Petrostaaten vs. Elektrostaaten

  • Search19.03.2026

Macht aus Strom

Wer eine Großmacht sein will, braucht nicht mehr Öl, sondern vor allem Strom. China nutzt diesen Wandel und bringt sich als dominante Kraft der neuen Energiewelt in Stellung.

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    Schwimmender Solarpark: Kein Land der Welt baut die erneuerbaren Energien schneller aus als China.

     

    Von Jörn Petring, Peking

    Der Krieg um Iran beschleunigt eine Spaltung, die längst im Entstehen war: Petrostaaten gegen Elektrostaaten. Die einen kontrollieren Öl und Gas. Die anderen versuchen, dieselbe Macht aus Strom zu gewinnen, aus erneuerbaren Energien, Netzen, Speichern, Batterien und den Industrien, die darauf aufbauen. China ist der ehrgeizigste Kandidat dieser zweiten Gruppe.

    Bestärkt wird Peking bei diesem Umbau durch das, was sich gerade in der Straße von Hormus abspielt. Seit die Schifffahrt in der Meerenge massiv gestört ist, sind Lieferketten unterbrochen. Für China ist das heikel. Je nach Berechnung kommen bis zu 45 Prozent seiner Ölimporte über diese Route. Gleichzeitig bleibt Öl für die Volksrepublik vorerst unverzichtbar. China verbraucht rund 16 Millionen Barrel pro Tag und ist damit hinter den USA der zweitgrößte Ölverbraucher weltweit.

    Der Fünfjahresplan gibt das Ziel vor: China soll zur „Energiegroßmacht“ werden

    Vorräte und Diversifizierung federn den Schock ab. Doch seine Verwundbarkeit ist Peking seit Langem bewusst. Deshalb treibt die Führung den Aufbau eines neuen Energiesystems so entschlossen voran. Ausdrücklich ist das Ziel ausgegeben, eine „Energiegroßmacht“ zu werden. Auch im neuen Fünfjahresplan, der vor wenigen Tagen verabschiedet wurde, taucht diese Formel auf: „Die neue Strategie der Energiesicherheit soll konsequent umgesetzt werden. Der Aufbau eines sauberen, kohlenstoffarmen, sicheren und effizienten neuen Energiesystems soll beschleunigt und eine Energiegroßmacht aufgebaut werden“, heißt es im Plan.

    Das Energiesystem in China werde „beispiellosen Veränderungen“ unterzogen, sagt die chinesische Energieexpertin Gao Yuhe von Greenpeace im Gespräch mit EnergieWinde. Im Kern gehe es dabei vor allem um Energiesicherheit – darum, die Abhängigkeit von fossilen Energieimporten zu überwinden. Die aktuelle Krise im Nahen Osten habe „die Dringlichkeit deutlich verstärkt“, Chinas Energiesystem umzubauen, sagt Cheng Zhang, Leiter eines Energie-Forschungsinstituts in Peking, gegenüber EnergieWinde.

    Berghänge in der ostchinesischen Provinz Shandong: Windräder und Solarparks so weit das Auge reicht. China wird als Elektrostaat zur Energiegroßmacht.

    Berghänge in der ostchinesischen Provinz Shandong: Windräder und Solarparks so weit das Auge reicht.

    Auch in Europa hat die Debatte längst begonnen. Politiker und Industrievertreter sprechen zunehmend davon, dass günstige und verlässliche Energie zur entscheidenden Grundlage künftiger Wettbewerbsfähigkeit wird. Programme zum Ausbau erneuerbarer Energien, zur Stärkung der Netze und zur Ansiedlung energieintensiver Industrien zeigen, dass das Potenzial vorhanden ist.

    Gleichzeitig warnen Ökonomen, dass Europa Gefahr läuft, hinter China zurückzufallen. Hohe Energiepreise, langwierige Genehmigungsverfahren und ein fragmentierter Binnenmarkt bremsen den Ausbau.

    China legt vor: Das Land erzeugt so viel Ökostrom wie EU und USA zusammen

    Ende 2025 lag die kumulierte Wind- und Solarkapazität in China bereits bei mehr als 1,8 Terawatt, in einer Größenordnung, die EU und USA zusammen erreichen. Zugleich baut das Land sein Netz aus Ultrahochspannungsleitungen weiter aus. Diese Netze transportieren Strom aus den flächenreichen westlichen Regionen in die Industriezentren im Osten und Süden.

    Der angestrebte Elektrostaat ist damit noch kein fertiger Zustand. Doch er lässt sich bereits messen. Die Internationale Energieagentur (IEA) veranschlagte den Anteil von Strom am Endenergieverbrauch in China in einem im Februar 2025 veröffentlichten Bericht auf rund 28 Prozent. Das ist deutlich mehr als in den USA und der EU, wo der Anteil zuletzt bei 22 Prozent beziehungsweise 21 Prozent lag. China strebt an, den Elektrifizierungsgrad bis 2030 auf rund 35 Prozent zu steigern.

    Rotorblätter liegen in einem Industriepark im Westen Chinas zum Abtransport bereit: Statt Öl exportiert das Land Green Tech und Rechenleistung.

    Rotorblätter liegen in einem Industriepark im Westen Chinas zum Abtransport bereit: Statt Öl exportiert das Land Green Tech und Rechenleistung.

    So verschiebt sich auch die Logik geopolitischer Macht. Der klassische Petrostaat exportiert Rohstoffe wie Öl und Gas. Der Elektrostaat exportiert die Mittel zur Stromerzeugung und Stromnutzung. Genau darin liegt Chinas neuer Hebel. Reuters beziffert Chinas Clean-Tech-Exporte für 2025 auf einen Rekordwert von 222 Milliarden US-Dollar. So entstehen nicht nur Absatzmärkte, sondern auch Abhängigkeiten. Wer seine Solarparks, Batterien und Netztechnik aus China bezieht, bindet sich langfristig an chinesische Lieferketten, Standards und Wartungsstrukturen.

    China ist Exportweltmeister – und Strom ist zunehmend die Grundlage dafür

    Dazu kommt eine zweite Ebene. Strom ist nicht nur Energie, sondern der Rohstoff der digitalen Ökonomie. Auch in der chinesischen Wirtschaft wird dieser Zusammenhang klar gesehen. „Elektrizität ist die Grundlage für Rechenleistung“, sagt ein chinesischer Tech-Manager im Gespräch mit EnergieWinde. Die Idee dahinter: Wer über große Mengen günstigen Stroms verfügt, kann diesen in Rechenleistung übersetzen und damit in digitale Produkte. Strom wird so zur Grundlage eines Exportmodells. Nicht Barrel Öl verlassen das Land, sondern Anwendungen, Algorithmen und Rechenleistung.

    Die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen macht verwundbar. Auf Kuba zeigt sich das besonders deutlich, seit US-Präsident Donald Trump die Insel von venezolanischem Erdöl abschneidet.

    Die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen macht verwundbar. Auf Kuba zeigt sich das besonders deutlich, seit US-Präsident Donald Trump die Insel von venezolanischem Erdöl abschneidet.

    Wie sich der aufstrebende Elektrostaat China bereits mit Petrostaaten reibt, zeigt das Beispiel Kuba. Während die Insel dieser Tage unter verschärften US-Sanktionen leidet, die sie vom Zugang zu Öl und damit zu Treibstoff abschneiden, setzt China auf ein anderes Modell der Unterstützung. Nach einem Bericht der „South China Morning Post“ will Peking seine Zusammenarbeit mit Havanna im Energiesektor deutlich ausweiten. Unter Berufung auf den chinesischen Botschafter in Kuba schreibt die Zeitung, China wolle beim Ausbau von Fotovoltaik-Kapazitäten helfen und damit die Energieversorgung der Insel stabilisieren. Ziel sei es, die Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen zu verringern.

    Öl und Gas sind Garanten geopolitischer Macht. Doch das Modell bröckelt

    Die USA beobachten diese Entwicklung schon länger mit wachsender Sorge. Ein Bericht des US-Kongresses beschreibt Chinas Elektrifizierungsstrategie als Versuch, „geostrategische Macht“ im globalen Energiesystem auszubauen. Peking sichere sich entlang der gesamten Wertschöpfungskette zentrale Positionen – von Rohstoffen über Solarmodule und Batterien bis hin zu Netzen und Speichertechnologien. Dadurch könnten neue „Chokepoints“ entstehen, also Engstellen in Lieferketten, die im Konfliktfall politisch genutzt werden könnten.  

    Für Washington ist das eine strategische Herausforderung. Nicht mehr Öl und Gas stehen im Zentrum der Macht, sondern die Systeme, die Energie erzeugen und verteilen. Die USA stehen unter der derzeitigen Führung jedoch für das Gegenmodell. „Drill, baby, drill“, fordert US-Präsident Donald Trump und positioniert sein Land damit weiterhin klar als Petrostaat. Mit seinem Ruf nach mehr Öl setzt Trump auf ein Modell, das in der Vergangenheit stark gemacht hat, aber womöglich nicht mehr die Zukunft entscheidet.

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