Der Weltraum, unendliche Weiten, auch im Denken. Soweit das Klischee. Umso nüchterner und damit erfrischender das Höhenwinde-Interview mit dem Astronaut Gerhard Thiele. Vom 11. bis zum 22. Februar 2000 – genau elf Tage, fünf Stunden und 39 Minuten – kartografierte der Missionsspezialist aus dem Space Shuttle „Endeavour“ heraus die Landmasse der Erde.
Die perfekte Zeit für Horizont- oder Bewusstseinserweiterung, gar ein Zwiegespräch mit Gott? Fehlanzeige. „Es ging in erster Linie darum, die nächste Messung durchzuführen“, sagt der heute 65-Jährige beim Treffen mit EnergieWinde in Bonn.
Dennoch verfehlten Sonnenaufgänge, das Tanzen in der Schwerelosigkeit und der leuchtende Nil ihre Wirkung nicht. Ein Gespräch über Arbeit und ergreifende Momente im Shuttle, die Frage, was der Mensch im All eigentlich zu suchen hat, und warum der Weltraum für die Energieversorgung der Zukunft entscheidend sein kann.
Herr Thiele, vermissen Sie das Weltall?
Gerhard Thiele: Nein, ganz und gar nicht. Klar: Es ist immer wieder toll, Bilder oder Filme zu sehen und die Erinnerungen an den Flug zurückzuholen. Melancholisch macht mich das aber nun wirklich nicht. Das mag für Sie, der Sie nie dort oben waren, vermutlich schwerer nachvollziehbar sein, oder?
Zumindest klingt es weit unromantischer als gedacht.
Thiele: Nicht falsch verstehen: Es gab auch romantischer Momente. Die Sonnenauf- und -untergänge oder das Tanzen in der Schwerelosigkeit zum Beispiel, all das hat mich schon beeindruckt. Allerdings habe ich das Außergewöhnliche daran erst im Nachhinein so richtig realisiert, wahrscheinlich so ähnlich wie bei einem Tennisspieler, der gerade dabei ist, Wimbledon zu gewinnen. Der bekommt während des Matches auch nicht mit, dass er gerade etwas Großes leistet, sondern denkt nur an den nächsten Aufschlag, den nächsten Punkt.
Bei uns war das ähnlich: Im Shuttle ging es in erster Linie darum, die nächste Messung durchzuführen, um eine möglichst komplette Radarkarte der Erde zu erstellen. Erst nach der Landung realisiert man, was wirklich passiert ist.
Und was ist wirklich passiert – kam ein anderer Gerhard Thiele aus dem All zurück?
Thiele: Ich kann nur für mich sprechen, aber: Nein, großartig verändert bin ich nicht zurückgekommen. Auch die immer wieder gern angeführte Horizonterweiterung habe ich nicht erfahren. Philosophie und Spiritualität haben mich schon vorher fasziniert, haben vielleicht eine zusätzliche Färbung bekommen, aber im Großen und Ganzen haben die elf Tage mich nun wirklich nicht verändert.
Ich bin bekennender Christ, aber Gott hat oben nicht zu mir gesprochen, jedenfalls nicht anders, als hier unten auf der Erde. Während des Flugs läuft ohnehin ein klar vorgezeichneter Film ab, der genau festlegt, was wann wie zu tun ist. Erst nach ein paar Tagen, mit der Gewissheit, dass alles auf einem guten Weg ist, lässt die Anspannung allmählich nach und man bekommt den Kopf frei, um den ein oder anderen Gedanken auch mal schweifen zu lassen.