• Search31.05.2022

LNG-Terminals und Klimaschutz

„So schnell wie möglich grünes Gas“

Wilhelmshaven soll zur Drehscheibe für grüne Energie werden, doch erst mal wird dort ein LNG-Terminal gebaut. Niedersachsens Energieminister Olaf Lies erklärt, warum er darin keinen Widerspruch sieht.

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    Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (links) und Niedersachsens Energieminister Olaf Lies in Wilhelmshaven beim Baustart des ersten deutschen Terminals zum Import von LNG.

    Olaf Lies (rechts) mit Robert Habeck am Rande des Baustarts für ein schwimmendes LNG-Terminal in Wilhelmshaven.

     

    Als Anfang Mai in Wilhelmshaven der Bau für ein Terminal zum Import von Flüssigerdgas (LNG) begann, musste sich Olaf Lies die Anfahrt nicht erst erklären lassen: Der niedersächsische Energie- und Umweltminister wurde in der Stadt geboren. Schon im Winter sollen hier die ersten Tankschiffe anlegen und im ersten Schritt ein Fünftel des russischen Erdgases ersetzen. Neben schwimmenden Anlagen sind auch stationäre LNG-Terminals geplant. Kritiker warnen, dass sich Deutschland damit zu lang an fossiles Erdgas binde. Lies dagegen sieht die Terminals als Baustein im Klimaschutz. Im Interview erklärt der SPD-Politiker, wie sich darüber grüne Energie importieren lässt, warum er die Energiewende als Standortvorteil für Norddeutschland sieht und wie er Artenschutz und Windenergie in Einklang bringen will.

    Herr Lies, Wilhelmshaven will zur Drehscheibe für grüne Energie werden. Aber derzeit entsteht dort ein Terminal für fossiles Flüssigerdgas (LNG). Wie passt das zusammen?
    Olaf Lies: Das klingt nach einem Widerspruch, ergibt aber durchaus Sinn. Im ersten Schritt helfen uns die schwimmenden Terminals – die FSRUs –, so schnell wie möglich unabhängig von russischem Gas zu werden. Im zweiten Schritt bringen sie aber auch die Energiewende voran. Denn diese und die feste Terminal-Infrastruktur, die wir parallel an Land planen und bauen, ist so angelegt, dass sie schrittweise für grüne Energie genutzt werden kann.

    Ist das wirklich so? Beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) fürchtet man, dass über deutsche LNG-Terminals jahrzehntelang fossiles Gas importiert wird, weil sich deren Bau andernfalls gar nicht rentiere.
    Lies: Das sehe ich anders, weil wir die Terminals eins zu eins auch für grüne Energie nutzen können. Es gibt verschiedene Wege, grüne Energie zu erzeugen. Einer davon ist, grünen Wasserstoff, der per Elektrolyse aus Ökostrom erzeugt wurde, mit Kohlendioxid zusammenzubringen. Dabei entsteht synthetisches Methan, das dieselbe chemische Zusammensetzung wie LNG hat. Die Terminals, die jetzt in Wilhelmshaven, Stade und Brunsbüttel entstehen, müssen also nicht erst umgerüstet werden, um grüne Energie zu importieren. Sie haben sogar den Vorteil, dass der Anteil der grünen Energie in den Importen praktisch stufenlos gesteigert werden kann. Zu Anfang haben Sie 100 Prozent fossiles Erdgas, am Ende so schnell wie möglich 100 Prozent grünes Gas.

    Was ist mit dem direkten Import von grünem Wasserstoff oder mit Ammoniak, das aus Wasserstoff und Stickstoff erzeugt wird?
    Lies: Dafür wird es ebenfalls Importmöglichkeiten geben, auch in Wilhelmshaven. Uniper plant hier beispielsweise eine Ammoniak-Import-Infrastruktur.

    Wäre es nicht besser, die Wind- und Solarenergie in Deutschland endlich schneller auszubauen, um die grünen Gase dann hier zu erzeugen?
    Lies: Dazu wird die Kapazität nicht reichen, so viele Wind- und Solarparks können wir in Deutschland gar nicht bauen. Wir werden auch in der klimaneutralen Welt der Zukunft auf einen gewissen Anteil importierter Energie angewiesen sein. Aber abgesehen davon haben Sie recht: Wir müssen den Ausbau der Erneuerbaren und der Netze in Deutschland viel schneller als in der Vergangenheit hochfahren, um zumindest einen größeren Teil des grünen Wasserstoffs hier zu erzeugen. Das ist auch für die Technologieentwicklung entscheidend.

    Die Karte zeigt, wie Europa sich über Pipelines und LNG-Terminals mit Erdgas versorgt und wo neue Flüssiggas-Terminals geplant sind. Infografik: Benedikt Grotjahn

    Wie schnell Infrastruktur entstehen kann, sieht man beim Erdgas: Da verabschiedet der Bund ein LNG-Beschleunigungsgesetz, und gefühlt über Nacht beginnt in Wilhelmshaven der Bau. Bis ein Windrad genehmigt ist, vergehen dagegen Jahre.
    Lies: Und das muss sich dringend ändern! Diese Geschwindigkeit müssen wir für alle Bereiche der Energiewende hinbekommen, sei es für die Windkraft an Land, für Offshore-Wind oder für den Bau von Stromtrassen. Das LNG-Gesetz ist damit der Maßstab für künftige Vorhaben zum Ausbau der Erneuerbaren und der Netze.

    Dabei ist es ja nicht allein die von Robert Habeck beschriebene „Bräsigkeit“ der Behörden, die zu Verzögerungen führt. Es gibt auch berechtigte Einwände. Was ist etwa mit dem Artenschutz?
    Lies: Es geht mir überhaupt nicht darum, dem Klimaschutz einseitig Vorrang vor dem Artenschutz einzuräumen, im Gegenteil: Wir brauchen beides. Aber das ist auch durchaus möglich. In Niedersachsen reservieren wir noch etwas mehr als die vom Bund geforderten zwei Prozent der Landesfläche für die Windkraft; es sind eher zweieinhalb Prozent. Zieht man die bebauten Flächen ab, bleiben aber immer noch 84 Prozent Flächen, auf denen beispielsweise Wälder stehen oder die landwirtschaftlich genutzt werden. Auf diesen Flächen müssen wir den Artenschutz massiv voranbringen. Wir haben die dafür notwendigen Summen im Rahmen der Umweltministerkonferenz recht genau beziffert. Es bräuchte dafür bundesweit etwa eine Milliarde Euro pro Jahr. Für Niedersachsen wären das rund 100 Millionen zusätzlich. Damit ließen sich ganz neue Strukturen schaffen, im Einklang mit der Landwirtschaft. Leider wird die Diskussion meist nur auf die 2,5 Prozent Windkraftflächen verengt, auf denen ein Rotmilan durch ein Windrad gefährdet sein könnte.

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    Industrie folgt Energie, das war historisch schon immer so. Unternehmen planen Neuansiedlungen vor allem dort, wo grüne Energie sicher und in ausreichender Menge verfügbar ist

    Olaf Lies

    Der Norden erzeugt in vielen Regionen schon heute oft mehr Windstrom, als vor Ort benötigt wird. In Bayern dagegen sträubt man sich gegen Windräder am Horizont und lässt sich den Strom stattdessen aus dem Norden liefern. Ist das eigentlich fair?
    Lies: Nein, das ist weder fair noch volkswirtschaftlich sinnvoll. Es ist immer am besten, den Strom dort zu erzeugen, wo er auch genutzt wird, statt für viele Milliarden Trassen durchs Land zu legen. Wenn Bayern nicht endlich die pauschalen Abstandsregelungen für Windräder zurücknimmt, sehe ich deshalb echte Probleme auf das Land zukommen. Industrie folgt Energie, das war historisch schon immer so. Unternehmen planen Neuansiedlungen vor allem dort, wo grüne Energie sicher und in ausreichender Menge verfügbar ist. Das ist heute eben vor allem im Norden der Fall. Und wenn man mit den Netzunternehmen spricht, sagen auch die sehr deutlich, dass die Regionen südlich der Main-Linie und insbesondere Bayern beim Netzausbau maßgeblich hinterherhängen.

    Welche Industrien könnten sich neu im Norden ansiedeln?
    Lies: Zum Beispiel die Produktion von Eisenschwamm, einem Vorprodukt, das für grünen Stahl nötig ist. Auch Chemiestandorte oder Rechenzentren brauchen viel Energie. Emden mit seinem VW-Werk kommt daneben für die Batteriezellenfertigung infrage, weil hier sehr viel Offshore-Windstrom aus der Nordsee anlandet.

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    Das kann man doch keinem Menschen erklären: Du bekommst ein Windrad in deine Nachbarschaft und bezahlst dann mehr, damit Bayern sauberen Strom hat

    Olaf Lies

    In der EU gibt es immer wieder Überlegungen, die einheitliche Strompreiszone in Deutschland zu zerschlagen und ähnlich wie in Norwegen oder Italien mehrere Zonen zu schaffen. Strom wäre dann im Norden billiger als im Süden. Wäre das für Niedersachsen wünschenswert?
    Lies: Getrennte Strompreiszonen halte ich für schwierig und ich wünsche mir auch keinen Vorteil auf Kosten des Südens. Besser wäre es, ein Anreizsystem für den Ausbau der Erneuerbaren zu schaffen: Die Netzentgelte müssten so reformiert werden, dass sie in Regionen mit viel Ökostrom besonders niedrig liegen. Die Haushalte und Unternehmen würden dort dann weniger für ihren Strom bezahlen. Bislang ist es genau umgekehrt: Dort, wo viele Windräder angeschlossen werden und deshalb ein Netzausbau nötig ist, zahlen die Anwohner drauf. Das kann man doch keinem Menschen erklären: Du bekommst ein Windrad und eine Leitung in deine Nachbarschaft und bezahlst dann mehr, damit Bayern sauberen Strom hat.

    Die Fragen stellte Volker Kühn.

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