Wardenburg in Niedersachsen

  • Search21.04.2026

Wie eine kleine Gemeinde die Wärmewende meistert

Alle Städte und Gemeinden in Deutschland müssen eine Wärmeplanung aufstellen. Das kleine Wardenburg ist bereits fertig – und zeigt trotz schwieriger Voraussetzungen, dass der Wandel Chancen bietet.

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    Kommunale Wärmeplanung in Wardenburg: Klimaschutzmanager Thomas Schade (links) und Bürgermeister Christoph Reents trimmen ihre Gemeinde auf Grün.

    Klimaschutzmanager Thomas Schade (links) und Bürgermeister Christoph Reents trimmen ihre Gemeinde auf Grün.

     

    Von Daniela Schröder

    Das Rathaus von Wardenburg ist ein funktionaler Verwaltungsbau, eingeweiht 1965, erweitert in den Achtzigern. Hier werden Pässe ausgestellt, Ehen geschlossen, Autos angemeldet, und im modernen Saal tagen die Vertreter der 17.500-Einwohner-Gemeinde im Nordwesten Niedersachsens.

    Bald wird aus dem Rathaus eine kleine Messehalle. Dann bauen Handwerker Ausstellungsstände auf, Energieberater informieren über optimales Dämmen, der regionale Energieversorger führt die Funktionsweise von Wärmepumpen vor. „Haus fit! Vom Keller bis unters Dach“ heißt die Veranstaltung, die Wardenburgs Bürgermeister Christoph Reents mit seinem Team gerade vorbereitet. Die Idee: Technik anschauen, anfassen, erleben. Das Ziel: Die Bürger ins Boot holen – beim Kurs auf klimaneutralem Heizen.

    Der Gebäudesektor reißt seine Klimaziele. Die Wärmeplanung soll das ändern

    Während andere Kommunen in Deutschland die Frage nach einer fossilfreien, effizienten und zuverlässigen Wärmeversorgung vor Ort erst angehen, hat Wardenburg bereits die Antwort: ein fertiges Konzept für die kommunale Wärmeplanung. Im September 2025 stellte die Verwaltung ihre Strategie öffentlich vor. Sie gehört damit zu den Kommunen, die bei einem zentralen Klimaschutz-Thema die Nase vorn haben: der Wärmewende.

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    Prozent der Wärmeenergie stammen bislang aus erneuerbaren Quellen

    Auf dem Weg zur Treibhausgasneutralität gilt Deutschlands Gebäudesektor als Problembereich: Viel Potenzial, doch wenig Bewegung, bisher wurden die Klimaziele nie erreicht. Bis 2045 soll Deutschlands Wärmeversorgung klimaneutral sein. Aktuell aber brauchen Gebäude knapp 35 Prozent des bundesweiten Endenergieverbrauchs, vor allem für Heizen und Warmwasser. Zugleich stammen nur 18 Prozent der Wärmeenergie aus Erneuerbaren; Erdgas und Heizöl sind nach wie vor die zentralen Quellen.

    Damit sich die Dinge ändern, hat der Gesetzgeber die Verantwortung für die Wärmewende an die Länder und Kommunen übertragen: Kommunen analysieren und definieren selbst, wie sie in Zukunft Heizenergie einsparen und wie sie klimafreundliche Wärmeversorgung sichern wollen – über Fernwärme, mit Quartierslösungen (Nahwärme), über individuelle Wärmepumpen.

    Gemeinden mit mehr als 100.000 Einwohnern müssen bis Ende Juni 2026 einen Plan zur künftigen Wärmeversorgung vorlegen, kleinere wie Wardenburg haben Zeit bis Mitte 2028. Für Hauseigentümer bedeutet es zunächst keine Vorschriften und keine Pflichten – die kommunale Wärmeplanung ist ein Leitfaden, kein Gesetz. Aber sie gibt eine klare Orientierung. Ende vergangenen Jahres hatten 13 Prozent der Kommunen einen Plan aufgestellt, knapp die Hälfte war damit gerade gestartet.  Und es gibt Kommunen, die bereits Jahren Konzepte für eine lokale Wärmewende entwickelt haben: Recklinghausen 2013, Konstanz 2018, ebenfalls zu den Vorreitern gehören Birkenfeld (Rheinland-Pfalz) und der Landkreis Berchtesgadener Land.

    Wardenburg galt mal als Ökovorreiter. Daran knüpft die Verwaltung an

    Auch in Wardenburg ging es schon vor der Pflicht mit dem Planen los. Im Sommer 2023 stellte die Verwaltung den Förderantrag für die Planungsarbeiten, Anfang 2025 begann das Sammeln und Analysieren der Daten, neun Monate später war die Wärmeplanung fertig. „Wir wollten früh dabei sein und ein Zeichen beim Klimaschutz setzen“, sagt Reents (parteilos).

    Was nicht zuletzt an einem Selbstverständnis liege, das über Jahrzehnte gewachsen sei: In den Achtzigern trug Wardenburg den Titel einer „Ökogemeinde“ und positionierte sich früh als Vorreiter beim Umweltschutz. „Klima war schon immer ein wichtiges Thema bei uns“, sagt der Verwaltungschef.

    Kanufahrer auf der Hunte in Wardenburg bei Oldenburg: Die Gemeinde ist ländlich geprägt und erstreckt sich über 18 Ortsteile.

    Kanufahrer auf der Hunte in Wardenburg: Die Gemeinde ist ländlich geprägt und erstreckt sich über 18 Ortsteile.

    Und jetzt gibt es einen Plan für eine klimaneutrale Wärmeversorgung: Wo lässt sich Wärmeenergie einsparen, wo gibt es Optionen für Wärmenetze, wo machen Energiequellen wie etwa Wärmepumpen Sinn? Wichtigstes Werkzeug beim Erstellen des Plans war der sogenannte digitale Zwilling – ein virtuelles Abbild der gesamten Gemeinde und aller ihrer 10.329 Gebäude: Wohnhäuser, Gewerbe, kommunale Bauten, jedes mit individuellen und aktuellen Daten zu Heizungstyp, Energieverbrauch, Emissionen, Netzinfrastruktur. Die nötigen Angaben lieferte der regionale Versorger: Katasterinformationen, Verbrauchswerte, 3D-Gebäudemodelle, die Kehrbücher der Schornsteinfeger.

    Fast 90 Prozent der Wardenburger heizen mit Gas. Die Altbaurate ist hoch

    Im nächsten Schritt analysierten die Wardenburger ihre Potenziale: Wie viel Wärme können wir aus Erneuerbaren selbst erzeugen? Wo und wie lässt sich Energie einsparen? Der Wardenburger Wärmeplan prognostiziert bis 2040 eine Treibhausgasreduktion um 96 Prozent – unter zwei Bedingungen: sanierte Gebäude und Wärmepumpen. Fast 90 Prozent der Wardenburger heizen heute mit Erdgas. Gut die Hälfte der Häuser stammt aus den Jahren 1949 bis 1978, gebaut vor der ersten Wärmeschutzverordnung. Werden diese Gebäude energetisch saniert – Dach und Fassade dämmen, Fenster austauschen, Heizung optimieren –, sinkt der Wärmebedarf der Gemeinde um bis zu 50 Prozent.

    Bei der Wärmeversorgung gibt es in der Regel zwei Wege: Entweder eine Gemeinde baut Wärmenetze – zentrale Leitungen, die Häuser mit Wärme aus Großanlagen versorgen, ähnlich wie heute das Gasnetz. Oder die Eigentümer setzen auf eigene Lösungen, vor allem Wärmepumpen. Wärmenetze lohnen sich dort, wo viele Abnehmer dicht beieinander wohnen: in Städten, in Quartieren mit Mehrfamilienhäusern oder dort, wo Industriebetriebe Abwärme liefern.

    Wärmenetze? Spielen in der Flächengemeinde eine untergeordnete Rolle

    Wardenburg aber ist eine Flächengemeinde: 18 Ortsteile, viel Einfamilienhausbau, keine Industrie. Die Analyse ergab: Nur in zwei kleinen Gebieten könnte ein Wärmenetz sinnvoll sein, gespeist aus einer Biogas-Anlage und Gewerbebetrieben. Für den Rest der Gemeinde heißt es: Wer klimaneutral heizen will, braucht eine Wärmepumpe. „Wir haben schlicht keine Alternative“, sagt Reents. „Das muss man den Bürgern ehrlich kommunizieren – und Lösungsansätze gleich mitliefern.“

    Einfamilienhaus mit Wärmepumpe und Solaranlage in Niedersachsen: Die kommunale Wärmeplanung ist in der Gemeinde Wardenburg bereits abgeschlossen.

    Einfamilienhaus mit Wärmepumpe in Niedersachsen: Für viele Haushalte in Wardenburg gibt es kaum eine klimafreundliche Alternative.

    Der Rat der Verwaltung an Hauseigentümer: einen individuellen Sanierungsfahrplan erstellen lassen und Förderprogramme prüfen. Die Gemeinde plant zudem ein digitales Beratungstool: eine kostenfreie Online-Plattform, auf der Eigentümer erste Einschätzungen zu Sanierungsmaßnahmen, Kosten und Wirtschaftlichkeit bekommen können – noch bevor sie einen Energieberater kontaktieren. Die Gemeinde wiederum untersucht die potenziellen Wärmenetz-Gebiete und plant parallel für die kommunalen Gebäude den Umstieg auf Wärmepumpen plus Photovoltaik.

    Windkraft ist zentral für die Gemeinde. Die Leistung soll sich vervierfachen

    Und das größte Projekt für die Wärmewende: Wardenburg baut massiv die Windkraft aus. Aktuell erzeugen zwei Windparks rund 65.000 Megawattstunden Strom pro Jahr – etwa so viel, wie die Haushalte und die Gewerbebetriebe verbrauchen. Bis 2029 soll sich diese Menge vervierfachen, die Verwaltung hat die Bauleitplanung für weitere Parks angeschoben. Die zusätzliche Energie soll den steigenden Strombedarf durch Wärmepumpen zuverlässig und günstig decken. „Die kommunale Wärmeplanung ist ein Baustein der Energiewende, letztlich muss alles ineinandergreifen“, sagt der Bürgermeister. „Auch eine kleine Gemeinde denkt manchmal ein bisschen größer.“

    Kleiner heißt auch schneller. Bei der Wärmeplanung zogen im Gemeinderat alle mit – CDU, SPD, Grüne, Freie Wähler, FDP. Wechselnde Mehrheiten, aber ein Ziel, dazu ein Bürgermeister, der parteilos ist. „Politisch optimale Rahmenbedingungen, um so etwas auf die Beine zu stellen“, sagt er. Ein weiterer Faktor: Um die Wärmeplanung kümmert sich ein eigener Experte – seit Februar 2024 hat Wardenburg mit Thomas Schade einen eigenen Klimaschutzmanager. Der Bauingenieur arbeitete zuvor in der Energieberatung und wohnt in Wardenburg. Andere Gemeinden teilen sich die Klima-Stelle mit dem Landkreis – Wardenburgs Verwaltung wollte jemanden, der vor Ort ist und sich auskennt. „Uns ist wichtig, dass wir dicht dran sind“, sagt Reents.

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    Die Hauseigentümer informieren und motivieren, darauf kommt es jetzt an

    Christoph Reents, Bürgermeister von Wardenburg

    Der Plan steht, die Strukturen sind da. Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit: die Bürger auf den Weg mitnehmen. Bislang lief die Kommunikation zur Wärmeplanung über Pressemitteilungen, Social Media, Zwischenberichte im Rat. „Das Interesse hätte größer sein können“, räumt Reents ein. Deshalb jetzt die Messe im Rathaus – Technik erleben statt Vorträge hören. „Die Hauseigentümer informieren und motivieren, darauf kommt es jetzt an“, sagt Reents. „Und dabei ist die Messe einer der stärksten Hebel, die wir haben.“

    Kommunikation sei nicht zuletzt so wichtig, weil es beim Klimakurs aus Berlin hin und her geht. „Ständig wechselnde Rahmenbedingungen verunsichern die Menschen“, sagt Reents. Doch Jammern und Abwarten seien keine Optionen. Reents gibt sich pragmatisch. „Was wir als Gemeinde nicht ändern können, das nehmen wir hin.“ Aber er sagt auch: „Wir legen hier nicht die Hände in den Schoß. Wir gehen vorwärts!“

    Gasheizungen bleiben erlaubt – zum Missfallen von Verbraucherschützern

    Umwelt- und Verbraucherschützer warnen: Der von Schwarz-Rot angekündigte Umbau des Gebäudeenergiegesetzes degradiere die kommunale Wärmeplanung zu einer Belanglosigkeit, so der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND). Weiter unreguliert Öl- und Gasheizungen einbauen – auch dort, wo der Wärmeplan längst ein Wärmenetz vorsehe – untergrabe die gesamte Planungslogik.

    Das Klima-Bündnis Deutschland sieht den Ausbau der Fern- und Nahwärmenetze bedroht: Fällt die 65-Prozent-Erneuerbare-Pflicht weg, stellen weniger Hauseigentümer auf fossilfrei um – die Anschlussquote sinkt, die Wirtschaftlichkeit der Projekte kippt. Geplante Investitionen von Kommunen und Stadtwerken, Unternehmen und Handwerk seien in Gefahr. Ein weiterer Kritikpunkt: Der Kurswechsel der Regierung zerstöre das Vertrauen in die lokalen Klimaschutzstrategien und schwäche die Glaubwürdigkeit der Kommunen.

    Auch aus der Energiebranche und von den Kommunen kommt Kritik am neuen Kurs: „Kommunale Wärmeplanung bietet Orientierung für Investitionsentscheidungen. Ein verlässlicher Förderrahmen ist entscheidend für Akzeptanz, Umsetzung und wirtschaftliche Tragfähigkeit der Wärmewende“, heißt es in einem gemeinsamen Appell von 14 Verbänden, darunter der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), der Deutsche Städtetag und der Deutsche Landkreistag.

    Die Gemeinde sieht Chancen im Wandel – vor allem für das lokale Handwerk

    Im Wardenburger Rathaus geben sie sich trotz allem zuversichtlich. In vielen Siedlungen steht ein Generationenwechsel an, Kinder übernehmen Elternhäuser, Familien ziehen aus Oldenburg zu. „Da kommt Investitionskraft“, sagt Bürgermeister Reents. Und Grund Nummer zwei für seinen Optimismus: Der Wandel zur Klimaneutralität bedeutet auch Chancen – vor allem für das lokale Handwerk.

    „Wir haben hier tolle Mittelstandsbetriebe“, sagt Reents, „für die ist die Wärmeplanung ein Zukunftsprojekt.“ Einen neuen Fokus für die Branche, sehe er, einen Schwenk vom Neubau zur Sanierung. „Allein die gut 50 Prozent Altbauten in Wardenburg energiesparend ausrüsten und fit machen für klimaneutrales Heizen – das sind Aufträge für viele Jahre.“

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