Bürgerenergie

  • Search08.02.2026

Die Gallier vom Deich

88 Turbinen, zwei Batteriespeicher, ein eigenes Stromnetz: In Reußenköge steht Deutschland größter Gemeinschaftswindpark. Jetzt planen die Gründer den nächsten Schritt – um die Bürgerenergie auf ein neues Niveau zu heben.

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    Das Land ist flach, der Blick weit, der Wind stark: Reußenköge ist der Geburtsort der Bürgerwindenergie.

     

    Von Daniela Schröder

    Der Deich liegt wintergrünbraun vor dem Meer, darüber hängt blaugrau der Himmel: Das ist die Welt, die Dirk Ketelsen auf Ideen bringt, die ihm hilft, die Dinge zu durchdenken. Er zieht sich dazu in den Turm seines Hauses zurück, einen kleinen Raum oben auf dem Dach, rundherum Fenster, wie ein Gewächshaus, weiter Blick in alle Richtungen, der Wind zerzaust die Wolken, Gänse fliegen kreischend vorbei. „Ich will immer über den Deich gucken. Bisschen Abstand haben.“

    Ketelsen, Jahrgang 1952, ist einer der Pioniere der deutschen Erneuerbaren-Szene. In Reußenköge, einem zwölf Kilometer langen Landstrich in Schleswig-Holstein, den sein Großvater und die Nachbarslandwirte mit dem Bau von Deichen einst der Nordsee abtrotzten, schuf er in den Achtzigern Deutschlands ersten Bürgerwindpark. Es ist noch immer der größte, der sich komplett in der Hand der Menschen vor Ort befindet.

    Das Projekt ist keine Blaupause. Dafür ist der Ort zu speziell, der Wind zu gut. Aber es zeigt, was entsteht, wenn Menschen sich zusammenschließen, Mut haben, für ihre Region Verantwortung übernehmen.

    Ketelsen hat Pionierarbeit geleistet. Und er will es ein zweites Mal tun

    Reußenköge zählt zu den windigsten Ecken Deutschlands. 88 Windräder gehören aktuell zum Park, sie liefern bis zu eine Milliarde Kilowattstunden Strom pro Jahr, genug für den Durchschnittsverbrauch von 250.000 Vier-Personen-Haushalten. Im vergangenen Jahr sind zwei große Batteriespeicher dazu gekommen. Seither muss kein Rad mehr abgeschaltet werden, wenn der Park mal mehr Strom erzeugt, als die Netze verkraften.

    Jetzt arbeitet Ketelsen, der zusammen mit Reußenköges zweiter Bürgermeisterin die Geschäfte führt, am nächsten großen Schritt: die erzeugte Energie vor Ort veredeln und lokal verbrauchen. Ein funktionierendes Ökosystem schaffen. Und damit auf die Beine stellen, was selbst Konzerne kaum stemmen. „Wir wollen mit den großen Hunden pinkeln gehen“, sagt Ketelsen.

    „Wir wollen mit den großen Hunden pinkeln gehen“, sagt Dirk Ketelsen.

    Groß denken. Visionen haben. Visionen realisieren. Mit 18 ging Ketelsen aus dem Heimatdorf an der Küste auf einen Hof nach Kanada, ein Praktikum machen. „Ein Landei zog in die weite Welt.“ Der Freiheitsdrang wuchs. Das Pflichtgefühl blieb. Mit 23 übernahm er den kleinen Betrieb der Eltern, pachtete Flächen dazu, lieh sich Geld, kaufte Maschinen und sanierte den brach liegenden Hof des Großvaters am Deich.

    Zuerst baute Ketelsen Weizen an und hielt Schafe wie alle anderen hier oben. 200 Muttertiere plus Lämmer, die Produkte verkaufte er im eigenen Hofladen an Touristen auf dem Weg nach Sylt, Amrum, Föhr. Eine konventionelle Landwirtschaft, das Getreide wuchs in Monokultur, die Tiere waren oft krank; Dünger, Chemie, Medikamente kosteten viel Geld. Gefühlt war Ketelsen unabhängig, tatsächlich aber Teil eines fremdbestimmten Systems.

    Er beginnt mit Biolandwirtschaft. Energie ist der nächste logische Schritt

    Die Wende kam über Agraringenieurin Thoma, Ketelsens damalige Freundin, mehr als 40 Jahre sind die beiden verheiratet. Sie kannte andere Betriebe, sah Alternativen, das Paar besuchte Biohöfe und Seminare. „Wir merkten schnell, das sind keine grünen Spinner“, sagt Ketelsen. 1989 stellten sie auf Biolandwirtschaft um, schafften die Monokultur ab, führten die Fruchtfolge ein.

    Schon im ersten Jahr nach der Wende brauchten die Schafe keine Medikamente mehr. Auf den Böden wuchsen Möhren, Kohl und Erdbeeren, Ketelsen baute ein Kühlhaus, lieferte direkt an einen Babynahrungshersteller. „Das funktioniert doch alles nicht, unkten viele hier oben. Aber wir erlebten jeden Tag die Zusammenhänge und die Wirkung“, erzählt er. Mehr noch: „Man kann nicht nur in großem Stil ökologisch wirtschaften. Man steht auch betriebswirtschaftlich besser da als die konventionelle Landwirtschaft.“

    Ursachen verändern, statt sich an Symptomen aufzureiben. Abhängigkeiten reduzieren. Widerstände überwinden. Energie war der nächste logische Schritt.

    Ketelsens Haus in Reußenköge: Oben im Turm entwickelt er neue Ideen.

    Schon 1983 drehte sich auf einem der Höfe in den Reußenkögen ein kleines Windrad. Der Landwirt hatte es direkt beim Hersteller in Dänemark gekauft, mit dem selbst erzeugtem Strom versorgte er seinen Betrieb. Die Alten in der Gemeinde fanden es neumodischen Quatsch, manche Junge fanden es schlau.

    Der Landwirtschaft ging es damals schlecht, die Bauern suchten alternative Einnahmequellen. Auf seinem Hof im Sönke-Nissen-Koog installierte Ketelsen eine vier Mal so große Windmühle, 200 Kilowatt Seine Familie und Freunde waren dagegen, selbst seine Frau. „Aber ich wollte nicht nur weg vom Erdöl der Saudis – ich wollte autark sein.“

    Was Ketelsen an Energie nicht selbst verbrauchte, verkaufte er dem regionalen Stromanbieter. Für das Energiethema gründete eine eigene Firma, den Dirkshof. Als kurz darauf das Abnehmen und Vergüten erneuerbarer Energien zur Pflicht für öffentliche Stromversorger wurde, erkannte auch der letzte Zweifler auf den Höfen am Deich: Mit Wind lässt sich zuverlässig Gewinn einfahren.

    1993 gründen 28 Landwirte den ersten Bürgerwindpark. Startkapital: 3000 Mark

    Investoren und Banken sahen es auch, sie wollten Flächen an der Küste kaufen, pachten, Projekte hochziehen. Nein, entschied der Gemeinderat, am Wind verdient nur, wer hier lebt – und das funktioniert am besten gemeinsam. 1993 gründeten 28 Landwirte den ersten Bürgerwindpark. Startkapital 3000 D-Mark, Haftung das Doppelte. Ein Risiko. Und der Beginn einer Bewegung: In den folgenden Jahrzehnten kamen fünf weitere kleine Parks dazu.

    Mit dem Wachstum kam Reibung. Sechs Bürgerwindparks, zwei Pionieranlagen, unterschiedliche Interessen. Ketelsen erlebte die Grenzen des Nebeneinanders. „Jeder hatte sein Hoheitsgebiet, mit dem Frieden war es vorbei.“ Seine Idee: Wir legen alles zusammen – dann hat die Gemeinde mehr Gewerbesteuer und der einzelne Gesellschafter mehr Rendite. 2015 verschmolzen die Bürger alles zu einer gemeinsamen Windparkgesellschaft, Ketelsens Firma übernahm das Management.

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    Das Gedankengut der Erneuerbaren, das Streben nach Unabhängigkeit, das steckt hier in den Menschen

    Dirk Ketelsen

    „Das Gedankengut der erneuerbaren Energien, das Streben nach Unabhängigkeit, das steckt hier in den Menschen“, sagt er. Vor mehr als 200 Jahren sicherten sich die Gründer der Reußenköge als Gegenleistung für ihren Deichbau die Verwaltungsfreiheit plus alle Nutzungsrechte der Ländereien. Die Windpark-Gesellschaft gab sich ebenfalls starke Rechte: Bei jeder Ausbaustufe konnte sich jeder Bürger beteiligen, die Anteile waren jeweils gleich, Entscheidungen treffen alle Gesellschafter gemeinsam.

    Die ganze Gemeinde mit ins Boot holen, alle gleichbehandeln – die demokratische Strategie sorgte für breite Akzeptanz, Klagen gegen Projekte gab es nie, 320 der 324 Einwohner sind heute Windpark-Gesellschafter.

    Die ganze Gemeinde profitiert. Die Steuereinnahmen sprudeln

    Schließlich zahlt sich das Mitmachen aus. Je nach Höhe ihres Investments sind einige Hundert bis mehrere Tausend Euro pro Monat drin; Verpächter bekommen rund fünf Prozent des Ertrags der Windräder auf ihrem Land. Ein Zusatzeinkommen ohne Arbeitsaufwand. Das über die Steuer in der Region bleibt, was wiederum allen zugutekommt.

    Dank des Bürgerwindparks sprudelt die Gewerbesteuer, in den vergangenen Jahren investierte die Gemeinde in Breitbandinternet, baute ein Gemeinschaftszentrum, sanierte Straßen, erweiterte das Radwegenetz, junge Familien bekamen pro Kind 200 Euro im Jahr. Das hauchdünn besiedelte Reußenköge, einst eine Ecke, in der viele Bauern ihre Höfe aufgeben wollten, gehört heute zu den wohlhabendsten Gemeinden Schleswig-Holsteins.

    Batteriespeicher in Reußenköge: Ketelsen will die gesamte Wertschöpfungskette abdecken.

    „Wir verdienen mit dem Wind, nicht an ihm“, sagt Ketelsen. „Und wir sind wie die Gallier: wir bauen Brücken und Wälle um unser Reich und festigen es.“ Konsequent entwickelte er mit seiner Firma das Bürgerprojekt weiter: Der Windpark Reußenköge hat ein eigenes Umspannwerk, zwei große Batteriespeicher – und vor Ort sogar ein eigenes Stromnetz, für dessen Betrieb die Windpark-Gesellschafter 2024 eine Tochterfirma gründeten.

    Zugleich gilt: Gemeinsam ist man stärker als allein. Der Bürgerwindpark gehört zu einem Netzwerk von Erneuerbaren-Firmen, die über eine gemeinsame Plattform ihre Energie vermarkten. Erste individuell ausgehandelte Langzeitlieferverträge sind geschlossen, sagt Ketelsen. „Den eigenen Strom selbst vermarkten, das ist die nächste Stufe in der Evolution der Bürgerenergie.“

    Vom lokalen Energieproduzenten zum relevanten Marktakteur – für einen lokalen Bürgerwindpark ist es eine steile Entwicklung. Und es ist eine außergewöhnliche.

    Bürgerprojekte schaffen Akzeptanz – und machen Demokratie erlebbar

    Projekte wie Reußenköge gibt es in Deutschland viele, 2.500 bis 3.000 sind es bundesweit, von Vereinen über Genossenschaften bis zur GmbH. Allein die Energiegenossenschaften liefern drei Prozent des Stroms aus Erneuerbaren. Ihre Relevanz für die Energiewende gilt als groß, denn die Bürgerenergie bietet, was kein großer Akteur bieten kann. Schließen sich Menschen vor Ort zusammen, um Wind- oder Solarparks in Eigenregie zu planen, investieren sie eigenes Kapital, vergeben Aufträge an lokale Firmen, die Gemeinden profitieren von höheren Steuereinnahmen.

    Die lokale Wertschöpfung sorgt für Akzeptanz – nach wie vor ein Knackpunkt für viele Erneuerbaren-Projekte. Dazu kommt ein Demokratiefaktor: Menschen übernehmen Verantwortung für lokale Wirtschaftsprozesse, erleben Selbstwirksamkeit und die positive Macht eines Miteinanders.

    Der Markt wandelt sich. Auch die Bürgerenergie muss sich weiterentwickeln

    Eine Rolle im Strommarkt spielen bisher jedoch die wenigsten der Gemeinschaftsprojekte. Doch um zukunftsfähig zu sein, braucht die Bürgerenergie ein Selbstverständnis, das über die reine Energieproduktion hinausgeht, gefragt sind deutlich komplexere Geschäftsmodelle. Denn mit dem Auslaufen der hohen EEG-Vergütungen müssen die Bürgerprojekte ihre Einnahmen am Markt sichern, schwankende Preise und steigende Vermarktungskosten machen das Geschäft riskanter.

    Dazu der Wandel im Energiesektor: Die Digitalisierung und das Vernetzen der Bereiche Strom, Wärme und Mobilität sind besonders für kleine Player große Herausforderungen.

    Windrad in Reußenköge: Der Grünstrom soll Großverbraucher in den Nordwesten Schleswig-Holsteins locken.

    Im Turm mit dem weiten Blick auf Deich und Meer entstehen Ideen, die fliegen. Der Bürgerwindpark ist für die Zukunft gewappnet; zu Ketelsens Firma Dirkshof gehören heute 35 Mitarbeiter und Projekte in ganz Europa. Seinen Masterplan Nummer eins hat der ehemalige Landwirt längst abgehakt, jetzt arbeitet er am Umsetzen von Teil zwei: die lokale Produktion von Methanol und Wasserstoff für Industriekunden und Regionalverkehr – plus die Sektorenkopplung.

    Und der ambitionierteste Teil der Strategie: Ketelsen will Großverbraucher an die Küste locken, zum Beispiel Rechenzentren. Bisher gibt es an den Deichen keine Betriebe, die die großen Mengen lokal erzeugter Energie vor Ort nutzen. Der Weitertransport in andere Regionen wiederum scheiterte oft an überlasteten Netzen.

    „Energie vor Ort erzeugen, veredeln, speichern und verbrauchen”, zählt Ketelsen auf. „Wir bauen hier das komplette Ökosystem.” Investitionssummen von mehr als 100 Millionen stünden aktuell im Plan, alles sei Eigenkapital.

    Welche Rolle spielt für ihn die politische Großwetterlage beim Thema Erneuerbare? „Ist mir egal“, sagt er. „Die Energiewende lässt sich nicht aufhalten.“ Für die Bürgerenergie zähle nur eins: Eigenverantwortung übernehmen. Unabhängigkeit stärken. Unternehmerisch denken und handeln. „Der Staat kann nicht immer fördern und tragen. Irgendwann muss man selbstständig leben können. Wir sind in der Lage dazu. Und wir haben richtig Bock drauf.“

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