Jann Wendt spürt Sprengstoff im Meer auf

Algorithmen gegen Granaten

Würde man all die Munitionsreste in der Nord- und Ostsee in einen Güterzug füllen, würde er bis Marokko reichen, sagt Jann Wendt. Der Geoinformatiker hat sich darangemacht, den giftigen Müll im Meer aufzuspüren – indem er Algorithmen in historischen Dokumenten suchen lässt.

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    Sprengung von Kriegsaltlasten: Auch nach Jahrzehnten im Meer kann Munition noch gefährlich sein.

    Das Kieler Unternehmen Egeos analysiert mit Hilfe von künstlicher Intelligenz historische Dokumente, um die Fundorte alter Munition in Nord- und Ostsee zu ermitteln. Das System hebt die Suche nach Kriegsaltlasten auf ein neues Level und legt den Grundstein für munitionsfreie Meere. Im Gespräch mit EnergieWinde erklärt Egeos-Gründer Jann Wendt, warum das Munitionsproblem lange Zeit verdrängt wurde, wie seine Software funktioniert und was diese und andere KI-Methoden für die Offshore-Windenergie leisten können.

    Herr Wendt, dass noch große Mengen an Munition aus dem Zweiten Weltkrieg im Meer liegen, ist bekannt. Warum gibt es mehr als 85 Jahre nach Kriegsende noch immer kein Konzept zur Bergung der gefährlichen Altlasten?
    Jann Wendt: Weil Munition keine Lobby hat. Das Thema wird für die Medien und die Politik in der Regel nur dann kurz interessant, wenn bedauerlicherweise mal wieder ein Tourist Bernstein mit weißem Phosphor aus einer alten Brandbombe verwechselt hat und schwere Verbrennungen erleidet oder bei Sandaufspülungen für den Küstenschutz Munition mit angespült wird. Beides ist regelmäßig der Fall.

    Und trotzdem passiert einfach nichts?
    Wendt: Doch, aber langsam und wenig konkret. Noch bis in die 2000er-Jahre hinein wurde das Problem der Kriegsaltlasten in Nord- und Ostsee systematisch klein geredet. Unabhängige Gutachter und Wissenschaftler und dann auch von den Nord- und Ostsee-Bundesländern eingesetzte Arbeitsgruppen haben nach und nach das wirkliche Ausmaß der Belastung durch Munition offengelegt. Aber spätestens, wenn die politischen Entscheider diese Zahlen sehen und ihnen klar wird, über welche Dimensionen wir sprechen, vor allen auch hinsichtlich der Kosten, verebben die Ambitionen regelmäßig genauso schnell wie sie aufgekommen sind.

    „Wir gehen heute davon aus, dass noch 1,6 Millionen Tonnen Munition in Nord- und Ostsee liegen“, sagt Umweltgeograf Jann Wendt.

    Über welche Dimensionen reden wir?
    Wendt: Wir gehen heute davon aus, dass noch 1,6 Millionen Tonnen Munition in Nord- und Ostsee liegen. Das entspricht einem 2500 Kilometer langen Güterzug. Der würde Luftlinie von Kiel bis Gibraltar und dann noch mal rund 150 Kilometer weiter bis nach Afrika reichen. Dazu kommen allein in der Ostsee noch einmal 40.000 Tonnen chemische Kampfmittel, also das ganz fiese Zeug: Giftgasgranaten bestückt mit Sarin oder Tabun.

    Das klingt nach einer Aufgabe, die selbst mit viel Willen und viel Geld kaum in endlicher Zeit zu lösen ist.
    Wendt: Die gewaltige Menge an Munition ist zwar ein Problem, und kein kleines, aber eines, das lösbar ist. Viel problematischer ist, dass wir bei einem Großteil der Kampfmittel noch gar nicht wissen, wo sie liegen. Und genau da setzt Egeos an: Wir analysieren historische Dokumente und aktuelle Daten mit Hilfe von Software auf Basis von künstlicher Intelligenz, um voraussagen zu können, wo Munition am Meeresgrund zu finden ist.

    Ein Taucher inspiziert Kampfmittel – hier vermutlich eine Ankertaumine – am Meeresboden. Auf solche Funde ...

    ... stößt Jann Wendts Firma Egeos mit Hilfe von Big Data: Die Software wertet historische Dokumente aus, die Hinweise ...

    ... auf die Lage und den Umfang von gefährlichen Kampfstoffen geben könnte. Die Menge der Granaten, Minen, Torpedos ...

    ... und anderer gefährlicher Altlasten aus den Weltkriegen und von militärischen Übungen ist gigantisch. Wendt schätzt ...

    ... dass es bis Mitte des Jahrhunderts dauern wird, um allein die Ostsee von allem Kriegsmaterial zu befreien. Doch immerhin ...

    ... kann er die kostspielige Suche mit seiner Software beschleunigen – und Taucher effizienter ans Ziel führen.

    Werden solche Munitionskataster nicht bereits von den betroffenen Bundesländern angelegt?
    Wendt: Ja, zum Teil schon, aber es sind einfach unglaublich viele Informationen auszuwerten. Allein im Militärarchiv in Freiburg stehen 50 Kilometer Akten über den zweiten Weltkrieg. Und das ist nur Freiburg. Weltweit gibt es Tausende solcher Archive. Bisher fährt jemand aus dem betroffenen Landesministerium nach Freiburg, nimmt 5000 Seiten an Dokumenten mit und analysiert die per Hand. Ein halbes Jahr später ist er oder sie fertig und holt die nächsten Akten. Das ist besser, als nichts zu tun, aber so ist man noch Hunderte Jahre allein mit der Auswertung beschäftigt.

    Was machen Sie anders?
    Wendt: Bei uns läuft die Auswertung der historischen Dokumente automatisch und per KI. Im ersten Schritt verbessern wir die Lesbarkeit der Dokumente. Alte Akten oder Karten haben oft Flecken von Druckerschwärze oder Tinte, sind verschlissen und insgesamt sehr dunkel, womit sie wenig Kontrast aufweisen. Ohne eine Aufbereitung der Dokumente steigt die Fehlerquote der nachfolgenden Texterkennung. Dann muss man per Hand nachprüfen, was wieder viel wertvolle Zeit kostet.

    Und wie funktioniert das Erkennen von Texten?
    Wendt: Das ist das Herzstück. Wir haben einer KI beigebracht, historische Dokumente zu lesen und auch zu verstehen, auch handgeschriebene, und allgemein auf Englisch und Deutsch.

    Was meinen Sie mit „verstehen“?
    Wendt: Das Programm erkennt Schlüsselbegriffe in den Dokumenten, etwa Koordinaten, historische Ortsangaben, Namen sowie Aktionen und bringt diese dann mit Erkenntnissen aus anderen Dokumenten in Zusammenhang.

    Können Sie ein Beispiel geben?
    Wendt: Wenn etwa in einem Kriegstagebuch steht, dass das deutsche Schiff „Köln“ mit dem Auftrag, eine Minensperre zu legen, an Tag X in Hafen Y ausgelaufen ist und bei der Auswertung eines von den Alliierten einen Tag später aufgefangenen Hilferufs das Schiff „Köln“ erwähnt wird, von „wir sinken“ die Rede ist und Koordinaten angegeben werden, erkennt die KI den Zusammenhang: An dieser Stelle liegen sehr wahrscheinlich viele Minen.

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    Am Ende wollen wir den gesamten Zweiten Weltkrieg in ein digitales System überführt und analysiert haben

    Jann Wendt

    Wie viel schneller als bisher wird das gehen?
    Wendt: Auch wir brauchen sicherlich zwei Jahrzehnte. Am Ende wollen wir dann aber den gesamten Zweiten Weltkrieg in ein digitales System überführt und analysiert haben. Die gewonnenen Informationen übertragen wir Schritt für Schritt in unser Munitionskataster AmuCad.org (Ammunition Cadaster Sea).

    … womit dann die Suche nach der Nadel im Heuhaufen vermieden wird.
    Wendt: Genau. Wir ermöglichen der Industrie mit AmuCad systematisch und damit effizienter und kostengünstiger zu suchen. Momentan sind solche Surveyfahrten, bei denen Schiffe mit Sensoren und Sonar den gesamten Meeresboden scannen, extrem aufwändig und damit entsprechend teuer. Der Offshore-Windpark Riffgat, 15 Kilometer nordwestlich der Insel Borkum, hat maßgeblich wegen zusätzlicher Kampfmittelsuche und -räumung rund 100 Millionen Euro mehr gekostet als geplant.

    Und solchen Offshore-Windfirmen wollen Sie ihr Kataster dann gegen eine bestimmte Gebühr zur Verfügung stellen?
    Wendt: Ja, wir glauben, dass sich hier ein Markt entwickelt. Grundsätzlich werden wir aber auch größere Teile von AmuCad der Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Es fließen schließlich auch Daten aus öffentlichen Forschungsprojekten mit ein. Etwa Messungen über die Belastung von Fischen mit Sprengstoffrückständen. Diese Daten plausibilisieren wiederum Informationen über Versenkungen, Gefechte oder Minensperren aus historischen Dokumenten. Darüber hinaus ist es ja gerade unsere Motivation, dass die Munition schnell aus der See geholt wird. Mit Firmen, die Offshore-Windparks bauen, arbeiten wir im Bereich Munitionssuche aber jetzt schon zusammen.

    Gewehrmunition auf dem Meeresgrund: Der giftige Sprengstoff wirkt sich auf die marine Umwelt aus. Nur in Einzelfällen kann er an Ort und Stelle liegen bleiben. In der Regel müssen die Kriegsaltlasten geborgen werden.

    In welcher Weise?
    Wendt: Die Firmen haben oft bereits Unmengen an Daten über die Seegebiete gesammelt, in denen sie Offshore-Windparks bauen wollen. Üblicherweise sind das Multibeam-, Magnetik und Side-Scan-Sonar-Aufnahmen. Was die Firmen allerdings nicht genau wissen, ist, wie gut sie die Munition, die sie erkennen wollen, auch wirklich auf diesen Aufnahmen erkennen können. Die Qualität der Daten schwankt nämlich. Hier entwickeln wir sogenannte Qualitätsmetriken.

    Das heißt?
    Wendt: Vereinfacht gesagt, bewerten wir per Big-Data-Analyse, ob die gesammelten Daten genau genug sind, um Ankertauminen, Torpedoköpfe oder sonstige Munition am Meeresgrund aufspüren zu können und auch, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Objekt in solchen Datensätzen wirklich Munition ist. Bei 95 Prozent dessen, was heute, auch im Zuge von Bereinigungen von Seegebieten für Offshore-Windparks, geborgen wird, handelt es sich um harmlosen Schrott, der auch liegen bleiben könnte. Wir betreuen aktuell ein Industrieprojekt in deutschen Gewässern und haben vor circa anderthalb Jahren die TrueOcean GmbH gegründet, ein Spin-off, in dem sich zehn Mitarbeiter ausschließlich mit dem Themenkomplex rund um Big Data und künstlicher Intelligenz bei maritimen Sensordaten beschäftigen. Ein anderer nicht nur von der Offshore-Windbranche gefragter Bereich, für den wir Softwarehilfe anbieten, ist die Bewertung des Risikos, wenn ein Munitionsfund tatsächlich bestätigt worden ist.

    Um entscheiden zu können, ob die Munition doch liegen bleiben kann?
    Wendt: In seltenen Fällen vielleicht auch das, aber normalerweise geht es darum, wie schnell ich bergen muss und was dabei zu beachten ist. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat die Nutzung der Meere durch Schifffahrt, Fischerei, Offshore-Windkraft und Tourismus stark zugenommen. Dazu kommt ein größeres Bewusstsein für ökologische Zusammenhänge. Sprengstoff ist giftig und wirkt sich auf die marine Umwelt aus. Da ist es unwahrscheinlich, dass man einen Munitionsfund nicht bergen muss.

    Ab wann sind Nord- und Ostsee so gut wie frei von Munition?
    Wendt: Das hängt natürlich nicht nur von uns ab. Daher haben wir auch die Munition Clearance Week mit auf den Weg gebracht. Für die Konferenz, die Anfang September in Kiel stattfindet, haben wir bereits über 200 Voranmeldungen von Experten aus aller Welt. Da kommt jetzt Bewegung in das Thema.

    Das heißt in Zahlen?
    Wendt: Unsere Vision ist, bis 2030 die Kolberger Heide, ein bekanntes Munitionsversenkungsgebiet nordöstlich der Kieler Außenförde, geräumt zu haben. Da liegen rund 18.000 Großsprengkörper. 2050 soll dann die gesamte Ostsee munitionsfrei sein, da sprechen wir wohl von über 600.000 Tonnen. Die stärker belastete Nordsee mit ihren 1,3 Millionen Tonnen an Kampfmitteln allein in deutschen Gewässern und der Rest der Weltmeere folgen dann bis 2100. Man muss ja Ziele haben.

    Die Fragen stellte Denis Dilba.

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