CO2-Preis in der Landwirtschaft

  • Search19.05.2026

Wie es Dänemark geschafft hat, pupsende Kühe zu besteuern

Das Agrarland hat beschlossen, was anderswo unmöglich erscheint: eine CO2-Steuer in der Landwirtschaft, ganz ohne Massenproteste und Treckerkolonnen. Wie konnte das gelingen?

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    Kühe stoßen viel Methan aus, ein Gas, das die Atmosphäre um ein Vielfaches stärker aufheizt als CO2. In Dänemark wird der Treibhausgas von Kühen, Schafen und Schweinen künftig besteuert.

    Kühe stoßen um die 100 Kilogramm Methan pro Jahr aus – ein Gas, das die Atmosphäre um ein Vielfaches stärker aufheizt als CO2.

     

    Von Leoni Bender

    Im Januar 2024 rollen Hunderte Traktoren nach Berlin. Konvois blockieren Zufahrtsstraßen und kreisen hupend um Regierungsgebäude. Auf Anhängern wehen Transparente, die eine Rücknahme der Subventionskürzungen fordern und vor einem Ende der Landwirtschaft warnen – die Hauptstadt steht zeitweise still.

    Ähnliche Bilder sind aus anderen europäischen Ländern bekannt: In den Niederlanden etwa protestieren Bauern 2022 mit Straßensperren aus Mist und brennenden Heuballen gegen Umweltauflagen. Erst Anfang dieses Jahres blockieren französische Landwirte mit Traktoren die Straßen nach Paris, um sich gegen ein EU-Handelsabkommen mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten zu stellen.

    Die Botschaft dieser Proteste ist klar: Wer sich mit der Landwirtschaft anlegt, muss mit heftigem Widerstand rechnen.

    Doch gibt es ein Land, in dem es anders läuft. In Dänemark bleibt es im Herbst 2024 ruhig auf den Straßen. Dabei verkündet Klimaminister Lars Aagaard damals Historisches: Dänemark werde das erste Land der Welt sein, das ab 2030 eine CO2-Abgabe in der Landwirtschaft einführe. Damit macht die Regierung ihre vorherige Ankündigung wahr, Tierhalter für den Methanausstoß ihrer Kühe, Schweine und Schafe zu besteuern.

    Die Regierung bittet die Bauern zur Kasse – und investiert zugleich Milliarden

    Die Grundlage für die Abgabe ist der sogenannte „Green Tripartite Deal“, ein Kompromiss zwischen Regierung, Parteien sowie Vertretern von Landwirtschaft, Industrie und Umweltorganisationen.

    Die Logik hinter der CO2-Steuer ist simpel: Die Emissionen werden den einzelnen Tieren zugerechnet. Laut der Vereinbarung sollen die Methanemissionen von Kühen, Schweinen und Schafen ab 2030 mit umgerechnet rund 40 Euro pro Tonne CO2-Äquivalent besteuert werden, bis 2035 steigt der Satz auf etwa 100 Euro.

    Methan ist um ein Vielfaches klimaschädlicher als Kohlendioxid und das zweithäufigste in der Atmosphäre: Laut einer internationalen Studie unter der Führung des schottischen Rowett Instituts stößt eine einzelne Kuh pro Jahr 70 bis 120 Kilogramm Methan aus.

    Begleitet wird die Abgabe von einem umfassenden Investitionsprogramm: Rund 5,76 Milliarden Euro stellt Dänemark über seinen Grünen Landfonds bereit. Finanziert werden sollen damit etwa Aufforstung, Moorrenaturierung sowie der klimafreundliche Umbau der Landwirtschaft. Die Vereinbarung legt auch neue Regeln für den Stickstoffausstoß fest, um die dänischen Küsten zu schützen. Die Regierung erwartet, dass der Agrarsektor so seine Emissionen bis 2035 um bis zu 2,6 Millionen Tonnen senkt.

    Die Dänen stehen parteiübergreifend zum Klimaziel. Umkämpft ist nur der Weg

    Die Entscheidung wirkt paradox in einem Land, das so stark von der Agrarindustrie geprägt ist wie Dänemark: Fast zwei Drittel der Landesfläche werden landwirtschaftlich genutzt, Fleisch- und Milchprodukte gehören zu den wichtigsten Exportgütern. Weltweit zählt Dänemark zu den größten Schweinefleischexporteuren – obwohl das Land kleiner ist als Niedersachsen.

    Dänemark gehört zu den größten Schweinefleischproduzenten der Welt. Dabei ist das Land kleiner als Niedersachsen.

    In Dänemark werden rund 28 Millionen Schweine im Jahr geschlachtet. Das Fleisch geht überwiegend in den Export.

    Gleichzeitig gehört Dänemark zu den ambitioniertesten Klimaschützern Europas. Bereits 2020 verpflichtete sich das Land per Gesetz, seine Emissionen um 70 Prozent bis 2030 gegenüber 1990 zu reduzieren.

    Für Torsten Hasforth ist genau diese Konstellation der Schlüssel, um die Reform zu verstehen. Für das Klimaziel selbst gebe es in Dänemark einen überwiegenden Konsens, sagt der Chefökonom des dänischen Thinktanks Concito im Gespräch mit EnergieWinde. Die politische Auseinandersetzung habe sich daher auf die Umsetzung verlagert.

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    Die Debatte war nicht, ob die Landwirtschaft einbezogen wird, sondern wie

    Torsten Hasforth, Chefökonom von Concito

    „Wenn man ein so ambitioniertes Ziel hat, müssen alle Sektoren liefern”, sagt Hasforth. Um die Klimaziele zu erreichen, sei es also unvermeidbar gewesen, dass die Landwirtschaft in den Fokus rücke. „Die Debatte war nicht, ob die Landwirtschaft einbezogen wird, sondern wie. Dadurch, dass alle etwas tun müssen, fühlt es sich nicht unfair an.“

    In Dänemark sind Energieversorgung und Heizung bereits weitgehend dekarbonisiert, auch die Industrie spielt eine geringere Rolle als in anderen Ländern. Der Anteil der Landwirtschaft an den Emissionen liegt dagegen bei über 30 Prozent. Ohne gegenzusteuern könnte er noch weiter steigen – nicht weil der Sektor mehr ausstößt, sondern weil andere schneller reduzieren.

    Zum Vergleich: In Deutschland ist der Anteil der Landwirtschaft an den Gesamtemissionen zwar auch relevant, liegt aber unter zehn Prozent. Die größten Klimabaustellen hierzulande sind Gebäude und Verkehr.

    Die Agrarlobby bringt sich in die Gespräche ein – statt von außen zu protestieren

    Dass die Reform in Dänemark nicht mit einem Treckerkorso Richtung Kopenhagen endete, hängt nach Einschätzung von Concito aber auch stark mit dem politischen Prozess selbst zusammen. Der Green Tripartite Deal entstand nicht als klassisches Gesetz im Parlament, sondern in einem monatelangen Aushandlungsprozess zwischen Regierung, Landwirtschaft, Umweltorganisationen, Gewerkschaften und Kommunen. Der Thinktank Concito begleitete den Prozess mit fachlicher Expertise.

    Eine Expertenkommission hatte zuvor Modelle für eine CO2-Bepreisung entwickelt. Anfangs gab es Widerstand, der jedoch früh in Verhandlungen überging: Søren Søndergaard, Vorsitzender der Lebensmittelindustrie-Lobby Landbrug & Fødevarer, beschreibt die Gespräche als „sehr kompliziert” und bis zuletzt intensiv geführt. Entscheidend sei aber gewesen, dass die Landwirtschaft „die ganze Zeit mit am Tisch” geblieben sei, um „echte Einflussmöglichkeiten” zu haben, anstatt von außen dagegen zu protestieren.

    Die dänischen Betriebe sind groß. Das erleichtert die Verhandlungen

    In Dänemark ist die Landwirtschaft deutlich stärker konsolidiert als anderswo: Die durchschnittlichen Betriebe sind etwa viermal so groß wie im EU-Schnitt. Sie funktionieren eher wie kleine Unternehmen mit Beschäftigten, so die Einschätzung des Concito-Experten Hasforth. Diese Struktur mache es – verglichen mit stark individualisierten Betrieben in anderen europäischen Ländern – einfacher, komplexe Regulierungen umzusetzen.

    Auch der lange Vorlauf war wichtig für die Einigung: Die Steuer wird erst 2030 wirksam. Für Betriebe bedeutet das mehrere Jahre Zeit, um sich anzupassen. Eine schnell eingeführte Steuer hätte ein höheres Risiko gehabt, „auseinanderzufallen“, so Hasforth.

    So idyllisch wie hier auf Bornholm haben es Kühe in Dänemark selten. Die meisten Tiere werden in großen Ställen gehalten.

    So idyllisch wie hier auf Bornholm haben es Kühe in Dänemark selten. Die meisten Tiere werden in großen Ställen gehalten.

    „Wir haben in Dänemark die Tradition, nach Lösungen zu suchen“, sagt der Landwirt Asmus Klith Forum Jeppsen. Der 33-Jährige betreibt in Nordjütland einen Milchviehbetrieb mit rund 550 Kühen. Wie stark ihn die Steuer am Ende treffen werde, könne er noch nicht abschätzen.

    Stattdessen konzentriere Jeppsen sich darauf, „was wir in der Zwischenzeit tun und lernen können, um unsere CO2-Emissionen zu reduzieren“. Deutlich mehr Sorgen als die CO2-Steuer bereiten dem Landwirt die parallel beschlossenen Stickstoffauflagen – weil noch unklar sei, wie sie in der Praxis genau umgesetzt werden sollen.

    Wer klimafreundliche Technik anschafft, wird entlastet – etwa bei der Steuer

    Die CO2-Abgabe wurde bewusst mit Kompensation kombiniert – etwa durch Steuererleichterungen und Förderprogramme für Investitionen in klimafreundliche Technik. Durch einen Grundfreibetrag von 60 Prozent fällt die tatsächliche Belastung für viele Betriebe dazu deutlich niedriger aus als der offiziell angekündigte CO2-Preis.

    Søndergaard von Landbrug & Fødevarer schreibt in seiner Stellungnahme, man habe eine Lösung erreicht, bei der Landwirte die Abgabe „vollständig vermeiden können“, wenn sie „zugelassene und wirtschaftlich tragfähige Klimalösungen“ einsetzen.

    Für viele Betriebe entsteht dadurch Planungssicherheit statt kurzfristigem Kostendruck. Landwirt Jeppsen sieht die Reform auch als Anreiz, seinen Betrieb schrittweise umzustellen. „Das motiviert wirklich zu Veränderungen“, sagt er über die Förderprogramme. Denkbar sei etwa eine Anlage, bei der Methan aus Gülle aufgefangen und verbrannt werde. Dadurch entstehe zwar weiterhin CO2, aber deutlich weniger klimaschädliches Methan.

    Dänemark liefert kein Patentrezept. Aber es zeigt den Wert von Kompromissen

    Das heißt aber nicht, dass es keine Kritik an der Steuer gab. Trotz der Abfederung erwarten Prognosen einen leichten Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion und Arbeitsplatzverluste bis 2035. Zahlreichen Umweltverbänden hingegen geht die Einigung nicht weit genug, sie halten die Steuer für zu niedrig und zu spät wirksam.

    Unterm Strich liefert das dänische Beispiel kein Patentrezept. Aber es zeigt, dass klimapolitische Reformen eher entstehen, wenn die Beteiligten von Beginn an gemeinsam am Tisch sitzen und bereit sind, Kompromisse einzugehen – statt die Konflikte auf der Straße auszutragen.

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