Bergung von Altmunition in der Nordsee

Eine Bombengeschichte

Seit Jahrzehnten rosten gewaltige Mengen Kampfmittel im Meer vor sich hin. Jetzt lassen Windparkbetreiber den Grund reinigen – von Spezialfirmen wie Heinrich Hirdes aus Hamburg. Ein Ortsbesuch.

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    Suche nach Altmunition in der Nordsee: Zwei Männer im Kontrollstand eines Schiffs zur Kampfmittelbergung in der Trasse des Offshore-Windparks Riffgat.

    Explosives Gewerbe: Im Kontrollraum auf dem Schiff überwachen zwei Männer die Bilder der Tauchroboter auf dem Meeresgrund.

    Von Helmut Monkenbusch

    Schaumgekrönte Wellen, die sich an endlosen Stränden brechen, Seehunde, die auf Sandbänken dösen, Kinder, die im Schlick nach Muscheln suchen – das ist es, was Touristen im Wattenmeer sehen. Ein Urlaubsparadies.

    Jan Kölbel sieht etwas ganz anderes darin. Er sieht Minen, die auf dem Grund der Nordsee vor sich hin rosten, teils noch scharf. Bomben, Granaten, Torpedos, Panzerfäuste, Patronen und Munitionskisten, die nach dem Zweiten Weltkrieg im Meer verklappt wurden. Chemische Waffen, befüllt mit Nervengasen wie Tabun, Sarin und Soman, deren Bergung viel zu gefährlich ist.

    Das 2009 von der Unesco zum Weltnaturerbe ernannte Wattenmeer, sagt Kölbel im Gespräch mit EnergieWinde, sei in Wirklichkeit „ein gigantischer Unterwasserschrottplatz“.

    Der 47-Jährige ist Technischer Leiter der Kampfmittelräumfirma Heinrich Hirdes EOD Services im Binnenhafen von Hamburg-Harburg. Sie ist eine Tochter des niederländischen Wasserbaukonzerns Boskalis. Kölbel, ein großgewachsener Mann mit Schnauzbart, ist einer derjenigen, die den Schrott im Meer wegräumen.

    Jan Kölbel beseitigt Altmunition und Kampfmittel, die auf dem Grund der Nordsee verrotten.

    Sucht seit Jahrzehnten nach Altlasten aus dem Zweiten Weltkrieg: Jan, Kölbel, Technischer Leiter der Kampfmittelräumfirma Heinrich Hirdes.

    Endlich. Jahrzehntelang schien sich niemand für die gigantischen Altlasten zu interessieren – zumindest nicht, solange sie abseits der Wasserstraßen lagen. Eine Bergung? Viel zu teuer, viel zu gefährlich. Doch jetzt lässt sich das Problem nicht mehr einfach verdrängen – und endlich ist auch Geld da, um wenigstens einen Teil des Meeresgrunds von dem Müll zu befreien. Denn, wenn weit draußen vor der Küste Windparks errichtet und hunderte Kilometer von Stromkabeln verlegt werden, dann dürfen im Untergrund keine Zeitbomben ticken. Und deshalb haben Männer wie Jan Kölbel seit der Energiewende gut zu tun.

    Nach seinem kurzen Jura-Studium arbeitete er zunächst als Sprengmeister eines Abbruchunternehmens. Als dann der Krieg nach Europa zurückkam, räumte er für die Uno und für das Auswärtige Amt Minen auf dem Balkan. In einer Vitrine seines Büros stehen Dutzende Sprengkörper als Erinnerung an diese Zeit.

    Nach Kölbels Erfahrung haben Behörden und Unternehmen die Munition im Meer „jahrzehntelang nicht als Problem erkannt“. Erst als 2011 eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe ihren ersten Bericht zur „Munitionsbelastung der deutschen Meeresgewässer“ vorlegte, wurde das Ausmaß der Verschmutzung publik.

    1,3 Millionen

    Tonnen konventionelle Munition rotten in der Nordsee vor sich hin

    Demzufolge sind in der Nordsee rund 1,3 Millionen Tonnen konventionelle Munition und 170.000 Tonnen chemische Kampfstoffe versenkt worden. In der Ostsee landeten 300.000 Tonnen konventionelle Munition und bis zu 65.000 Tonnen Chemie. Hinzu kommen Sprengstoffe aus Manövern sowie hunderttausende Minen, die während des Kriegs als Sperrwaffen verlegt wurden.

    „Wir spüren Kampfstoffmunition über ihre metallischen Hüllen auf. Eine andere Methode gibt es nicht“, sagt Kölbel. „Aber irgendwann wird der Munitionskörper weggerostet sein, dann schwimmt der Kampfstoff pur im Wasser.“

    Zwar ist eine „großräumige Gefährdung der marinen Umwelt nicht erkennbar und zukünftig nicht zu erwarten“, schreiben die Autoren des Berichts und bestätigen damit vereinzelte ökologische Untersuchungen des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH).

    Aber es bestehe eine „Gefährdung punktuell für Personengruppen, die in Nord- und Ostsee mit Grundberührung tätig sind“. Fischer zum Beispiel, sowie neuerdings Windparkbauer und Seekabelverleger.

    Problem – wenn auch spät – erkannt, aber was folgt nun daraus?

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    Wo keine Gefährdungssituation besteht, gilt der Grundsatz, dass versenkte Munition und Kampfmittel am besten dort verbleiben, wo sie liegen

    Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen

    „Die Haltung der politisch Verantwortlichen ist seit Jahrzehnten unverändert: Eine flächendeckende Bergung ist zu riskant und mit der heute verfügbaren Technologie zu teuer. Deshalb muss die Munition dort liegen bleiben, wo sie liegt“, fasst Kölbel zusammen.
    Auf eine Anfrage der Bündnis 90/Die Grünen zur Munitionsbeseitigung antwortete die Bundesregierung im November 2014: „Wo keine Gefährdungssituation besteht, gilt nach wie vor der Grundsatz, dass versenkte Munition und Kampfmittel wegen des mit einer Bergung verbundenen Risikos am besten dort verbleiben, wo sie liegen.“

    „Im Endeffekt geht es ums Geld, und darum, wer zahlt“, sagt Kölbel. Für die Räumung einer 50 Kilometer langen Stromtrasse auf dem Seeboden könne je nach Verschmutzung ein mittlerer zweistelliger Millionenbetrag fällig werden.

    „Ein Windpark mit 80 Turbinen kostet rund 1,5 Milliarden Euro“, so Kölbel, „zwei Prozent des Budgets sind für Untersuchungen des Baugrunds, der Vogelzugrouten und Muschelbänke vorgesehen. Die Detektion und Beseitigung von Kampfmitteln ist darin nicht enthalten. Dafür gibt es kein Budget.“

    Geborgene Altmunition aus der Nordsee: Der Offshore-Windpark Riffgat konnte wegen der Kampfmittel auf dem Meeresgrund erst mit Verspätung in Betrieb gehen.

    Geborgene Sprengkörper: „Irgendwann wird der Munitionskörper weggerostet sein, dann schwimmt der Kampfstoff pur im Wasser.“

    Bei größeren Projekten rückt Hirdes mit einer eigenen Schiffsflotte an, mit Bagger- und Trägerschiffen. An Bord: Dutzende Spezialisten mit Militärvergangenheit, Ingenieure, Taucher und Mitarbeiter der Kampfmittelräumdienste der Länder.

    Zum Equipment gehören große Elektromagneten, die den explosiven Schrott an die Oberfläche heben, dazu Unterwasserfahrzeuge.

    Die wichtigsten sind die ROTVs (Remote Operated Towed Vehicles), die an einem Schleppkabel durch das Wasser gezogen werden, sechs Knoten schnell. Daneben gibt es die ROVs (Remotely Oerated Vehicles), die von einem Piloten oben an Bord per Joystick gesteuert werden und in der stürmischen Nordsee „bei einer Strömungsgeschwindigkeit von drei Knoten die Position halten“, schwärmt Kölbel.

    Er zeigt auf das Foto eines „Work Class ROVs“ auf dem Monitor. „Hier ist die Baggerpumpe, dort der Saugschlauch, den der Pilot lenkt. Der Schlauch saugt den Sand ab, um das Objekt freizulegen, und bläst ihn auf der anderen Seite wieder heraus. Dort oben erkennen Sie Kameras und Sonarsysteme, die auch bei null Sicht Objekte identifizieren können. Die meisten liegen anderthalb Meter unter der Oberfläche.“

    Böse Überraschung in der Kabeltrasse des Offshore-Windparks Borkum-Riffgat

    Vor der Arbeit auf hoher See steht allerdings die Archivarbeit. „Jedes Projekt beginnt mit einer historischen Analyse des Baufeldes. Unser Datenarchiv umfasst 700.000 Einträge, und es kommen täglich neue hinzu.“
    Informationen über Minenfelder, Flugrouten von Bombern, Angriffe auf Schiffe. Aus Logbüchern, Karten und alten Dokumenten. Wo liegt welche Munition in welcher Menge?

    Zu seinen meistgelesenen Büchern gehört „The Bomber Command War Diaries“, das alle Operationen der britischen Air Force im Zweiten Weltkrieg stichwortartig aufführt. Ein weiteres Standardwerk beschreibt die 18 offiziellen Munitionsversenkungsgebiete in Nord- und Ostsee, in deren Grenzen die gefährliche Fracht verklappt werden durfte.

    Das Problem: „Die alten Seekarten mit den Planungskoordinaten haben mit Realität oft wenig zu tun.“ Weil die Kapitäne der von den Alliierten gecharterten Schiffe damals pro Fahrt bezahlt wurden und es keine Kontrolle gab, ließen sie die Munition oft schon auf dem Weg zum Friedhof über Bord werfen. „Das Versenkungsgebiet ist in der Regel größer als erwartet.“

    Eine böse Überraschung erlebte Hirdes bei der Räumung der Kabeltrasse zwischen dem 15 Kilometer nordwestlich von Borkum gelegenen Offshore-Windpark Riffgat und dem Anlandungspunkt im ostfriesischen Pilsum. Auftraggeber war der Netzbetreiber Tennet. Entgegen der Voruntersuchung, lagen riesige Mengen Sprengstoff in dem Gebiet.

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    Wir waren mit 60 Mann insgesamt 18 Monate lang da draußen im Einsatz, sieben Tage die Woche rund um die Uhr

    Jan Kölbel

    Im Februar 2014 erklärte der Netzbetreiber in einer offiziellen Stellungnahme: „Bei einer zweiten, diesmal von Tennet beauftragten Untersuchung hatte sich gezeigt, dass die Seekabeltrasse mehr als 1.400 zu untersuchende metallische Objekte aufwies statt lediglich der vier in der ersten Untersuchung erwähnten Anomalien.“

    Die wahrscheinlichen Gründe: Die Munition war nicht exakt im Versenkungsgebiet verklappt worden, Schleppnetze hatten sie großflächig verteilt und die Strömung ein Übriges getan.

    „Wir waren mit 60 Mann und drei Work Class ROV Systemen insgesamt 18 Monate lang da draußen im Einsatz, sieben Tage die Woche rund um die Uhr“, erinnert sich Kölbel, „am Ende hatten wir 30 Tonnen Munition geborgen.“ Die Kosten beliefen sich auf 57 Millionen Euro, zusätzlich musste Tennet an den Windparkbetreiber EWE 43 Millionen Euro zahlen, als Entschädigung für den verzögerten Netzanschluss.

    Warum sind Privatfirmen und nicht der Staat für die Munitionsräumung zuständig?

    „Ursprünglich war für die Beseitigung ein Zeitraum von zwei Monaten eingeplant“, teilt Tennet nach Anfrage mit. Die entstandenen Kosten „sind unmittelbar dem Projekt zuzurechnen und unterliegen somit dem Wälzungsmechanismus“.
    Im Klartext: Sie werden auf die Netzentgelte umgelegt und vom Stromverbraucher bezahlt.

    Mit gutem Recht fragen sich die Netz- und Windparkbetreiber, warum eigentlich sie dafür zuständig sein sollen, die Munition aus dem Meer zu fischen.

    Auch Kölbel findet, dass Bund und Länder die Unternehmen und Investoren mit diesem Problem allein lassen. Statt ein strategisches Gesamtkonzept zu verfolgen, herrscht amtlicher Wirrwarr.
    Innerhalb der Zwölf-Seemeilen-Zone müssen private Beseitigungsfirmen wie Hirdes die Meeresböden erkunden und säubern.

    Was sie finden, übergeben sie an Land den Kampfmittelräumdiensten der Länder, unter deren Kommando die Munition gesprengt wird.

    In der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ), wo die meisten Windmühlen stehen und das Länderrecht nicht mehr gilt, sorgen die privaten Firmen auch für die Vernichtung – sofern die Munition instabil und transportunfähig ist.  Das zuständige BSH schreibe in seinen Genehmigungsbescheiden lediglich, dass „mit Kampfmitteln zu rechnen ist“, erklärt Kölbel.

    Muss die Munition gesprengt werden, schützen Blasenschleier die Tiere vor Lärm

    Und dass die Windparkbetreiber für die Ermittlung der Objekte als auch für alle daraus resultierenden Schutzmaßnahmen verantwortlich seien. „Aber kein Wort darüber, wie die Objekte beseitigt werden müssen.“

    Nach Ansicht von Christian Bartsch, Sprecher des Riffgat-Betreibers EWE, ist es „eigentlich eine hoheitliche Aufgabe, das Weltnaturerbe Wattenmeer entsprechend zu schützen und die seit Jahrzehnten dort liegenden Kampfmittel systematisch zu räumen“.

    Der Offshore-Boom der vergangenen Jahre habe zumindest dazu geführt, „dass private Investoren die für ihre Projekte relevanten Bereiche räumen und auf diese Weise zu einer Reduzierung der Kampfmittelbelastung in der Nord- und Ostsee beitragen“. Weil sich der Staat heraushält, fließen kaum Bundesmittel in die Entwicklung neuer Methoden, die Munition kosteneffizient und umweltschonend loszuwerden.

    Wegen der Druck- und Geräuschentwicklung ist jede Sprengung „ein harter Eingriff in das maritime Leben“, weiß Kölbel. Um den Schaden zu begrenzen, werden „Verbrämer“ eingesetzt, die Seehunde akustisch verscheuchen sollen, und „Blasenschleier“, die sich wie ein Vorhang aus Luftblasen um die Sprengkörper legen.

    Solang es keine besseren Lösungen gibt, sei dies „immer noch besser als nichts zu tun“, findet Kölbel.

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