Offshore-Wind-Studie

  • Search16.06.2026

Mehr deutscher Strom – aus Dänemark und Schweden

Wenn einige der geplanten deutschen Offshore-Windparks in dänischen und schwedischen Gewässern gebaut werden, liefern sie mehr Strom zu günstigeren Preisen. Besonders ein Szenario hätte dabei große Vorteile.

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    Offshore-Windpark in der Ostsee: Wenn Deutschland beim Ausbau mit Dänemark und Schweden kooperiert, sinken die Kosten, während der Ertrag steigt.

    Offshore-Windpark: Deutschland hat einen hohen Strombedarf – aber ein vergleichsweise kleines Seegebiet.

     

    Von Volker Kühn

    Wenn die Wetterkarte in der Tagesschau eingeblendet wird, zeigt sich über der Nordsee häufig ein ähnliches Bild: Wolkenbänder ziehen von links nach rechts über den Bildschirm. Denn die Nordsee liegt in einer Westwindzone – der Wind bläst vornehmlich aus West oder Südwest.

    Für die am Ärmelkanal oder in der westlichen Nordsee gelegenen Länder bringt das einen Vorteil: Ihre Offshore-Windparks erreicht der Wind als erstes. Sie entziehen ihm einen Teil der Energie und speisen sie in Form von Strom in die Leitungen auf dem Festland ein. Anschließend braucht der Wind eine gewisse Strecke, um seine volle Kraft wiederzugewinnen. Wake-Effekte nennt man das. Belgische Windparks stellen ihre östlichen Nachbarn in den Niederlanden in den Windschatten, niederländische Windparks die deutschen, und auch innerhalb der deutschen Gewässer bekommen die westlichen Parks bessere Winde ab.

    Je geringer der Stromertrag, desto schwieriger die Refinanzierung der Parks

    Das mag banal klingen, hat aber handfeste ökonomische Folgen. Denn wenn Windparkbetreiber ihre Anlagen in weniger Stunden des Jahres bestmöglich auslasten können, produzieren sie weniger Strom und haben es entsprechend schwerer, ihre Parks zu refinanzieren. Folglich steigt der Strompreis, wovon auch Verbraucher und Industrie in den jeweiligen Volkswirtschaften betroffen sind.

    In der Deutschen Bucht ist dieses Problem besonders groß, denn hier werden so viele Windräder so dicht beieinander geplant wie nirgendwo sonst auf der Welt. Bis 2045 sind Anlagen mit zusammen 70 Gigawatt geplant.

    Platz gäbe es genug – allerdings nicht in der Deutschen Bucht

    Um trotzdem möglichst günstigen Strom vom Meer zu bekommen, gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Entweder werden weniger als 70 Gigawatt in deutschen Gewässern gebaut, sodass zwischen den Turbinen mehr Platz bleibt, auf dem sich der Wind regeneriert. Oder man bleibt bei den 70 Gigawatt, baut aber einen Teil der Windparks nicht in deutschen Gewässern, sondern in Nachbarländern, die einen geringeren Strombedarf und größere Meeresflächen zur Verfügung haben.

    Diese Idee wird seit geraumer Zeit in der Branche diskutiert. Wie groß das Potenzial tatsächlich ist, belegt eine heute erschienene Studie. Darin haben Forschende des Fraunhofer IWES im Auftrag des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft BDEW und des Offshore-Windverbands BWO die bisherige Planung sowie drei alternative Szenarien untersucht.

    Das Ergebnis: Jede Verlagerung deutscher Windparks in dänische und schwedische Gewässer bringt höhere Stromerträge zu geringeren Kosten. Ein Szenario hat dabei besonders viel Potenzial.

    Im Basisszenario entsteht der komplette deutsche Ausbau wie geplant in der eigenen Wirtschaftszone. Pro Quadratkilometer werden dabei Windparks mit einer Leistung von im Schnitt zehn Megawatt geplant; im Fachjargon ist von „Leistungsdichte“ die Rede. In den drei Alternativszenarien wird diese Dichte gesenkt und die frei werdende Kapazität – zehn beziehungsweise zwanzig Gigawatt – in dänische und schwedische Seegebiete verlagert.

    Wichtig dabei: Das deutsche Ausbauziel bleibt unverändert, ebenso die Anbindung der Windparks per Direktleitung ans deutsche Stromnetz. Es geht nicht um weniger Windkraft für Deutschland, sondern um eine andere Verteilung der Flächen.

    13 Prozent mehr Ertrag: Eine Verlagerung der Windparks zahlt sich aus

    Besonders Szenario zwei der Studie liefert günstige Ergebnisse: Wird die Leistungsdichte in den deutschen Zonen drei, vier und fünf deutlich reduziert und ein Großteil der frei werdenden Kapazität in die dänische Nordsee verschoben, steigt der Gesamtenergieertrag um bis zu 13 Prozent. Gleichzeitig sinkt der sogenannte Kostenindex – das Verhältnis von Gesamtkosten der Parks zu erzeugter Strommenge – in diesem Szenario stärker als in allen anderen Varianten. Höhere Ausgaben für längere Kabeltrassen nach Dänemark werden von den Mehrerträgen demnach mehr als ausgeglichen.

    Deutscher Offshore-Windpark: Je weniger Platz zwischen den Turbinen ist, desto stärker rauben sie sich gegenseitig den Wind. Doch der Effekt lässt sich mit guter Planung minimieren.

    Eine kluge Planung der Flächen ist entscheidend für einen effizienten Ausbau von Offshore-Wind in Europa.

    Dabei profitieren nicht nur die deutschen Parks von weniger gegenseitiger Abschattung. Auch die dänischen Flächen liefern hohe Volllaststunden, weil sie wenig durch andere Windparks oder Landmassen beeinflusst werden.

    Gemeinsam stärker: Europa will beim Offshore-Wind-Ausbau kooperieren

    Ein Spezialfall ist die Ostsee. Zwei Gigawatt sollen auf den dänischen und schwedischen Flächen von Kriegers Flak entstehen, einem Gebiet, das durch die Nähe zur Küste besonders günstige Betriebskosten verspricht. Von allen in der Studie betrachteten Flächen erreicht dieser Park den niedrigsten Kostenindex überhaupt.

    Die Studie reiht sich ein in eine laufende Debatte über grenzüberschreitende Offshore-Kooperation. Spätestens seit dem Nordsee-Gipfel im Januar in Hamburg steht das Thema weit oben auf der Agenda der Anrainer von Nord- und Ostsee. Die Fraunhofer-Studie liefert nun erstmals belastbare Zahlen aus deutscher Perspektive, die die Notwendigkeit einer europäischen Zusammenarbeit untermauern.

    Die Studie untersucht auch die „Überbauung“ – mit gemischtem Ergebnis

    Nicht alle Effekte sind eindeutig positiv. Ein drittes Szenario kombiniert die Flächenverlagerung mit „Overplanting“ („Überbauung“), einem Verfahren, bei dem bewusst mehr Offshore-Wind-Kapazität ans Netz angeschlossen wird, als die Leitung eigentlich abtransportieren kann. Der Hintergedanke ist, dass ohnehin nur in wenigen Stunden des Jahres die maximale Auslastung der Netze erreicht würde, weil der Wind nicht immer in höchster Stärke weht und einzelne Windturbinen zwischenzeitlich etwa zur Wartung abgeschaltet werden. Es sei nicht nötig, das Netz auf die letzte Kilowattstunde hin zu optimieren.

    Die in der aktuellen Fraunhofer-Studie zugrunde gelegten Überbauungsgrade stammen aus einer Studie von Frontier Economics für BDEW und BWO, veröffentlicht im März 2026. Das Overplanting-Szenario verbessert demnach zwar Ertrag und Netzauslastung gegenüber dem Basisszenario und spart zwei komplette Kabeltrassen samt Konverterstationen ein. An den Gesamtertrag des reinen Verlagerungsszenarios kommt es aber wegen zusätzlicher Abschattungs- und Abregelungsverluste nicht heran.

    Die Niederlande planen Windparks an der Grenze – mit Folgen für Deutschland

    Auch ein Nachbar wird in der Studie genauer betrachtet: die niederländischen, noch nicht ausgeschriebenen Flächen Doordewind I und II direkt an der deutschen Grenze. Wird deren Kapazität reduziert, steigen die Erträge in den angrenzenden deutschen Gebieten N-6 und N-9 um bis zu 9,4 Prozent. Auch das ist ein Beleg dafür, wie eng die Nordseeanrainer beim Thema Windkraft inzwischen physikalisch miteinander verbunden sind, ob sie wollen oder nicht.

    Verladung von Windrad-Fundamenten in Eemshaven: Die Niederlande planen Parks direkt an der deutschen Seegrenze.

    Verladung von Windrad-Fundamenten in Eemshaven: Die Niederlande planen Parks direkt an der deutschen Seegrenze.

    Die Fraunhofer-Forschenden betonen, dass ihre Ergebnisse keine Optimierung im Sinne einer „besten“ Lösung darstellen, sondern relative Effizienzunterschiede zwischen Szenarien zeigen. Trotzdem dürfte die zentrale Botschaft in Berlin, Kopenhagen und Stockholm Gehör finden: Eine abgestimmte Flächenplanung über Landesgrenzen hinweg kann den Ertrag aus Offshore-Wind steigern, ohne dass ein Land von seinen Ausbauzielen abrücken muss. Für ein Energiesystem, das zunehmend auf Wind und Sonne setzt, könnte das ein entscheidender Hebel sein – wenn die politische Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der technischen Machbarkeit Schritt hält.

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