Karsten Schwanke über Klimawandel

„Jeder Tag, an dem wir nicht handeln, ist ein verlorener Tag“

Seit 25 Jahren erklärt Karsten Schwanke den TV-Zuschauern, wie das Wetter wird – und immer häufiger auch, welche Rolle das Klima dabei spielt. Die Extreme werden zunehmen, sagt er. Trotzdem sei es nicht zu spät, zu handeln.

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    Karsten Schwanke, Meteorologe und Moderator

    „Die Fakten zum Klimawandel liegen auf dem Tisch. Ich finde es wichtig, die Menschen darüber aufzuklären“, sagt Karsten Schwanke.

    Er ist der Meteorologe, bei dem man auch dann weiß, wie das Wetter wird, wenn der Fernseher ohne Ton läuft: Karsten Schwanke präsentiert Sendungen wie „Wetter vor acht“ im Ersten mit so viel Körpereinsatz wie kaum ein anderer. Dahinter steckt mehr als Show. Der 51-Jährige brennt für sein Thema, und das auch noch nach 25 Jahren vor der Kamera.

    Die Sendungen haben sich in dieser Zeit stark verändert. „Wir sind journalistischer geworden“, sagt Schwanke. Dank des Smartphones wisse heute ohnehin jeder, wie das Wetter am nächsten Tag wird. In seiner Sendung versuche er deshalb, einen anderen Mehrwert zu liefern – indem er Geschichten rund um das Wetter erzählt und dabei auf anschauliche Art Wissen vermittelt. 2019 wurde er von der Europäischen Meteorologischen Gesellschaft als bester Wettermoderator ausgezeichnet.

    Herr Schwanke, früher hat man Meteorologen gefragt, wie das Wetter wird. Heute will man von ihnen wissen, warum in Kalifornien der Wald brennt und in Brandenburg Dürre herrscht. Hätten Sie sich das vorstellen können, als Sie Ende der Achtziger mit Ihrem Studium begannen?
    Karsten Schwanke: Nein. Dass es den Klimawandel gibt, war damals zwar längst bekannt, aber man hat sich eher in übergeordneten Zusammenhängen damit beschäftigt. Es ging um den globalen Temperaturmittelwert, nicht um die Auswirkungen der Erderwärmung in einzelnen Regionen. Das hat sich erst mit der Zeit entwickelt, als man sah, dass die Zahl der Wetterextreme zunimmt, und immer öfter nach dem Zusammenhang mit dem Klimawandel gefragt wurde.

    Wie genau können Sie heute den Einfluss des Klimas auf das Wetter an konkreten Tagen und Orten bestimmen?
    Schwanke: Es lässt sich auf alle Fälle sagen, dass zum Beispiel eine Hitzeperiode ohne den Klimawandel um einige Grad kühler ausgefallen wäre, oder dass bestimmte Wetterlagen mit hoher Wahrscheinlichkeit gar nicht aufgetreten wären. Aber welche Folgen die rund 1,4 Grad, um die sich das Klima in Deutschland im Vergleich zur vorindustriellen Zeit bereits erwärmt hat, an einem ganz bestimmten Tag haben, können wir noch nicht sicher erklären.

    Zumindest die großen Zusammenhänge spielen in Ihren Wettermoderationen aber häufig eine Rolle.
    Schwanke: Richtig. Wann immer es möglich ist, versuche ich, den Zuschauern zu erklären, was auf der Erde vor sich geht. Das mache ich sowohl im Wetterbericht als auch in etwas längeren Erklärvideos, die ich für DasErste.de produziere. Die Fakten zum Klimawandel liegen seit Jahren auf dem Tisch. Ich finde es wichtig, die Menschen darüber aufzuklären. Und das Interesse der Zuschauer ist definitiv da. Ein Video, das ich 2018 zum Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und Waldbränden in Nordamerika gedreht habe, wurde sogar für den Grimme-Preis nominiert.

    In einigen Medien gibt es derzeit eine Debatte, ob man noch vom „Klimawandel“ sprechen sollte, oder ob angesichts der Dramatik des Geschehens der Begriff „Klimakrise“ passender wäre. Wie ist Ihre Meinung?
    Schwanke: Ich sperre mich nicht grundsätzlich gegen den Begriff „Klimakrise“, aber in der Regel spreche ich weiter vom „Klimawandel“. Aus zwei Gründen: Zum einen will ich die Menschen nicht verschrecken. Wir müssen sie im Kampf gegen die Erderwärmung mitnehmen, sie dürfen sich nicht verängstigt in ihr Schneckenhaus zurückziehen. Eine zu alarmistische Sprache könnte dazu beitragen. Zum anderen frage ich mich, mit welchen Begriffen wir in einigen Jahren vom Klimawandel sprechen wollen, wenn es erst richtig böse wird. Und es wird richtig böse werden! Was derzeit passiert, erleben die meisten in Deutschland noch nicht als Krise. Sie freuen sich eher, wenn sie Mitte September bei 24 Grad mit einem Kaffee in der Sonne sitzen können. Was nicht heißt, dass ich die Sache verharmlosen würde!

    Auf Twitter folgen Ihnen fast 70.000 Menschen. Stimmt der Eindruck, dass Sie dort eine deutlichere Sprache als im Fernsehen sprechen?
    Schwanke: Das kann schon sein, schließlich muss man dort kurz und knackig auf den Punkt kommen. Ich schätze Twitter sehr. Für mich ist es zum einen ein Infokanal – ich folge vielen Wissenschaftlern in aller Welt – und zum anderen ein Werkzeug, um aufzuklären.

    Der Umgangston ist aber oft rau. Wie gehen Sie damit um, wenn Sie auf Twitter von Klimaleugnern beschimpft werden?
    Schwanke: Ich versuche, gelassen zu bleiben und gehe auf Kritik manchmal auch inhaltlich ein. Oft ignoriere ich sie aber einfach – gerade wenn es um besonders abstruse Behauptungen oder unter die Gürtellinie geht. Die meisten Kritiker haben viel weniger Follower als ich. Wenn ich ihnen antworten würde, bekämen sie mehr Aufmerksamkeit, als sie verdienen.

    „Ich ärgere mich auch, wenn meine Stromrechnung steigt“, sagt Karsten Schwanke. „Aber schuld daran ist nicht die Energiewende – es werden einfach die politischen Weichen falsch gestellt.“

    Einer Studie zufolge bedienen sich Klimaschutzgegner vier verschiedener Argumentationsmuster, um die Klimapolitik auszubremsen. Lassen Sie uns die Behauptungen einmal durchgehen. Punkt eins: Bevor wir in Deutschland handeln, müssen erst mal die anderen aktiv werden – zum Beispiel die Chinesen mit ihrem hohen CO2-Ausstoß. Ist da was dran?
    Schwanke: Nein. Natürlich müssen auch die anderen handeln, aber das bedeutet nicht, dass wir selbst tatenlos bleiben dürften. Deutschland hat als eine der führenden Industrienationen in den vergangenen 200 Jahren so viel CO2 in die Luft geblasen wie kaum ein anderes Land. Schon deshalb sind wir moralisch zum Handeln verpflichtet. Außerdem sind Maßnahmen zum Klimaschutz eine große Chance für die deutsche Wirtschaft: Als Hochtechnologieland können wir effektive Lösungen in alle Welt exportieren und eine Pionierrolle einnehmen.

    Behauptung zwei: Klimaschutz funktioniert auch ohne disruptive Veränderungen – die Technik wird es schon richten. Selbst Wirtschaftsminister Peter Altmaier hat kürzlich gesagt, er setze auf „die Genialität unserer Ingenieure“.
    Schwanke: Ah, das Technologieargument! Auch falsch! Dadurch wird die Lösung in die Zukunft verschoben. Es heißt dann, dass wir irgendwann das CO2 wieder aus der Atmosphäre filtern könnten. Ich möchte mal wissen, mit welcher gigantischen Logistik man die vielen Millionen Tonnen einfangen und wo man sie verklappen will. Außerdem haben wir nicht die Zeit, so lang zu warten. Jeder Tag, an dem wir nicht handeln, ist ein verlorener Tag. Abgesehen davon gibt es die technologischen Lösungen doch längst. Wir müssen sie nur anwenden und konsequent auf erneuerbare Energien umstellen.

    Behauptung drei: Klimapolitik ist sozial nicht vertretbar. Das Argument zielt unter anderem auf steigende Strompreise ab.
    Schwanke: Ich ärgere mich auch, wenn meine Stromrechnung steigt. Aber schuld daran ist nicht die Energiewende – es werden einfach die politischen Weichen falsch gestellt. Viele große Unternehmen zum Beispiel sind von der EEG-Umlage befreit. Aber wir Verbraucher müssen sie bezahlen.

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    Fridays for Future hat mehr dazu beigetragen, der Politik Beine zu machen, als 30 Jahre Klimaforschung

    Karsten Schwanke

    Der vierte Punkt ist einer, der angesichts der düsteren Klimastudien der jüngsten Zeit nicht ganz abwegig klingt: Es ist eh zu spät, um noch umzusteuern.
    Schwanke: Es stimmt, dass man den Mut verlieren könnte, wenn man sieht, dass trotz aller Klimagipfel in vielen Bereichen nicht weniger, sondern mehr CO2 ausgestoßen wird. Trotzdem ist auch an dem Argument nichts dran. Schließlich macht es immer noch einen Unterschied, ob sich die Erde um zwei, drei oder vier Grad erwärmt. Außerdem bin ich ein optimistischer Mensch. Ich glaube einfach nicht, dass es zu spät ist. Was mir Mut macht, ist Fridays for Future. Die vielen Menschen auf der Straße haben mehr dazu beigetragen, der Politik Beine zu machen, als 30 Jahre Klimaforschung.

    Aktuell gibt es aber keine Freitagsproteste. Haben Sie Angst, dass der Klimaschutz in der Coronakrise untergeht?
    Schwanke: Als es im März die schrecklichen Bilder aus Italien gab, hatte ich tatsächlich die Befürchtung: Das war es jetzt mit dem Klimaschutz. Ich dachte, dass die Politik den Menschen nach dieser Krise nicht gleich mit der nächsten kommen kann. Und dann noch mit einer, die sogar viel größer ist. Aber inzwischen sieht man, dass die Klimadebatte nicht tot ist, sondern weitergeführt wird. Ich glaube, das gilt nicht nur für die Blase, in der ich mich bewege. Immerhin zeigen Umfragen, dass der Klimawandel noch immer eines der wichtigsten Themen ist. Ich bin sehr gespannt auf die Bundestagswahl. Union und SPD haben die Europawahl total verpennt. Sie hatten völlig unterschätzt, wie wichtig das Klimathema inzwischen ist. Das wird ihnen sicher nicht noch einmal passieren wird. Bei der nächsten Wahl wird keine ernstzunehmende Partei ohne ein echtes Klimaprogramm antreten.

    Arbeiten Sie selbst eigentlich daran, Ihren CO2-Fußabdruck zu minimieren?
    Schwanke: Ich versuche es! Wir bekommen im Herbst endlich eine Fotovoltaikanlage auf unserem Hausdach, die so groß ist, dass wir uns zu einem guten Teil selbst versorgen können. Außerdem fahre ich möglichst mit der Bahn statt mit dem Auto, was in Zeiten von Corona allerdings nicht immer einfach war. Aber ein Vorbild bin ich sicher nicht. Ich bin zum Beispiel kein Veganer – dadurch könnte ich meine CO2-Bilanz ja enorm verbessern. Mein Beitrag zum Klimaschutz besteht eher darin, dass ich meine Stimme erhebe.

    Die Fragen stellte Volker Kühn.

    Zur Person
    Karsten Schwanke wurde 1969 im brandenburgischen Ziesar geboren. Er studierte Meteorologie zunächst in Ostberlin, nach der Wende dann in Hamburg. Seit 1995 moderiert er für die ARD Wettersendungen und andere Formate wie „SMS – Schwanke meets Science“. Für das ZDF präsentierte er fünf Jahre lang „Abenteuer Wissen“, auch auf Arte erschienen Reportagen von ihm.

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