Atomkraft?
    Jacobson: Wenn ich es auf Stichpunkte runterbrechen müsste, dann folgende:

    • Atomkraftwerke brauchen im Schnitt 15 Jahre von der Planung bis zur Inbetriebnahme. Das dauert zu lang. Solar- und Windkraftanlagen sind in zwei bis fünf Jahren am Netz.
    • Atomkraft kostet fünfmal mehr als erneuerbare Energien wie Windkraft.
      Mit dem radioaktiven Material besteht das Risiko der Waffennutzung und die Gefahr einer Kernschmelze, außerdem gibt es das ungelöste Atommüllproblem.
      Auch Atomkraft ist nicht emissionsfrei.

    Bill Gates sieht Batterien und Speicher als größtes Problem, das der Komplettumstellung auf Erneuerbare im Weg steht. Stimmen Sie ihm zu?
    Jacobson: Nicht wirklich. Atomkraft braucht auch Speicher. Alle Energieformen brauchen Speicher, weil der Bedarf ständig schwankt. Batterien sind eine großartige Speicherform, und es gibt neue, sehr vielversprechende Technologien. Solaranlagen können im Sommer Wärme aufnehmen und sie in Wasser oder Erde speichern, um die Wärme im Winter zu nutzen. Umgekehrt funktionieren auch Kältespeicher. In Stanford hatten wir ein Projekt, bei dem wir nachts Eis produziert haben und tagsüber in der größten Hitze Wasser am Eisblock vorbeigeleitet haben, um damit die Gebäude zu kühlen. Die Technologien sind da.

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    Wir haben nur so wenig Zeit, um das Klimaproblem zu lösen. Wir müssen uns auf die Dinge konzentrieren, die wirklich funktionieren, statt unausgereifte Ideen aufzuwärmen

    Mark Z. Jacobson

    Macht es Ihnen eigentlich Sorgen, wenn Leute wie Bill Gates Lösungen für die Klimakrise vorstellen, ohne einen naturwissenschaftlichen Hintergrund zu haben?
    Jacobson: Ja, das macht mir Sorgen. Wir haben so wenig Zeit, um das Klimaproblem zu lösen. Wir müssen uns auf die Dinge konzentrieren, die wirklich funktionieren, statt unausgereifte Ideen aufzuwärmen. Solchen Aktionismus kennt man auch als „All of the above“-Politik: ein bisschen was von allem. Wir können uns aber nicht mit ein bisschen Wind- und Solarenergie begnügen. Wir dürfen uns nicht von CO2-Speichern, Nuklear- und Bioenergie ablenken lassen. Das sind Dinge, die nicht funktionieren. Ich finde das frustrierend. Bill Gates will einmal mehr mit einer genialen Technologie um die Ecke kommen, die er mitentwickelt, damit er der Welt eine Lösung präsentiert. Wenn er der Meinung ist, dass die Speicher noch nicht gut genug sind, warum steckt er sein Geld dann nicht da rein?

    Sehen Sie auch etwas Gutes an seinem Engagement?
    Jacobson: Immerhin hat sich seine Einstellung verbessert. Eine Zeit lang hat er die Bioenergie und die Technologien zur CO2-Abscheidung unterstützt, heute fördert er Erneuerbare schon mehr als noch vor fünf Jahren. Er hat die Macht und das Geld, um etwas zu verändern. Sein Kampf gegen Krankheiten und Hunger zeigt, wie viel er erreichen kann. Aber in der Klimakrise setzt Gates auf den falschen Weg.

    Die Fragen stellte Jasmin Lörchner.

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