Energiepreise

  • Search23.04.2026

Der blinde Fleck: Wie falsch wir Europas Importabhängigkeit einschätzen

Überraschend viele Europäer glauben, ihre Länder produzierten genügend Energie für den Eigenbedarf. Dabei werden 58 Prozent von Europas Kohle, Öl und Gas importiert. Besonders verbreitet ist die Fehlannahme in Deutschland.

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    LNG-Terminal in Wilhelmshaven: Statt aus Russland bezieht Deutschland sein Erdgas inzwischen zu einem großen Teil aus den USA.

    LNG-Terminal in Wilhelmshaven: Statt in Russland kauft Deutschland inzwischen einen erheblichen Anteil seines Erdgases in den USA.

     

    Von Julia Graven

    Europa muss unabhängiger werden von Energieimporten aus Krisenregionen wie dem Nahen Osten. Das zeigen die Auswirkungen des Kriegs im Iran auf die wirtschaftliche Entwicklung bei uns deutlich. Doch ausgerechnet in der Frage, wie abhängig wir heute tatsächlich sind, klafft in ganz Europa eine Wahrnehmungslücke. In Deutschland sind die Fehleinschätzungen besonders eklatant.

    Ulrik Stridbæk, Leiter der Abteilung Regulierung und öffentliche Angelegenheiten von Ørsted, stellte gestern im Rahmen einer Online-Pressekonferenz eine repräsentative Studie mit mehr als 6000 Teilnehmern aus Dänemark, Großbritannien, Deutschland, Belgien, den Niederlanden und Polen vor. Er sagte: „Wir befinden uns an einem absolut entscheidenden Moment. Das unterstreicht die fossile Energiekrise, die der Krieg im Nahen Osten ausgelöst hat.“ Doch obwohl Energie wieder ganz oben auf der politischen Agenda steht, zeigt die neue Studie: Das Wissen der Öffentlichkeit hält mit der Realität nicht Schritt. (Transparenzhinweis: EnergieWinde wird von Ørsted finanziert.)

    Keines der untersuchten Länder ist autark – auch wenn viele daran glauben

    Europa bezieht 58 Prozent seiner Energie aus fossilen Kohle-, Öl- und Gasimporten, oft aus politisch instabilen Regionen. Kein einziges der sechs untersuchten Länder ist energieautark. In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist die Abhängigkeit von Importen sogar leicht gestiegen. Trotzdem glauben zwischen 31 und 44 Prozent der Befragten, ihr Land produziere genug Energie, um den eigenen Bedarf zu decken.

    In Deutschland ist die Verzerrung besonders auffällig: Mehr als vier von fünf Deutschen unterschätzen, wie viel Energie ihr Land tatsächlich importiert – eine Wahrnehmungslücke, die in dieser Deutlichkeit europaweit heraussticht. Das hat Auswirkungen. Wer glaubt, sein Land sei bereits unabhängig, sieht keinen Handlungsbedarf. Keine Notwendigkeit, in Windkraft, Solarenergie, Netze und Speicher zu investieren. Die Fehlwahrnehmung untergräbt damit das politische Momentum.

    Die Deutschen befürworten die Energiewende – aber unterschätzen die Dringlichkeit

    Dass gleichzeitig drei Viertel der deutschen Bevölkerung den Ausbau erneuerbarer Energien als richtige Antwort auf die Energiepreiskrise begrüßen – wie eine aktuelle repräsentative Umfrage von YouGov im Auftrag der European Climate Foundation und des Deutschen Caritasverbandes zeigt –, macht deutlich: Die Einsicht ist da, die Dringlichkeit wird aber unterschätzt.

    Falsche Vorstellungen gibt es auch bei den Kosten eines erneuerbaren Energiesystems. Das ist das zweite zentrale Ergebnis der Studie. 47 Prozent der Befragten in Deutschland halten Offshore-Wind für teurer als er tatsächlich ist. Dabei seien die Stromgestehungskosten von Offshore-Windenergie im europäischen Durchschnitt 2025 deutlich niedriger als die von Gas- und Atomkraftwerken. Günstiger seien nur Solaranlagen und Windräder an Land.

    Die Stromerzeugungskosten von erneuerbaren Energien liegen deutlich unter denen von fossilen Energien. Strom aus Gaskraftwerken ist am teuersten, der aus PV am günstigsten. Infografik: Benedikt Grotjahn

    Für 2050 rechnet Energieexperte Stridbæk mit fallenden Kosten. Auch wenn viele Europäer hier skeptisch seien. „Ich habe die Frage Hunderte Male gehört“, sagt er, „‚Erneuerbare sind günstig – aber was ist mit den Kosten für das Management von schwankenden Strompreismengen?'“ Kritiker würden unterstellen, dass erneuerbare Energie am Ende nicht mehr die günstigste Option sei. „Aber das stimmt nicht“, sagt Stridbæk.

    Der dänische Energiekonzern hat analysiert, was Speicher, Backup-Kapazitäten, Netze und Flexibilitätsmechanismen tatsächlich kosten, wenn der Anteil von schwankendem Wind- und Solarstrom an der Erzeugung stark steigt. Das Ergebnis: Heute werden rund 7 Euro pro Megawattstunde für die Integration erneuerbarer Energien aufgewendet. Bis 2040 steigt dieser Betrag auf rund 15 Euro. Gleichzeitig haben unabhängige Forscher sinkende Gesamtstromkosten errechnet. Sie sollen um rund 50 Euro pro Megawattstunde fallen. Damit wären die Gesamtkosten für erneuerbare Energien immer noch deutlich günstiger als heute.

    Grünstrom senkt die Preise – das zeigen die Energiebörsen deutlich

    Die Strommärkte zeigen es schon heute: Wenn der Anteil der Erneuerbaren an der Stromerzeugung bei mehr als 50 Prozent lag, betrug der durchschnittliche Großhandelsstrompreis im Jahr 2024 69 Euro pro Megawattstunde. Lag der Erneuerbaren-Anteil unter 50 Prozent, waren es 94 Euro. Erneuerbare Energien senken Strompreise – das ist keine Theorie, sondern Realität an den europäischen Strombörsen.

    Trotzdem ist gerade in sozialen Medien häufig zu lesen, Offshore-Wind treibe die Preise in die Höhe. Die Technologie gilt vielen als Symbol für staatliche Eingriffe und vermeintliche Subventionswirtschaft. Hier zieht Stridbæk ein klares Fazit: „Wir müssen das Bewusstsein bei den Bürgern in Europa dafür schärfen, welche Chancen die Unabhängigkeit von Energieimporten bietet.“

    Zum Glück gebe es auf politischer Ebene deutliche Unterstützung für bezahlbare, zuverlässige und unabhängige Erneuerbare in Europa: Beim Nordsee-Gipfel 2026 in Hamburg haben die Regierungen der Anrainer und die Windindustrie einen Investitionspakt unterzeichnet, der 70 Milliarden Euro an fossilen Importen einsparen und die Kosten für Offshore-Windstrom um 30 Prozent senken soll.

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