Nutzungskonflikte

  • Search31.08.2026

Windpark und Fischkutter: Wie beide ihren Platz finden

Die Windkraft auf See wächst und mit ihr die Fischbestände innerhalb der Parks. Warum Fischerei dort dennoch nur in begrenztem Rahmen möglich ist – und wie Nutzungskonflikte entschärft werden können.

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    Fischerei im Offshore-Windpark: Was hier im IJsselmeer gängige Praxis ist, ist in anderen Ländern verboten. Davon profitieren Fischbestände wie der des Kabeljaus.

    Die Niederlande lassen die Fischerei zwischen Windrädern in begrenztem Rahmen zu. Dieses Fischerboot ist im IJsselmeer unterwegs.

     

    Von Leoni Bender

    Im Windpark fühlt sich der Kabeljau offenbar wohl. Steinaufschüttungen rund um die Fundamente der Windräder, der sogenannte Kolkschutz, können wie künstliche Riffe wirken. Das zeigen Studien des Thünen-Instituts. An den Fundamenten siedeln sich zahlreiche Organismen wie Muscheln oder Seepocken an, die wiederum Fischen wie dem Kabeljau Nahrung bieten. Weil die Fischerei in den Windparks meist eingeschränkt ist, finden die Tiere dort zudem einen vergleichsweise ungestörten Lebensraum.

    Offshore-Windparks liefern damit nicht nur Strom, sie können auch eine Chance für die Artenvielfalt sein.

    In Deutschland sind Mitte 2026 insgesamt 1764 Offshore-Windräder in Betrieb, die meisten davon in der Nordsee.

    Insbesondere beim Bau neuer Anlagen entsteht  Unterwasserlärm, der Meeressäuger wie Schweinswale beeinträchtigen kann. Zwar werden inzwischen geräuscharme Bauverfahren entwickelt, deren Lärm nur noch auf dem Niveau liegt, das ohnehin ständig im Meer herrscht. Dennoch ist klar, dass Windparks die Lebensräume verändern und etwa das Verhalten von Seevögeln beeinflussen können.

    Gleichzeitig entstehen durch Offshore-Windparks riffähnliche Strukturen, die neue Lebensgemeinschaften ermöglichen.

    Makrelen, Krebse, Robben – Windradfundamente locken zahlreiche Arten an

    „Wir sehen dort eine größere Zahl hartsubstratliebender Arten“, erklärt Vanessa Stelzenmüller, Leiterin der Arbeitsgruppe Meeresnutzung und Meeresschutz am Thünen-Institut. Makrelen etwa halten sich gern im Windschatten der Anlagen auf, Robben jagen dort. Auch Krebse und Hummer bevorzugen Habitate mit mehr Steinen.

    An der Universität Wageningen in Niederlanden wird seit einigen Jahren daran geforscht, wie sich solche Lebensräume weiter stärken lassen. Der Meeresökologe Oscar Bos untersucht dabei unter anderem, wie sich riffbildende Arten ansiedeln lassen, etwa Austern und Muscheln.

    Was sind die langfristigen Effekte? Das muss sich noch zeigen

    Allerdings ist noch unklar, wie stark sich die positiven lokalen Effekte langfristig auf ganze Populationen auswirken, schreibt der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES).

    Zwar ließen sich lokale Ansammlungen von Fischen an den Fundamenten beobachten, daraus könne man aber keine belastbaren Aussagen über die Entwicklung ganzer Bestände ableiten. „Ob das tatsächliches Populationswachstum oder nur eine Umverteilung ist, wissen wir aktuell nicht“, erklärt Andreas Kannen, Deutschlandvertreter im Wissenschaftskomitee vom ICES.

    Zudem ließen sich Veränderungen bei den Arten nicht allein auf die Windparks zurückführen. Auch andere Faktoren spielen eine Rolle, etwa die begrenzte Fischerei in den Gebieten und die Folgen des Klimawandels wie steigende Wassertemperaturen.  

    Fischkutter in der Nordsee: In den Windparks wachsen die Fischbestände. Das weckt Begehrlichkeiten. Doch Fischerei ist in den Parks nur sehr begrenzt möglich.

    Krabbenkutter in der Nordsee: Ob die Fischbestände in Offshore-Windparks ein Populationswachstum bedeuten oder ob dort lediglich Arten aus anderen Gebieten Schutz suchen, ist noch offen.

    Offshore-Windparks in der Nordsee bedecken aktuell knapp ein Prozent des Gesamtgebiets. In den nächsten Jahren sollen viele Anlagen hinzukommen: Eine Studie der Heriot-Watt University kommt zu dem Szenario, dass bis 2050 rund 19.400 Offshore-Windanlagen in der Nordsee stehen könnten – das entspräche elf Prozent der Fläche.

    Und Windparks sind bei Weitem nicht die Einzigen, die in der Nordsee Platz beanspruchen: Schifffahrt, der Abbau von Sand und Kies, die Öl- und Gasförderung, das Militär, der Tourismus und eben die Fischerei, sie alle stellen Ansprüche. Wem gehört das Meer? Um diese Frage wird immer intensiver gerungen.

    Der Raum ist begrenzt. Eine Mehrfachnutzung soll Konflikte entschärfen

    „Der Nutzungsdruck wird sich in Zukunft weiter verschärfen“, sagt Andreas Kannen vom ICES. Damit wächst auch die Bedeutung der Frage, wie sich Energiegewinnung, Fischerei und Naturschutz miteinander vereinbaren lassen.

    Das wird maßgeblich durch die maritime Raumplanung bestimmt: Die EU verpflichtet ihre Mitgliedstaaten mit der MSP-Richtlinie zur nachhaltigen Planung ihrer Meeresgebiete und zur Verringerung von Nutzungskonflikten.

    In Deutschland legt der Raumordnungsplan für die Nord- und Ostsee fest, dass Windparks von Fischerbooten durchfahren werden dürfen. In den Sicherheitszonen der Parks außerhalb des Nahbereichs der Anlagen ist zudem die passive Fischerei mit Reusen oder Körben möglich. Aktive Fischerei mit Schleppnetzen ist dagegen ausgeschlossen.

    Die EU drängt allerdings darauf, das Meer bestmöglich zu nutzen. Im Zuge der Erneuerbaren-Richtlinie RED III wurde der rechtliche Spielraum für eine Mehrfachnutzung zuletzt erweitert. Nach Paragraf sieben des Raumordnungsgesetzes können Flächen künftig für mehrere miteinander vereinbare Nutzungen vorgesehen werden.

    Könnte das bedeuten, dass künftig auch eine aktive Fischerei in den Parks erlaubt ist? Nicht, wenn es nach der Windindustrie geht.

    Die Branche warnt: Schleppnetze und Stromkabel vertragen sich nicht

    „Aktive Fischerei in Windparks kann die Sicherheit der Anlagen gefährden“, erklärt Stefan Thimm, Geschäftsführer des Bundesverbands Windenergie Offshore (BWO). Insbesondere mögliche Schäden an Seekabeln und den Schutzstrukturen der Fundamente seien nicht ausreichend geklärt. Man setze sich stattdessen dafür ein, passive Fischerei auszubauen.

    Dass eine rechtliche Öffnung nicht automatisch auch praktisch funktioniert, zeigt der Blick nach Großbritannien. Anders als in den EU-Staaten liegt die Regelung der Flächennutzung dort bei den Betreibern, an die sich Fischer direkt wenden können. „In der Praxis ist Schleppnetzfischerei in Windparks jedoch wenig attraktiv und wird kaum genutzt“, erklärt Stelzenmüller vom Thünen-Institut.

    Ein Grund seien fehlende oder unzureichende Kartierungen, die das Fahren zwischen den Anlagen riskant machen. Hinzu kommt die Gefahr, dass Fanggeräte verloren gehen oder beschädigt werden.

    Reusen und Körbe ja, Schleppnetze nein: Wie Fischerei in Offshore-Windparks funktionieren kann.

    Wie lassen sich Fischerei und Offshore-Wind miteinander verbinden? Das hängt auch vom Standort der Parks ab, heißt es beim Thünen-Institut.

    Wie gut sich Windenergie und Fischerei in Einklang bringen lassen, hänge stark vom Standort ab. Eine pauschale Lösung gibt es aus Sicht von Stelzenmüller nicht. „Deshalb müssen die verschiedenen Interessengruppen die Co-Nutzung stärker gemeinsam entwickeln und frühzeitig in die Planung einbeziehen.”

    In der Nähe von Schutzgebieten wie dem Sylter Außenriff könne es sinnvoll sein, den Schutzeffekt zu verstärken, so Stelzenmüller. Etwa indem Fischerei ausgeschlossen und künstliche Riffstrukturen ergänzt werden. In anderen, dynamischeren Gebieten könne dagegen mehr passive Fischerei sinnvoll sein. Für die Zukunft sieht sie auch Möglichkeiten für Kompromisse bei der aktiven Fischerei: „Ein Ansatz könnten bestimmte Korridore innerhalb der Windparks sein, in denen geschlepptes Gerät erlaubt wird.” Für die Ostsee gäbe es dazu bereits erste Überlegungen.

    Klar ist: Je mehr Windparks entstehen, desto wichtiger wird eine Raumplanung, die unterschiedliche Interessen zusammenbringt.

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