Der zweite Grund, warum es heute keine Feier gibt: Sie haben bei Nordic Yards inzwischen eine gewisse Routine bei solchen Anlässen. Es ist schon die vierte Plattform, die auf der Werft mit ihren Standorten in Wismar, Stralsund und Warnemünde zusammengeschweißt wird. Der Zauber allen Anfangs, er ist ein wenig verflogen.
Deshalb ist es auch kein Wunder, dass die kleine Kameradrohne, die reglos in der Luft schwebt, um die Docklegung zu filmen, mindestens ebenso viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, wie der eigentliche Anlass. Man könnte den Moment glatt verpassen, als eine Kranführerin in 90 Metern Höhe das Manöver mit sanftem Druck auf einen Joystick einleitet.
Lautlos heben daraufhin die Seile eine knapp 200 Tonnen schwere stählerne Rumpfsektion der künftigen Anlage und bewegen sie langsam und gleichmäßig hinüber zum Dock. Dort liegt eine Barge, eine Schwimmplattform, auf der in den kommenden Monaten die weitere Montage laufen wird. Bis am Ende ein wahrer Koloss die Werft verlässt.
Seine Ausmaße sind erschlagend: So hoch wie ein elfstöckiges Wohnhaus wird Dolwin gamma dann sein, gut 15.000 Tonnen schwer, signalgelb angestrichen und ausgestattet mit Werkstätten, Wohnräumen und dem Herzstück der Plattform – der Umspannanlage, die Wechselstrom in Gleichstrom verwandelt.
Über das Auftragsvolumen schweigt die Werft, Insider schätzen es auf gut 400 Millionen Euro – je Konverterstation, wohlgemerkt!
Weil man die Größe von Konverterstationen kaum begreifen kann, wenn man nicht schon einmal selbst neben einer gestanden hat, haben sie bei Nordic Yards Fotomontagen anfertigen lassen: Sie zeigen die Plattform maßstabsgetreu neben bekannten Wahrzeichen. Das Brandenburger Tor oder das Schloss in Mecklenburg-Vorpommerns Hauptstadt Schwerin wirken wie Spielzeug auf diesen Bildern.
900 Megawatt Gleichstrom werden über 162 Kilometer an Land geschickt
Die Technik des stählernen Riesen kommt vom französischen Industriekonzern Alstom. Er fungiert im Auftrag des Netzbetreibers Tennet als Generalunternehmer bei Dolwin gamma.
Bis zu 900 Megawatt Windstrom aus den Parks im südwestlichen Teil der deutschen Nordsee soll die Plattform nach ihrer Fertigstellung aufnehmen können.
Von ihrem Standort im Dollart, der Meeresbucht vor der Emsmündung, wird sie die Energie über 162 Kilometer durch See- und Landkabel in die kleine Gemeinde Dörpen im Emsland schicken. Dort wird der Gleichstrom wieder in Wechselstrom umgewandelt und ins deutsche Hochspannungsnetz eingespeist.